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Peter Oberdammer

Corona, Krise und das gute Leben

Impressionen, Assoziationen, Reflexionen

In den Geschichtsbüchern des 21. Jahrhunderts wird mit großer Sicherheit eine „Corona-Krise“ vermerkt werden. So tief die Krise werden könnte, so zufällig der Name. Die Pandemie ist einer der Auslöser nicht ihre Ursache. Das Coming Out einer Finanz-Krise war überfällig, seit Jahren erzählen Ökonomen, dass die nächste Blase platzt, und die seit Jahrzehnten zu beoachtende spiralförmige Vertiefung des Krisenprozesses verspricht eine Steigerung gegenüber 2008. Anzeichen dafür mag sein, dass die Ankündigung eines Null-Zinsatzes und eines neuen QE (Quantitative Easing)-Programms von $ 700 Milliarden durch die Fed die Börsianer in ihrem Run nicht einmal inne halten hatte lassen. Inzwischen beziffern Medienberichte die Krisenpakete von US-Regierung und Fed mit sechs Billionen Dollar, und abgesehen von gewissen Schwankungen kümmert es den Markt wenig. Wen wunderte das?
Diese Instrumente hatten seit 2008 nichts Grundsätzliches verändert, sondern nur zugedeckt, was die Krise antreibt. Eine explodierende Produktivität kann der grenzenlosen abstrakten Wertvermehrung immer weniger dienen und treibt den ‚Wert heckenden Wert‘ in die fiktiven Welten des globalen Kasinos. Aber die Realitäten sehen immer wieder einmal hämisch durch die Fenster des Spielsaales und stören die Party. Die Ökonomen sprechen von einer Berichtigung des Werts, möge es auch eine der Realitätswahrnehmung werden.

Corona dürfte der letzte Strohhalm gewesen sein, der den Rücken des Kamels brach (Vgl. Norman Lewis, 17.3.2020). Das Virus scheint nicht gefährlicher als andere Epidemien zu sein, soweit man dies nach den bisherigen Todesraten beurteilen kann, und seine Wirksamkeit eher der Immunschwäche der befallenen Patienten — ältere und Herzkreislaufpatienten sind etwa besonders gefährdet — und seine Prominenz jener der globalisierten spätmodernen Gesellschaft schulden, sowie der drastischen Reaktion vieler Regierungen. Eine Seuche mag den Duft von Apokalypse besonders stilecht verbreiten, aber eine ganze Reihe von polit-ökonomischen Geburtshelfern stehen ebenfalls bereit: Der Ölpreiskrieg der Saudis, die — ob aus strategischen Gründen oder, weil ihnen das budgetäre Wasser bis zum Hals steht — ihr schwarzes Gold zu Dumpingpreisen verschleudern, der kaum ausgestandene Handelskieg der beiden größten Volkswirtschaften, die permanente Sanktionsspirale gegen alles und jeden, sowie sich verschärfende geopolitische Konflikte mögen das Datum der Geburt mitbestimmt, nicht die ohnehin schon über ein Jahrzehnt währende Schwangerschaft verursacht haben. Freilich könnten dieses Mal Einiges anders als bei den bisherigen spätmodernen Finanzkrisen sein.

1. Krise des Werts

Die rigorosen Gegenmaßnahmen gegen die Seuche haben jedenfalls eine besonders fokussierende Wirkung, da Vieles, was ansonsten in vergleichbaren Krisen über einen längeren Zeitraum zum Stillstand gekommen war, mit einem Schlag gestoppt wurde. In einer Ökonomie, die auf Kapitalvorschuss und Umschlagsgeschwindigkeit beruht, kann Zeit ein entscheidender Faktor sein.

Die Maßnahmen der Regierungen zielen nicht nur auf die Stabilisierung der Wertgenerierung, sondern vorerst den — tatsächlichen oder vermeintlichen — Schutz ihrer biologischen menschlichen Basis, ob mit gutem Grund oder aus Panik. Vorrangig dient dazu die Einschränkung der sozialen Kontakte, die in dieser Gesellschaft großteils mit Konsum gekoppelt sind, was nun umso mehr ins Auge springt. Der Konsum wird in dieser Krise somit nicht nur durch eine sinkende Kaufkraft — dies ständiger und unvermeidlicher Begleiter großflächiger Vernichtung fiktiver Werte an den Börsen — in der Realwirtschaft eingeschränkt, sondern auch ganz „außerökonomisch“ durch Staatseingriffe zur Verminderung der Ansteckungsgefahr. Mit anderen Worten, vorhandene Kaufkraft darf nicht mehr konsumieren oder bekommt wenig Gelegenheit dazu. Internetshopping wird nicht alle realen Transaktionen ersetzen können, und schon gar nicht das „Einkaufserlebenis“. Nichts ist dieser Tage anschaulicher als der Besuch eines Einkaufszentrums. Diese innerstädtischen Tempel des Konsumkults werden nämlich zum ganz überwiegenden Teil von jenen Branchen bespielt, die gerade nicht unter „lebenswichtig“ firmieren. Konsum ist heute eben zum aller größten Teil eine System- nicht eine Lebensnotwendigkeit.

Traditionelle Ökonomen von der keynesianischen Sorte betrachten die Krisen der letzten Jahrzehnte in der Regel als solche der Unterkonsumtion, und mit ihnen größere Teile der umverteilungsfixierten traditionellen Linken. Wenn man die Produktion außen vor lässt und die Betrachtung auf den kleinen Ausschnitt des Marktdiagramms einschränkt, kann man es so sehen. In dieser Sicht sind die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronakrise geradezu Öl ins Feuer. Dass die Konsequenzen des Shut Downs vieler Volkswirtschaften „nicht andere sein würden als diejenigen, die sowieso zu erwarten gewesen sind“, wie Emmerich Nyikos meint, ist zumindest in quantitativer Hinsicht nicht ausgemacht, und wird davon abhängen, wie lange die „Gesundheit-vor-Wachstum“-Pose aufrecht erhalten werden wird. Derzeitige Datensplitter lassen die Dimensionen erst erahnen.

  • In den USA stiegen laut US-Labor-Department die Neuanträge auf Arbeitslosenunterstützung nur in der letzten Märzwoche 2020 um 3.341.000 auf 6.648.000, „the highest level of seasonally adjusted initial claims in the history of the seasonally adjusted series“, wie die Behörde anmerkt. Das Überschreiten der 10-Millionen Marke wurde für demnächst erwartet.
  • In Östereich ist die Arbeitslosigkeit nur im März um ca. 200.000 Personen gestiegen und näherte sich somit rasch der 600.000-er-Marke. Das ist ein Anstieg um 4,7% im Vergleich zum Vorjahr, die Anzahl der Beschäftigten ist um 4% und die beim AMS gemeldeten offenen Stellen um 20% zurückgegangen. Ende März war die Arbeitslosenrate bei 12,2% angekommen (AMS, 1.4.2020). Die Dimensionen von 2008 verblassen da: „Die um Saisoneffekte bereinigte Zahl der Arbeitslosen stieg von 235.000 Anfang 2009 auf fast 270.000 im Herbst. Danach stabilisierte sich die Situation bis zum Jahresende. Insgesamt war die Zahl der registrierten Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt 2009 um rund 48.000 bzw. 22,6% höher als im Vorjahr (einschließlich Arbeitslose in Kursmaßnahmen +61.600 bzw. +23,4%). Die Arbeitslosenqguote erhöhte sich gemäß österreichischer Berechnungsmethode von 9,8% (2008) auf 7,2%, ...“ (Scheiblecker/WIFO 2010, 327f).

Die gegenwärtig bekannten, kurzfristigen Zahlen sind mit Jahresdurchschnitten nicht streng zu vergleichen, und man kann sich zumindest der Hoffnung hingeben, dass es sich nur um vorübergehende Schwankungen handelt, die im Laufe des Kalenderjahres wieder ausgeglichen werden; dass der Verzicht auf ökonomisch prinzipiell möglichen Konsum jedenfalls eine neue, bisher kaum gekannte Krisenqualität darstellt, zeigen sie dennoch.

Es ist aber genau so wenig ausgeschlossen, dass Corona den Übergang zu einem dauerhaften Krisenregime — im Unterschied zur Wellenförmigkeit der bisherigen Blasenökonomie — markiert.

2. Krise des Fetisch-Glaubens

Das „Systeminteresse“ daran, die neuerliche Krise lieber als „höhere Gewalt“ darzustellen denn als Folge des „Modus operandi des bürgerlichen Systems“ (Nyikos 2020) ist abstrakt natürlich gegeben, darf aber über zwei Umstände nicht hinwegtäuschen:

  • Erstens ist es eine Defensivposition, die anstehende Krise nicht im Rahmen der warengesellschaftlichen Ideologie verarbeiten und verkaufen zu können. Der Anspruch des Kapitalismus war immer, die Zeit der natürlichen Krisen überwunden zu haben, und in technischer Hinsicht ist dies auch nicht unbedingt falsch. Zugeben zu müssen, dass das „überlegene System“, wie es nach dem Ende des kalten Kriegs hieß, einen Virus, vielleicht nur eine bessere Grippe nicht im Griff hat, ist daher kein Ruhmes- sondern ein Feigenblatt, um die eigene Nacktheit zu verdecken. Der Neoliberalismus steht entblösst bis auf seine quasireligiösen Dogmen da, und seine Phrasen von den Heil bringenden Marktkräften können die widerspenstigen Realitäten immer weniger in seine Heilserzählung integrieren. Diese ideologische Schwäche spiegelt natürlich reale wieder, wie etwa ein totgespartes Gesundheitssystem, aber auch eine gewisse Anfälligkeit für Apokalypse-Stimmung auf der Titanic allgemein.
  • Zweitens sollte man aus diesem „Systeminteresse“ nicht auf eine Interessensgleichheit der verschiedenen Akteure schließen. Die Corona-Panik ist auch das Produkt politischer und medialer Eigendynamik und die drastischen Gegenmaßnahmen sind nicht unumstritten. Es hatte von Anfang an Anzeichen für gegenläufige Tendenzen gegeben, zum Beispiel Versuche die Skisaison in Österreich oder den Karnevalswahn in Deutschland von den Anti-Covid-19-Maßnahmen ausnehmen zu wollen, u.a. Die Hardcore-Wachstumsfetischisten mögen von der Dynamik der Pandemie-Panik überrascht gewesen sein, weil sich erst jetzt eine systematische mediale Gegenwehr zu formieren scheint. Neben kruden Wertfetischisten, die einfach nur vorrechnen, dass auch Gesundheit und Lebensjahre einen Preis haben, scheint sich zunehmend die PR-Linie durchzusetzen, gestützt auf medizinische Berichte und/oder vorgetragen von Ärzten potentielle Gesundheitsschäden oder sogar Todesfälle als Folge der Corona-Maßnahmen gegenzurechnen. Den Vogel schießt dabei ab, wer etwa Selbstmorde wegen Arbeitslosigkeit, also dem Mangel des herrrschenden Systems, Menschen anständig zu versorgen, anrechnet. Natürlich kann eine solche Argumentation auf den realen Unsinnigkeiten der Pandemie-Panik aufbauen, allein diese zielt nicht auf mehr Rationalität sondern — gestützt auf die Kampftruppe der gesundheitsökonomischen Jesuiten in der neoliberalen Kirche — die Wiederherstellung der Hegemonie der warengesellschaftlichen Ideologie. Solche Berichte scheinen sich im Moment in der internationalen englischsprachigen Presse schneller zu verbreiten als das Virus und riechen daher ein wenig nach internationalen PR-Agenturen, was durchaus Widerstand von bestimmten Gesellschaftssektoren gegen den Coronazirkus der Politik vermuten lässt.

Nyikos hat zweifellos recht, dass es für die Softcore-Fraktion, der sich bisher viele Regierungen angeschlossen haben, leichter ist, so einschneidende Maßnahmen im Namen der Gesundheit zu rechtfertigen, als den warengesellschaftliichen Dekalog direkt zu verletzen. Eine Arbeitszeitverkürzung ginge sicherlich nicht durch, höhere Gewalt eben schon. Dennoch will mir scheinen, dass das zumindest anfängliche Ignorieren der Postulate des abstrakten Wertfetischs durchaus als Krisensymptom der kulturellen Hegemonie der neoliberalen Endzeitreligion gelesen werden kann. Nicht dass in Rechtfertigungsdiskursen bisher solche „altruistischen Werte“ wie das Allgemeinwohl gefehlt hätten, aber dieses Mal kamen sie zunächst ohne das Ceterum Censeo des Wertfetischs, ob wir uns das auch leisten könnten, daher. Wie viel auch vor Erlassung der Coronamaßnahmen hinter den Kulissen über deren „Wirtschaftsverträglichkeit“ gefeilscht worden sein mag, der eherne Würgeengel namens Finanzierbarkeit, ohne dessen Starauftritt seit Jahrzehnten keine Öffentliche Debatte mehr über die Bühne geht, war zum Statisten degradiert geworden. An der Oberfläche schienen zwei Normenstrukturen relativ unverbunden nebeneinander zu stehen, hie das gesundheitliche Gemeinwohl und dort der Wertfetisch, wobei die Debatte genau umgekehrt als üblich verlief. Ersteres galt als alternativlos, Zweiteres musste man eben stützen, so gut es ging.

Aus diesem Mauerriss im spätmodernen Glaubensgebäude sprossen ungewöhnliche ideologische Blüten: Kurzarbeit bis zu 0 Stunden sollte gefördert werden, Arbeitslosigkeit schien erstmals das Stigma des individuellen Makels der Betroffenen zu verlieren, die Anhebung von AMS-Leistungen, die nicht einmal inflationsgesichert sind, um 25% wurde gefordert. Auch wenn dadurch die Kaufkraft gestärkt werden sollte, sprach niemand von der sozialen Hängematte oder den „falschen Anreizen“. In einigen Ländern wurden Direktzahlungen nicht nur an die Wirtschaft, sondern die betroffene Bevölkerung angekündigt, auch wenn von deren Umsetzung bislang nicht viel zu hören ist. Je nach Schwere und Dauer der Krise könnte sich ein bedingungsloses Grundeinkommen nicht vermeiden lassen. Solche Maßnahmen bleiben natürlich allesamt systemimmanent, aber treiben die Widersprüche zu der herrschenden ideologischen Verfasstheit der Spätmoderne auch voran.

Die Überschriften der Leistungsgesellschaft wurden kurzfristig durch ganz unerhörte und bisher ungehörte Losungen ersetzt. Auf uns und auf unsere Mitbürger sollten wir schauen, mahnte der Staatszeremonienmeister in der Hofburg, wir sollten einander direkt helfen, nicht das BSP steigern, damit wir uns das Sozialsystem leisten können. Was vielleicht der Angst vor der Überforderung der kaputtgesparten Sozialeinerichtungen geschuldet war, klang dennoch fast, als wären der kropotkin’sche KoOp-5- oder der illich’sche ConViv-3-Virus in den Survival-of-the-fittest-Jagdgründen freigesetzt worden. Letzlich verdankt sich die Zuspitzung der Widersprüche der Doppelbewegung der realen Zerfallserscheinungen in allen Sektoren der Gesellschaft auf der einen und der Regression ihrer philosophischen Grundlage zu quasireligiösen Dogmen auf der anderen Seite, aber die Stilisierung der gegenwärtigen Krise als Folge einer Pandemie dürfte zumindest eine Kalaysatorfunktion dabei haben. Ob diese Risse auch solche im Bewußtsein einer größeren Anzahl der spätmodernen Warenmonaden hinterlassen können, oder von der Sorge um die wirtschaftlichen Folgen der „Pandemie“ bald wieder zugespachtelt werden, bleibt abzuwarten.

3. Krise der Verdrängungsökonomie

Business as usual, im privaten Lebensvollzug also consumtion as usual wurde deutlich schwieriger, und manche zur Gewohnheit gewordene Verdrängung der Verhältnisse könnte ohne das tägliche Manna nicht mehr so einfach funktionieren. In der endlosen Kette von Verkaufen und Kaufen — im wörtlichen oder im übertragenen Sinn — sind Leerläufe eingetreten, dem Tauschgeschäft sind engere räumliche und zeitliche Grenzen gesetzt worden, das Hamsterrad stottert oder dreht sich zumindest deutlich langsamer. Dies ist nicht nur der nach außen auffälligste Zug der Corona-Krise 2020, sondern manifestiert sich im Alltag als Unterbrechung, die Fragen aufwerfen und Reflexion ermöglichen könnte.

a) Gesellschaft auf Entzug

Freilich werden viele nur Entzug verspüren; denn der Konsumerismus kennt nur eine Dimension, die Quantität, und tendiert daher immer zu Sucht und Rausch. Kaserniert in den eigenen vier Wänden wird der horror vacui bestmöglich mit Elektronik zu vertreiben gesucht werden. Fernseher und Stereoanlagen werden heiß laufen, alle social media Kanäle mit virtuellem Privatmüll überquellen, und die Scorelevels an den Spielekonsolen kräftig hinaufschnalzen. Aber ohne Location, Event und die Zusammenrottung in Rudeln werden Lücken bleiben, weil die Spektakel der Konsumgesellschaft kollektive Aufführungen sind, die der Selbstvergewisserung des Einzelnen dienen. Was wären diese ohne Voyeurismus! Wir stehen wohl erst am Anfang des Lagerkollers, aber die Auszucker der Junkies sind da und dort schon zu bemerken. Seit zwei Wochen veranstalten bestimmte Nachbarn regelmäßig Open-Air-Events, Fernseher werden noch lauter als sie ohnehin schon waren, es ist ja auch mehr Leere zu verdrängen als bisher, Coronaparties werden gefeiert, und Franz Schandl assoziiert damit zu Recht megacool und gemeingefährlich. Megacool ist nämlich eigentlich immer gemeingfährlich; hier wird es eben besonders augenscheinlich. Megacool sein lebt von dem nie zu gewinnenden Wettlauf um den Kick mit der Langeweile über das ewig gleiche Einerlei der konsumeristischen Idiotie. Es ist kein Gegensatz sondern das eine die nekrophile Fortsetzung des anderen. Die ausgelutschte Suche nach immer neuen „Locations“ und „Themes“ für das ewig Gleiche treibt logisch auf den Friedhof, ins Leichenschauhaus, usw. Da schlägt nichts eine echte Seuche als Ambiente. Nur so kann sich die im Konsum gleichgeschaltete Warenmonade als Idividuum imaginieren. Zumindest für einem Moment auffallen und aus der Masse der anderen hervorstechen. Der letzte Fluchtpunkt solchen Treibens ist allemal die Verachtung des menschlichen Lebens, des eigenen oder dessen anderer. Online-Mörder oder -Selbstmörder, Menschenfresser und Selbstmordattentäter, sie alle suchen ihren Starmoment vor dem Verglühen als Sternschnuppe dieses perversen Universums.

Die Sorge, dass angesichts des momentanen Ausnahmezustands „eifrige Blockwarte ... jede lebendige Regung bei den Behörden anzeigen“ könnten (Franz Schandl 2020), illustriert letztlich ein Dilemma. Viele Zeitgenossen können „lebendige Regungen“ nur mehr als megacoole, gemeingefährliche Kicks imganinieren, die sie als ihr gutes Recht betrachten. Der Aufschrei über eine Verwaltungsstrafe wegen einer Geburtstagsfeier in der Steiermark macht klar, was der spätmodernen Warenmonade heilig ist, sich unterhalten, ablenken und verdrängen zu können. Da steigt sie auf die Barrikaden. Womit sie kein Poblem hat, ist ein wenig mehr staatlicher Überwachung, Zensur, etc. Diese Drecksarbeit macht sie zu einem nicht unerheblichen Teil inzwischen selbst, indem sie ihre Daten so weit verstreut wie sie Viren nie könnte. Und die Zensur sitzt ohnehin im eigenen Kopf.

Gute Unterhaltung für Gesundheit oder gar Leben ist ein Geschäft, das Vielen so unanehmbar nicht erscheint. An David Foster Wallace‘ bitterböse Abrechnung mit der modernen Konsumgesellschaft, den Roman „Infinite Jest“ („Unendlicher Spass“) fühlt man sich erinnert. Dort sterben die Menschen auch für gute Unterhaltung, nämlich bei einem Video, das so amüsant ist, dass man nicht mehr aufhören kann, es zu sehen. Auch ohne Corona-Krise wird die konsumeristische Freizeitgestaltung so ziemlich über alles andere gestellt.

  • Denn erstens ist eine Geburtsagsfeier ohne konsumeristische Ausgestaltung kaum mehr denkbar, dröhnende Beschallung eingeschlossen, und fände sie in der kleinsten Hütte statt, ansonsten dies für Gäste und Gastgeber nämlich peinlich werden könnte. Denn die Konsumgesellschaft hat Menschen hervorgebracht, „die aus Not, aus Angst sich mit ihrem nackten, blassen ‚Selbst‘ zu blamieren, vor allem ‚darstellen‘, Impression-Management betreiben, beruflich, privat und familiär ihre eigenen Schauspieler geworden, und deren Gefühlskultur dabei zusehends ausbleicht“ (Kollmann, 2015).
  • Und zweitens offenbart der Konsumbürger in solchen Situationen so klar wie selten seine Prioritäten. Wer etwa gegenüber solchen Spektakeln ganz uncoole altmodische Ideen wie das Bedürfnis nach Schlaf ins Treffen führen wollte, bekommt dann bestenfalls zu hören, Geburtstagsparties seien ein unveräußerliches Recht, zumindest an Abenden vor arbeitsfreien Tagen. Die Hierarchie ist klar: Zuerst Arbeiten, dann Konsumieren und dann alles andere, Schlafen, Lesen, wirklich Leben.

Der Corona-Shut-Down kann also auch das Tor zu jener Hölle sein, die bekanntlich immer die anderen sind, und fokussieren, was die Konsumgesellschaft an Ungustiösem hervorgebracht hat, inklusive steigender Gewaltraten in den Familien oder sonstwo. Es geht aber auch anders!

b) Unterbrechung mit Aussicht auf das gute Leben?

Die Leerstellen, die der Corona-Shut-Down in den Alltagsspektakeln geschaffen hat, können den einen oder anderen Blick aus den Kulisssen hinaus freigeben. Die grellen Bühnenscheinwerfer sind abgedreht und die Dauerperformenden könnten bei klarer Sicht auf das Auditorium feststellen, dass es aus ihresgleichen besteht. Vielleicht schieben einige ihre Masken eine wenig zur Seite. Denn nichts ist peinlicher als die eigene Peinlichkeit vorgeführt zu bekommen.

In den ersten Tagen des Corona-Shut-Downs war eine spürbare Veränderung im öffentlichen Leben zu bemerken, soweit man daran teilnehmen durfte:

  • Einkaufen war dank Hamsterkäufen etwas mühsamer geworden; für dieselben Lebensmittel benötigt man unter Umständen mehrere Läden, dort geht es aber entschieden entspannter zu. Weniger Kunden und mehr Zeit bei beiden, Käufern und Verkäufern, und ein verbindender Gesprächstoff. Einer an der Supermarktkasse artikuliert sein Misstrauen in die undurchschaubaren Verhältnisse ein wenig verschwörungstheoretisch. Das Klima habe sich eben so verändert, meint seine unbeschäftigte Kollegin an der Nebenkasse, und schließt — wohl aus dem Befall der Atmungsorgane durch die Krankheit — auf einen Zusammenhang. Das sind gängige Versuche, die Verhältnisse zu verstehen, aber nun finden sie in einer Leere statt, die es erlaubt zuzuhören, zu antworten, Umstehende mischen sich ein. Kein Achselzucken und weiter im Rad ermöglicht die altbewährte Flucht vor den kognitiven Dissonanzen. Manche Menschen wirken ungewöhnlich nachdenklich.
  • In einem anderen Geschäft kann die Kassierin und ihre Kundin der Sache etwas Positives abgewinnen. Die Familien hätten nun viel mehr Zeit miteinander, auch wenn dies Konflikte hochkochen könne; natürlich nur bei jenen, die sich nicht so gut verstehen. Immerhin könnte man sich dann einmal aussprechen, und außerdem merke man jetzt, dass Geld nicht alles sei, meint die Geldsammlerin hinter ihrer Kasse.
  • Das Drängeln ist weniger geworden, nur wenn das Fließband vor der Kasse in Reichweite kommt, schaffen es einige nicht die konsumeristischen Reflexe im Zaum zu halten. Je früher man auflegt, umso früher ist man draußen, und Zeit ist eben Geld, so der längst internalisierte Fehlschluss. Die Verkaufsprofis schütteln über die Hamsterei nur den Kopf, und in stofflicher Hinsicht haben sie auch völlig recht.
  • Weniger Verkehr ist möglich, green oder fast lanes will die Präsidentin der EU-Kommission aus dem Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Musterland schaffen. Und der Verkehr ist auch so schon deutlich weniger. Das laute Aufheulen des Motors eines magistratischen Einsatzfahrzeugs auf einer Steigung der Straße genieße ich, bis es im Dopplereffekt entschwindet, es ist schließlich das einzige in einer halben Stunde oder so. Es herrscht nicht Ruhe aber niederschwelliges Dahinplätschern der Straßengeräusche.
  • Viele flanieren den Fußweg an der Liesing entlang, aber ohne Gedränge und ungewöhnlich unspektakulär. Da ist nichts an diesem grauen Wochentag, was an das Treibhausklima erinnert, das sich an sonnigen Sonntagnachmittagen auf der Spaziermeile zu entfalten pflegt, wenn ein freier Tag mit schönem Wetter auf Teufel komm‘ raus „genutzt“ werden will. Laute Stimmen sind von dort zu hören, aber nicht jene hysterischen, die die Kommunikation mit anderen zum sozialen Event und ihre sauer verdiente Freizeit zum Happening machen zu müssen glauben. Es herrscht keine Friedhofsruhe sondern eine gemächliche Emsigkeit mit ein wenig mehr Würde und Gelassenheit als sonst. Für einige Tage sind die üblichen Masken etwas verrutscht, bevor sie allmählich durch die papierenen ersetzt werden; für manche vielleicht eine nicht unwillkommene Gelegenheit, das eingefrorene Verkaufslächeln dahinter entspannen, und sich bei der Kontrolle seiner Mimik in der Öffentlichkeit etwas gehen lassen zu können.

Nein, es ist nicht die Idylle ausgebrochen, und diese Realitäten lugen nur schüchtern zwischen den Kulissen, die gerade nicht bespielt werden, hervor. Das geistige Instrumentarium ist das alte geblieben, und bleibt auch weiterhin bestimmend. In einer Billa-Filiale wird seit Tagen eine besonders günstige Sorte Brot nicht mehr gebacken, und die Erklärung der Filialleiterin klingt nicht im Mindesten plausibel. Eine versteckte Preissteigerung? In einem anderen Geschäft erzählt ein Verkäufer, auf Willhaben wäre eine einzelne Klopapierrolle um Euro 10,- angeboten worden. Nicht nur die Hamsterer, auch die Krisengewinnler sind nach wie vor unter uns. Was vielleicht entstanden ist, ist ein Vorfühlraum dafür, wie es sich jenseits des Hamsterrads anfühlen könnte. Wie weit es ein Denkraum sein kann, bleibt abzuwarten.

4. „Shut down business as usual!“ als Element von Widerstandspraxis?

Alltagserfahrungen im Shut-Down-Modus schlagen dem herrschenden Bild von den Verhältnissen nicht selten heftig ins Gesicht. Nicht zur Arbeit zu gehen, ist ein sozial verantwortliches Verhalten geworden, Arbeitslosigkeit verschmilzt mit Kurzarbeit, die Unterstützung der Betroffenen mit den Stabilisierungsmaßnahmen zur Krisenbewältigung. Das AMS will von seinen Kunden nichts sehen, kann es locker verschmerzen, diese ein paar Monate nicht zu „betreuen“ und demonstriert so, welche entbehrlichen Rituale Arbeitssuche und Arbeitsszwang sind. Unser Zugang zu den nötigen Lebensmitteln hängt nicht von der Verfügbarkeit über Geld allein sondern auch der Lieferbarkeit der Güter ab. Es ist nicht der Marktwert, sondern der stoffliche Reichtum von dem wir leben, und der ist prinzipiell gegeben; oder wie es der niederländische Premier ausgedrückt haben soll: „Er is zo veel wc-papier, we kunnen tien jaar poepen!“. Genauer gesagt, es wäre so, könnten wir den stofflichen Reichtum und seine Verteilung in einer Art Quarantäne vor der Ansteckung durch den abstrakten Wert schützen. Hamstern ist jedenfalls nicht nur asozial, sondern entbehrlich und dumm. Soziale Kontakte nicht nach dem Input-Output-Prinzip optimieren zu müssen, um beim richtigen Event die angesagten Leute zu sehen, bzw. von diesen gesehen zu werden, kann entspannend sein. Plaudern kann man auch beim Greißler. Können diese Erfahrungen nachhaltig genug sein, den Blick auf ein gutes Leben jenseits der modernen Konsumgesellschaft und damit des Wertfetisches ein wenig zu weiten?

„... new political ideas do not generally arise from intellectuals and theorists alone. Rather the cut and thrust of experience and practice throws up new political possibilities.“ Dies hatte Tarak Barkawi, Lecturer an der London School of Economics vor Jahren am Beispiel Colonel Edward Despards, des Sohns kleiner irischer Landlords zu demonstrieren versucht, den seine Erfahrungen als britischer Soldat im Atlantik des 18. Jahrhunderts zum Revolutionär hatten werden lassen, und — nach einer gescheiterten Verschwörung zum Sturz der Monarchie in Großbritannien in „the interest of the human race“ — im Jahr 1800 an den Galgen gebracht hatten. Dessen Begriff der „human race“ sei jenem von Kant weit voraus gewesen, so Barkawi weiter. „A lordly Irish officer in the 18th century finds common cause, even love, with Indians, Africans and all manner of oppressed folk, and returns to the West as a revolutionary citizen of the world.“ So dramatische biographische Brüche wird der Corona-Shut-Down wohl nicht hervorbringen, aber natürlich sind lebensweltliiche Erfahrungen eine notwendige Voraussetzung kritischer Reflexion wie auch emanzipatorischen Handelns, auch wenn sie nicht automatisch dazu führen und emotional und intellektuell unterschiedlich verarbeitet werden können. Die Erfahrung, dass Manches nicht so alternativlos ist, wie bisher angenommen, könnte da schon ein Ansatzpunkt sein, wenn die Krisenfolgen nicht zu einer Reinterpretation davon führen. Kann der Shut-Down des privaten Lebens Eingriffs- und Angriffspunkt für emanizipatorische Praxis sein?

„A lot of People ask me, what do we do? ... Do we vote? Do we support a politician? Do we join an organisation? ... I’ll tell you what we do! It’s simple! We fight ... and we shut down the workplaces, we shut down our schools, we shut down the streets, we shut down business as ususal“, verkündete ein anderer „Practitioner“, der US-Irakkriegs-Veteran Mike Prysner, der wie Despard mit revolutionären Ideen aus dem Krieg zurückgekommen und zum Antikriegsaktivisten und kommunistischen Agitator mutiert war, in einer seiner Reden bei einer Kundgebung in Washington, D.C.. Auf die Mühlen einer autoritären Wiederaufrichtung repressiver Staatlichkeit im neuen Kleid dürfte der Shut Down jedenfalls Wasser sein, aber firmierte die Lahmlegung des systemkonformen Normalbetriebes seit jeher auch als Element des Widerstandes, wenn auch traditionell auf die Produktion gerichtet („Alle Räder stehen still, ...“) und heute ebendort weitgehend wirkungslos. Kann der Shut-Down der konsumeristischen Lebenspraxis selbst ein Element kritischer Mobilisierung sein? Und wenn ja, wie stellt man es an, das Spektakel des alltäglichen Wahnsinns ohne Corona-Virus für Erfahrungs- und Denkpausen zu unterbrechen?

Wien, am 8.4.2020

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2020
Autor/inn/en:

Peter Oberdammer: Historiker, Geograph, Trainer und Coach.

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