Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 4-5/2003
Heide Hammer

Das Fliegenglas zerschlagen!

Stefan Vater: Diskurs-Analyse-Intervention

Die Dekonstruktion herr­schender Diskurse ent­reißt der Aktualität den Schleier der Notwendigkeit. Die hier verwendeten Ansät­ze operieren in einem Gefüge von Wahrheitsregimen, die ihre je eigenen Normalitäten konstituieren und das Wesen und die Tatsache ihrer Kon­stitution gerne verschleiern. Die Tatsache umfasst die Erkenntnis, dass es kein Außer­halb sozialer Praxis gibt, kei­nen privilegierten Ort der Kritik oder der wie immer gewünschten Fundierung. Die Vorstellung von Wahr­heit: Wahrheiten sind das Re­sultat ständiger Wiederho­lungen in Sprachspielen. Die Performanz dieser Sprach­spiele wird im Text von Ste­fan Vater auch an eindrücklichen Beispielen demon­striert; eine Praxis, die das Durchbrechen herkömmli­cher Denk- und Rezeptions­schemata erleichtert. Die Er­innerung eines Kinderspiels, „Der Hase läuft über das Feld“, inkludiert viele der hilfreichen, theoretischen Entwürfe, die in geordneten Schleifen den Text durchzie­hen und das Erkenntnisinter­esse deutlich werden lassen. Die Explizierung der analy­tischen Sprachphilosophie Ludwig Wittgensteins wird in diesem Kontext wichtig. Die auch darin enthaltene Möglichkeit des Schummelns im Sinne einer „Praxis ohne völlige Klarheit“ wirkt tröst­lich in einem „immens machtstrukturierten Zusam­menhang“, der „von wort­gewaltigeren und brutaleren Kindern diktiert wurde“ und deutet die jedem Machtgefü­ge eingeschriebenen Versu­che der Störung, des Stot­terns und herbeigeführten Rauschens an:

Ich spielte als Kind „Der Hase läuft über das Feld“ — ein Kinderspiel, dessen Re­geln ich gar nicht aufschrei­ben möchte, weil ich sie nicht kenne. Dennoch habe ich „Der Hase läuft über das Feld“ als Kind gerne und überzeugt gespielt, obwohl es keine formulierbaren Regeln gab. Und ich habe „Der Hase läuft über das Feld“ gespielt, bevor ich auch diese nicht existierenden Regeln prak­tisch imitieren konnte und so tun, als wüsste ich, was ge­spielt wird. (S. 20)

Die üblichen Vorwürfe der Beliebigkeit oder Will­kürlichkeit, die poststruktu­ralistischen Ansätzen — etwa im Rückgriff auf Foucault oder Deleuze — entgegenge­bracht werden, teilen weiter­hin die Sehnsucht nach uni­verseller Unterscheidung von richtig und falsch und be­schwören die Auseinander­setzung im Zeichen des bes­seren Arguments, des ratio­nalen Diskurses. Die wider­ständige — in der gewünsch­ten Perspektive lustvolle — Praxis ist ebenso wenig Trä­gerin des per se Guten, we­der der revolutionären Ver­änderung um ihrer selbst Wil­len noch des ganz Anderen, Utopischen oder der simplen Übernahme von Staatsgewalt/allgemein privilegierter Positionen, wie die vorhan­denen Dispositive („... die Tatsache, dass Macht eigent­lich nirgends ist, als in der Anordnung der Gegenstän­de.“ S. 38) auf ihre negativen, beschränkenden und diszi­plinierenden Aspekte redu­ziert werden können.

Die Funktion der Dis­kursanalyse, die Gewalt herr­schender Formationen in der Normalisierung strikter Grenzen des Sagbaren, Wünschbaren oder Erreich­baren zu dekonstruieren und dadurch die Fülle der Mög­lichkeiten zu eröffnen, wird im zweiten Teil des Werkes in eine methodologische Aus­einandersetzung übertragen. Die stark an Foucault orien­tierte, angewandte Diskurs­theorie von Autorinnen um die Zeitschrift KultuRRevolution vermittelt Werkzeuge der Demontage hegemonia­ler Diskurse, die als einzig vernünftig Praxis sozialer Ordnung erscheinen. Die Zerbrechlichkeit des natio­nalen bildungspolitischen Diskurses wird im Komplex der Auseinandersetzung um die Einführung von Studien­gebühren an hiesigen Uni­versitäten und deren Repräsentation in sozialwissen­schaftlichen Expertisen nach­gezeichnet; der Autor verfolgt entlang einer mikro­politischen Perspektive eine interventionistische Forschungsstrategie.

Die skizzierten theoreti­schen Bezugspunkte und Strategien bilden Vorlieben ab, deren Adäquanz in der Öffnung des Blicks liegt, der in einem letzten Teil zu „theo­retischen Lockerungsübun­gen“ schweift, die das Gelin­gen „alternativer Verwen­dungen normalisierter Sinn­gitter“ etwa in der antidefinitorischen Strategie der EZLN offenlegt. Die Praxis der De- und Rekonstruktion provo­ziert die Wiederholung vielfältiger Singularitäten, um das Auftauchen von Formen der Subversion in der kulturellen Grammatik zu erleichtern, Erwartungshaltungen immer wieder zu enttäuschen.

Stefan Vater: Diskurs-Analyse-Intervention. Europäische Hochschulschrif­ten, Reihe XXI Soziologie, Bd. 380, Peter Lang, Frankfurt aM, 2002

Stefan Vater ist Soziologe, Phi­losoph. Lektor für Bildungs­soziologie an der Universität Linz und wiss. Mitarbeiter der Pädagogischen Arbeits- und Forschungsstelle des Verban­des Österreichischer Volks­hochschulen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
August
2003
Heft 4-5/2003, Seite 37
Autor/inn/en:

Heide Hammer:

Philosophin und Sozialwissenschafterin, Redaktionsmitglied von Context XXI seit April 2001, seit Juli 2001 Betreuung der Radio-Produktion.

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