Zeitschriften » Weg und Ziel » Jahrgang 1997 » Heft 1/1997
Robert Kurz

Das Ende der Nationalökonomie

Globalisierung, Grenzen des Nationalstaats und die Krise des warenproduzierenden Systems

Schon seit einem Dreivierteljahrhun­dert ist die kritische Theorie der kapi­talistischen Entwicklung weitgehend zum Stillstand gekommen. Während die kapitalistische Produktionsweise die Stufen einer rasanten Binnengeschichte durchlief, blieb das theoretische Bezugssystem der Kapitalakkumulati­on und ihrer inneren Schranken wie eine defekte Uhr spätestens in den zwanziger Jahren stehen.

Das theoretische und analytische Interesse verlagerte sich von der Akkumulations- und Krisentheorie auf die Äußerlichkeit bürgerlicher Willensver­hältnisse, das heißt auf die subjektiven Präferenzen blind vorausgesetzter Wa­ren- und Geldbesitzer einerseits und auf die staatliche sogenannte Wirt­schaftspolitik andererseits.

Diese theoretische Verkürzung hat­te ihren realhistorischen Grund. Denn in der Epoche der Weltkriege rückte der Entwicklungsprozeß des Kapitals selber die bürgerliche Massensubjekti­vität und die politische Sphäre in den Mittelpunkt. Den industrialisierten Krieg konnten keine Muschiks und Zipfelmützen-Untertanen mehr gewin­nen. Auch in der ökonomischen Repro­duktion des Kapitals verlangte die zweite industrielle Revolution des Fordismus die Ablösung der knechtsbe­scheidenen menschlichen Arbeitstiere durch subjektiv kalkulierende demo­kratische Massensubjekte. Die neue Stufe der Akkumulation, die den Kapi­talismus erstmals zum flächendecken­den System machte, konstituierte eine „fordistische Kohärenz“ der Massen­produktion hochwertiger Konsumgüter (Autos, Haushalts- und Unterhaltungselektronik), der Masseneinkommen in Form des Geldlohns und des Massen­konsums von Waren.

Aufstieg und Fall der politischen Regulation

Schon in den Turbulenzen der fordistischen Transformation hatte die Weltwirtschaftskrise gezeigt, daß ein derart hybrides System des totalen „Vollkapitalismus“ nicht ohne einen qualitativen Sprung der staatlichen Regulation zu haben ist. Nicht nur die Entwicklungsdiktaturen einer „nach­holenden Modernisierung“ im Osten und später im Süden mit ihrer ober­flächlich sozialistischen ideologischen Legitimation machten den Staat zum „Generalgouverneur“ des warenprodu­zierenden Systems und seiner „fordistischen Kohärenz“. Auch der westli­che Keynesianismus favorisierte den verstärkten staatlichen Eingriff; zwar sollte der Staat dabei nicht zum „so­zialistischen“ Generalunternehmer, aber doch zum makroökonomischen Regulator der „Volkswirtschaft“ avan­cieren. Als das „Wirtschaftswunder“ nach dem Zweiten Weltkrieg die Erin­nerung an das Krisenproblem allmäh­lich verblassen ließ, wurde die mehr oder weniger keynesianische Regulati­on zumindest in West- und Mitteleuro­pa zur großen Umverteilungsmaschine, auf die sich die politischen Subjekte in ihren Auseinandersetzungen bezogen.

Schon in den siebziger Jahren war jedoch die zweite industrielle Revoluti­on des Fordismus als Stufe der Kapita­lakkumulation historisch ausgebrannt. Seither hat die dritte industrielle Re­volution der Mikroelektronik erstmals in der Geschichte des Kapitalismus weltweit in wachsendem Maße mehr kapitalistische Arbeitsplätze wegratio­nalisiert, als durch Expansion der Märkte zusätzlich eingesaugt werden konnten. Die damit verbundene „Krise der Arbeit“ markiert aber auch die in­nere Schranke des Kapitals selbst, in­sofern dieses in letzter Instanz an die reale Wertsubstanz „abstrakter Arbeit“ (Marx) gebunden bleibt. Die dritte in­dustrielle Revolution löst nicht nur den hybriden Vollkapitalismus der „fordistischen“ Entwicklungsstufe und die Existenzbedingungen der kapitalisti­schen Peripherie auf, sondern droht überhaupt das moderne warenprodu­zierende System und dessen Logik der Verwandlung von „abstrakter Arbeit“ in Geld aus den Angeln zu heben.

Es ist offensichtlich, daß die seit den zwanziger Jahren nicht mehr inno­vativ behandelten Probleme der Akkumulations- und Krisentheorie ver­schärft und auf einer bis jetzt gar nicht reflektierten neuen Entwicklungsstufe zurückkehren. Aber nur widerwillig und oberflächlich hat die Linke den Faden der Krisentheorie aufgegriffen, um ihn schnell wieder fallenzulassen. Dem Trägheitsgesetz einer auf die poli­tischen Subjekte des warenproduzie­renden Systems verkürzten Begriffsbil­dung folgend wurde stattdessen seit Ende der siebziger Jahre als Reaktion auf die strukturelle Krise allmählich die sogenannte Regulationstheorie he­gemonial.

Dieser Ansatz verallgemeinerte die Problematik der keynesianischen Re­gulation, die auf die historische Ent­wicklungsstufe der (fordistischen) zweiten industriellen Revolution bezo­gen war, für einen abstrakten Begriff des Kapitalismus überhaupt, der nun als eine (im Prinzip endlose) Abfolge von „Akkumulations- und Regulationsmodellen“ erschien. Natürlich kann man metaphorisch für bestimmte Zusammenhänge den Begriff des „Mo­dells“ verwenden, aber in der Diktion der Regulationstheorie wurde daraus eine geradezu ahistorische Bestim­mung. Geschichte und Krise reduzieren sich dann auf einen bloßen „Modell­wechsel“ innerhalb eines zeitlos ge­wordenen Kapitalismus. Die Frage der inneren Schranke wird eskamotiert. An die Stelle der akkumulations- und kri­sentheoretischen Fragestellung im eigentlichen Sinne tritt die Debatte über eine „politische Theorie“ für das vermeintliche „nächste“ Akkumulations- ­und Regulationsmodell. Das histori­sche Unikat des Fordismus-Keynesianismus als Ausdruck einer nie wieder­kehrenden Entwicklungsstufe wird so in abstraktifizierter Form zum falschen Begriff der Zukunft und die darauf be­zogene Linke auch explizit zu jenem Wurmfortsatz des Keynesianismus, der sie de facto sowieso schon seit langem war.

Das Glück des Schwelgens in poli­tischen Reformkonzepten, die von Jahr zu Jahr seichter ausfielen, wird jedoch inzwischen erheblich getrübt durch eine Metamorphose des Kapitals, die seit den neunziger Jahren unter dem Stichwort „Globalisierung“ firmiert und die sich dem Zugriff politischer Regulation grundsätzlich zu entziehen scheint. Obwohl diese Entwicklung selber ein Moment der säkularen Krise ist, hat die Debatte darüber erst recht nicht zu einer Erneuerung der Krisentheorie geführt. Die Globalisierung scheint vielmehr das strukturelle Krisenproblem zu überlagern, sie wird quasi als neue Entwicklungsstufe des „ewigen“ Kapitalismus wahrgenom­men, vergleichbar mit der industriellen Revolution. Dabei findet ein logischer „Ebenensprung“ in der Argumentation statt, denn die Globalisierung steht keineswegs für sich, sondern ist selbst Bestandteil der mikroelektronischen Revolution. Deswegen eröffnet sie kei­ne „Chancen“ einer neuen „postindu­striellen“ Entwicklungsstufe, sondern strukturiert nur die Verlaufsformen einer Krise neuen Typs jenseits des bis­her gewohnten Bezugssystems.

Nationalökonomie und Weltmarkt

Die Kapitalakkumulation und ihre marktwirtschaftliche Realisations­sphäre waren noch nie eine rein natio­nale Angelegenheit. Das Verhältnis von Kapital und Nationalstaat ist wie das von Henne und Ei; es gibt dabei keine eindeutige historische Kausalität. Nach dem Weltsystem-Theoretiker Immanu­el Wallerstein entstand die kapitalisti­sche Produktionsweise zunächst sogar auf dem Boden des frühen Weltmarkts seit den sogenannten Entdeckungen (deren Triebkraft kommerzieller Natur war), noch bevor sich eigentliche Na­tionalökonomien herausgebildet hat­ten. Dennoch kann es keinen Zweifel geben, daß sich zusammen mit der er­sten industriellen Revolution im 19. Jahrhundert die kapitalistische Repro­duktion in nationalökonomischen Räu­men verdichtete, deren „ideeller Ge­samtkapitalist“ (Marx) der moderne Nationalstaat wurde. Diese Staatsma­schine, die verschiedene Entwicklungs­stufen und Erscheinungsformen von der Cromwell-Diktatur bis zur Nachkriegs-Demokratie durchlief, bezog ihre „Souveränität“ als Erbe des Abso­lutismus zunächst aus dem Gewaltmo­nopol nach innen und außen, aus der Steuerhoheit und schließlich aus der Geldhoheit (nationale Notenbanken als staatliche Institutionen). Erst allmäh­lich kamen mehr und mehr infrastruk­turelle und sozialstaatliche Aufgaben hinzu (Bildungs- und Gesundheitswe­sen usw.).

Im Zusammenspiel von Kapitalak­kumulation und Staatsaufgaben (die bis zum Ersten Weltkrieg keine makro­ökonomische Staatsregie einschlossen) entstanden so kohärente Nationalöko­nomien, für die der Weltmarkt zum se­kundären Bezugssystem wurde, wäh­rend sich der Großteil der kapitalisti­schen Reproduktion „innerhalb der Mauern“ vollzog. Die Beziehungen auf dem Weltmarkt erschienen daher im wesentlichen als Export bzw. Import zwischen verschiedenen relativ unab­hängigen Nationalökonomien (nur in diesem Bezug machen solche Begriffe überhaupt Sinn, nach denen bis heute die Statistik des Welthandels struktu­riert wird). Und selbstverständlich bil­det diese Art der Verflechtung auch jetzt noch ein Moment des Weltmarkts. Es werden also in einem Land produ­zierte Waren auf den Märkten eines an­deren Landes verkauft, und darüber gab es und gibt es ein ständiges Geran­gel unter den Nationalstaaten. Kein Land will eine „negative Handelsbi­lanz“ haben, weil dadurch Außenver­bindlichkeiten und damit Abhängig­keiten entstehen.

Dieser Export und Import von Wa­ren bezieht sich zunächst einmal auf Rohstoffe, Vor- und Zwischenprodukte. Weil zum Beispiel in Deutschland nicht genügend Eisenerz zu fördern ist, im­portiert die deutsche Stahlindustrie traditionell Erz aus Skandinavien, da­mit sie überhaupt produzieren kann (auch für den eigenen Binnenmarkt). Eine höhere Stufe ist der wechselseiti­ge Export und Import von Fertigpro­dukten, der zu einer internationalen Spezialisierung führt. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte dazu der ökonomische Klassiker David Ri­cardo seine berühmte Theorie der „komparativen Vorteile“ eines solchen internationalen Handels. Am Beispiel der Produktion von Wein und Textilien in Portugal und England zeigte er, daß eine Spezialisierung Portugals auf Wein und Englands auf Tuch bei wech­selseitigem Austausch für beide Seiten auch dann vorteilhaft sein kann, wenn beide Waren in beiden Ländern herge­stellt werden könnten und England in beiden Fällen Produktivitätsvorteile hätte. Denn durch die beiderseitige Konzentration der Arbeitskraft auf den jeweils relativ produktiveren Sektor ergibt sich auch für beide ein relativer Kostenvorteil.

Grundsätzlich gilt Ricardos be­rühmtes Exempel jedoch nur dann, wenn erstens das Produktivitätsgefälle zwischen den austauschenden Ländern ein gewisses Ausmaß nicht überschrei­tet und zweitens auf beiden Seiten die volle Fertigungstiefe des jeweiligen Endprodukts beherrscht wird. Klafft das Produktivitätsniveau zu weit auseinander oder kann das eine Land nur Rohstoffe gegen Fertigprodukte liefern bzw. muß die Technologie für die eige­nen Fertigprodukte anderswo einkau­fen, dann bluten die schwächeren Han­delspartner durch einen Verfall ihrer „terms of trade“ (Preisrelationen des Außenhandels) unvermeidlich aus, das heißt sie müssen unverhältnismäßig viel eigene Arbeitskraft aufwenden, um das Produkt von viel weniger frem­der Arbeitskraft erwerben zu können. In diesen Fällen erweist sich Ricardos Theorie als schlichte Milchmädchen­rechnung. Tatsächlich gab es beim Handel der kapitalistischen Zentren mit der Peripherie und den Kolonien bzw. der späteren Dritten Welt für letz­tere nur in wenigen Ausnahmefällen „komparative Vorteile“, im großen und ganzen jedoch einen heute sogar noch forcierten Ausblutungsprozeß.

Die Flucht in den Warenexport

Globalisierung bedeutet hinsicht­lich der Entwicklung des traditionellen Außenhandels zunächst eine quantita­tive Expansion. Exporte und Importe der kapitalistischen Zentren unterein­ander und mit der Peripherie, aber auch zwischen den armen Ländern selbst sind in den letzten Jahrzehnten ständig gestiegen. Sogar derart stark binnenorientierte Ökonomien wie die der USA oder Chinas haben heute ei­nen größeren Außenanteil als jemals zuvor. Die sprunghafte Entwicklung des Außenhandels nach dem Zweiten Weltkrieg und noch einmal seit der mikroelektronischen Revolution zeigt sich im säkularen Vergleich besonders deut­lich bei einem traditionell exportorien­tierten Land wie Deutschland. Lag der Anteil des Exports am Sozialprodukt 1913 im Deutschen Reich bei 17 Pro­zent, so fiel er bis 1938 auf ein Tief von 5,2 Prozent, um in der Nachkriegs-BRD bis 1985 auf das Rekordhoch von 29,1 Prozent zu klettern. Die globale quan­titative Expansion des Außenhandels ist jedoch auch von einer qualitativen Veränderung begleitet. Zunehmend spezialisieren sich die Länder nicht mehr auf bestimmte Produkte, was ja eine Voraussetzung für Ricardos Theo­rie gewesen war, sondern alle liefern einander alles: die USA Fertigsuppen, Autos und Chips nach Europa und Ja­pan; Japan und Europa Fertigsuppen, Autos und Chips in die USA usw. Eine solche Art Steigerung des Außenhan­dels ist nicht nur ein absurdes Theater und eine Vergeudung von Ressourcen, sie hat auch nichts mehr mit irgend­welchen „komparativen Vorteilen“ zwischen Nationalökonomien zu tun. Vielmehr handelt es sich um die Kehr­seite der kapitalistischen Strukturkrise selbst. Denn nicht aus Gründen allge­meiner Wohlfahrtssteigerung expan­dierte der Außenhandel seit den siebzi­ger Jahren derart massiv, sondern ge­nau umgekehrt als Folge der zuneh­menden industriellen Massenarbeitslo­sigkeit und der allgemeinen Lohnsen­kung durch postindustrielle „Mac­Jobs“.

Die „fordistische Kohärenz“ inner­halb der Nationalökonomien zerbricht. Da die mikroelektronische Revolution die Produktivität steigert wie noch nie und gleichzeitig die Massenkaufkraft auf frühkapitalistisches Niveau zu­rückbombt, flüchten die Produktions­unternehmen aus dem vertrocknenden eigenen Binnenmarkt auf die Export­märkte. Dort treffen sie sich und es tobt ein globaler Verdrängungswettbe­werb in allen Branchen. Die Abwehr­versuche der Staaten bleiben trotz ei­nes weiterschwelenden Protektionis­mus schwächlich, weil alle derselben Strukturkrise und derselben Verwü­stung des Binnenmarkts unterliegen. Die vermeintlichen politischen Souve­räne müssen mit allen Mitteln die Ex­portindustrien hätscheln und der glo­balen betriebswirtschaftlichenSchlacht hilflos zusehen.

Foto: Argus

Vom Kapitalexport zum transnatio­nalen Krisen-Kapitalismus

Verliert der Weltmarkt auf diese Weise schon auf der Ebene traditionel­ler Exporte und Importe von Waren sei­nen Charakter als Beziehung zwischen relativ unabhängigen Nationalökono­mien, so wird dies noch deutlicher auf der Ebene des Kapitalexports. Diese Erscheinung rückte erst im 20. Jahr­hundert ins Blickfeld und war bekannt­lich Gegenstand der marxistischen De­batte im Ersten Weltkrieg. Im Vergleich zum bloßen Warenexport handelt es sich dabei um eine höhere Ebene der Außenverflechtung: Unternehmen ex­portieren nicht mehr im eigenen Land hergestellte Waren auf ausländische Märkte, sondern gründen oder kaufen im Ausland Unternehmen, um für die dortigen Märkte zu produzieren. Zu Beginn des Jahrhunderts warf dieser Kapitalexport (sowohl in andere ent­wickelte Länder als auch in Kolonien und periphere Gebiete) noch die Frage der politischen „Einflußzonen“ von im­perialen Nationalökonomien bzw. Na­tionalstaaten auf und war mit ein Grund für den Ersten Weltkrieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Zahl der Kapitalexporte nicht nur quantitativ zu, sondern es deutete sich auch eine Verkehrung von betriebs­wirtschaftlicher und nationalökonomi­scher Rationalität an: Schon die multi­nationalen Konzerne („Multis“) der siebziger Jahre waren nicht mehr ein­deutig Bestandteile einer nationalöko­nomischen Strategie, sondern ansatz­weise „Staaten in den Staaten“, oder besser gesagt quer zur Staatenwelt lie­gende Fremdkörper; teilweise sogar mit eigenen militärischen Aktivitäten. Der Prozeß der Globalisierung brachte seit den achtziger Jahren auch in dieser Hinsicht eine sprunghafte Beschleuni­gung: „Während in den siebziger Jah­ren die Zahl der multinationalen Un­ternehmen einige hundert nicht überstieg, sind es heute mehr als 40.000. Und das gesamte Geschäftsvolumen der 200 weltgrößten Unternehmen be­trägt mehr als ein Viertel der globalen Wirtschaftstätigkeit. Dabei beschäfti­gen diese 200 Unternehmen nur 18,8 Millionen Menschen, also nicht einmal 0,75 Prozent der Arbeitskraft der Welt“ (Ignacio Ramonet, »Le Monde diplomatique« 1/1997).

Was formal als Kapitalexport zwi­schen Nationalökonomien erscheint, ist längst etwas qualitativ anderes, nämlich die Konstitution eines trans­nationalen Kapitals, dessen betriebswirtschaftliches Kalkül nicht mehr auf einen nationalökonomischen Raum, sondern direkt auf den Weltmarkt be­zogen ist. Bei Siemens überschritt der Anteil der „ausländischen“ Beschäftig­ten in den neunziger Jahren erstmals den der „inländischen“; dasselbe gilt für den Umsatz. Und Sony-Präsident Nobuyuki Idei erklärte offen: „Wir sind keine japanische Firma. Wir sind ein globales Unternehmen, das seinen Sitz nur aus historischen Gründen in Japan hat. Nur 30 Prozent unserer Umsätze kommen aus Japan“ (»Der Spiegel« 5/1997). Aber dieses neue „globalitäre Regime“ (Ramonet) des Kapitals ist ebensowenig wie die Steigerung der Exportquoten von Waren eine reines Entwicklungsphänomen, sondern ge­trieben von der strukturellen Krise und seinerseits diese Krise treibend. Auf die Flucht der Waren in den Export folgt logischerweise die Flucht des Kapitals auf die global verstreuten „Wachstum­sinseln“. Dabei wird mitnichten ein neues und zusätzliches Terrain der Kapitalakkumulation geschaffen. Denn zum einen führt die als „Kapitalex­port“ firmierende Globalisierung der Investitionen in der Regel nicht zu Neugründungen, sondern zum Aufkauf und „Ausschlachten“ bereits existie­render Unternehmen, die entweder durch Rationalisierung ausgedünnt oder überhaupt stillgelegt werden, weil sie nur zwecks Ausschaltung von Kon­kurrenz erworben wurden.

Zum andern beschränkt sich die globale Diversifikation nicht darauf, an verstreuten Standorten für die dor­tigen Märkte zu produzieren. Vielmehr hat sich bei den globalen Unternehmen ein mikroelektronisch vernetztes Ver­bundsystem sogenannter „transnatio­naler Wertschöpfungsketten“ entwickelt, das für beliebige Märkte produzieren kann: Während die arbeitsinten­sive Produktion in Polen oder China und die automatisierte Endmontage in Deutschland läuft, die Betriebsabrech­nung in Indien abgewickelt wird, die Forschung in den USA sitzt und die Steuern in Belgien oder auf den Kayman-Inseln anfallen, kann das Produkt dieser Kette in Deutschland ebenso wie in Japan oder in einer Kaufkraft-Ni­sche in Nairobi auf den Markt kom­men.

Über die rein technischen Potenti­ale der mikroelektronischen Revolution hinaus potenziert die Dynamik der Globalisierung die Ausdünnung sämt­licher Produktionslinien durch „Weg­rationalisieren“ ganzer Ebenen der Unternehmensstruktur. In einem Eskalationsprozeß verschärft sich daher die Krise von Arbeit und Realakkumulati­on dramatisch. Die auf der ganzen Welt in immer neuen Schüben sinkende Massenkaufkraft erzeugt sowohl bei den Kapitalinvestitionen als auch bei der Warenproduktion den Zwang zur galoppierenden globalen Diversifikati­on, aber durch den Verdrängungswett­bewerb auf einer immer schmaleren Basis. Jede neue Runde der Globalisie­rung ist von massenhafter Kapitalver­nichtung begleitet.

Diese Kapitalvernichtung macht aber nicht wie in früheren Entwick­lungsstadien des Kapitalismus den Weg frei für einen neuen säkularen Akku­mulationsschub durch neue Industrien. Es handelt sich also nicht um eine im kapitalistischen Sinne „schöpferische Zerstörung“ (Schumpeter). Denn die mikroelektronische Rationalisierung, betriebswirtschaftlich durch den Me­chanismus der globalisierten Konkur­renz erzwungen, ätzt die lebendige Ar­beit als einzige gesamtkapitalistische Wertschöpfungsquelle immer schneller weg und überholt die Expansionsfähig­keit aller neuen Produkte bei weitem. Die Globalisierung stellt so nur für ein­zelne Unternehmen (von ihrem be­triebswirtschaftlich bornierten Stand­punkt aus) vorübergehend eine Erwei­terung ihrer Märkte dar, nicht jedoch für das Gesamtkapital. Der Kapitalis­mus wird zum autokannibalistischen System.

Die Kompetenz der Staaten gegen­über der Ökonomie verfällt auf diese Weise weiter. Sie müssen nicht nur die Exportindustrien einseitig fördern, sondern sogar zunehmend darum bet­teln, daß das in seinem Überlebens­kampf transnational gewordene Kapi­tal auf dem Territorium ihres „Stand­orts“ überhaupt noch eine Produktion für den Weltmarkt betreibt und nicht anderswohin abwandert, wo die Bedin­gungen kostengünstiger sind. Statt „ihre“ jeweils eigenen Exportindustri­en irgendwie politisch dirigieren zu können, müssen die Staaten durch Steuerdumping, Sozialdumping und Ökodumping untereinander um die Gunst der transnationalen Kapitalin­vestitionen konkurrieren. Der Staat verliert also de facto seine Steuerhoheit und seine Souveränität in großen Teilen der Gesetzgebung.

Fiktives Kapital und transnationale Finanzmärkte

Die Abwärtsspirale des kapitalisti­schen Systems über Rationalisierung und Globalisierung verstärkt sich durch die Verselbständigung des (zins­tragenden) Geldkapitals gegenüber der realen Warenproduktion. Weil die Real­akkumulation lahmt und Erweiterungs- bzw. Arbeitsplatz-Investitionen immer weniger rentabel werden, drängt seit Beginn der achtziger Jahre eine wachsende Masse von Geldkapital aus den jeweils vorangegangenen Repro­duktionsperioden in den reinen Fin­anzüberbau. Waren schon die „fordistische Kohärenz“ und die keynesianische Regulation nur durch eine ständig stei­gende Kreditzufuhr und damit einen Vorgriff auf „zukünftige Arbeit“ mög­lich gewesen, so findet nun eine unmit­telbare „positive Rückkoppelung“ des Geldkapitals auf sich selber statt. Das Geld als Ware, das eigentlich nur in Form von Krediten für die Produktion von realen Waren kapitalistisch fungie­ren kann, tritt scheinbar auf gleicher Ebene neben die realen Waren und durchläuft einen eigenen inhaltslosen „Produktionsprozeß“. In demselben Maße, wie sich das Realkapital auto-kannibalistisch selber auffrißt, wächst spiegelbildlich das reine, den Finanz­überbau nicht mehr verlassende Geld­kapital an und simuliert auf diese Wei­se einen ungestört weiterlaufenden Ak­kumulationsprozeß. Die Verwertung des Geldes verlagert sich also zuneh­mend simulativ auf das „fiktive Kapi­tal“ (Marx) der spekulativen Finanz­märkte (Aktien-, Immobilien- und De­visenspekulation, Finanzderivate) und suggeriert die Möglichkeit eines sub­stanzlosen Wachstums, das gar nicht mehr den Umweg über die betriebs­wirtschaftliche Vernutzung menschli­cher Arbeitskraft nimmt.

Gerade auf diesem Sektor des „fik­tiven Kapitals“ ist die Globalisierung am weitesten vorangeschritten. Die mi­kroelektronische Revolution hat finan­zielle Transaktionen unabhängig von Entfernungen und Zeitzonen in „Echt­zeit“ möglich gemacht, weil „körperlo­se“ elektronische Buchungsimpulse im Unterschied zu realen Waren und Dienstleistungen keinerlei Kapazität und Zeit für Produktion und Transport benötigen. Mit dieser technischen Mög­lichkeit und unter dem Verwertungs­druck des „fiktiven Kapitals“ haben sich transnationale Finanz- und Spe­kulationsmärkte herausgebildet, die praktisch exterritorial funktionieren und den Staaten das letzte Szepter ökonomischer Souveränität entreißen: die Geldhoheit und Geldpolitik der na­tionalen Notenbanken. So groß ist die Masse des tagtäglich auf globaler Ebe­ne frei zirkulierenden Geld- und Spe­kulationskapitals geworden, daß die Notenbanken selbst mit konzertierten Aktionen nicht mehr dagegen interve­nieren können.

Gleichzeitig wird die Handlungsfä­higkeit des Staates gegenüber den transnationalen Finanzmärkten da­durch gelähmt, daß er von der Zufuhr des Kredits aus diesem Bereich immer abhängiger wird, weil sich sein finan­zieller Spielraum binnenökonomisch von Jahr zu Jahr mehr verengt. Durch die Globalisierung tendieren die Steu­ern aus Vermögen und Gewinnen gegen Null, sodaß die verbliebenen Lohnein­kommen bis über die Schmerzgrenze belastet werden und das Steueraufkommen dabei weiter sinkt, weil ein stetig wachsender Teil der Bevölkerung aus der kapitalistischen Reproduktion ausgespuckt wird. Die absolute Masse der Verarmung wächst schneller als die Kürzung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe, sodaß die Sozialkosten trotzdem steigen. Allen antisozialen Sparmaßnahmen auf Kosten der Bevölkerung zum Trotz explodiert die Staatsverschuldung weltweit, während die na­tionalen Sparquoten längst nicht mehr ausreichen.

Das „fiktive Kapital“ wird so auf einer zweiten Ebene noch einmal fiktionalisiert, indem sich die Staaten auf den transnationalen Finanzmärkten hemmungslos verschulden und die Ein­nahmen einer immer ferneren Zukunft schon heute verbrauchen. Dasselbe gilt für die global zunehmende Verschul­dung der Produktionsunternehmen und der Konsumenten, die im Unterschied zu den Zeiten fordistischer Akkumula­tion nicht mehr durch langfristige Ge­winne und Einkommen abgesichert ist. Während die Last der Verzinsung auf allen Ebenen eine „Schuldenkrise“ nach der anderen hervortreibt, wächst das substanzlose transnationale Geld­kapital ungebremst weiter. Die Rendi­ten aus dem verselbständigten Geldge­schäft sind realökonomisch unerreich­bar. So investieren nicht nur die großen institutionellen Anleger wie Pensions­fonds und Versicherungsgesellschaften, sondern auch die großen Konzerne, die staatlichen oder kommunalen Verwal­tungen und Privatleute vorrangig in den Blähungsprozeß der Finanz- und Spekulationsmärkte.

Auf der einen Seite bricht die reale Reproduktion von Staaten, Unterneh­men und Privathaushalten weg, auf der anderen Seite rechnen sich diejenigen reich, die vorläufig im „Kasinokapita­lismus“ noch mithalten können. In der ganzen Gesellschaft macht sich eine „Kultur der Simulation“ breit, die auch den postmodernen Geistesbetrieb prägt. Die Aktiengesellschaften wer­den mit dem Konzept des „Shareholder value“ dazu gezwungen, im Interesse kurzfristiger und rein spekulativer An­leger zur Substanzverschleuderung überzugehen, nur um die Aktienkurse permanent nach oben zu treiben. Über­haupt wird die ganze Gesellschaft dar­auf ausgerichtet, sich vollständig und bedingungslos den Interessen der Be­sitzer und Verwalter von Geldkapital zu unterwerfen. Aber diese scheinbar überwältigende Macht des neuen trans­nationalen Finanzkapitalismus ist hohl. Denn im Unterschied zum alten Finanzkapital der fordistischen Epo­che forciert der „Kasinokapitalismus“ nicht die Realakkumulation, sondern muß so tun, als könne er sie ersetzen. Auch die Globalisierung des Geldkapi­tals ist keine eigene neue Entwick­lungsstufe des Kapitalismus, sondern eine Verlaufsform seiner Selbstzerstö­rung.

Südostasien: das entzauberte Wunder

Manche Beobachter neigen zu der Ansicht, daß die Globalisierung des Kapitals nur für die alten Industriege­sellschaften des Westens als Krise er­scheint und in Wirklichkeit den Schwerpunkt der Realakkumulation nach Südostasien verlagert. Angeblich ist das „pazifische Jahrhundert“ des jungen und hungrigen asiatischen Ka­pitalismus angebrochen, der ein neues „konfuzianisches Modell“ kreiert und das „kulturelle Kapital“ (Bourdieu) seiner spezifischen Traditionen für eine dem Westen überlegene Akkumulati­onsform ausmünzt: Vollbeschäftigung und Knappheit der Arbeitskraft statt Massenarbeitslosigkeit, zweistellige Wachstumsraten statt Dauerstagnati­on, nationale Erfolgsstories der Globa­lisierung statt Krise der Nationalöko­nomie, starke Staatsregie statt Souve­ränitätsverlust gegenüber dem trans­nationalen Kapital.

Solche Einschätzungen lassen sich grob vom Augenschein einer schon wieder vergehenden Oberfläche der Entwicklung täuschen. Mit Ausnahme Japans, dessen Industrialisierung par­allel zur westlichen lief, operiert kein einziger der südostasiatischen Newco­mer mit einer mikroelektronisch hoch­gerüsteten Maschinerie, die auf hohe Produktivität ausgerichtet ist, weil sie diese Ausrüstung weder selbst herstel­len noch für ihre gesamte Industrie be­zahlen können. Damit verfehlen sie das entscheidende Kriterium dauerhafter Konkurrenzfähigkeit von vornherein. Südostasien wirft kein neues „Akku­mulationsmodell“ in die Waagschale, sondern eine prekäre Kombination aus Billiglohn und heruntermanipulierten Wechselkursen für die „Exportindu­strialisierung“.

Soweit es sich dabei um ein „Mo­dell“ handelt, ist es ein primitives mit einer äußerst kurzsichtigen Kalkulati­on, das zu einem schnellen Ausbrennen verurteilt ist. Wenn ein Land mit tau­send Arbeitern und altfordistischer Basistechnologie soviel produziert wie ein einziger westlicher Arbeiter in ei­nem automatisierten High-Tech-Ag­gregat und dieses Produkt trotzdem auf den Weltmärkten durch Armuts­löhne und niedrige Wechselkurse billi­ger anbieten kann, dann handelt es sich dabei um einen (vorübergehenden) äu­ßerlichen Vorteil, aber um keinerlei zu­sätzliche Realakkumulation. Denn weil „Wert“ ein relativer Begriff ist, der sich auf den Maßstab eines gegebenen und nur nach oben veränderlichen Produk­tivitätsniveaus bezieht, schöpfen die tausend kein bißchen mehr Wert als der eine. Von einem neuen historischen Ak­kumulationsschub in Südostasien kann also keine Rede sein.

Berauscht von den schnellen Erfol­gen ihres vermeintlichen „Modells“ ha­ben die asiatischen Tigerländer mecha­nisch eine Erweiterungs-Investition an die andere gereiht. Der hohe Kapi­taleinsatz diente so gut wie gar nicht einer Erhöhung der Produktivität, son­dern war von einem ebenso hohen Ein­satz billiger Arbeitskraft begleitet. Selbst wenn die Tigerländer High­-Tech-Produkte wie Chips und Unterhaltungselektronik herstellen, beherr­schen sie nur einen Bruchteil der Fertigungstiefe und müssen die wichtigsten Maschinen importieren. Die Infra­struktur, deren unproduktiven Kosten­druck man umgehen will und die des­halb vernachlässigt wird, bleibt weit hinter den Anforderungen der einseiti­gen Exportproduktion zurück und ist hoffnungslos überlastet. Es existieren keinerlei moderne Sozialversicherungssysteme; stattdessen verläßt man sich auf archaische Familienverbände und die Garantie lebenslanger Arbeits­plätze in den „Betriebsfamilien“ der Exportindustrie.

Dieses „Modell“ ist bereits in sein Verfallsstadium eingetreten. Durch den gemessen am Weltniveau völlig über­höhten Faktoreinsatz der Arbeitskraft wird diese knapp und damit rapide verteuert; die zweistelligen Wachs­tumsraten der Löhne etwa in Südkorea signalisieren aber nicht eine dauerhaf­te Angleichung des Lebensstandards an ein erreichtes Erfolgsniveau, son­dern ein Eckpfeiler des bisherigen Preisvorteils auf dem Weltmarkt zer­bricht. Gleichzeitig wird durch die be­nötigte zunehmende Einfuhr westlicher und japanischer Technologie der für den Export heruntermanipulierte Wechselkurs zum Bumerang, denn da­durch verteuern sich die Importpreise. Nach zeitweiligen Überschüssen ex­plodiert neuerdings das Handelsbilanz­defizit der Tigerstaaten, die rasch in eine neue Schuldenfalle schlittern.

Die bisher nationalen Ex­portkonzerne flüchten in diesel­be globale Diversifizierung wie ihre westlichen und japanischen Kollegen, während „zuhause“ die „Betriebsfamilie“ aufgekün­digt wird und Massenentlassun­gen anstehen. Gleichzeitig löst sich unter dem Eindruck von Globalisierung und kapitalisti­scher Individualisierung der alte Familienverband auf, ohne daß auch nur das rissige Auffangnetz der westlichen keynesianischen Auslaufmodelle zur Verfügung steht. Die Welt wird in naher Zu­kunft nicht die Erfüllung des „pazifischen Traums“ erleben, sondern ein schreckliches „blaues Wunder“, mit dem die allzu billige Hoffnung des süd­ostasiatischen Kapitalismus sich in Blut und Tränen verwandelt.

Das Ende der bürgerlichen Zivilisation

Im Krisenprozeß der Globalisierung hört der Staat auf, der „ideelle Ge­samtkapitalist“ eines nationalökono­mischen Kapitalstocks zu sein. Damit verschwindet aber der Nationalstaat nicht einfach, denn seine Funktionen als Garant der Rechtsverhältnisse und Vertragsbeziehungen bürgerlicher Sub­jekte, als Organisator der Verwaltung und Infrastruktur, vor allem aber als Träger des Gewaltmonopols bleiben auch für die Reproduktion des globali­sierten Kapitals unerläßlich. Es ent­steht ein neuer Selbstwiderspruch des Kapitalismus, denn das transnationale Kapital schlägt dem Staat die Mittel für seine Funktionen aus der Hand, auf die es selber angewiesen bleibt.

Auch dieser immanente Wider­spruch nimmt eine naturwüchsige Ver­laufsform: Sukzessive geben die Staa­ten ganze Regionen und Bevölkerungs­teile auf. Jedes Jahr fallen neue Men­schenmassen aus der kapitalistischen Reproduktion, aus der Statistik, aus den Rechtsverhältnissen und de facto aus der Staatsbürgerlichkeit heraus. Verwaltung und Infrastruktur nehmen überall eine koloniale Struktur an, das heißt sie konzentrieren sich mangels Finanzierungsfähigkeit auf die Stand­ort-Regionen und Bedürfnisse des transnationalen Kapitals, während der Rest verfällt und verrottet. An die Stel­le der bürgerlichen Öffentlichkeit tritt eine Art Skizirkus oder Seifenoper kommerzieller Medien. Gleichzeitig verhärtet sich der Sicherheitsapparat, der die Massen der Herausgefallenen zunehmend militärisch in Schach hal­ten muß.

Graffiti in Berlin

Die bürgerliche Zivilisation löst sich auf und geht in eine sekundäre Barbarei über. Überall wird die Mittel­klasse aufgerieben, während sich die schrumpfende Zahl der „Gewinner“ in perversen Sicherheitsghettos einigelt. Die Gesellschaft polarisiert sich und treibt in einen latenten oder manife­sten Bürgerkrieg ohne emanzipatori­sche Front. Auf der einen Seite lebt auf den Inseln des transnationalen Kapi­tals hinter Stacheldraht und von Pri­vatarmeen beschützt ein ignoranter Menschentyp der Globalisierung, der die überall gleichen Bungalows be­wohnt, die überall gleichen Flughafen­-Terminals und ICE-Trassen benutzt, seine Kinder auf die überall gleichen Privatschulen schickt und eingehüllt ist in die überall gleiche flache Telekom-Kultur, die in eine einzige durch­gehende Werbesendung überzugehen scheint. Die Loyalität dieses neuen transnationalen Herrenmenschentums gehört der eigenen abstrakten Indivi­dualität und danach dem jeweiligen betriebswirtschaftlichen Bezugssystem („Made by Mercedes“). Den Verlierer­massen gegenüber entwickelt sich die Haltung eines militanten Sozialdarwi­nismus.

Auf der anderen Seite wächst aus der neuen Armut und Verslumung die nicht weniger barbarische Gegenreak­tion des Sozialnationalismus und Ethnizismus, mit der die fordistisch-sozialstaatlichen Gratifikationen kontra­faktisch eingeklagt werden durch Haß­gesänge der Konkurrenz gegen andere Herausgefallene und gegen Minderhei­ten (Ausländerfeindlichkeit, „Deutsch­land zuerst“, „Festung Europa“ usw). Viele Menschen flüchten sich auch in die vermeintliche Geborgenheit religi­öser Sekten und in die irrationale Mili­tanz fundamentalistischer syntheti­scher Religionsbewegungen. Die Solidarität als systemkritische Aufhebung der Konkurrenz ver­fällt, weil sie keinen ideellen Fo­kus mehr bilden kann. An die Stelle von Reflexion und emanzi­patorischer Rebellion tritt auch bei den Verlierern die Orientie­rung an den Bildern des kom­merziellen Zirkus der Medien, die das Denken und das Lebens­gefühl in den beiden sonst her­metisch getrennten Welten der Globalisierung verbinden und auf deren Wellen die neuen „post­politischen“ Rattenfänger vom Typus Haider oder Berlusconi surfen.

Natürlich ist dieser Zerfall der mo­dernen bürgerlichen Zivilisation welt­regional unterschiedlich weit fortge­schritten und frißt sich langsam von der Peripherie in die Zentren voran. Die alte Ungleichzeitigkeit der Ent­wicklung macht sich auch im Untergang bemerkbar. Aber der Imperialis­mus der Zentren ist kein nationaler mehr und richtet sich nicht mehr auf die Annexion von Territorien und die Bildung von „Einflußzonen“. Interes­sant für das transnationale Kapital sind nicht nationalstaatlich kontrol­lierte Großregionen, sondern allein die global verstreuten Produktivitäts- und Kaufkraftinseln, die gegen Ausbrüche der Verzweiflung, Massaker und Bür­gerkriege durch eine gesamtimperiale (euphemistisch als „Friedenssiche­rung“ bezeichnete) „Weltpolizei“ ge­schützt werden sollen. Dieser globali­sierte „negative“ Imperialismus, der schon in der Nachkriegsordnung der „Pax Americana“ vorbereitet wurde und den weiterhin hauptsächlich die USA tragen, ist am ehesten noch mit der gemeinsamen imperialen Interven­tion in China zu Beginn des Jahrhunderts vergleichbar, und auch die deut­sche Militärbeteiligung entspricht die­sem Charakter („Germans to the front“) und entspringt keiner nationalpoliti­schen Strategie mehr.

Umgekehrt verfallen auch die frü­heren antiimperialistischen Bewegun­gen der „nationalen Befreiung“, denn ihre Zielsetzung einer selbständigen nationalökonomischen Teilnahme am Weltmarkt wird gegenstandslos. Ihre Überreste verdingen sich entweder an die Institutionen des transnationalen Kapitals und seiner Agenturen oder sie verwildern ebenso wie die Polizei- und Militärapparate in vielen Ländern, die von den Staaten nicht mehr bezahlt werden können und die sich ihren Plünderungszoll nehmen, wo sie ihn kriegen können. Sowohl die eingeigelte Pseudo-Zivilisation der Globalisierung als auch die postpolitischen Zerfalls­produkte des Ethnizismus und religi­ösen Fundamentalismus werden von mafiotischen Strukturen einer neuen Kriminalität durchsetzt, die sich gleichfalls transnational organisiert und den zerfallenden Kapitalismus be­erbt, ohne eigene Reproduktionsformen aufbauen zu können. Im Endstadium dieser Entwicklung verschwinden auch die Inseln des ghettoisierten Geldkapi­tals in einer Flut von ziellosen Banden­kriegen, wenn sie nicht vorher schon von der Entwertung des „fiktiven Ka­pitals“ ereilt werden.

Ignoranz und Krise der politischen Linken

Die linke und reformerische Gesell­schaftskritik hat sich durch ihre akkumulations- und krisentheoretische Ignoranz längst selber paralysiert. Da die Linke den Untergang des Staatsso­zialismus ebenso wie die neoliberalen Ideologen als „Sieg“ der westlichen Marktwirtschaft mißverstand und nicht als Moment einer gemeinsamen Krise des modernen warenproduzie­renden Systems in allen seinen (histo­risch ungleichzeitigen) Erscheinungs­formen dechiffrieren konnte, ist ein Großteil der ehemaligen Gesellschafts­kritiker unter der Fahne eines angebli­chen „Realismus“ zur genuin westli­chen Marktwirtschaft übergelaufen. Statt den Zusammenhang zwischen der inneren Krise der kapitalistischen Re­produktion, der Globalisierung des Kapitals und den weltweiten sozialen Erschütterungen und Bürgerkriegen herzustellen, verteidigt man defensiv die vergehende kapitalistische Norma­lität der Metropolen. Das neue Motto dieser „Realisten“ heißt „Kapitalismus oder Barbarei“, und im Namen dieser Parole einer fundamentalen Unwahr­heit läßt man sich einschwören auf die Interventionen der kapitalistischen „Weltpolizei“ und kürt so den Bock zum Gärtner.

Aber auch die verbliebene Linke stellt bloß noch eine leere Hülle ver­gangener Gesellschaftskritik dar, die sich von den billigen Ergüssen bürger­licher Mahner und Warner kaum noch unterscheidet. Der krisentheoretische Analphabetismus will Ursache und Wirkung verdrehen, um eine „falsche Politik“ statt die objektive innere Schranke der Realakkumulation für die Krise verantwortlich zu machen. Exemplarisch für diesen verkürzten Blickwinkel ist das Buch „Die Globali­sierungsfalle“ (1996) der beiden »Spiegel«-Journalisten Hans-Peter Martin und Harald Schumann, die kunterbunt und begriffslos die Erschei­nungen aneinanderreihen, um zu dem Schluß zu kommen, die Globalisierung folge „keineswegs einem Naturgesetz oder einem linearen technischen Fort­schritt“, sondern sei „vielmehr das Er­gebnis einer seit Jahrzehnten bewußt durchgeführten Regierungspolitik“ (S. 152).

Das ist durchwegs auch die Argu­mentation der akademischen und poli­tischen Linken. Übertroffen wird diese Ignoranz nur noch von einer kontra­faktischen Verzweiflungstheorie, in der BRD neuerdings vertreten von einigen linkskeynesianischen Wissenschaftlern und altlinksradikalen Politikern wie Rainer Trampert und Thomas Eber­mann, die schlankweg die Existenz von Krise und Globalisierung bestreiten. So wird etwa die Gesamtsumme aller Investitionen unabhängig von ihrem Charakter ins Feld geführt, um zu „be­weisen“, daß der Anteil der Auslands­investitionen „immer noch“ relativ ge­ring sei. Daß die deutsche öffentliche Hand Straßen nicht in Frankreich baut, ist freilich ebenso selbstverständlich und für die Globalisierung irrelevant wie die Tatsache, daß die meisten pri­vaten BRD-Bauherren ihre Häuser nicht in China errichten. Relevant sind die Investitionen des produzierenden Gewerbes als Herzstück der Realakku­mulation, und diese sind in der BRD die ganzen neunziger Jahre hindurch gefallen, während die transnationalen Investitionen in derselben Zeit nach oben schossen. Erst recht ist es kein Argument gegen die Globalisierung, daß das transnationale Kapital haupt­sächlich innerhalb der industriell ent­wickelten Weltregionen (EU, USA, Ja­pan) investiert und erst in zweiter Linie in den Schwellenländern. Das ändert nichts daran, daß sich die bisherigen Nationalökonomien auflösen.

Mit derart peinlichen Verdrän­gungskünsten wird die linke Begriffs­bildung zu einer Art UFO-Religion oder Hohlwelttheorie. Dem entspricht der Köhlerglaube an die (ihrem Begriff nach nationalstaatlich gebundene) po­litische Sphäre des warenproduzierenden Systems: „Die Rückgewinnung der politischen Handlungsfähigkeit, die Wiederherstellung des Primats der Po­litik über die Wirtschaft ist (...) die zen­trale Zukunftsaufgabe“ (Martin/Schumann, S. 223). Diese Hoffnung wird zum Warten auf Godot und führt zur Adaption an den grassierenden Sozialnationalismus als keynesianischer Ver­fallsform. Wie der rechte endet auch der linke Meinungsumfragen-Populis- mus mit dem Ohr am Puls der Massen­barbarei, statt den Fokus einer neuen emanzipatorischen Gesellschaftskritik zu bilden.

Der fordistisch-keynesianischen Epoche, ihrer bürgerlich-demokrati­schen Massensubjektivität, ihrer poli­tischen Regulation und ihren Umver­teilungsformen nachzutrauern, ist ebenso reaktionär wie es naiv ist, mit der Parole „Es ist genug Geld da“ das global zirkulierende „fiktive Kapital“ für einen neuen Boom reeller kapitali­stischer Warenproduktion anzapfen zu wollen. Ein derartiges Revival der politischen Regulation würde nur den so­wieso fälligen Entwertungsschock beschleunigen. Was die dritte industrielle Revolution der Mikroelektronik auf die Tagesordnung setzt, ist ein historischer Paradigmenwechsel radikaler Gesellschaftskritik.

Statt immer kläglicher nach „Ar­beitsplätzen“ zu winseln, ist das Sy­stem der „abstrakten Arbeit“ samt sei­ner destruktiven betriebswirtschaftli­chen Rationalität grundsätzlich in Fra­ge zu stellen. Das bürgerliche Wechsel­spiel von Markt und Staat bzw. Politik geht zu Ende. Soziale Emanzipation ist nur noch möglich jenseits von Markt und Staat, als transnationale Gegenbe­wegung einer Entkoppelung der Res­sourcen von den fetischistischen For­men des warenproduzierenden Sy­stems. Wie sagte doch Karl Marx so schön? „Hic Rhodus, hic salta“!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1997
Heft 1/1997, Seite 15
Autor/inn/en:

Robert Kurz:

Geboren 1943 in Nürnberg, gestorben 2012 ebenda. Studierte Philosophie, Geschichte und Pädagogik. Mitbegründer der Zeitschriften „Krisis“ und „EXIT!“, freier Autor und Journalist. Mitbegründer der „wertkritischen“ Kapitalismuskritik.

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