Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 4
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Asger Jorn • Hanna Mittelstädt (Übersetzung)

Das Ende der Ökonomie und die Verwirklichung der Kunst

Für den Menschen ist die Zeit nichts anderes als eine Reihenfolge von Phänomenen an einem bestimmten Beobachtungspunkt des Raumes, während der Raum die Koexistenzordnung oder der Prozess der Phänomene in der Zeit ist.

Die Zeit ist der Wandel, der nur als eine in den Raum fortschreitende Bewegung aufgefasst werden kann, während der Raum das Beständige ist, der nur in der Beteiligung an einer Bewegung aufgefasst werden kann. Weder der Raum noch die Zeit haben eine Wirklichkeit bzw. einen Wert außerhalb des Wandels bzw. des Prozesses, d.h. außerhalb der aktiven Raum-Zeit-Zusammensetzung. Die Aktion von Raum und Zeit ist der Prozess und dieser Prozess ist selbst die Verwandlung der Zeit in den Raum und umgekehrt, die Verwandlung des Raumes in die Zeit.

Wie wir sehen, folgt also die Qualitätszunahme oder der Widerstand gegen den Wandel aus der quantitativen Zunahme: beide hängen voneinander ab. Diese Entwicklung ist eigentlich das Ziel des sozialistischen Fortschritts — und zwar die Erhöhung der Qualität durch die der Quantität. Und dieser räumt ein, dass diese doppelte Zunahme mit der Abnahme des Wertes, von Raum und Zeit zwangsläufig gleichbedeutend ist. Gerade das ist die Verdinglichung.

Die den Wert bestimmende Größe ist die Raum-Zeit, der Augenblick oder das Ereignis. Die dem Menschengeschlecht auf der Erde zugedachte Raum-Zeit gibt ihren Wert durch Ereignisse zu erkennen. Keine Ereignisse, keine Geschichte. Die Raum-Zeit eines menschlichen Lebens ist sein Privateigentum. Das ist Marxens große Entdeckung in der Perspektive der Befreiung des Menschen, gleichzeitig aber der Ausgangspunkt aller Irrtümer der Marxisten, weil das Eigentum nur dadurch zum Wert wird, dass es sich verwirklicht, befreit und benutzt wird und weil die Raum-Zeit eines menschlichen Lebens nur durch ihre Veränderbarkeit zur Wirklichkeit wird. Gleichfalls wird das Individuum durch die Veränderbarkeit seines Verhaltens den anderen gegenüber zum sozialen Wert. Ist die Veränderbarkeit privat und aus der gesellschaftlichen Aufwertung ausgeschlossen worden, wie das in dem autoritären Sozialismus der Fall ist, ist die Raum-Zeit des Menschen nicht zu verwirklichen. So ist der private Charakter der menschlichen Eigenschaften (die ‘Hobbies’) zu einer noch größeren Entwertung des menschlichen Lebens geworden als das Privateigentum der Produktionsmittel, da das Unnütze für den sozialistischen Determinismus unbedeutend ist. Anstatt den privaten Charakter der Eigentümer abzuschaffen, hat der Sozialismus ihn nur bis zum Äußersten verstärkt so dass er den Menschen selbst unnütz und gesellschaftlich unbedeutend machte.

Die Befreiung der menschlichen Werte durch die Verwandlung der menschlichen Eigenschaften in wirkliche Werte ist das Ziel der Entwicklung der Kunst. Genau hier fängt die Revolution der Kunst gegen die sozialistische Entwicklung an — die Revolution der Kunst, die mit dem kommunistischen Projekt verbunden ist …

So ist der Wert der Kunst gegenüber den praktischen Werten ein Gegenwert und er wird im Gegensatz zu diesen gemessen. Die Kunst ist die Aufforderung zu einem Kraftaufwand ohne bestimmtes Ziel und außerhalb dessen, was vom Zuschauer selbst mitgebracht werden kann. Kunst ist Verschwendung … Man bildete sich doch ein, die Dauerhaftigkeit und die Qualität machten den Wert der Kunst aus, und man glaubte, Gold und Edelsteine wären Kunstwerke, während diese dem Gegenstand an sich innewohnten. Als ob das Kunstwerk etwas anderes als die Bestätigung des Menschen als wesentliche Wertquelle wäre…

Die kapitalistische Revolution war hauptsächlich eine Sozialisierung des Konsums. Die kapitalistische Industrialisierung bringt der Menschheit eine so tiefe Sozialisierung wie die durch die Sozialisten vorgeschlagene Sozialisierung der Produktionsmittel. Die sozialistische Revolution ist die Vollendung der kapitalistischen. Dem kapitalistischen System braucht man nur das Sparen zu nehmen, da der Konsumreichtum von den Kapitalisten schon beseitigt worden ist. Es lässt sich heute sehr selten ein Kapitalist finden, dessen Verbrauch über die kleinsten Forderungen hinausgeht. Der Lebenshaltungsunterschied zwischen einem Grand Seigneur im XVII.Jahrhundert und einem großen Kapitalisten zur Zeit Rockefellers ist lächerlich und wird immer schlimmer.

Die Fülle der Konsumveränderbarkeit konnte durch den Kapitalismus erübrigt werden, weil die Ware nichts anderes als ein Gegenstand des sozialistischen Gebrauchs ist.

Deswegen verneinen es die Sozialisten, sich mit dem Gebrauchsgegenstand zu beschäftigen.

Die Sozialisierung des Gebrauchsgegenstandes, die es erst ermöglicht, ihn als eine Ware zu betrachten, hat drei Hauptaspekte:

a) Nur ein Gebrauchsgegenstand von allgemeinem Interesse, der von ziemlich vielen Leuten gewünscht wird, kann zur Ware werden. Die ideale Ware ist der von allen gewünschte Gegenstand. Um der Industrieproduktion den Zugang zu einer solchen Sozialisierung zu schaffen, musste der Kapitalismus den Gedanken der individuellen und handwerklichen Produktion zerstören, sie als ‘Formalismus’ abstempeln.

b) Damit man von einer Ware sprechen kann, muss man eine bestimmte Quantität genau gleicher Gegenstände haben. Die Industrie kümmert sich nur um serienmäßig und immer mehr massenhaft hergestellte Gegenstände.

c) Die kapitalistische Produktion wird durch eine Werbung für den Volkskonsum gekennzeichnet, die eine unglaubliche Macht und einen unglaublichen Umfang erreicht. Die Werbung für eine sozialistische Produktion ist nur die logische Folge der Werbung für eine sozialisierte Konsumtion.

Das Geld ist die vollständig sozialisierte Ware, die den allen gemeinsamen Wertmaßstab angibt …

Die Sozialisierung stellt wirklich ein auf das absolute Sparen gebautes System dar. Sehen wir uns den Gebrauchsgegenstand an. Wir haben schon darauf hingewiesen, dass der Gebrauchsgegenstand von dem Augenblick an eine Ware wird, wo er unmittelbar unnütz wird, wo der Kausalzusammenhang zwischen Konsumtion und Produktion zerbrochen ist. Nur ein in Ersparnis verwandelter und aufbewahrter Gebrauchsgegenstand wird zur Ware — und das nur, falls viele Gebrauchsgegenstände aufbewahrt werden. Dieses der Ware zugrundeliegende Lagerungssystem wird durch den Sozialismus nicht abgeschafft; im Gegenteil beruht das sozialistische System darauf, dass die gesamte Produktion ohne Ausnahme vor ihrer Verteilung eingelagert wird, damit diese Verteilung perfekt kontrolliert werden kann.

Bisher ist die Akkumulation — die Einlagerung bzw. das Sparen — nie in der ihr eigenen Form analysiert worden — in der des Behälters. Die Einlagerung findet gemäß dem Verhältnis von Behälter und Inhalt statt. Wir haben am Anfang bemerkt, dass die oft Inhalt genannte Substanz nichts anderes als der Prozess ist; als Inhalt bedeutet sie eine eingelagerte Materie, eine — latente Kraft. Immer wieder haben wir sie aber unter der ihr eigenen festen Form betrachtet. Dagegen widerspricht die Form des Behälters der seines Inhalts — sie dient eigentlich dazu, es dem Inhalt nur unter kontrollierten und begrenzten Bedingungen zu ermöglichen, mit dem Prozess anzufangen. So ist die Behälterform etwas ganz anderes als die Form der Materie an sich, bei der es nie mehr als die Form des Inhalts gibt: hier widerspricht also absolut ein Element dem anderen. Nur auf dem Gebiet der Biologie wird der Behälter zu einer Elementarfunktion. Das gesamte biologische Leben hat sich sozusagen dadurch entwickelt, dass es den Formen der Materie Behälterformen entgegengesetzt hat. Den gleichen Weg geht auch die technische Entwicklung und all die Systeme des Maßes und der wissenschaftlichen Kontrolle bestehen darin, die objektiven Formen mit den Behälterformen in Zusammenhang zu bringen.

Die Behälterformen werden als Widerspruchselemente zu den gemessenen Formen festgesetzt. Normalerweise verdeckt die Behälterform die des Inhalts, so dass sie eine dritte Form hat: die der Erscheinung. Diese drei Formen werden in den Diskussionen über die Form nie klar auseinandergehalten …

Im sozialen Raum wird die Zeit durch Geld gemessen … Das Geld ist das Mittel, in einem gegebenen Raum — dem der Gesellschaft — dasselbe Tempo zu erzwingen. Die Erfindung des Geldes liegt dem ‘wissenschaftlichen’ Sozialismus zugrunde und die Zerstörung des Geldes wird der Aufhebung des sozialistischen Mechanismus zugrunde liegen. Das Geld ist das in Zahlen umgewandelte Kunstwerk. Der verwirklichte Kommunismus wird das zur Totalität umgestaltete Kunstwerk sein…

Die Bürokratie tritt überall dort, wo sie zur Erscheinung kommt — im Kapitalismus, im Reformismus und in der sogenannten ‘kommunistischen’ Macht — als die Verwirklichung der konterrevolutionären Sozialisierung hervor, die die verschiedenen wetteifernden Sektoren der heutigen Welt auf eine gewisse Weise gemeinsam haben. Die Bürokratie ist die Behälterform der Gesellschaft: sie blockiert den Prozess, die Revolution. Im Namen der Kontrolle über die Wirtschaft spart sie ohne Kontrolle (zu ihren eigenen Zwecken, zur Aufrechterhaltung des Bestehenden). Sie hat alle Macht, außer der, die Dinge zu verändern, und jede Veränderung findet zunächst gegen sie statt. …

Der wirkliche Kommunismus wird der Sprung in das Reich der Freiheit und der Werte, der Kommunikation sein. Der Kunstwert — der dem gewöhnlich materiell genannten Gebrauchswert entgegengesetzt ist — stellt den fortschrittlichen Wert dar, da er die Verwertung des Menschen selbst durch einen Provokationsprozess ist.

Seit Marx hat die ökonomische Politik ihre Unfähigkeiten und Umkehrungen gezeigt. Die Aufgabe einer Hyperpolitik wird es sein, die direkte Verwirklichung des Menschen anzustreben.

Dieser Text ist aus Jorns Broschüre: ‘Zur Kritik der ökonomischen Politik’ entnommen, die in der Reihe ‘Berichte für die Situationistische Internationale’ (Brüssel, Mai 1960) gerade herausgegeben wurde.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1976
Numéro 4, Seite 19
Autor/inn/en:

Asger Jorn:

Geboren 1914 in Vejrum (Jütland), gestorben 1973 in Aarhus. Maler, Bildhauer, Keramiker. Gründungsmitglied der Gruppe CoBrA und der Situationistischen Internationale. Er beginnt als Porträt- und Landschaftsmaler und wendet sich ab 1934 der abstrakten Malerei zu. Jorn nennt seine Kunst auch „Forschungsmethode“ zur Erkundung des mythischen Kerns der menschlichen Wirklichkeit, den er in seiner Interpretation darstellt.

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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