Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1998 » ZOOM 5/1998
Ludwig Csépai

Codename Lindley!

Anläßlich der im vorherigen Beitrag angesprochenen Kontroverse bezüglich der Rolle Österreichs und prominenter Österreicher nach 1945 kam folgendes Interview mit Siegfried Beer zustande.

ZOOM: Sie haben in Ihrem Addendum zu den in der Presse erschienenen Artikeln geschrieben, daß Sie öfters mit Herrn Molden geredet haben, und weisen dabei darauf hin, daß er einige Sachen möglicherweise nicht mehr so genau in Erinnerung hat. Unsere diesbezügliche Frage zielt auf ihre Feststellung, daß es Honorarnoten von ihm gibt. Diese können aber nicht von der CIA stammen, da es sie 1945 noch nicht gab.

Siegfried Beer: Es waren Honorarnoten, die er nach dem Krieg zu unterschiedlichen Zeiten dem OSS [gelegt hat.]

Hat er diese Aktionen spezifiziert?

Er hat sie vergessen, aber auf den Rechnungen sind sie zum Teil aufgeführt. Auf einer Rechnung, die er im November 1945 gestellt hat, für Aktionen in Norditalien und für die sogenannte „Horneck“-Aktion. Die lief im März 1945 mit dem ehemaligen Österreicher Josef Franckenstein unter dem Codenamen „Horneck“. Ich habe ihn nicht danach gefragt, warum er für eine Aktion, die im März lief, im November eine Rechnung stellt. Er hat das damals so gemacht und mittlerweile vergessen. Das waren immerhin 540 $, was damals viel Geld war. Ich fand das interessant, daß er das einfach weggeschoben hat, daß seine Zuhörer ihm das abnehmen, daß er nie etwas genommen hat. Und dann ist man natürlich überrascht, wenn man auf solche Akten stößt. Ihm war es dann im Gespräch wichtig, daß es keine regelmäßigen Zahlungen waren.

Es gab dann auch Rechnungen für Tätigkeiten anderer. Molden hat im Mai/Juni 1945, als er noch in Tirol war, das sogenannte Sicherheitsbüro Tirol geführt, das im wesentlichen Informationstätigkeiten für die Amerikaner durchführte. Da sind in den Rechnungen, die er aufgestellt hat, seine Agenten, seine Informanten bis hin zu seinen Sekretärinnen und seine eigenen Ausgaben aufgelistet. Das waren auch keine geringen Beträge. Der amerikanische Geheimdienst hat Geld zur Verfügung gehabt, mit dem man relativ frei umgehen konnte. Aber die Amerikaner waren auch sehr faire Leute. So haben sie sich nach dem Krieg an die Widerstandsgruppe um den Kaplan Maier und den Semperit-Generaldirektor Messner erinnert. Diese hatte es zuwege gebracht, sich im Spätherbst 1943 mit den Amerikanern in Istanbul, Bern und sogar in Algier in Verbindung zu setzen. Sie hat um Unterstützung für Aktionen gebeten. Als es dann aber in Istanbul soweit war, die Gruppe mit Funkgeräten, Geld und sogar mit Fallschirmagenten zu unterstützen, ist sie in Budapest durch Doppelagenten in der deutschen Abwehr aufgeflogen. Maier und Messner kamen vor einen Volksgerichtshof und wurden wenige Wochen vor dem Kriegsende umgebracht. Die Amerikaner kannten Maier gar nicht und wußten nur, das war der Kopf dieser Gruppe. Im September begannen sie nach Maier bzw. nach seinen Verwandten zu suchen. Sie fanden schließlich seine Mutter in ärmlichsten Verhältnissen in Niederösterreich, sagten dann Unterstützung zu, suchten in Washington um tausend Dollar an und zahlten diese im Juni 1946 aus. Das war ein Heidengeld für damalige Verhältnisse. Ich finde das beeindruckend. Der Krieg war vorbei, die hätten das auch einfach vergessen können.

Wie schätzen Sie diese Generation von amerikanischen Geheimdienstagenten ein?

Das waren zum Großteil wirklich gescheite Leute. Sie dürfen nicht vergessen, Geheimdienstleute kommen aus allen möglichen Bereichen. Das sind nicht so einfach die Dummen oder Draufgänger, die aus Abenteuerlust ewas unternehmen, sondern sie haben auch Kompetenz, die man belegen kann. Sehr viele dieser Generation sind später in hohe wirtschaftliche Positionen gekommen. Sicher hat es da ein Netzwerk und auch Seilschaften gegeben, aber es gab auch Wissenschaftler.

Herbert Marcuse zum Beispiel.

Marcuse war ein führender Analytiker. Das sind natürlich Personen,die für Historiker spannend werden; wie hat z.B. die Zentraleuropaabteilung vom OSS diese Berichte verarbeitet und analysiert, was in Deutschland passiert und vor allem, was nach dem Krieg mit Deutschland passieren soll? Marcuse ist nicht sehr offen damit umgegangen, erst später hat er darüber geredet. Andere haben damit kein Problem gehabt. Auffallend ist, daß damals sehr begabte Leute mitgearbeitet haben, die später in ihren Wissenschaftszweigen in führende Positionen gekommen sind. Zehn oder zwölf spätere Präsidenten der Historikergesellschaft, die in den USA sehr groß ist, waren beim Geheimdienst. Das ist eine Ebene der Analyse, die z.B. höher sein kann als die des State Departement und es zum Teil auch war. Da gab es dann große Rivalitäten. Da war auch unheimlich viel Phantasie dabei, und das muß man dem Molden auch zuerkennen, daß er fähig war, mitzuhalten und das eine oder andere vorzuschlagen und auch durchzuführen, unter Einsatz seines Lebens. Das, in einem so jugendlichen Alter, hat die Amerikaner auch beeindruckt. Diesen Respekt möchte ich ihm gar nicht verwehren, ganz im Gegenteil, das weiß er ja auch, aber das andere sind natürlich dann andere Phänomene.

In Österreich wird über persönliche Geheimdiensttätigkeiten sehr viel geschwiegen.

Nicht nur in Österreich. Auch bei den Amerikanern habe ich das bemerkt. Das kann natürlich mit dem Image der CIA zu tun haben, mit der Entwicklung in den sechziger und siebziger Jahren. Selbst Leute, die ich jetzt interviewe und die mir erzählen, daß die Zeit damals ein prägendes Erlebnis war, sagen, daß sie kein Interesse daran haben, daß das jeder weiß. Für sie wäre das keine Heldenzeit gewesen, sondern eine Aufgabe, die sie mitgetragen haben und von der sie überzeugt waren. Es war eine interessante Zeit mit gescheiten Leuten und einem angenehmen Milieu, bisweilen war es gefährlich, je nach dem, wo man war, aber nicht sozusagen tagtäglich. Und dann zögern sie schon.

In Österreich fällt auf, daß eigentlich niemand dabei war.

Ein Amerikaner in Wien
(Drehpause bei den Aufnah­men zum Film „Der Dritte Mann“)
Bei Molden gab es damals ja auch den persönlichen Konnex, als zeitweiliger Schwiegersohn des CIA-Chefs Allan Dulles und dazu kommt, daß Österreich an der Nahtstelle lag.

Österreich war nach 1955 nicht mehr sehr umstritten. Nachdem der Staatsvertrag und die Neutralität entschieden waren, waren die Dinge in Österreich nicht mehr so wichtig. Österreich war aber ein Standort, von dem aus man sehr viel unternehmen konnte, z.B. bei der Ungarnkrise. Da wurde es klar, daß das eine Station war, von der aus man operieren kann. Bei solchen Gelegenheiten ist Molden auch immer wieder ins Gespräch gekommen. Als Journalist hat er auch ein Eigeninteresse daran gehabt. Sagen wir so, solange es dieselben Leute waren, die im Zweiten Weltkrieg und knapp danach involviert waren, wenn auch vielleicht bereits auf einer höheren Ebene, war Österreich für diese immer mit Fritz Molden, K-28, verbunden. Er ist auch für diese Leute eine legendäre Figur gewesen. Das heißt, hier muß es eine kontinuierliche Zusammenarbeit gegeben haben, und sei es nur als Gedankenaustausch. Wer aber Molden kennt, weiß, daß er gern mitgemischt hat. Er differenziert das ja, er geht selektiv vor, denke ich, wie beim Gedächtnis, aber das ist ein menschliches Phänomen.

Ich glaube, was seine Sensibilität bezüglich Bezahlung betrifft, gab es vor Jahrzehnten einige Angriffe und Untergriffe gegen seine Person in der Öffentlichkeit. Von welcher Seite her, weiß ich zwar nicht, es ist aber anzunehmen, daß er von kommunistischer Seite her als CIA-Agent abgestempelt wurde.

Er hat auch ein sehr kritisches Verhältnis zum Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes. Er hat versucht, mir das zu erklären, aber ich habe nicht ganz verstanden, was er wirklich meint. Ich glaube, da spielt das herein, daß hier linksorientierte Menschen daran ein Interesse haben, den kommunistischen Widerstand in den Vordergrund zu schieben. In der Tat, ich weiß nicht, ob Sie mir da zustimmen, gibt es in Österreich einen gewissen Nachholbedarf, bestimmte Leistungen der Kommunisten und der KPÖ während des Krieges, aber auch in der antifaschistischen Arbeit danach, einfach anzuerkennen. Es gibt so etwas wie einen bürgerlich-sozialdemokratischen Konsens, der dieses schlechtmacht. Auch historisch. Wenn, auch heute noch, ein Historiker, der nicht aus diesen Lagern kommt, sich mit den Kommunisten beschäftigt, kann man von vornherein davon ausgehen, daß er als Kommunist angesehen wird. Oder zumindest als jemand, der da ein Spiel für die Kommunisten betreibt. Die Gefühlslage, aber auch die wissenschaftliche Einschätzung, ist da noch ganz problematisch. Ich habe zum Beispiel die Erfahrung bei Interviews gemacht, daß man mit steirischen Kommunisten sehr gut reden kann, daß sie ehrlich sind, daß sie differenzieren können zwischen dem, was von der Partei aus vorgegeben war, und ihrer Arbeit für Österreich, für ein anderes, für ein demokratischeres Österreich. Für ein auf jeden Fall vom Nationalsozialismus befreites Österreich. Diese Anerkennung finden die Kommunisten nicht. Das erklärt auch, warum sie fast forschungsscheu sind und ihre eigenen Archive nicht gerne aufmachen. Ich finde das schade, weil vieles verlorengeht und auch die Kommunisten der ersten Stunde nicht mehr da sind.

Könnten Sie noch die SSU erklären?

Nicht untypisch für die Amerikaner, das haben sie schon nach dem Ersten Weltkrieg gemacht, ist, daß, wenn sich etwas, was man für den Krieg geschaffen hat, durch den Sieg als nicht mehr notwendig, als zu teuer oder als obsolet herausstellt, die Tendenz auftritt, das aufzulösen. So ähnlich war es mit dem OSS. Das begann schon während des Krieges. Bill Donovan, der Chef des OSS, hatte die Vorstellung, daß sie diesmal den zivilen Geheimdienst nicht abschaffen sollten, nur weil es keinen Krieg mehr gäbe. Aber er war in Washington zwar nicht umstritten, aber ein bißchen suspekt. Er bekam schlechte Presse, Journalisten haben natürlich mitbekommen, daß da vieles geheim lief und niemandem Rechenschaft abgelegt wurde. Aber Roosevelt hat ihn bis zu seinem Tod gedeckt, danach wurde die Sache für Donovan heikel. Er war, vermute ich, ideologisch nicht sehr interessiert, denn er war bis in den August 1945 noch bereit, mit den Sowjets geheimdienstlich zusammenzuarbeiten. Erst im Spätsommer merkte er, daß da etwas in Bewegung kam. Truman wollte diesen OSS nicht mehr und Donovan war auch nicht mehr im Spiel. Er bekam zwar noch die höchste Ehrenmedaille, aber das war aus Sicht Trumans der Endpunkt. Schließlich rang man sich doch dazu durch, den OSS nicht völlig aufzulösen. In bestimmten, wichtigen Regionen der Welt, wie Deutschland, Österreich und Japan, hat man diese Rumpforganisation, die Strategic Services Unit (SSU), weitergeführt, aber auf zwei oder drei Abteilungen des OSS beschränkt. Das hieß für Österreich, daß es eine personelle Einschränkung gab, aber die Arbeit über Oktober 1945 hinaus weitergelaufen ist.

Alfred C. Ulmer

Die Leute, die hier mitgearbeitet haben, waren z.T. aus dem Krieg Erfahrene und zum Teil kamen aber schon neue dazu. Sehr viele von ihnen sind später von der CIA übernommen worden, wobei es gar nicht so leicht zu klären ist, wann sich die CIA in Österreich wirklich etabliert hat. Man muß nämlich bedenken, daß die Amerikaner auch einige andere Geheimdienststellen gehabt haben. Dazu kamen auch noch die Apparate, die den Hochkommissaren zur Verfügung standen und die auch militärisch orientiert waren, d.h., es war für die CIA gar nicht leicht, sich hier einzubringen. Auf jeden Fall gab es von November 1945 bis Mitte 1946 in Österreich diesen zivilen Geheimdienst SSU, der sich aber gar nicht mehr so für Österreich interessierte, sondern der am Aufbau von Netzen im osteuropäischen Raum gearbeitet hat. Das hat der militärische Geheimdienst zu diesem Zeitpunkt noch überhaupt nicht gemacht, erst sehr viel später. Aber interessant ist die personelle Kontinuität. Dabei gab es noch eine Zwischenstufe vom OSS zum CIA, die Central Intelligence Group, die aber eigentlich nur eine übergeordnete Stelle in Washington war. Der erste CIA-Stationschef in Wien war ein altgedienter OSSler, der heute noch lebt, dessen Gedächtnis aber schon unzuverlässig ist. Alfred C. Ulmer hat später eine große Karriere gemacht, er wurde in den späten Fünfzigern Stationschef von Paris und dann, wie viele andere von diesen CIA-Topleuten, in der Wirtschaft, in diesem Fall in einer Bank tätig.

Gab es bei Ihren Forschungen irgendeine Spur zu den Waffenlagern oder zu einer Stay-Behind-Organisation?
Franklin A. Lindsay

In diesem frühen Zeitraum, den ich behandle, ist es wichtig zu sehen, daß die sogenannten Operative Files, also alles, was die Operationen der CIA anbelangt, völlig tabu sind, völlig versperrt, kein Zugang. Die Aktenzugänglichkeit ist mit Ende SSU limitiert. Die spätesten Akten sind aus Oktober 1946, das erschwert die Sache. Was es gibt, ist die eine oder andere Memoiren-Darstellung und Interviews, bei denen die Leute oft aber nur mehr atmosphärische Erinnerungen preisgeben. Ulmer zum Beispiel erzählte, daß sie ihre wichtigsten Leute in der Polizei und im Innenministerium gehabt haben. Die Namen wußte er aber nicht mehr. Aber die Strukturen kann man erkennen, es gab eine enge Zusammenarbeit mit Österreichern, aber das ist eine zu frühe Phase, als daß man von einer Stay-Behind-Organisation reden könnte. Ein wesentlicher Einschnitt in Österreich war aber auf jeden Fall die Berlin-Krise. Man fragte sich natürlich, ob dies auch in Wien passieren könnte, und dann kam man darauf, daß die Auswirkungen im Falle Wiens noch viel, viel schwieriger wären. In diesen Zusammenhang gehören die Forschungen von Christian Stifter, nämlich die Frage der Wiederbewaffnung, die geheime Ausrüstung der Gendarmerie und der Polizei. Die Organisation, die hinter den Waffenlagern stand, wurde ja selbst erst 1948 begründet, etwa zu dem Zeitpunkt, als man in Österreich mit dem Marshallplan begonnen hat. Dieser Zusammenhang ist nicht ganz unwichtig, denn das Office of Policy Coordination (OPC), das zunächst eine Position zwischen State Departement und CIA gehabt hat, hat den Auftrag gehabt, diese Aufgaben durchzuführen, nämlich subversiv tätig zu sein: Währungsfälschungen, Stay-Behind-Agents, Anlegen von Waffenlagern etc.. Darüber gibt es auch Dokumente und ganz klare Anordnungen, in welche Richtungen man tätig zu werden hat, und da weiß man auch, daß Wien ein interessanter Standort war. Da gibt es auch einen Herren, der in den frühen fünfziger Jahren als Chef der „Operations“ von Zentraleuropa aus eine wichtige Rolle gespielt hat. Franklin Lindsay, den ich öfters interviewt habe, war im Krieg im OSS, Liaisonoffizier zu Tito und lebt noch. Ein alter, aber noch geistig rüstiger Mann, der Memoiren geschrieben hat, allerdings nur über seine Kriegszeit und seine Erlebnisse bei den Tito-Partisanen, mit interessanten Seitenblicken auf Österreich. Die USA haben damals geglaubt, daß sie über die Partisanen Österreich infiltrieren könnten. Da ist aber nicht viel gelaufen, da die Partisanen ihre eigene Politik betrieben haben. Aber Lindsay ist leider auch nicht begeistert, über diese späteren Dinge zu reden. Aber als Person ist er auch deshalb interessant, weil er diese typische Karriere machte: OSS, dann in Triest, 1946 für Wirtschafts- und Finanzhilfe tätig, geht nach Paris, im Rahmen des Marshall-Planes, wird später vom OPC übernommen, spielt eine gewichtige Rolle in Washington und wird später Wirtschaftsmanager bei einer internationalen Firma. Hier zeigt sich ein gewisser Zusammenhang zwischen dieser Phase des Marshall-Planes und den neuen Vorstellungen, die über das OPC gelaufen sind, die aber erst in den frühen fünfziger Jahren realisiert wurden, Ende der Vierziger dachte man eher darüber nach.

Bei dem Waffenlagerbericht fällt auf, daß die Regierung die Waffenlager für sich reklamierte im Sinne der Verlassenschaft und folglich auch die damit verbundenen Kosten übernahm, obwohl diese eindeutig amerikanisches Eigentum waren und daß diese Waffenlager über den 26.10.1955 hinaus bestanden. Daraus ergab sich die Argumentationssituation, daß die österreichischen Regierungen und deren Beamte seit 1955 von diesen nichts gewußt haben dürfen und die USA ihrerseits sie schlicht vergessen haben mußten.

Es gab wahrscheinlich nicht sehr viele schriftliche Aufzeichnungen von seiten Österreichs und das sind natürlich Ereignisse, über die das Wissen nicht gerade gefördert wurde. Es ist aber schon klar geworden, daß es Mitwisser gegeben haben muß, abgesehen von denen, die darin direkt involviert waren. Das sind Ungereimtheiten, die einen Bereich für Interpretationen offen lassen. Man ist dadurch ja gezwungen, sich selbst ein Bild darüber zu machen. Das ist vielleicht unnötig gewesen und auch bedauerlich, daß die Kommission nicht geklärt hat, wie das wirklich gelaufen ist und wer da mit Sicherheit informiert war. Da paßt natürlich auch die Frage hinein, warum sich die Regierung Anfang 1996 nicht offiziell dafür interessiert hat, was zum Beispiel Großbritannien und Frankreich mit ihren bescheideneren Mitteln diesbezüglich gemacht haben. Und auch in Rußland wurde nicht angefragt. Die Sowjetunion war damals sicherlich in einer anderen Situation, sie hatte ja im Hinterland ihre Truppen stehen, die sofort eingreifen hätten können.

Soweit ich weiß, sind die britischen Lager in den Sechzigern behoben worden.

Dafür gibt es Belege, aber ob es alle waren, wer weiß das?

Das ist in der Tat eine sehr defensive Haltung der österreichischen Regierung. Sie hätte ja als Regierung eines neutralen Staates, die daher von diesen Waffenlagern ja nichts gewußt haben kann, mit gutem Gewissen nachfragen können – oder etwa nicht?

Vermutlich war sie sich ihrer eigenen Sache nicht sicher. Ich glaube, wenn sie wirklich gewußt hätte, was ihre Rolle oder die ihrer Vorgänger war, welche in vielen Bereichen sicher eine ohnmächtige war, wäre sie mit mehr Selbstvertrauen aufgetreten: Damals war das eine oder andere nicht möglich, aber heute wollen wir Gewißheit haben, und zwar von allen Seiten.

Man kann hier nur mit Vergleichen operieren. In Deutschland und in Italien war es so, daß die Stay-Behind-Verbände von innerhalb der eigenen Geheimdienste verdeckten Stabsstellen der Geheimdienste geführt worden sind. Außerdem gab es in den anderen neutralen Staaten wie Schweden und Schweiz diese Verbände auch. Nur bei uns nicht. Gäbe es eine Strukturähnlichkeit in Österreich, müßte man doch den Heeresnachrichtendienst dazu befragen.

Das hat aber niemand gemacht. Was wirklich verblüffend ist, daß bei den Stellungnahmen, die es doch gegeben hat, niemand aus der Reserve kam. Das Schweigen hält, in Gruppen, die sonst nicht fürs Schweigen berühmt sind. Österreich ist hier eine Ausnahme.

Eine abschließende Beurteilung?

Die ganze Informations- und Informantentätigkeit ist etwas heikel. Hier gibt es Akten, die über 1946 hinaus reichen, vor allem im Zusammenhang mit militärischen Geheimdiensten. Man muß ja auch sehen, daß die diversen Geheimdienstorganisationen verzahnt waren und dann doch ähnliche Aufgaben gehabt haben. Sie standen untereinander in Rivalität, wo der eine nicht gewußt hat, was der andere macht und es auch gar nicht wissen wollte, zum Teil gab es auch ideologische Positionen. Die Militärs haben sowieso eine etwas verachtende Haltung gegenüber zivilen Stellen und umgekehrt. Militärische Geheimdienste waren bis 1955 in Österreich präsent. Das war im wesentlichen das Counterintelligence Corps, CIC, wo auch Informanten geführt wurden. Über diese Tätigkeiten und Entlohnungen gibt es ganz genaue Aufstellungen, die vielleicht sogar repräsentativ sind. Da haben manche ein ganz ordentliches Salär bekommen, sogar ein monatliches. Andere bekamen Alkohol oder Care-Pakete. Auch hier ist niemand aus der Reserve zu locken. Wir reden dabei vom Staatsgebiet Österreich und von den Leuten, die dort gelebt haben. Das waren nicht alle Österreicher, darunter gab es sehr viele Displaced Persons mit Spezialwissen über bestimmte Gegenden und Länder. Diese waren für außertourliche Tätigkeiten besonders empfänglich. Das alles spielt hier auch herein und ergibt ein relativ kompliziertes Bild, das sich auch immer wieder geändert hat. Von welcher Zeit ist die Rede, wie war gerade die internationale Lage, was war die nationale Situation, was stand gerade in Österreich zur Debatte?

Von den Informanten des CIC sind gerade zwei bekannt geworden, die beim Sicherheitsdienst der SS waren, Höttl und Verbelen.

Da gab es noch viel mehr. Der eine wurde bekannt durch seine Bücher und seine Bereitschaft, in den Medien darüber zu erzählen, der andere durch Romane und einen Prozeß. Das Office for Special Investigation hat einen Verbelen-Bericht verfaßt, in dem von dreizehn Leuten, die aber nicht namentlich genannt sind, die Rede ist. Man weiß, daß es meist mittlere SD-Agenten waren, die in Osteuropa eingesetzt wurden. Sie spielten als Informierte auch für den CIA eine Rolle und reichten zum Teil auch in die österreichischen Nachkriegsgeheimdienste hinein. Da herrscht ein ähnliches Strickmuster: Es gab klare Anordnungen, wer anheuerbar war, aber diese wurden relativ leicht durchbrochen. Die Entlohnung für diese Leute war nicht gewaltig, da sicher ein Bewußtsein dafür da war, daß sie belastet waren.

Das CIC war also nicht nur mit Abwehr, sondern auch mit offensiven Aufgaben betraut.

Da gibt es genug Dokumente, die nachweisen, daß das CIC eine breite Aufgabenstellung hatte: Schutzmaßnahmen für die eigenen Einrichtungen, Untersuchungen über die Mitarbeiter, am Anfang auch die Suche nach aufgelisteten NS-Funktionären. So lernten viele Österreicher das CIC, aber auch die britische Field Security Section (FSS), kennen. Dazu kam auch die politische Berichterstattung, die dann eine gewisse Dynamik bekam, wie am Beispiel von Höttl zu sehen ist. Der war nicht nur wegen seiner osteuropäischen Kontakte interessant, sondern wegen seiner Sympathien für ein viertes Lager. Das wurde aus nicht immer einsichtigen Gründen vom CIC forciert. Zu diesem Zeitpunkt interessierte man sich noch stark für die österreichische Politik, natürlich für alles, was mit den Kommunisten zu tun hat. Dieser Bereich wurde bis 1955 beobachtet. Weiters gab es ja diese Untergrundkanäle, die Rattenlinien, über die man die Überläufer versorgt hat, wo aber auch in weiterer Folge Leute wie Klaus Barbie transportiert wurden. Das wurde von der CIA erst im Herbst 1949 übernommen. Das war der Zeitpunkt, zu dem die CIA neue Agenden dazubekommen hat, die früher der militärische Geheimdienst über hatte. Ab 1950 hatte der CIA-Standort für Wien etwa achtzig hauptamtliche Mitarbeiter, was sehr viel ist für das relativ kleine Wien. Die Sowjets hatten natürlich dreimal soviel Mitarbeiter. Aber viele Tätigkeiten haben sich nun nicht mehr auf Österreich bezogen, sondern wurden von Österreich aus geführt. Österreich galt ja für solche Operationen als sicheres Land, nicht nur auf Grund der Präsenz der Alliierten, sondern weil Österreich keine Tätigkeiten fremder Geheimdienste verfolgte, wenn sie sich nicht gegen Österreich richteten.

Danke für das Gespräch.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1998
ZOOM 5/1998, Seite 10
Autor/inn/en:

Ludwig Csépai: Redaktionsmitglied von Context XXI (ZOOM) bis März 1999.

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