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Emmerich Nyikos

Das Kapital und die Westentaschen-Apokalypse

Es ist ein Irrsinn.
(C. Fennesz)

1.

Beginnen wir mit einem Gedanken-Experiment: Würde man nicht wissen, dass es sich bei SARS-CoV-2 nicht um das Influenza-Virus handelt – und die Symptome sind ja dieselben –, so würde man das, was jetzt als Pandemie erscheint, als „normale Grippewelle“ durchgehen lassen. Man würde keinerlei Sondermaßnahmen ergreifen, die Medien würden darüber unter „Vermischtes“ berichten und danach würde man vielleicht von einem „Ausreißer“ sprechen, von einer diesmal ganz heftigen Grippe-Saison, so wie sie bisweilen vorzukommen pflegen – vielleicht aber auch nicht, da am Ende eine erhöhte Mortalitätsrate möglicherweise statistisch gar nicht nachweisbar wäre. Von Grippe-Wellen hat sich, und darauf muss der Akzent gelegt werden, bis dato niemand wirklich beeindruckt gezeigt.

2.

Zu den Fakten: Die jährliche Grippewelle (Influenza) betrifft laut Robert-Koch-Institut rund 500 Mio. Infizierte weltweit. Das ist natürlich eine Schätzung, denn genau wissen kann man es nicht, da man acht Milliarden Personen nicht durchtesten kann. Davon sind drei bis fünf Millionen „schwere Fälle“, also Fälle mit Komplikationen. Solche Grippewellen kosten darüber hinaus zwischen 260.000 und 650.000 Menschenleben jährlich, oder genauer: diese Todesfälle werden mit der Grippe (Influenza) in Verbindung gebracht.

Vergangenes Jahr (2018/19) gab es allein in Österreich insgesamt etwa 145.000 Influenza-Fälle, 2017/18 waren es rund 440.000. Diese Schwankung ist normal, da saisonal verschiedene Viren-Typen zirkulieren, die einmal für höhere, einmal für niedrigere Erkrankungsraten verantwortlich sind. An der Grippe (Influenza) starben während der Saison 2018/19 etwa 1.400 Personen, 2017/18 sogar rund 2.900, oder genauer: diese Todesfälle wurden mit der Influenza-Infektion in Verbindung gebracht. Und auch dieses Jahr war das Influenza-Virus aktiv: Bis zum 05.03.2020 zählte man 245.000 Grippe-Kranke, davon starben 639 Personen. Zum Vergleich: Die Todesfälle, die auf das Konto des Influenza-Virus gehen (oder damit in Zusammenhang gebracht worden sind), beliefen sich für Deutschland (2017/18) und Italien (2016/17) auf jeweils rund 25.000.

Die Mortalitätsrate bei Influenza liegt in etwa bei 0,4 Prozent. Vielleicht ist sie höher, vielleicht auch geringer. Genau kann man es nicht wissen, da die Dunkelziffer der Infizierten im Allgemeinen recht hoch liegen dürfte. Man schätzt – und auch hier kann man es nicht genau wissen –, dass diese Rate bei Covid-19 nicht wesentlich höher ist. Vielleicht ist sie auch gleich hoch oder sogar niedriger, das wird sich weisen, wenn detaillierte Studien vorliegen werden. Auf alle Fälle zeichnet sich jetzt schon ab, dass die Durchseuchungsrate (aufgrund der Zahl der asymptomatischen Fälle zu schließen) extrem hoch liegen könnte, so dass die Mortalitätsrate wahrscheinlich eher gering ist.

Gemäß chinesischen Daten verläuft Covid-19 in 80,9 Prozent der bestätigten Fälle „mild“. Wahrscheinlich ist die Prozentzahl mit Bezug auf die Gesamtheit der Infizierten höher, da nur getestete Fälle in die Statistik eingehen können und infizierte Personen ohne Symptome oder mit solchen, die als „Verkühlung“ durchgehen können, logischerweise nicht getestet werden. Die Dunkelziffer der Infizierten kennt man nicht und kann sie nicht kennen. Manche sprechen daher auch davon, dass bis zu 90 Prozent sämtlicher Fälle (oder mehr) „milde Verläufe“ aufweisen könnten. Wie viele davon asymptomatisch verlaufen, kann man nur ahnen. 4,7 Prozent der bestätigten Fälle werden demgegenüber als „kritisch“ betrachtet. Die übrigen Krankheitsverläufe (bei getesteten Personen) sind solche mit schwereren, aber nicht dramatischen Symptomen, wie sie jeder kennt, der infolge einer „echten Grippe“ jemals das Bett hüten musste.

Das Durchschnittsalter der Verstorbenen (bei denen das Virus nachgewiesen wurde) beträgt laut chinesischen Quellen 81 Jahre. Die meisten der Toten wiesen darüber hinaus eine oder mehrere schwerwiegende Vorerkrankungen auf, so dass nicht sicher ist, ob das Corona-Virus überhaupt für deren Tod verantwortlich gemacht werden kann. Manche wären wohl auch so gestorben. Das heißt, das Risiko, an Covid-19 zu sterben, ist für Nicht-Risiko-Gruppen minimal, wenn nicht überhaupt nicht-existent. Man kann natürlich nicht ausschließen, dass auch jemand ohne Vorerkrankungen mit 20 Jahren an Covid-19 stirbt. Dann aber müsste, statistisch gesprochen, damit ein Durchschnittsalter von rund 80 Jahren erreicht wird, ein 140-Jähriger zum Ausgleich das Leben verlieren.

Das einzige statistische Datum, das in diesem Zusammenhang relevant wäre, das ist die Zahl der Corona-Toten (pro Tausend der Gesamtpopulation) – also der Toten, bei denen das Virus nachgewiesen wurde –, und zwar die Zahl derjenigen Todesfälle, die es gäbe, wenn keinerlei Maßnahmen zur Reduktion der Infektionsrate gesetzt werden würden, und mit der man dann die Todesfälle, für die andere Virus-Erkrankungen (im weitesten Sinn) „verantwortlich“ gemacht werden können, in Relation setzen könnte. Diese Zahl kann man jedoch nur erahnen, so dass man, da es nirgendwo eine wirklich „freie“ Ausbreitung gibt, immer noch behaupten kann, dass das Corona-Virus ein „Killer-Virus“ ist, das zu Hunderttausenden Toten in einer Population von acht Millionen führen würde, wenn man nicht die Maßnahmen ergriffe, die jetzt ergriffen werden. – Wenn es im Übrigen wirklich darum geht, Todesfälle, kostes es, was es wolle, zu vermeiden, warum hat man dann das Gesundheitssystem in den vergangenen Jahren (Jahrzehnten) kaputt- oder sogar totgespart?

3.

Einen gravierenden Unterschied zur „echten Grippe“ gibt es natürlich, und zwar: Bis dato ist keine Schutzimpfung gegen Covid-19 verfügbar. Dies könnte als Argument dafür angeführt werden, dass die Sondermaßnahmen vernünftig und angemessen sind. Nun, wie viele, die sich jetzt im Hysterie-Modus befinden, haben sich in den vergangenen Jahren gegen Influenza nicht impfen lassen? Doch wohl auch ein nicht unerheblicher Teil derjenigen, die in den vorangegangenen Grippe-Wellen an Influenza verstorben sind oder, um es genauer zu sagen: mit dem Influenza-Virus. Es ist zwar richtig, dass die Grippe-Impfung bisweilen versagt (und in den vergangenen Jahren auch hin und wieder versagt hat), so dass sich womöglich unter den Grippe-Verstorbenen viele gegen Influenza Geimpfte befanden; allein, ein relevanter Prozentsatz wird wohl nicht geimpft gewesen sein. Überhaupt: Da die Grippe-Impfung nicht als hundertprozentig sicher gilt, hätte man, da die Voraussetzungen im Grunde nicht viel anders (oder doch ähnlich) sind, die Sondermaßnahmen schon in den vergangenen Jahren durchsetzen müssen – wenn denn wirklich die „Rettung von Menschenleben“ oberste Priorität hat.

4.

Das Haupt-Argument nun der Befürworter des Ausnahmezustandes ist: Würde man keine Maßnahmen setzen, so würden die Krankenhauskapazitäten hoffnungslos überfordert. Die Frage, die hier zu stellen ist, wäre indessen: Warum wurden sie nicht 2017/18 mit (in Österreich) rund 240.000 Grippe-Erkrankten erschöpft? Zumindest wurde davon nichts berichtet. Natürlich, man kann durchaus vermuten, dass es, ohne Sondermaßnahmen, nicht bei 240.000 Corona-Fällen bliebe und dass der plötzliche Anstieg von Covid-19-Fällen (im Gegensatz zu einer Verteilung der Erkrankungen über Monate hinweg) dann unvermeidlicherweise zu Engpässen führt; ja und dann wäre natürlich die Gesundheitsinfrastruktur überlastet. Das kann möglicherweise durchaus so sein – sofern man die Risiko-Gruppen nicht rigoros vor einer Ansteckung schützt. Und genau dies wäre dann auch das sinnvolle Vorgehen in einer Situation wie derjenigen, die wir gerade erleben.

Da die Ansteckungsrate bei Corona höher sein dürfte als im Falle von Influenza und es bis dato noch keine Schutzimpfung gibt (aber, wie gesagt, die Grippe-Impfung kann bisweilen versagen, so dass der Unterschied zu einer Situation ohne Impfmöglichkeit nicht allzu groß ausfallen dürfte) kann man es durchaus als angebracht betrachten, Sondermaßnahmen für Risikogruppen zu setzen: eine Ausgangssperre für Pensionisten (oder, alternativ, für über 70-jährige) und Personen mit Vorerkrankungen wie etwa Hypertension, Krebs, Diabetes (die, sofern keine Pensionisten, automatisch krank zu schreiben sind), die Möglichkeit für Personen selbst mit leichten Symptomen, ohne bürokratischen Aufwand zu Hause zu bleiben (die dann auch automatisch zu entschuldigen sind), sowie auch für solche, die mit Angehörigen von Risikogruppen in einem gemeinsamen Haushalt oder doch im selben Haus leben. Diese letzteren könnte man durchaus verpflichten, sich beim Betreten der Wohnung die Hände zu waschen, Schutzmasken zu tragen und Abstand zu halten. Zusätzlich könnten im öffentlichen Raum (in Cafés, Restaurants, Geschäften, in der Metro, in Ämtern usw.) Behälter mit Desinfektionsmitteln zum Reinigen der Hände bereitgestellt werden, und man könnte das Publikum zur Benutzung verpflichten. Personen, die nicht nach draußen dürfen, sollten staatlich (Zivildiener) oder auch von den Nachbarn versorgt werden müssen (Einkäufe von Lebensmitteln und Medikamenten). Das würde genügen, um die Risikogruppen wirksam zu schützen, ohne in Kauf nehmen zu müssen, dass das öffentliche Leben völlig zusammenbricht. Denn wenn man glaubt, dass die totale Ausgangssperre für (fast) alle Wirkungen zeitigt und die Ausbreitung stoppt, so muss man auch glauben, dass die Ausgangssperre für die Risikogruppen Wirkungen zeitigt, d.h. ihre Infizierung in hohem Maße vermeidet. Dann aber gibt es auch kein Problem mit den Kapazitäten des Gesundheitssystems.

Wer dann immer noch glaubt, dass er oder sie in Gefahr ist, der oder die kann sich eigenverantwortlich dieser Gefahr bis zu einem bestimmten Punkt wenigstens (denn sicher ist nie was) entziehen. Wer sagt denn, dass man zur Unterhaltung in ein Café, ein Restaurant, eine Bar, ins Stadion, in eine Bibliothek, ins Fitnesscenter oder Museum, zu Freunden oder zu einem Konzert gehen muss? Niemand wird dazu wirklich gezwungen. Man kann überdies auch zu Fuß in die Arbeit oder man fährt mit dem Rad, womit man die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel glücklich vermeidet. Und wo das nicht möglich ist, da nimmt man, trotz Klima, den Wagen (den eigenen oder ein Taxi). Das Risiko der Ansteckung schwindet damit freilich nicht, aber es wird vielleicht reduziert. Indessen: Anstecken kann man sich auch, wenn man Einkäufe macht, die nun einmal notwendig sind, wenn man nicht verhungern will.

5.

Im Übrigen ist es vermessen zu glauben, Viren seien in den Griff zu bekommen. Da überschätzt man sich völlig. Das geht nicht, so wie es keineswegs geht, das Klima zu „retten“. Das sind nicht-lineare Prozesse, die man, wie im Falle des Klimas, auslösen kann, aber nicht stoppen. Das einzige, was wirklich gemacht werden kann, ist, sich an die Situation anzupassen, im Falle von Epidemien wäre dies, rigoros zu impfen, sobald ein Impfserum bereitgestellt ist.

Mit den Sondermaßnahmen, mit denen das versucht wird, was gar nicht gehen kann – das Virus in den Griff zu bekommen –, hat es darüber hinaus, im Rahmen des eben Gesagten, so seine Bewandtnis: Werden sie zu früh gelockert oder ganz aufgehoben, so kann das Spektakel von neuem beginnen, es sei denn, das Virus hat sich, trotz dieser Sondermaßnahmen, flächendeckend durchgesetzt und so für eine Grundimmunität der Bevölkerung gesorgt, oder es erliegt den Temperaturen des Sommers. Und schließlich: Diese Maßnahmen könnten im Endeffekt mit Bezug auf das behauptete Hauptziel – die „Menschenlebenrettung“ – sich durchaus als durch und durch kontraproduktiv erweisen: Morde im Affekt, Suizide oder dass die Leute an anderen Krankheiten sterben, weil das Gesundheitssystem sich ganz auf Covid-19 konzentriert, tragen zur Sterbestatistik ebenso bei wie Corona.

6.

Aus all dem folgt unmittelbar: Es gibt keinen Grund für den Shut-down, den es, mit Ausnahme der Nichtverfügbarkeit eines Impfstoffs (und Impfungen können, wie gesagt, durchaus versagen), in den früheren Jahren nicht auch bereits gab. Warum also jetzt die Sondermaßnahmen? Warum die Doomsday-Hysterie?
Die völlig überzogenen Maßnahmen sind eigentlich nur dadurch rational zu erklären, dass eine ökonomische Krise sowieso gerade bevorstand – deren Ausbruch von den Propheten des Systems, den „Analysten“, ja aufgrund makroökonomischer Daten schon seit geraumer Zeit vorausgesagt worden war –, so dass alle Hemmungen fielen, Maßnahmen zu setzen, deren Konsequenzen für das System nicht andere sein würden als diejenigen, die sowieso zu erwarten gewesen sind: Arbeitslosigkeit, Zusammenbrüche, „Bereinigungen“ und was es dergleichen noch mehr gibt. Niemand ist so blöd, das System herunterzufahren und damit (Profit-)Einbußen hinzunehmen, wenn nicht ohnedies feststünde, dass solche Einbüßen so oder so nicht zu vermeiden sind, obwohl ich nicht ausschließen will, dass die „Aktivisten“ des Ausnahmezustands wirklich so blöd sind. Intern war wohl vom Heraufzug einer recht drastischen weltweiten Krise die Rede, sonst hätte man nicht derart maß- und gehirnlos auf das Corona-Virus reagiert. Oder kann sich wirklich jemand im Ernst vorstellen, die Regierungen wären nicht zurückgepfiffen worden, hätte sich die Welt-Ökonomie in einer fantastischen Aufschwungsphase befunden?

Der Vorteil nun einer künstlich induzierten Krise oder genauer: einer Krise, die man Maßnahmen zuschreiben kann, die von einer „höheren Macht“, einem Virus, einem „unsichtbaren äußeren Feind“ diktiert worden sind, auch wenn im Grunde sie nur der Auslöser waren, der einen Prozess in Gang gesetzt hat, der auch ohne sie ausgelöst worden wäre, weil das Gemisch aus Ingredienzen einer kapitalistischen Krise gegeben, alles schon reif und startbereit war – der Vorteil also besteht offenbar gerade darin, dass man so das System reinwaschen kann: Nicht der Modus operandi des bürgerlichen Systems führte demnach die Krise herbei, sondern das „Schicksal“, die Vorsehung oder das Fatum. Man kann so die „Schuld“ vom System auf eine „höhere Macht“, die nicht fassbar ist, wälzen. Dem Kapital ist es dergestalt möglich, sich, so wie Pilatus, die Hände in Unschuld zu waschen.

In Österreich werden jetzt von der Regierung 38 Milliarden Euro (und das ist ja kein Butterbrot) in der einen oder anderen Form als „Hilfen“ zur Verfügung gestellt. (En passant: Wie viele Spitäler hätte man mit diesem Geld hinbauen können?) Im Falle eines „normalen“ Verlaufs der Konjunktur, der „normalen“ kapitalistischen Krise (deren Ausbruch, wie gesagt, kurz bevorstand) hätte man womöglich denselben Betrag lockergemacht und verpulvert. Es ist klar, dass ein Großteil davon an die „strategischen“ Firmen (also die Kapitalgesellschaften) ausbezahlt wird, so dass die Bourgeoisie sich dieses Geld untereinander wird ausspielen können, während dem Rest, denen da unten, wie immer, die Brosamen zufallen werden. Diesem Rest steht im Übrigen das Schicksal einer „kalten Enteignung“ bevor, während die da oben sich gesundstoßen werden.

Diese „Milliardenhilfen“ kann man dem Kapital nun aber reinen Gewissens in den Rachen werfen, ohne mithin das neoliberale Credo aufgeben zu müssen, weil eben eine „höhere Macht“ ihre Hand im Spiel gehabt hat, weil auf den Würgeengel Corona ja irgendwie reagiert werden musste, eben mit den „Sondermaßnahmen“, die dann in weiterer Folge die „Hilfen“ notwendig machen. TINA: „There is no alternative“, um mit Margaret Thatcher zu sprechen.

Ist die Krise einmal vorbei (und sie wird irgendwann auch wieder vorbei sein), so wird es so sein, dass man nicht darum herumkommen wird, die Renten zu kürzen, das Pensionsalter nach und nach anzuheben, die Arbeitslosenversicherung in so etwas wie die „Grundsicherung“ umzuwandeln, die Steuerlast zu erhöhen (die Lohnsteuern und die Steuern für die freien Berufe und nicht für das Kapital, das sich ja, wie man behaupten wird können, „von dem Schock“ erholen wird müssen) und was es dergleichen noch mehr an „Einschnitten“ gibt. Das sind alles Herzensangelegenheiten der Bourgeoisie, die nunmehr zwanglos durchgesetzt werden können – ohne irgendeinen Widerstand dagegen, ganz einfach, weil kein staatliches Geld mehr vorhanden sein wird. Und wo nichts ist, da kann man auch nichts mehr verteilen. Das neoliberale Programm im Selbstlauf sozusagen. Diese Konterreform neoliberaler Provenienz wird dann aber nicht als Infamie erscheinen, sondern als „lamentable“ Konsequenz einer „unsichtbaren Bedrohung“.

Schließlich und nicht zuletzt: Die staatlichen Akteure (und ihr Experten-Anhang), die „Aktivisten von Beruf“, können sich in einer solchen Krise als die Großen Macher profilieren, als Tausendsassa, die durch ihre Aktionen die bedrohte Menschheit vor einem „hinterhältigen Virus“, vor einer „unsichtbaren Gefahr“ heldenhaft „retten“. Es ist für diese „Aktivisten“ ein Fest. Den Faktor Eitelkeit darf man hier keineswegs unterschätzen.

Und das beste: Die Sondermaßnahmen, wie auch immer die Konsequenzen sein werden, werden als gerechtfertigt erscheinen, da es in diesem „Experiment“ keine „Kontrollgruppe“ gibt. (In Schweden gibt es ja offenbar keine Städte.) Man wird und kann auch gar nicht genau wissen, wie die Dinge sonst verlaufen wären, so dass man immer behaupten wird können, dass alles das alternativlos, dass es unvermeidlich war.

7.

Summa summarum: Die Corona-Krise – in jeder Hinsicht ein Geschenk des Himmels für die Bourgeoisie. Aber Vorsicht! Dahinter steckt kein Masterplan. Es sieht zwar so aus, als ob es einen Masterplan gäbe, aber in einem bürgerlichen System ist nichts wirklich geplant. Es wird lediglich die Gunst der Stunde genutzt. Alles deutet darauf hin, dass reagiert worden ist – dass eben der Heraufzug einer „normalen“ weltweiten Krise (die sich wie eine „Naturmacht“ ergibt und so oder so nicht verhinderbar ist) die Hemmungen herabgesetzt hat, so zu agieren, wie man am Startpunkt des Dramas agiert hat. Das Weitere aber ergibt sich dann ganz von alleine, Schritt für Schritt, aus der Logik der Situation, wie sie sich präsentiert hat, heraus (was man in den Gesellschaftswissenschaften „Pfadabhängigkeit“ nennt): Ist das System einmal heruntergefahren, so kommt es nun einmal zu Verwerfungen ökonomischer Natur, die „Hilfspakete“ notwendig machen, die ihrerseits wieder, da das staatliche Geld dergestalt großzügig verpulvert worden ist, zu „Einschnitten“ (für die breite Masse) führen, die dann als alternativlos erscheinen.

Noch einmal: Es sieht so aus, als ob alles inszeniert, als ob alles geplant worden wäre. Man kann das so lesen. In Wirklichkeit aber wird das Drehbuch vom System selbst geschrieben, und das System führt in diesem Drama Regie. Die Akteure sind Schauspieler, die den Vorgaben folgen, die eine anonyme Autorität, die „sachlichen Mächte und übermächtigen Sachen“, diktiert. Sie hängen wie Marionetten an den Fäden. Was man ihnen indessen zubilligen kann, ist eine gewisse „Bauerschläue“, die sie befähigt, die Situation optimal auszunutzen.

Es bedarf keines Masterplans, es genügt die „List des Systems“, die List des Kapitals als systemische Totalität, die hier die Rolle des Hegelschen Weltgeistes spielt: Die Akteure agieren blind und beschränkt, ganz aus der jeweiligen Lage heraus, und was sich ergibt, ist das, was dem „Weltgeist“ zuträglich ist – dem Kapital als platonische Idee, materialisiert in den kapitalistischen Firmen.

8.

Warum aber nimmt das Publikum all das so ernst? Warum verfällt es der Hysterie und der Panik? Es ist offenbar die „Bedrohung“, die anonym im Verborgenen lauert, die ein solches Verhalten herbeiführt. Viren haben den „Vorteil“, dass sie unsichtbar sind. In der Nacht, wo alles unsichtbar ist, steigt auch die Furcht. Das ist stammesgeschichtlich bedingt. Viren sind sozusagen die Nacht, die uns in Schrecken versetzt. Nur, dunkel wird es erst durch den Informationsapparat, durch die Medien, seien sie „alt“ oder „neu“: Presse, Fernsehen, Rundfunk und, insbesondere, das Internet und die social media von Facebook bis Twitter. Man glaubt zwar stets das, was man gern glauben will: „Fere libenter homines id quod volunt credunt“, wie das treffend Gaius Julius Caesar im „Gallischen Krieg“ formuliert hat. Um aber glauben zu können, muss das zu Glaubende allen bekannt sein. Es ist aber nur deshalb bekannt und kann nur deshalb bekannt sein, weil es kolportiert worden ist. Ohne die Medien gäbe es die Hysterie nicht.

Andererseits aber, da man stets glaubt, was man gern glauben will, und eine „Bedrohung“, welche es sei, immer geglaubt wird, ist es keineswegs so, dass man den Schluss ziehen könnte, die Medien würden als Demiurgen agieren. Da, wie alles andere auch, die Information als eine Ware erscheint, die verkauft werden muss – denn die Medien sind kapitalistische Firmen (oder bewegen sich wenigstens im Schlepptau derselben), deren Existenzgrund nichts anderes als der Profit ist –, so folgt daraus unmittelbar, dass das, was geglaubt werden will, auch gebracht, kolportiert wird. Das Kriterium dabei sind die Einschaltquoten und die Auflagenzahlen, die den Umfang der Werbung bestimmen. Für die Medien ist eine Epidemie, ein „verborgenes Virus“, das das Publikum immer als „Bedrohung“ wahrnehmen wird, daher wie ein gefundenes Fressen. Sie können nicht anders, als Sensationen zu bringen. Das liegt in der Logik des Sache. Ohne Bedarf allerdings, ohne das Bedürfnis zu glauben, wären die Medien nicht in der Lage, irgendetwas glauben zu machen. Sie sind ohnmächtig in dieser Beziehung: nicht Treibende, sondern getrieben.

9.

Warum aber spielen in dieser Jammer-Posse die Experten und Spezialisten auf dem Gebiet der Virologie, Epidemiologie und Immunologie anstandslos mit? Nun, es spielen nicht alle mit, sondern sehr viele. Und die, die nicht mitspielen, ziehen es vor, for the time being zu schweigen. Es ist eben das altbekannte Muster: Hat sich eine Meinung einmal als Mainstream etabliert, so ist es schwer, sich dem zu entziehen – Herdenmentalität und Herdeninstinkt, Konformistentum und Autoritätsgläubigkeit. Man kennt das aus früheren Zeiten. Nur wenige haben die Nerven, sich dem zu entziehen. Kritische Stimmen gibt es indessen dann doch, auch wenn man sie arg diffamiert und unermüdlich versucht, sie mundtot zu machen. Lynchjustiz, medial. Am Schluss jedoch wird sich weisen, wer recht gehabt hat.

10.

Man könnte den Irrsinn, der sich hic et nunc abspielt, vielleicht aber auch, um dem Ganzen einen positiven Aspekt abzugewinnen, als großangelegten Feldversuch sehen, der eine Hypothese, die sich seit längerer Zeit schon aufgedrängt hat, empirisch bestätigt: Nicht die Repräsentation bildet die Wirklichkeit ab, sondern die Realität das Repräsentierte. Das, was sich jetzt vor unseren Augen vollzieht, kommt einem Katastrophenfilm gleich, live und in Echtzeit. Hollywood kann es nicht besser. Die Vorlage dazu, das Urbild des „Films“, des „realen“, der im Augenblick läuft: die body-snatchers aus den Weiten des Weltalls. Ein Film, der sich ganz ohne Kamera abspielt oder genauer: die Kameras sind Bestandteil der Szene. Mit Schauspielern und mit Statisten, die freiwillig und ohne Gage agieren. Der Traum der Avantgarde, der zur Wirklichkeit wurde: Kunst und Leben verschmelzen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
April
2020
Autor/inn/en:

Emmerich Nyikos:

Geboren 1958. Historiker, lebt als freier Autor in Mexiko-City. Zuletzt erschienen: Das Kapital als Prozess. Zur geschichtlichen Tendenz des Kapitalsystems (2010).

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