Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1998 » ZOOM 5/1998
Siegfried Beer

Codename Lindley?

Das Militärwissenschaftliche Büro des Landesverteidigungsministeriums und das Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck veranstalteten Ende September eine gemeinsame wissenschaftliche Tagung im Haus der Industrie am Schwarzenbergplatz unter dem Titel „Gewitter über der Insel der Seligen – Internationale Krisen in ihren Auswirkungen auf Österreich“. Dort kam es anläßlich des Vortrages von Siegfried Beer, Professor für Geschichte, zu einer Kontroverse mit dem Historiker Oliver Rathkolb über die Bedeutung des amerikanischen Geheimdienstengagements in Österreich zwischen 1945 und 1955. Während Rathkolb diese als marginal bezeichnet, betrachtet Beer Wien im Lichte neuer Akten und Interviews als einen sehr wichtigen Standort auch für amerikanische Spionage. In Folge seines Vortrages, in dem auch eine Kopie eines Dokuments präsentiert wurde, das den prominenten Zeitzeugen dieser Jahre, Fritz Molden, betraf, kam es zu einer heftigen Reaktion. Mit „absurd“ und „grotesk“ wies Molden in einem Gespräch mit der Presse die Darstellungen Beers bezüglich seiner Rolle zurück.
Hier nun die Antwort Siegfried Beers, die auch in der Presse erscheint, auf die Presse-Artikel „Als die Spionage noch Österreichs wichtigstes Exportprodukt war“ vom 30.9.1998 und „Absurd und grotesk“ vom 1.10.1998.

Wie unterscheidet man, egal ob in Kriegs- oder Friedenszeiten, im Kontext der Tätigkeiten von Geheimdienstorganisationen Agenten von Informanten oder sonstwie belohnte Mitarbeiter von bloßen, sozusagen ehrenamtlichen Informationszuträgern? Es ist in der Tat keine klare Trennungslinie, mit der die meisten Formen von Mitarbeit bei in- oder ausländischen Geheimdiensten voneinander unterschieden werden könnten. Fritz Molden fordert diese Unterscheidung mit Vehemenz und branchenüblicher Wortgewaltheit, zuletzt wieder, als er, mit der aus Originaldokumenten belegbaren „Unterstellung“ konfrontiert wurde, er habe für seine auch über das Kriegsende hinausgehende Zusammenarbeit mit US-geheimdienstlichen Organisationen Rechnung gelegt und Zahlungen entgegengenommen. Was soll an Spesenverrechnungen, die das Datum Juni, Juli oder November 1945 tragen, grotesk oder absurd sein? Warum eigentlich sollte der 9. Mai 1945 als Wasserscheide der Legitimität gelten? Warum sollte die anti-faschistische Zusammenarbeit mit den Alliierten davor heldenhaft und jede über die Befreiung Österreichs hinausreichende, zuerst immer noch anti-nazistische, bald schon anti-kommunistische Partnerschaft suspekt oder moralisch anrüchig sein? Man versteht die Aufregung nicht und nimmt zugleich die gelassene Reaktion Gerd Bachers gerne zur Kenntnis: es wäre jedenfalls nichts Ehrenrühriges daran gewesen. Doch dazu später noch.

Schon während des Zweiten Weltkrieges erkannten etliche Österreicher, daß es zu den wenigstens potentiell effizienteren Formen des Widerstandes bzw. überhaupt des politischen Kampfes gegen die Hitlerdiktatur gehörte, mit alliierten Geheimdiensten Kontakt aufzunehmen, um ihnen kriegswichtige Informationen zukommen zu lassen oder sogar in konkrete Kooperation mit ihnen zu treten, sei es vom Untergrund aus, als Emigrant oder als „freiwilliger Deserteur“ im Feld. Hunderte, ja Tausende österreichische Patrioten haben das bewußt getan oder haben sich nach Aufforderung oder Anwerbung dafür von seiten der Anti-Hitler-Allianz zur Verfügung gestellt, zumeist mit viel Überzeugung, Mut und Risikobereitschaft. Sozialwissenschaftler, vor allem aber Historiker, haben in den letzten Jahren eine Fülle von Forschungsresultaten über die Tätigkeiten Einzelner oder von Gruppen vorgelegt, die der in der Moskauer Deklaration geforderten Beitragsleistung der Österreicher im Rahmen der eigenen Befreiung von Faschismus und Nationalsozialismus exakt entsprechen. Einige dieser Fallbeispiele vom Typus Kooperation mit alliierten Geheimdiensten, z.B. den amerikanischen, sind längst einer größeren, interessierten Öffentlichkeit bekannt. Zu ihnen zählt ohne jeden Zweifel als einem der wichtigsten Fälle der des Agenten „K-28“, alias Gerhard Wieser, alias „Jerry“ etc.: eben Fritz Molden. Nicht weniger wichtig waren im Kontext der Kooperation mit den Amerikanern aber auch die Beiträge eines DDr. Heinrich Maier (mit Codenamen „Cassia“), des Gersthofer Kaplans, oder eines Dr. Franz-Josef Messner (Codename „Oysters“), des Direktors des Semperit-Konzerns, oder eines Dr. Ernst Lemberger (mit Codenamen „Lambert“ und „Hofer“), des späteren österreichischen Botschafters u.a. in den USA, oder eines Dr. Kurt Grimm (mit der Codenummer 847), des schon 1938 in die Schweiz emigrierten Wiener Rechtsanwaltes, oder eines schon nicht mehr so bekannten Semperit-Mitarbeiters in Istanbul namens Franz Josef Riediger (mit Codenamen „Stock“), des Schwiegersohnes von Altbundeskanzler Dr. Otto Ender. Die Liste ließe sich problemlos fortsetzen.

In der allgemeinen Einschätzung der Bedeutung und Leistungen des österreichischen Widerstandes gegen das Terrorregime des Dritten Reiches sind die ÖsterreicherInnen bis heute äußerst ambivalent und zwiespältig geblieben. Darin erklärt sich zum Gutteil, daß viele der damals für die Befreiung Österreichs aktiv Tätigen schon nach dem Krieg und oft bis heute mit ihrer Geschichte eher sorgfältig umgehen. Dies trifft in besonderer Weise für jene zu, die durch Zufall oder auch Kalkül in die Nähe oder gar in enge Tuchfühlung mit alliierten Kriegsgeheimdiensten getreten sind. Dieser Sachverhalt ist durch zahlreiche Narrativinterviews mit derartigen Zeitzeugen eindrucksvoll belegt. Es bedarf also auch heute noch eines ausgeprägten Mutes, um nicht zu sagen, einer guten Portion Zivilcourage, sich in diesem Lande hic et nunc offen, umfassend und öffentlich einer dergestaltigen, eigenen Vergangenheit zu stellen. Fritz Molden und auch andere haben und hatten diesen Mut.

Warum also kommt er ihnen bisweilen abhanden, wenn es sich um die Zeit nach dem 9. Mai 1945 handelt? Es erinnert ein wenig an den Heldenplatz des März 1938 (der nach eigener Schilderung gerade auch bei Fritz Molden zum Schlüsselerlebnis wurde). Zehntausende waren damals dort. 30, 40 oder 50 Jahre später wollte es keiner mehr gewesen sein. 1950 schätzte ein amerikanischer Diplomat, daß jeder vierte Bewohner der Stadt Salzburg für den einen oder anderen in- oder ausländischen Geheimdienst gearbeitet haben dürfte, vermutlich aus Überzeugung, wohl aber auch für Geld, Alkoholzuteilungen oder Care-Pakete (alles belegte Formen amerikanischer Entlohnung). Heute will sich kaum jemand dazu bekennen. Auch nicht Fritz Molden.

Siegfried Beer

Ich glaube behaupten zu können, daß ich die OSS-Akten über Fritz Molden und ergo die amerikanische Einschätzung seiner Tätigkeit für den österreichischen Untergrund im letzten Kriegsjahr sehr gut kenne. Sie deckt sich im wenigstens im Kern mit den mehrfachen autobiographischen Schilderungen des Journalisten und Verlegers Fritz Molden. Natürlich gibt es auch interpretatorische Abweichungen, nicht zuletzt im Relevanzbereich. In meinen Gesprächen mit ihm hat Fritz Molden immer wieder betont, er habe für seinen Einsatz bei den Amerikanern nie auch nur einen Dollar oder Schilling genommen und könne daher rechtens nicht als Agent bezeichnet werden. Und überhaupt: seine Tätigkeit wäre nie über die eines Verbindungsmannes, also einer Liaison des österreichischen Widerstandes zu alliierten Dienststellen hinausgegangen. Ich habe ihm damals diese klare Abgrenzung abgenommen, obwohl ich wußte, daß er auch nach dem Krieg, vor allem in der amerikanischen Phase der Besetzung Tirols und bald danach als Sekretär des Landeshauptmannes und Außenministers Karl Gruber in engem Kontakt mit mehreren amerikanischen Geheimdienststellen verblieb, vom OSS über SSU, CIC, CIG bis hin zur CIA. OSS/SSU führte ihn ab Herbst 1945 unter dem Codenamnen „Lindley“.

Nach der jüngst erfolgten Freigabe der Finanzakten des OSS/SSU durch die CIA stieß ich heuer im US-Nationalarchiv auf insgesamt elf Dokumente, die über das finanzielle Verhältnis Fritz Moldens zu diversen CIA-Vorgängern Aufschluß geben. Sieben davon, jeweils datiert mit November 1945, sind von der CIA mit Verweis auf Bestimmungen des National Security Act aus dem Jahre 1947 zurückbehalten worden und bleiben bis auf weiteres geheim, mehr als fünfzig Jahre danach. Vier davon weisen Beträge von 435 US-$ bzw. 4.700 RM und 5.783 RM respective 10.000 Lire aus und stellen Spesenverrechnungen über Einsätze dar, die zum Zeitpunkt der Rechnungslegung teilweise schon über ein halbes Jahr zurücklagen. Das mit selbstbewußter Akzentuierung vorgebrachte Argument, von den Amerikanern nie auch nur einen Schilling/Dollar gesehen zu haben, entpuppt sich zumindest als kleine historische Unwahrheit, die auf eine deutlich brüchig gewordene Erinnerung rekurriert. Wenn es sich bei diesen konkreten „Honorarnoten“ auch nicht um monatliches Salär für Fritz Molden handelt (für einige seiner Mitarbeiter war es das sehr wohl), so ist dennoch zu konstatieren, daß die in diesen Dokumenten festgehaltenen Beträge für die damalige Zeit eigentlich ganz beträchtlich waren. 435 US-$ entsprachen 1945 in etwa einem Jahreseinkommen eines führenden Ministerialbeamten.

Grotesk und absurd erscheinen somit nicht die belegbaren Zahlungen der Amerikaner, sondern eher schon die apodiktische Negierung, je in finanzieller Schuld der amerikanischen Geheimdienste gestanden zu haben. Auch „K-28“ bzw. „Lindley“ ist vermutlich ein Opfer des Waldheimsyndroms.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1998
ZOOM 5/1998, Seite 8
Autor/inn/en:

Siegfried Beer:

Siegfried Beer ist Professor am Institut für Geschichte der Karl-Franzens-Universität Graz.

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