Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2012 » Nummer 41
Manfred Lauermann

China — Katechon der Weltrevolution

The Multitude called Empire into being.
We must push through Empire to come out.
This is the alternative implicit in Lenin’s work:
either world communist revolution or Empire.

Hardt & Negri Empire

Angesichts des religiösen Spektakels, den die Massenmedien mit Papst im Petersdom, amerikanischen Fundamentalisten und Bischöfin Käßmann als Star des evangelischen Kirchentages alle Tage inszenieren, habe ich jedes Verständnis, dass Linke mit Religion, gar mit der Reflexionstheorie dieses gesellschaftlichen Teilsystems, die als Theologie fungiert, nichts zu tun haben möchten. Schon gar nicht mit dunklen Wörtern wie Katechon! Einen Augenblick Geduld: Ich werde sogleich [0.] den mythischen Begriff Katechon erklären, den ich dann im 2. Abschnitt gebrauchen werde, um eine theologisch-politische Sichtweise von Revolution adäquat zu entfalten. Im 1. Abschnitt aber entwickle ich mit Hardt/Negris Empire den theoretischen Rahmen — eher eine Bastelanleitung — meines Versuchs. Im 3. dann drehe ich die Problemstellung nach Osten: wie also sieht das Empire, wie das Weltsystem von dort aus? Schließlich ende ich mit dem 4. Abschnitt ein wenig spekulativ-nostalgisch: Hegels Totenschein für Europa. Soweit die Konzeption: Realisieren jedoch werde ich bloß die ersten beiden Abschnitte, mit einigem aufblitzenden Vorschein aus den nächsten Abschnitten. Für meine Generation wirkt die 68erErfahrung der Benjamin-Lektüre fort, die unseren Marxismus, mit Benjamins Begriff: unseren historischen Materialismus, geformt hat. In seiner ersten geschichtsphilosophischen These ermuntert er uns, dieser könne, in seiner Metapher einer Puppe, in der sich ein buckliger Zwerg versteckt, „es ohne weiteres mit jedem aufnehmen, wenn sie die Theologie in ihren Dienst nimmt, die heute bekanntlich klein und hässlich ist und sich ohnehin nicht darf blicken lassen.“ (Benjamin 2010: 30)

0. Warum Politik theologisch traktieren?

In meiner voluminösen Stuttgarter Jubiläumsbibel, die einem „Rolf“ zum Weihnachtsfest 1938 geschenkt wurde, wohl um ihm geistige Nahrung für die Durststrecke des „Tausendjährigen Reiches“ zu geben, wird das weltliche Reich als Herrschaft des Antichristen begriffen, „der da ist der Widersacher und sich überhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst heißt, also dass er sich setzt in den Tempel Gottes als ein Gott und gibt sich aus, er sei Gott“ (2 Thessalonicher 2,4). Dieser Krisenlage wird aber ein Sinn abgewonnen, weil die Herrschaft eine notwendige Zwischenetappe ist, die die Heilsgeschichte unterbricht, denn der Antichrist sei ein Aufhalter, oder das Aufhaltende: Katechon (2 Thess. 2,7). Nach der Niederlage des Gesamtdeutschen Reichs, also des deutsch-österreichischen Großraums, der mit dem Vichy-Frankreich und den Kollaborateuren der anderen besetzten Länder das Urmodell der EU konstituierte, scheint den Meisten die politische Heilsgeschichte nun endlich ihren vorgeschriebenen Weg eingeschlagen zu haben. Richtung — the long road [march] west! Die auf drei Bände geplante säkularisierte Heilsgeschichte, von denen zwei bereits vorliegen aus sozialdemokratischer Sicht, wird von H.A. Winkler, wie Hegel für solche Historie vermutet hat, erst nachträglich angesichts des geschichtsphilosophischen Endes konzipierbar, nachdem das (überlegene) zivilisatorische Gegenmodell in der Gestalt Chinas sichtbar wird. Die Eule der Minerva flieht vor dem hastenden Riesen, wie Wolfgang Bauer [1] so einprägsam das Riesenreich während einer früheren Zeit seiner antiwestlichen Machtentfaltung verbildlichte. In Hegels Weltgeschichte wird der Kreis, der mit Chinas Substanzialität angefangen hat, über die verschiedenen Stufen bis zum Staat der bürgerlichen Gesellschaft als Evolution der Subjektivität, als Entfaltung der Freiheit sich ihm im 19. Jahrhundert gezeigt hat, erneut als Kreis abgeschlossen: der Weltgeist verlässt Europa und über den Umweg USA und einen Ausflug nach Moskau, wie Kojève vermutet hat, hat er nun seinen Ausgangspunkt erreicht, in Aufhebung aller seiner Reflexionsstufen: China. In der Sprache Hegels: „Das sogenannte allgemeine Beste, das Wohl des Staates, d.i. das Recht des wirklich konkreten Geistes, ist eine ganz andere Sphäre, in der das formelle Recht ebenso ein untergeordnetes Moment ist, als das besondere Wohl und die Glückseligkeit des Einzelnen.“ (Hegel 1833: 153) Einfacher gesagt: „ Aus chinesischer Sicht kehrt ja die Welt im Grunde bloß zum normalen Gang der Dinge zurück. Wir sind einfach am Ende einer langen historischen Phase der Abschweifung angekommen, während die europäische Zivilisation alles andere hinwegfegte. Jetzt ist eben der Augenblick gekommen, an Vorausgegangenes wieder anzuknüpfen.“ (Jullien 2006:12)

Das „mysteriöse“, so der Theologe Trilling, Katechon wurde bei Hegel umgebaut als eine Figur bestimmter Negation, bei Marx/Engels invisibilisiert in ihr Schema der Gesellschaftsformationen, ihrer Stufenfolge Gemeineigentum — Privateigentum — Wiederherstellung des Privateigentums auf höherer Stufenleiter. Die beliebten Warenfetischismus-FetischistInnen belächeln diese naive Vorstellung, die unter dem Geschmacksniveau ihres Fetischismus liegt, denn sie verbleiben lieber als kritische Kritiker im Imaginationsraum des Antichristen, wie der Thess.-Brief den mit Rom gesetzten Protokapitalismus religiös codiert [MEW 23: 96; Anm.]. Daher sehe ich mich genötigt, klassische Marxsätze aus dem Kapital zu zitieren, die deren Meinung nach nur durch den schädlichen Einfluss von Engels, der mit Zudrehen des Geldhahns gedroht haben soll, erklärbar sind. — Das ist meine boshafte Unterstellung: Spekulation halt. — Viel subtiler löst Henning die folgenden Sätze aus dem Marxschen Theoriekörper heraus: „Erstens sind solche Stellen stets nur am Rande, d.h. am Ende systematischer Ausführungen zu finden. Sie sind daher als stilistische Manierismen zu deuten und zu entschärfen. Sie zeigen in einer pointierten Abschlussformel noch einmal das erkenntnisleitende Interesse auf, wie in einem Schlussakt einer Symphonie“. (Henning 2010: 263). Wahrscheinlich stimmt das, aber ich möchte störrisch auf dem Wahrheitsgehalt solcher Stellen beharren, weil ich die katechontische Struktur begreifen und für eine Neulektüre präparieren will.

Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesell­schaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalisti­schen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert. Die aus der kapitalistischen Produktionsweise hervorgehende kapitalisti­sche Aneignungsweise, daher das kapitalistische Privateigentum, ist die erste Negation des individuellen, auf eigne Arbeit gegründeten Privateigen­tums. Aber die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation. Es ist Negation der Negation. Diese stellt nicht das Privateigentum wieder her, wohl aber das individuelle Eigentum auf Grundlage der Errungenschaft der kapitalistischen Ära: der Kooperation und des Gemeinbesitzes der Erde und der durch die Arbeit selbst produzierten Produktionsmittel.

Marx: Kapital 1 (= MEW 23: 791)

Hätte man die Klugheit, die Dialektik dieser Formationsstruktur [2] zu erkennen, dann wäre der Ort Chinas versuchsweise mit Arrighi zu bestimmen als „Hybridformation.“ (Arrighi 2009: 36) Wie die Negation der Negation im gegenwärtigen Zeitalter in die Geschichte sich einschreibt, ist der elementare Gegenstand von Hardt/Negris Empire.

1) Empire als Einrahmung Chinas

China kommt in Empire kaum vor, in Common Wealth eher lustlos, ohne das Ereignis Tianmen-Platz 1989 wäre China als die symptomatische Leerstelle perfekt in der theoretischen Architektur Hardt/Negris gewesen: doch in „Maulwurf und Schlange“ ist es ein Ereignis einer Signifikantenkette von Aufständen und Streiks, das ohne Eigenwert bleibt: „Keines dieser Ereignisse löste einen Kampfzyklus aus, weil die darin zum Ausdruck kommenden Wünsche und Bedürfnisse sich nicht in unterschiedliche Kontexte übersetzen ließen.“ (E 67). Tianmen ist kein Geschichtszeichen, wie in bizarrer Verkennung einer der klügsten China-Historiker weissagen wollte. [3] „Die Auseinandersetzung auf dem Tianmen-Platz bediente sich der Rede von Demokratie, die seit langem außer Mode schien: die Gitarren, Stirnbänder, Zelte und Slogans sahen aus wie das schwache Echo von Berkeley in den 1960er Jahren.“ (69). That’ s all!

In Common Wealth nehmen Hardt/Negri China teilweise in der Perspektive von Arrighi (2007) wahr. China, obwohl Kandidat erster Güte, wird nicht die Nachfolge der US-Hegemonie antreten können noch wollen. „Den Aufstieg Chinas betrachtet er [...] als einen Teilaspekt des allgemeinen Aufstiegs der untergeordneten Nationen insgesamt im Vergleich zu den dominanten, was eine grundsätzlich neue Form von Akkumulation mit sich bringt, die nicht auf der Hegemonie eines einzelnen Nationalstaats basiert.“ (C 235). In der Bastelanleitung [4] von Hardt/Negri ist China nicht vorgesehen. Versuchen wir es trotzdem oder besser: Gerade deshalb, wobei ich mich, seit Jahrzehnten eingeübt im theoretischen Glasperlenspiel, auf den mir fremden Standpunkt [5] stelle, China hätte keine sozialistischen Züge (mehr), es wäre demnach Teil der kapitalistischen Moderne.

Wir können China mit dieser Hypothese, es sei Hauptakteur neben den USA und Europa, damit innerhalb einer der vielen Welten des Kapitalismus (Miller 2005) in das Grundschema von Empire einschreiben: Es gibt kein Außen mehr! „Theoretisch wie praktisch ist es hingegen besser, wenn wir uns auf das Terrain des Empire und dort in die Auseinandersetzung mit den homogenisierenden und heterogenisierenden Strömen in ihrer ganzen Komplexität begeben; wir gründen so unsere Untersuchung auf die Macht der globalen Menge [multitudo].“ (E 59). Das Empire hat wie jedes System eine Vorgeschichte, in der die Elemente kontingent entstehen, deren emergente Funktion erst nachträglich erkennbar ist. China musste zuerst in das Innen der Weltpolitik hineinkatapultiert werden, was mit der Hineinnahme der Volksrepublik in die UNO und dem „menschenrechtsverletzenden“, satzungswidrigen, nachhaltigen Hinauswerfen von Taiwan auf der anderen Seite 1971 geschah. Gleichzeitig wurde die Weltwährung für das Empire flexibilisiert, ebenfalls 1971 wurde die Konstruktion einer Goldbindung von Nixon aufgehoben. 1999 folgt der nächste Schritt: nach der Integration Chinas in die politische Weltdimension nun die ökonomische Dimension mit dem Aufnahmeantrag in die WTO, nach 15 Jahren Vorverhandlungen (Jacques 2009: 155). Arrighi thematisiert die Empire-Dimension in seinem milden Spott über die Gewerkschaftsproteste gegen die China-Aufnahme, die im übrigen erst nach mehrmonatliger Diskussion und Auseinandersetzung im Politbüro der KPCh beantragt wurde: Der Antrag des Premierministers Zhu wurde vom Politbüro gegen den Generalsekretär durchgesetzt, schließlich wurde 2001 China in Doha Mitglied. Wie alles Wichtige in Politics stand die Aufnahme Chinas nicht auf der Tagesordnung der WTO-Tagung! Wie die WTO 10 Jahre nach (und wegen?) der Aufnahme funktioniert, ist empirisch sehr aufschlussreich. [6]

Empire und multitudo geraten immanent gegeneinander, und bewegen sich durch diesen Widerspruch weiter, hier China als Staatsmacht und dort der Protest in Seattle. Der Aufstieg Chinas beendete erstens erst eigentlich den kolonialen Imperialismus, der von den Europäern geschaffen und unter der Hegemonie der USA befestigt wurde. Moralisch unhaltbar ist die Position einer direkten oder indirekten (Menschenrechte, Klimakatastrophe] „Behinderung von Chinas weiterem ökonomischen Aufstieg, wie ihn manche westliche Progressive befürworten. [...] Und zweitens ist der weitere Aufstieg die beste Garantie dafür, dass in China eine starke Arbeiterbewegung entstehen wird, die die chinesische Arbeiterklassen auf ihren ‚langen Marsch’ zu ihrer Selbstbefreiung einen Schritt weiter [im Zusammenhang mit der Industrialisierung und Proletarisierung in China] bringen kann.“ (Arrighi[Silver] 2009: 74) Seltsamerweise werden die rasche Zunahme der arm-reich Differenz in China und die erfreuliche Verdichtung von Arbeiterkämpfen, bes. der Wanderarbeiterinnen (Ngai 2010) von westlichen Progressiven angeklagt, als ob es nicht geradezu komisch wäre, wenn diese Systemlogiken nicht auftreten würden, wenn eine Gesellschaft den Kapitalismus in sich hinein kopiert. Die Zunahme der Arbeitsproduktivität führt letzten Endes zu der ökonomischen Stärke Chinas, den ca. 3.200 Milliarden Dollar Devisenreserven (Ende 2011), die China zu einem immer mehr bestimmenden Akteur in den internationalen Netzwerken, Institutionen und zwischenstaatlichen Organisationen machen. Seltsam ist, dass dieser Kernaspekt von Empire die Auflösung von Zentrum/Peripherie Differenzen unterschätzt wird. Ergänzend sei auf die systemtheoretische Einsicht (Luhmann) hingewiesen, es wäre in der Weltgesellschaft unvorstellbar, das alteuropäische Machtmuster einer Spitze, welches schon überlebtes Moment des Imperialismus war, wieder herzustellen. Das Arrangement zwischen Staaten und internationalen Institutionen, zwischen Kapitalgruppen und NGOs wird immer dem in der Realität ähnlicher, was Deleuze und Guattari Rhizom nannten, „eine nicht-hierarchische und nicht-zentralisierte Netzwerkstruktur“ (311: genauer 335). Dass alle diese Ströme von Macht durchbrochen und von Gegenmacht umgelenkt werden, versteht sich nach Foucault (und Spinoza [7]) von selbst. Die multitudo Chinas gebraucht ihre Potentia in der Form ihres Staates, um die Krisen der Weltgesellschaft aufzufangen und in eine beherrschbare Schwingung zu versetzen, mittels Ausweichen oder noch besser: durch wu wei. [8] Sie ist zum einen trainiert durch ihre klassische Philosophie, die lange Ketten von indirekten Wirkungen beherrschen lernt, zum anderen durch die Erfahrungen von modernen Technologien etwa bei dem Bau von Brücken oder Niedrigenergiehochhäusern. Durch das hinein kopieren der kapitalistischen Marktform in die chinesische Gesellschaft sind „Arbeitskämpfe in China“ (Müller 2011) notwendige und immer mehr praktizierte Organisationsformen der lebendigen Arbeit. Die multitudo treibt den Staat voran, die lebendige Arbeit auf Kosten der toten Arbeit zu privilegieren, ihre Marktmacht durch Gewerkschaften und Lohnsteigerungen zu erhöhen und in der 30 Millionen Stadt Chongqing gegen den Marktliberalismus als kalkulierten Widerspruch Elemente des kulturrevolutionären roten Chinas zu generieren, die die Partei zu einem Lernprozess zwingen (Cohen 2011). Die multido bestimmt den Inhalt der Staatstätigkeit, ihre Potentia. Ihre Potestas aber stellt sich getrennt dar als Partei, die Staatsstruktur verdoppelnd. „Es gibt also nicht die Notwendigkeit, eine neue Politik der Distanz vom Staat zu verlangen, da die Partei diese Distanz ist: ihre Organisation verleiht einer Art von grundlegendem Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Organen und Mechanismen Ausdruck, als ob diese die ganze Zeit über kontrolliert werden müssten. Ein wahrer Kommunist ... akzeptiert den Staat niemals ganz: es muss immer eine wachsame Instanz außerhalb des (staatlichen ) Gesetzes geben mit der Macht, in den Staat einzugreifen.“ (Žižek 2011: 55). Das gilt besonders in „der“ Krise, der westliche Staaten verwirrt und weitgehend handlungsgebremst ausgesetzt sind, weil ihre Demokratie erodiert. [9] Politische wie ökonomische Krisen sind logischerweise nach der Erkenntnis des Kapitals ebenfalls konstitutiv für die „sozialistische Marktwirtschaft“ der VR China, gleichzeitig aber gilt der feine Unterschied von Haupt- und Nebenwiderspruch: Die Krisenlösungskapazität Chinas verändert die Krisenstruktur der Weltgesellschaft, um ein modisches Wort zu wählen: nachhaltig.

Die letzte Weltfinanzkrise fand nicht statt, nicht als Krise des Empires. Die zu rasch, gern von linken ApokalyptikerInnen (nicht allein Robert Kurz ...) heran zitierten Vergleiche mit 1929 trafen daneben, weil im Empire durch die pure Existenz Chinas, das als Garant der Weltwährung für die westlichen Staaten mitsamt dem IWF und der Weltbank fungiert, eine aufhaltende Macht gegeben ist. Zudem haben die Nationalstaaten, — um etwa das Gerede eines staatsfeindlichen Neoliberalismus zu widerlegen? — nein, ohne Ironie, sie haben macht-technisch aus 1929 gelernt. Mit schiefem Blick auf die chinesische Planung, die 2008 schnell ein Konjunkturprogramm von ca. 500 Milliarden mit dem Schwerpunkt Umwelttechnologie und Ausbau der Infrastruktur auflegten, zogen sie nach. (Roubini/Mihm 2010: 239ff.). Für den 2008 längst geplanten und begonnenen Umbau von billiger auf qualifizierte Arbeit kam die Krise für China gerade recht, um den Binnenmarkt beschleunigt zu entwickeln; die hier von ökonomischen DilettantInnen vergossenen Krokodilstränen, es seien Millionen von Wanderarbeiterinnen arbeitslos, war in China einkalkuliert worden bei einer, zu erwartenden, Finanzkrise des Westens, und die Partei war darauf eingestellt. Inzwischen gibt es mehr Nachfrage nach Wanderarbeit als Angebot (Lee 2011: 24 & 81; Müller 2011: 10). Wie im Inneren, nutzte China die Krise nach außen im Weltinnenraum des Kapitals, seine sowie schon gewonnenen strategischen Positionen im internationalen Machtgefüge (ten Brink 2008: 260ff.) erweitert zu reproduzieren. Für China ist die Finanzkrise ein Papiertiger.

Wer anarchistische Neigungen hat, die dem Alltagsanarchismus der Chinesinnen entgegenkommen, der subversiv die andere Seite der autoritären Erziehungsdiktatur bildet, mag die Katechon-Rolle einmal entsakralisiert verändert durchspielen. Die heutige Zirkulation der Milliarden täglich, die soviel Angst erzeugen (bei Buffett nicht!), gehen technisch nur mit Rechnerkapazitäten. 60% aller Operationen im Börsenhandel als ‚Hochfrequenzhandel’ (HFT) gehen von programmierten Computern aus, die tagtäglich mit Zufallsquotienten Zukunft in die Gegenwart transformieren, was der Hintersinn der Derivate, Leerkäufe und Wetten auf zukünftige Marktlagen ist. Die Zahl der beachteten Möglichkeitssequenzen wird erhöht. „Man kann in diesem Zusammenhang von Techniken der ‚Entfuturisierung‘ sprechen, die die Offenheit der Zukunft begrenzen, ohne dies sichtbar zu machen, d.h. ohne sie mit einer einzigen Ereignissequenz gleichzusetzen. Man gibt nicht vor, die Zukunft vorwegzusehen, hat aber trotzdem den Anspruch, sich davor zu beschützen. [...] Alle Versuche, die Kontrolle der Zukunft in der Gegenwart zu intensivieren ..., kehren sich in ihr Gegenteil um, so dass die zukünftigen Gegenwarten am Ende noch mehr Überraschungen bereithalten — die Volatilität zeigt eine ’Grimasse’ (skew)." (Esposito 2010: 254/5). Lassen wir hier unberücksichtigt, dass m.E. China die philosophischen Mittel hat, politisch diese Paradoxien managen zu können — wie mit Jullien (2008) leicht gezeigt werden kann. Ich bitte Kenntnisreichere, die technischen Operationen ins Sichtfeld zu nehmen. Gemeint sind die Hacker des Chaos-Computer-Clubs, sind die von Spezialisten behaupteten Forschungskapazitäten, Viren in militärische Rechner des Feindes zu platzieren: wie leicht wäre dann eine Entschleunigung und Ablenkung — vom BKA unbehelligt — der täglichen Geldströme durch ein chinesisches Programm, was die Gewinne aus den Hedgefonds und Investmentbanken entführt und auf die Konten der weltweiten Netze von anti-(neo)kolonialen NGOS lenkt? Oder einfach das System zum Überhitzen bringt, indem die Umlaufgeschwindigkeit blitzschnell um beliebige Milliardensummen erhöht wird und zugleich um gleiche Summen in andere Richtungen nach einer Fuzzy-Logik vermindert wird? Ende Dezember 2011 realisierte die Gruppe ‚anonymus’, — nicht wie der inzwischen erheblich angepasstere Hamburger Club — modellhaft diese Idee im Kleinen: Bei einem Hackereinbruch in die Sicherheitsfirma Stratfor wurden 90.000 Kreditkarten kopiert, mit denen ca. 1 Mill. $ an Spenden abgezweigt wurden. Anonymus muss in den Kontext dessen gerückt werden, was der us-amerikanische Regierungsberater Nye unter ernst zu nehmende Cybergefahren zählt: Wirtschaftsspionage, Kriminalität, Cyberkrieg und Cyberterrorismus“. (Nye 2011: 217) Bei einer Umwertung der Werte wären die zusammen höchstens hundert, als MathematikerInnen, ProgrammiererInnen und InformatikerInnen (nicht: ÖkonomInnen) Mitarbeiter (Frauenanteil weit unter 10%) bei den HFT-Marktführern Getco und Tradeworx als Kriminelle zu identifizieren. Eine kurze Untersuchungshaft – es muss ja nicht gleich Guantanamo sein — wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Marktfundamentalismus wäre, da sie für mindestens 1.000 MRD $ Umlauf pro Tag und 100 MRD $ Gewinn p.a. verantwortlich sind, ein wirksames Entschleunigungsprogramm, zumal es bei den Rechneroperationen um tausendstel von Sekunden geht. Imaginieren wir das Katechon als Maschine!

2) Der Katechon als Agent der Gegenmoderne

In Common Wealth schlagen Hardt/Negri vor, die Amivalenzen der Moderne zu diskutieren. Beispielsweise kritisieren sie Wallersteins Weltsystem-Theorie: „Doch auch wenn die Weltsystem-Theorie von zyklischen Veränderungen ausgeht, beharrt sie auf dem ‚systemischen‘ Charakter der kapitalistischen Entwicklung und Expansion. Selbst wo der Ansatz von ‚antisystemischen‘ Bewegungen spricht, gelingt es ihm nicht, wirklich zu erklären, was die widerspenstige Kraft der Gegenmoderne ausmacht. [...] Doch selbst in ihren elaboriertesten Varianten versperrt sich die Theorie den dunklen Kräften der Gegenmoderne und fesselt den Marxismus an die Moderne." (C 97) Einen Ehrenplatz unter all den Dunkelmännern der Gegenmoderne gebührt zweifellos Carl Schmitt. Vertraut mit den mythischen Untergründen von Katechon, auch angeregt durch die für ihn vermutlich maßgebende Interpretation von Dibelius (1925), die direkt in sein Leviathan-Buch von 1938 einmündet, unterscheidet er zwei Effekte des Katechons: Eine weltliche Macht, die aufhält, die entschleunigt, in Gestalt des Römischen Reichs, und eine Gesinnungsmacht, die sich im Abfall von Christus und in der Hinwendung zum Antichristen ausagiert.

Einer modernen Interpretation, die Schmitt sicherlich zu rational erschienen wäre, davon abgesehen, dass sie die Nicht-Echtheit von 2 Thess. als Forschungsergebnis präsentiert, — so etwas war Schmitt zuwider —, gelingt es die Funktion des Mythos zu codieren. „Das Katechon hat die Funktion, das Hervortreten des Wider-Gottes zu hemmen, es bis zu einem bestimmten Zeitpunkt aufzuhalten. Es muß daher eine positiv gesehene Macht sein, die diese wohltätige Aufschub-Wirkung ausübt. Diese aus dem Sinngefüge des Textes zu gewinnenden Erkenntnis ist der Schlüssel selbst, nach dem gefahndet wird.“ [10]

Katechon wird bei Schmitt zum Joker, den er verschieden ausspielt. Es geht ihm um die positive „Entschleunigung“ (Badiou) der Moderne. Die Sowjetunion nach der Oktoberrevolution entschleunigt den kapitalistischen Fortschritt, ähnlich wie Rom zuerst das Christentum behindert, und es schließlich verkehrend in ein säkulares Gebilde im Sinne Augustinus der Parusie entzieht. (Blindow 1999: 149) Strukturverwandt verhindert Stalins Sowjetunion die universale Durchsetzung der kapitalistischen Heilsbotschaft, die das Kommunistische Manifest als Schrift an die Wand der Moderne geschrieben hat. Anders als die gängige Meinung, Russland sei vormodern oder gar asiatisch, wird die Moderne [11] explosiv nachgeholt und dadurch entsteht die Lage, sie machtpolitisch in eine Gegenposition zu den USA und Europa in dem Weltbürgerkrieg zu bringen, was ein Energiefeld bildet, welches nach dem Sieg über Deutschland durch die Rote Armee den Prozess der Entkolonialisierung für die III. Welt objektiv möglich machte. „Es gibt keinen Sinn, von der Gewalt, manche sprechen von Barbarei, als dem Gegenkonzept der Moderne zu reden, das den unzivilisierten und rückständigen Gesellschaften zueigne. Dass diese durch die Geschichte nicht gedeckte Anmaßung durch die polare Nachkriegskonstellation nach 1945 noch gefördert wurde, die den freiheitlichen und modernen Westen dem diktatorischen und rückständigen Osten gegenüberstellte, kann man nur vermuten.“ (Plaggenborg 2006: 122/3)

So wie Hegel den Atheismus, der seit Nietzsche unabweislich ist und die christlichen Kirchen entfundamentalisiert, aufhält, so die Sowjetunion den Kapitalismus, da der Weltgeist nach Moskau gewandert ist (Schmitt und Kojève); die Oktoberevolution unterbricht den Siegeszug der kapitalistischen Moderne. Mit den Worten Molotovs: „ Es sei gut, dass die Zaren soviel Land für uns erobert haben. Jetzt ist es einfacher für uns, gegen den Kapitalismus zu kämpfen.“ (zit. Plaggenborg 2006: 272). Der Textkorpus, in dem Schmitt den Katechon einführt, kreist um den Gegensatz von Land- und Meermächten, wobei ihm das alte China wie das von Mao als Exempel dazu dient, gegen die scheinbare Überlegenheit des Meeres das Land zu favorisieren. Ich schummle in der Chronik! Erst nach 1945 durch den gewonnenen Partisanenkrieg, dem er wichtige Teile seines Partisanenbuchs von 1963 widmet (Schickel 1970), wird China für ihn zum Beispiel; und eher unwahrscheinlich ist, dass er vom Ming-Kaiser Zhu Di wusste, der am 8. März 1421 die größte Flotte der Weltgeschichte unter Admiral Zheng He unter Segel brachte, mit dem paradoxen Ergebnis, dem Antichristen im Gestalt des frühen Kapitalismus und Kolonialismus auszuweichen und freiwillig das Land abzuschotten. Schmitt hatte das großdeutsche Reich des Nationalsozialismus im Auge, dem er bekanntlich freudig seine Geisteskraft angedient hatte. Es war für ihn ein Versuch, dem Antichristen Kapitalismus, der sich als Liberalismus maskiert, auszutreiben mit Belzebub, mit „Hitlers Volksstaat“ (Aly).

„Weltmarkt, Welthandel, Weltmeer und der große Mythos der Freiheit erhielten ihren konkreten Inhalt dadurch, daß die Angloamerikaner das fabelhafteste aller Monopole innehatten, nämlich das Monopol, Hüter der Freiheit der ganzen Erde zu sein.“ (Schmitt 1942:432/3) So polemisiert Schmitt in seinem gegen die USA gerichteten Aufsatz „Beschleuniger wider Willen“ in „Das Reich“ vom 19.4. 1942. Dieser Aufsatz nimmt die zentralen Motive seiner Imperialismuskritik von 1932/33 auf, seiner Suche nach einer anderen Gegenmoderne als der sowjetischen. Ich möchte hier nur seine Pointe zitieren: „Der Imperialismus führt keine nationalen Kriege, diese werden vielmehr geächtet; er führt höchstens Kriege, die einer internationalen Politik dienen; er führt keine ungerechten, nur gerechte Kriege: ja, wir werden noch sehen, daß er überhaupt nicht Krieg führt, selbst wenn er mit bewaffneten Truppenmassen, Tanks und Panzerkreuzern das tut, was bei einem andern selbstverständlich Krieg wäre.“ (Schmitt 2005: 363) Diese Verdeckung von Krieg durch Vokabeln humanistischer Interventionen ist bereits ab 1930 Gegenstand seines Nachdenkens. Besonders ärgerlich fand er, dass das Vorhandensein des Kriegszustand, beim Chinesisch-Japanischen Krieg resp. vorher dem Konflikt geleugnet wurde; eine militärische Besetzung sei das, nicht Krieg. (Schmitt/Maschke 1965: 610) Wenn es die Gültigkeit von Freund-Feind-Relationen nicht mehr geben darf, trotzdem es Schurkenstaaten (Bush) gibt, was wohl faktisch Feinde sind, wie ist das Vokabular zu analysieren, sind die Schlagworte zu bezeichnen, welche nicht bloß geistige Propaganda und „ideologische Vortäuschung“ (Schmitt: 350) sind, also die westlichen Lieblingssignifikanten: Freiheit, Demokratie, Menschenrechte? Im Empire ist nach der Involution der Hegemonialmacht USA die strategische Lage grundsätzlich anders. China lernt zunehmend, mit diesem Vokabular flexibel umzugehen, tritt umstandslos dem Pakt gegen den Terror bei — mit kleinen Nebenabsichten (Brink: 259). Wäre es vorstellbar, dass Fidel Castro auf verschlungenen Pfaden jenen Text kennengelernt hätte? Castros Hartnäckigkeit hat den lateinamerikanische Widerstand am Leben erhalten, ihn aufgehoben für die jetzige Konstellation, die mit „Venezuela“ ihren bildlichen Ausdruck findet, gegen die vom Versucher USA missionarisch & militärisch gewollte „Freiheit der ganzen Erde“ agiert Castros Kuba als Katechon!

Ein alternativer Bericht über Menschenrechte, den China jährlich erstellt, kann reichlich Menschenrechtsverletzungen der USA und in den USA belegen (wobei man mit Noam Chomskys Texten noch mehr Material hätte). Die Dekonstruktion des Freiheitsvokabulars durch unsere marxistische Linke kann China nicht zuletzt Empire entnehmen, welches seit 2004 in China übersetzt vorliegt. Indem so dessen „Universalisierung“ (Schmitt) aufgehalten wird, entschleunigt es die Fortschreibung des neokolonialen Diskurses aus dem klassischen Imperialismus. Die Selbstbeschreibung der Partei, wiederum auf dem XVII. Parteitag 2007, China sei ein Entwicklungsland, wird üblicherweise nicht beachtet. Mit Ausnahme von einigen Hinweisen des alten Kommunisten Theodor Bergmann bleibt die Linke blind für die theoretischen Möglichkeiten, die chinesische Hybridformation (Verzeihung: den Kapitalismus) adäquat zu reflektieren. [12] Eines ist, dass China lernt, Pareto-aufgeklärt, auf die Ideologisierung und die ideologischen Interventionsabsichten mittels des Freiheitsvokabulars taktisch zu reagieren, ein anderes, und wichtigeres ist, dass seine multitudo es mit Inhalten durchkämpft, die weit über die westlich üblichen „Minimaldemokratien“ (Roth 2011) hinausreichen.

Unter Mao Zedong war China sich über die Ambivalenzen der Moderne bewusst. „Er hebt das Potential der Gegenmoderne hervor und stellt fest, dass das Ziel, China ökonomisch und sozial zu entwickeln, nicht erreicht werden kann, wenn das Land nur der Moderne folgt. Um die staatlichen Strukturen zu reformieren und die Lebensbedingungen der Arbeiter zu verändern, um sie von der Herrschaft des Kapitals zu befreien, bedarf es eines anderen Weges. [...] Selbst in den bedingungslosesten Modernisierungsprojekten Maos gibt es, wie Wang Hui anmerkt [China’s New Order], ein Element des Antimodernen. Diese Art ’antimoderner Theorie der Modernisierung’, so Wang, vereint charakteristische Merkmale chinesischen Denkens seit der Qing-Dynastie mit gegenmodernen Positionen der revolutionären chinesischen Tradition.“ (C 99).

Nach Niederlagen denkt es sich anders. Helden der Niederlage (Enzensberger) werfen das Ruder radikal um; so der Politiker Deng Xiaoping, so der kleine C.S., der als Intellektueller prinzipiell wenig bewegen kann [13] und zusätzlich als Professor nach 45 entlassen wird. Sein Projekt, sich das Katechon aus 2 Thess. zurechtzulegen, startet ja in einem — selten bemerkten — Ausnahmezustand: Beschleuniger wider Willen wurde gedacht und veröffentlicht vor dem 2. Februar 1943, [14] danach war er auf der verzweifelten Suche nach einem „echteren und stärkeren“ Katechon (Grossheutschi 1996: 76). Er entwickelte Positionen und Begriffe gegen die Welt-Moderne (Heuer 2010), die vom Empire aus gesehen den Umschlagspunkt des Imperialismus und Neokolonialismus zum Empire markieren, was lehren kann, die Bewegung der multitudo, welche das Empire vorantreibt, von den Herrschaftseliten und kapitalistischen Klassen zu unterscheiden, die das Vokabular der Prä-Empire-Konstellation in das Empire zu übertragen beabsichtigen, mit der Intention, die Kraft der multitudo zu neutralisieren und suggestiv sich von ihr als Antichristen in der elend-glitzernden Gestalt als Finanzkapital anbeten zu lassen. Trifft dieser Befund genauso auf China zu? Sind die Eliten und kapitalistischen Elemente denen der klassischen Welten des Kapitalismus gleich? Wenn, dann spielt China die weltpolitische Rolle eines Aufhalters im Empire, als Katechon für eine multitudo, die beginnt, sich ein Trainingsprogramm für die Weltrevolution zu erarbeiten, wenn wir der Trilogie von Hardt/Negri Glauben schenken wollen.

Wir verfügen nicht wie Marx und Engels über prophetische Gaben, die das Manifest der Kommunistischen Partei in gleiche ungeheure geschichtsphilosophische Dimensionen rückt wie die Bibel (Rorty 1998) — Alle vor Empire liegenden Versuche, den kapitalistischen Zivilisationsprozess aufzuhalten, bilden Material für eine religiöse Verarbeitung, deren theologische Reflektionsfigur das Katechon ist. Kittsteiner erinnert uns an diesen Zusammenhang, der im politisch-theologischen Denken sich in Denkbildern wie Katechon und Antichrist niederschlägt, mittels einer klassischen Passage aus dem Kommunistischen Manifest. (MEW 4: 466):

Auf der Suche nach Absatz für diese Produktion jagt die Bourgeoisie über die Erdkugel. Produktion und Konsumtion aller Länder sind nun kos­mopolitisch. Regionale Erzeugnisse werden durch Importe aus fernen Ländern ersetzt; die Literatur wird zur Weltliteratur. Die Bourgeoisie treibt der Bevölkerung den Idiotismus des Landlebens aus und un­terwirft sie der Herrschaft der Stadt. Die Bourgeoisie ist die Zivilisati­on. Zusammengefasst:

‚Die Bourgeoisie reißt durch die rasche Verbesserung aller Produktionsins­trumente, durch die unendlich erleichterte Kommunikation alle, auch die barbarischsten Nationen in die Zivilisation. Die wohlfeilen Preise ihrer Waren sind die schwere Artillerie, mit der sie alle chinesischen Mauern in den Grund schließt, mit der sie den hartnäckigsten Fremdenhaß der Barbaren zur Kapitulation zwingt. Sie zwingt alle Nationen, die Produk­tionsweise der Bourgeoisie sich anzueignen, wenn sie nicht zugrunde gehen wollen; sie zwingt sie, die sogenannte Zivilisation bei sich einzuführen, d.h. Bourgeois zu werden. Mir einem Wort, sie schafft sich eine Welt nach ihrem Bilde [dem Antichristen M.L.] ’Die wohlfeilen Preise der europäischen Waren sind die schwere Ar­tillerie, mit der alle chinesischen Mauern in Grund & Boden ge­schossen werden.’ Hat Marx nie etwas vom „Opiumkrieg" der Jahre 1839 bis 1842 gehört? Nur die Wohlfeilheit kann es nicht gewe­sen sein, denn die Märkte mussten erst gewaltsam geöffnet werden — mit schwerer Artillerie. Der kaiserliche Intendant und Leiter des Kriegsministeriums Lin Tse-Hsü schickt ein Protestschreiben an Königin Victoria. Darin heißt es: ‚Wir haben vernommen, dass in Eurem ehrenwerten barbarischen Lande den Menschen nicht erlaubt ist, diese Droge einzuatmen. Wenn diese zugegebenermaßen so schädlich ist, wie kann der Versuch, daraus Gewinn zu ziehen, dass man andere der unheilbringenden Wirkung aussetzt, mit den Geboten des Himmels vereinbart werden?’

(Kittsteiner 2008: 70/71)

Wenige Jahre später kämpft China gegen die mit Terror eingedrungene Moderne [15] – es fehlten damals dem Imperialismus noch schöne Begründungsfiguren wie humanitäre Intervention, geschweige denn Opium als wohlfeiles Menschenrecht für das Volk. Marx reagiert sofort mit Sympathie, als Supplement (Derrida) zum Manifest tritt erneut wie in den religiösen BäuerInnen-Kriegen der frühen Neuzeit die multitudo in chiliastischer Verkleidung in die Geschichte, jetzt in die der Moderne als reflektierte Gegenmoderne! Mit bewusstem, wie wohl leicht ironisch gefärbten Bezug auf Hegels Gesetz von der Einheit der Gegensätze markiert er als treffendes Beispiel, den Taipingaufstand 1851-1852, die „ungeheure chinesische Revolution“. „Scheinbar ist es eine sehr seltsame und sehr paradoxe Behauptung, dass die nächste Erhebung der Völker Europas und ihr nächster Schritt im Kampf für republikanische Freiheiten und ein wohlfeileres Regierungssystem wahrscheinlich im großen Maße davon abhängen wird, was sich jetzt im Reich des Himmels – dem direkten Gegenpol Europas – abspielt.“ (Marx 1853: 95) Diese Revolution, die bedeutendste Resultate für die Zivilisation haben muss (Marx), scheint die dialektische Negation der Aussage des Manifestes zu sein, erst eine völlige Entfaltung der Produktivkräfte wäre die Bedingung einer Sprengung der Produktionsverhältnisse.

Erst 100 Jahre später gelingt China perfekt die Identifikation mit dem Aggressor, wie es so trefflich bei Freud heißt, durch die Selbstaneignung der „schweren Artillerie“ mittels der Revolution von 1949. Nach Maos Tod 1976 heilt die Wunde, die von Taiping an in China schmerzte, deren letztes großes Aufbrechen die Kulturrevolution war (Wang 2003), jetzt wird die Gegenmoderne dialektisch aufgehoben. Weltgeschichtlich durchschaut sich der Katechon als diese provisorische Gestalt der multitudo, welche sich zur unmittelbaren natürlichen Wirklichkeit durcharbeitet und vollendet in einer Übergangspassage mit durchdringender Ironie den Kapitalismus als Religion, wie Walter Benjamin einst die spezifisch moderne Formgestalt des Anti-Christen dechiffriert hat. Damit erfüllt sich der §347 von Hegels Geschichtsphilosophie. „Dem Volke, dem solches Moment als natürliches Prinzip zu­kommt, ist die Vollstreckung desselben in dem Fortgange des sich entwickelnden Selbstbewußtseins des Weltgeistes über­tragen. Dieses Volk ist in der Weltgeschichte, für diese Epoche, — und es kann (§ 346) in ihr nur einmal Epoche machen, das Herrschende. Gegen dies sein absolutes Recht, Träger der ge­genwärtigen Entwicklungsstufe des Weltgeistes zu sein, sind die Geister der andern Völker rechtlos, und sie, wie die, deren Epoche vorbei ist, zählen nicht mehr in der Weltgeschichte.“ (Hegel 1833: 381)

Nachsatz: In Grundrisse 39 waren Texte für Heft 40 erbeten worden. Da ich mir das Thema „Weltrevolution“ ohne China nicht vorstellen kann, habe ich spontan mit diesem Text reagiert. Dass die Redaktion diese Vorstellung nicht teilt, also Weltrevolution ohne China sich vorzustellen vermag, wie das Heft 40 beweist, bedaure ich. (Vielleicht waren die Gründe eher äußerlich wie das recht späte Einreichen meines Textes?). Sei es, wie es ist: Ich nehme die Gelegenheit — des verspäteten Abdrucks — beim Schopf und reagiere kurz auf die 16 Thesen zur Weltrevolution von Paul Pop (Grundrisse 40) und konzentriere mich auf die China betreffenden 4, 7 & 9.

4. These: „Die Größe von Lenin und Mao besteht vielmehr darin, den richtigen Zeitpunkt für den Umsturz gespürt zu haben“. Dieser Spürsinn verdanke sich nicht einer Theorie wie dem Marxismus, Leninismus oder den Mao Zedong Ideen, sondern verarbeiteter Erfahrung. Daher lobt Pop den „(Untersuchungs)-Bericht über die BäuerInnenbewegung in Hunan“ (1927), der deshalb zum zentralen Text für die chinesische Revolution geworden sei, weil er nicht die Verhältnisse auf dem Land ökonomisch, sondern politisch untersuche. BäuerInnen und GrundherrInnen werden in ihre Reaktionsmustern beschrieben, wenn die multitudo sich im Kampf gegen die Ausbeutungsverhältnisse konstituiert, werden Strukturen von Klassenschichtungen wirksam; nicht jedoch verhält sich jemand so, wie es nach Klassenlage sein sollte („dass die Rolle des revolutionären Subjektes nicht einer bestimmten sozialen Gruppe zugeschrieben, sondern immer wieder neu definiert werden muss“; Pop 2011 Th.: 9) Der italienische Operaismus wird in den 60er Jahren diese Perspektive erneuern: Die Selbstorganisation der multitudo markiert die Klassendifferenzen, die Gegenkräfte sortieren sich auf der anderen Seite der Klassenverhältnisse. Kern der multitudo ist die sogenannte Pöbelbewegung, die Armen (Hardt/Negri C), das intellektuelle Prekariat, die in den Modi des Patriarchats beherrschten Frauen ( so schon Mao 1927). Nur ausnahmsweise die ArbeiterInnen, soweit sie nicht Zeitarbeit unterworfen sind, kaum die Mittelschicht, in deren Normen das Unten nur in Form von Pöbelherrschaft perhorresziert wird.

Den richtigen Zeitpunkt erkennt einzig, wer aus einer tieferliegenden Denkschicht herkommt: Lenin und Mao stehen ihrer Gesellschaft bei aller Konkretheit ihrer Klassenanalysen fremd gegenüber; sie entziehen der kapitalistischen Moderne ihr Mandat (geming) und ersetzen sie durch die multido, deren chiliastische Grundstruktur — ihr Magma (lt. Castoriadis) — sie freilegen. Das Aufspüren, dass die Zeit für die multitudo gekommen ist, umschreibt die Bibel mit Kairos (Mk. 1,15). Benjamin übersetzt in seiner 18 These: „Die Jetztzeit, die als Modell der messianischen in einer ungeheuren Abbreviatur die Geschichte der ganzen Menschheit zusammenfasst“ (Benjamin) 2010: 81)

7. These: „Das leninistische Parteimodell war relativ erfolgreich zur Eroberung der Staatsmacht, konnte aber keine emanzipatorische Gesellschaft hervorbringen.“ Zugleich 9 These: „Mao Zedong versuchte, durch die Kulturrevolution die Krise des leninistischen Repräsentationsmodells zu überwinden. Durch ihr Scheitern bleib allerdings auch der Marxismus weiter im Leninismus behaftet.“

Die 7. These ist religiös längst codiert. In seinem genialen Dialog Der Großinquisitor konfrontiert Dostojewski den Großinquisitor des erzreaktionären katholischen Klerus mit dem wiedergekehrten Messias, der gegen die hierarchische Heilsanstalt [Kirche; Partei] den emanzipatorischen Impuls der Bergpredigt reklamiert und der schließlich resigniert: denn er muss die Sicht der Institution anerkennen, die ihn als Störer ausgrenzt, als Ketzer verbrennen will (Dostojewski 1934: 42). Max Weber, der in seiner Religionssoziologie solcherart institutionelle Prozesse beharrlich analysiert hat, kann als Ergebnis einer erfolgreichen leninistischen Revolution, deren Verwandtschaft mit der Institutionalisierung des Christentums schlagend ist, einzig eine „unentrinnbare universelle Bureaukratisierung“ (Weber 1995: 80) antizipieren; Resultat einer Moderne, die Maos Gegenmoderne zu unterlaufen versprach. Doch: „Die ‚permanente Revolution’ Maos überforderte die Energie und Kräfte der meisten Menschen und verkam schnell zur Routine.“ (Pop 9. Th.) Begreifen wir die Kulturrevolution mit Benjamin als Abbreviatur, dann wurde die multitudo durch die Partei dekonstruiert, die heuer dabei ist, katechontisch einen Zweiten Großen Sprung zu organisieren, der dieses Mal in das Reich des antichristlichen Konsumkapitalismus zu führen scheint – als Vorstufe zum Kommunismus. [16] Dieser Konformismus der Moderne, ihre eigentliche Kontingenzformel von Freiheit, droht, wie viele Linken fürchten, die Überlieferung der sozialistischen Freiheitsgeschichte der multitudo zu vernichten, weil der Hegelsche Freiheitsbegriff täuschend imitiert wird, ähnlich wie der Antichrist den Messias.

In jeder Epoche muß versucht werden, die Überlieferung von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen. Der Messias kommt ja nicht nur als Erlöser; er kommt als der Überwinder des Antichrist.

(Benjamin 2010: 96 – VI.These)

[1Der großartige Sinologe Bauer gehörte um 68 zu meinen Lehrern, während sonstige Maoisten ihn gar nicht erst ignorierten, weil sie Wissenschaft mit Inbrunst links liegen ließen; was zu ihrer damaligen antiautoritären radikalen Vernachlässigung des Denkvermögens beitrug; sie konnten diesen Mangel nie ausgleichen, gerade nach ihren Konversionen zu westlichen Normen & Werten nicht. [Aus meiner Generation ein paar Temperamente, die „sich haben dumm machen lassen“ (Adorno): Courtois (gerissen); Koenen (fanatisch); Claussen (zeitgeistmodisch; daher im SED-Stil Chefkommentator für die Beiträge in izw3, China-Heft 2011]. Wenn man über eine durch Althusser trainierte Denkkraft verfügt, kommt man nicht auf die Idee, sich von der Kulturrevolution zu distanzieren, wie es genauso Badiou (2010: 261ff.) nie einfallen würde, besonders sein Brief an Slavoj Žižek über Mao Zedongs Werk belegt das. Ich bin glücklich, dass ich, auch Althusser-Schüler, ähnliches, wenngleich längst nicht so elegant & konsequent formuliert hatte (Lauermann 2008). Daher mein Benjaminscher Rettungsversuch gegen die Sieger, die Geschichte schreiben, im Nachsinnen von Bauers: Der hastende Riese. Über die ’Große Proletarische Kulturrevolution in China’ (Bauer 1967). Ein halbbewusstes Selbstbildnis Bauers vermute ich in seinem Vorwort zu Richard Wilhelms Die Seele Chinas ... . Schicksalhaft scheint, dass er im Todesjahr - Jahr des Pferdes - seines großen Vorbildes geboren wurde (1930; gest. 1997)!

[2Die Negation des Kapitalismus ist, weil dialektisch, nicht dialektisch darstellbar, sonst droht schlechte Geschichtsphilosophie. Die Struktur muss streng als Kombinatorik eines Neben- und Nacheinander von Gemeindeformen, Produktionsweisen, Ausbeuterklassen und „Aneignungsweisen der Mehrarbeit“ behandelt werden, was Pasemann glänzend gelingt (Pasemann 1978; bes.: 215ff.). Im weiteren muss die Überdeterminierung dieses Widerspruchs analysiert werden, „dass die neu, aus der Revolution hervorgegangene Gesellschaft, sei es durch die Formen ihres neuen Überbaus oder durch spezifische (nationale und internationale) ‚Umstände‘, selbst das Überleben, das heißt die Reaktivierung der alten Elemente auslösen kann.“ (Althusser 2011: 143/4).

[3Osterhammel 1989: XI/XII. Selten ist eine solche Verkennung („bespiellose Blutnacht“) im Vorwort zu einer der im Haupttext erhellendsten Interpretationen des vorrevolutionären China. Man sollte die Macht der Affekte nicht unterschätzen, die einen Autor überfallen, der nach jahrelanger Arbeit meint, rasch auf einen für sein Thema kontigenten Vorgang reagieren zu müssen. In den historischen Prozess integriert wird das Ereignis in angemessener Proportion bei Osterhammels Kollegin Dabringhaus (2009: 190/193), mit Hilfe der soziologischen Beobachtungen von Wang Hui (2003). Wäre der Historiker Osterhammel soziologisch ebenso informiert wie sein chinesischer Kollege und 1989er-Aktivist , hätte er sich die Dengsche Verhaltensweise einfach erklären können; mit Pareto ist die rationale Erklärung solcher Ereignisse technisch nicht schwierig und ihre politische Behandlungsart gilt seit Machiavelli als bekannt (vgl. Lauermann 1993).

[4Ich habe mich zu dieser Theorieform, die ich mit Levi-Strauss’ als Bricolage sehe, mehrfach geäußert (u.a. Lauermann 2006 & 2011). Im zweiten Text sehe ich Empire, Multitude und Commonwealth als Trilogie. Hilfreich ist für die Erklärung die sehr frühe und frische Intervention von Foltin (2002) in dieser Zeitschrift, die verfremdende nicht-marxistische Sicht von Kittsteiner ( 2005) und eine kleiner Hinweis von Seibert, der das Erkenntnisinteresse von Hardt/Negri freilegt: warum ein solch beindruckendes, gerade in der Rezeption von Wissenschaft, geistiges Erzeugnis eigentlich nicht Wissenschaft, — die bekanntlich nicht denkt —, sondern Revolutionsaufruf ist.

[5Mit ‚Hyperformation‘ (besser als früher Übergangsgesellschaft) ist meine Position angedeutet, die ich im Frühjahr 2012 in einem Buch (Chinas Zukünfte; Dietz Verlag) begründe. Bis dahin verweise ich auf diverse Chinaaufsätze in der Zeitschrift Z (Zeitschrift für marxistische Erneuerung), z.B. Widersprüchliche China Bilder (Teil I: Heft 88, Dezember 2011). Wenn China einer der Welten des Kapitalismus ist, dann eine aparte mit Planwirtschaft und Staatseigentum! Vgl. meine Rezension in Z 87, Sept. 2011 zu Lee (2011). Sprach der große Leibniz bereits von China als Anti-Europa bzw. Gegen-Europa, dann wäre ein Begriff für eine Gegenwelt der Moderne in der Moderne erfunden.

[6Bohne (2010) arbeitet bei seiner empirischen Studie zur WTO mit einem Begriffsnetz, das Hardt/Negri hätten entwickeln können. Conceptuel Frameworks, Variables, and Method: Concepts of actor-centered organizations; Focal, formal, and informal organizations usw. Das Empire bringt Bewegungsformen hervor, die deutlich von denen des Prä-Empire unterschieden sind

[7Ohne Spinoza ist Empire nicht codierbar, vgl. Reitter 2005 und Lauermann 2006)

[8= Nicht-Handeln (Jullien 2008: 19). Bei einer Veranstaltung des World Economic Forum im chinesischen Dalian 2011 sagte Premierminister Wen Jiabao: Die Europäer sehen sich mit ernsthaften Schuldenproblemen konfrontiert. Wir sind bereit, ihnen zu helfen, wenn sie sich selbst helfen; Hilfe zur Selbsthilfe. Ich meine frech: unser wu wei wäre leicht zu erkennen gewesen: In der Finanzkrise 2008 keinerlei Intervention des Staates für Banken (etc.)!

[9Vgl. Streeck 2011 und dazu: Jürgen Habermas (Rettet die Würde der Demokratie) F.A.Z. 5.11. 2011

[10Trilling (1980: 90). Trilling bevorzugt bei Katechon die sächliche Fassung des Artikels, meistens wird von NichttheologInnen die maskuline Form gewählt, so bei der nützlichen Darlegung vom Katechongebrauch durch Schmitt von Grossheutschi 1996. Unverzichtbar für Katechon ist die ausführliche Anmerkung 12 von Maschke zu Schmitt (1942; 438/40.)

[11Rainer Land hat mich auf die Stärke von Plaggenborg(2006) hingewiesen, ein Buch, dass ich bei flüchtiger Lektüre für eine der üblichen Gewaltpornografien gehalten hatte, weil die im Stalinismus Getöteten eine Hauptrolle spielen. Doch anders als die beliebten Versuche, Russland zu asiatisieren, betont P. die Strukturverwandtschaft der westlichen mit der sowjetischen Moderne: Nur zeitlich verschoben. Zur gewaltsamen Transformation, der im Kapital analysierten „ursprünglichen Akkumulation“, blieben der SU nur wenige Jahre. (Dieser klare Gedanke war in meiner 68er Zeit Allgemeingut von MarxistInnen wie Abendroth und Deutscher). In der Konsequenz dieser als Antimoderne realisierten Moderne liegt es, dass man die kommunistische Politik Stalins als Krieg gegen die BäuerInnen als Klasse durch eine imaginative proletarische multitudo definieren kann, während Mao die chinesische multitudo primär durch die BäuerInnen zu bestimmen verstand, denen das Proletariat zugerechnet wurde, mit der Funktionsbestimmung einer Ko-Evolution. (Dazu die genaue Belegung dieser Differenz bei Pam 2005)

[12Ein reiches Material, Länderanalysen wie Literaturrecherchen, welches ich für mein China-Buch unter diesem Aspekt gesichtet habe, liegt mit zwei wichtigen Büchern vor: 1.) Randeira 2009 & 2.) Boatcă 2010.

[13Doch gelingt Schmitt im Reich der Gedanken, in der Macht über Diskurse Erstaunliches, wie das bis heute befeindete Freund-Feind-Kriterium sattsam beweist. „Seine vielzitierte These, ‚ Diktatur ist der Gegensatz zu Diskussion’ vermag ja nicht allen Ernstes die Diskussion zu beenden. Sie ist vielmehr deren innovativster Beitrag.[...] Der Grund von Schmitts Erfolg liegt darin, dass er die politische Transzendenzvorstellung in die moderne politische Theorie hineingetragen hat. Es gibt heute kaum eine Erörterung der modernen politischen Theorie, in der nicht die übliche Zitierung Schmitts vorkäme.“ (Borkoff 2003. 64): Q.e.d.

[14Das ist der Siegestag der Sowjetunion in Stalingrad. Die Wirkung auf die konservative Elite, die sich mit dem NS arg verschätzt hatten, ist ungeheuer. Der Krieg ist verloren, war die Grundeinsicht von Heidegger und Schmitt. Hans Freyer, der bedeutendste Rechtshegelianer (Schmitt) beginnt seine Weltgeschichte Europas ebenfalls mit katechontischen Spekulationen, die er nach 45 ohne jede Änderung drucken lässt. Ihr Eurozentrismus ist überaus reflektiert, die Weltmoderne, die Schmitt bekämpft, ist keines Aufhebens wert.

[15„Das chinesische Kaiserreich verlor 1842 den rein wirtschaftlich motivierten Ersten Opiumkrieg gegen Großbritannien. Danach musste sich das Land auf die Schnelle und unter leidvollen Erfahrungen wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich alles aneignen, was dem Westen zu seiner Überlegenheit verholfen hatte. Diesen historischen Kontext muss man im Blick behalten, denn der gegenwärtige rasante Aufstieg Chinas verleitet durchaus dazu, diese traumatische Begegnung zwischen China und dem Westen auszublenden. Tatsächlich hat dieses Trauma bis heute unterschwellige Auswirkungen auf alle internationalen Beziehungen Chinas.“ (Jullien 2006: 12)

[16Der Erste ‚Große Sprung nach vorn’ [Da yuejin], 1958– 1961, war ein kulturrevolutionärer Versuch einer Selbsthilfeindustrialisierung, was ein westliches China-Handbuch so kommentiert: „Wenn seine Durchführung durch die Linken übereilt war, so war seine Verdammung durch die Rechten es ebenfalls. ... Vielleicht waren die euphorischen, chaotischen Tage des Jahres 1958 ein notwendiger Beginn ...“(Franke 1973: 110); ebenso wie die Panzer vom Tianmen-Platz ein notwendiger Beginn des Wirtschaftsliberalismus waren (vgl. Wang 2003)...[Zwei klassische Experimente im Sinne Schumpeters!]

Literatur:

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  • Arrighi, Giovanni (2009): Die verschlungenen Pfade des Kapitals [u.a. mit David Harvey & Beverly J. Silver]. Hamburg
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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2012
Nummer 41, Seite 22
Autor/inn/en:

Manfred Lauermann:

Früher tätig als Soziologe an der TU Dresden und als Philosoph an der Universität. Zuletzt DAAD-Professur in Brasilien, Mitglied der Sektion Kultursoziologie in der DGS und diverser Spinoza-Gesellschaften, lebt als Privatgelehrter in Hannover, sein Arbeitsschwerpunkt in der Wissens- und Wissenschaftssoziologie ist die Theorie- und Ideengeschichte, weiteres Forschungsinteresse gilt der Systemtheorie, Spinoza, Carl Schmitt, gegenwärtiges Spezialfeld: Kunsttheorie.

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