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Barbara Köszegi • Hanswerner Mackwitz

Chemie ist in Verruf geraten — die Opposition formiert sich (II)

Einem Jahrhundert der Vergiftung unseres Planeten müssen Jahrzehnte der Entgiftung folgen. Doch die chemische Industrie hat aus den Katastrophen der Vergangenheit wenig gelernt. Selbst Seveso bracht für die Konzerne keinen grundlegenden Wandel — chemische Pestizide verseuchen weiterhin ungehemmt die Ökosphäre. Dennoch: Eine wachsende Zahl verunsicherter Bürger ist nicht mehr bereit, dem Gang des sogenannten Fortschritts vorbehaltlos zu vertrauen. Die Opposition formiert sich.

Nicht gelernt aus Seveso

10. Juli 1976: Um 12.37 Uhr entweichen aus der Firma ICMESA in Seveso, 20 km nördlich von Mailand, mehrere Kilogramm Dioxin aus der Trichlorphenolproduktion und rieseln in das dichtbesiedelte Gebiet über Wiesen, Häuser und Menschen. Ein Millionstel Gramm dieses Ultragiftes genügt, um ein Meerschweinchen zu töten. Die Folgen der Katastrophe sind verheerend. Schwerheilende Hautausschläge bei Kindern, verendende Tiere, später gehäuftes Auftreten von Mißgeburten in der Umgebung. Die ICMESA, eine Tochterfirma des Schweizer Chemiemultis Hoffmann LaRoche, hüllt sich zwei Wochen lang in Schweigen, die Behörden spielen das Ausmaß der Gefahr in althergebrachter Weise herunter.

Noch heute, fünfeinhalb Jahre später, können 40 Familien nicht in ihre Häuser in der schwerverseuchten Zone A zurück, sie ist immer noch abgeriegelt und streng bewacht — was streunende Hunde nicht daran hindert, unter dem Zaun durchzuschlüpfen und das Dioxin zu verschleppen. Demnächst soll das vergiftete Erdreich in eine 7m tiefe Deponie geschüttet werden, nach dem Motto: vergraben, zubetonieren, begrünen und vergessen. Hoffmann LaRoche ließ zum fünfjährigen Jubiläum die Meldung kursieren: „Der Bevölkerung von Seveso geht es unverändert — gut.“

Trichlorphenol benötigt man bei der Herstellung des Unkrautvernichters 2,4,5-T und des Bakterientöters Hexachlorophen. Als Nebenprodukt entsteht unvermeidlicherweise das Ultragift Dioxin. Nach Seveso gab es da und dort eine Verschärfung der Produktionsnormen, in der BRD wurde eine Störfallverordnung erlassen, die wohl dazu dienen soll, daß man sich auf den allzeit möglichen chemischen Supergau etwas besser vorbereitet. In Österreich hält man eine solche Verordnung anscheinend für überflüssig, denn es gibt sie nach wie vor nicht.

Auch eine Einstellung der Trichlorphenolproduktion wurde nicht erwogen. Die Chemie Linz AG ist somit, neben der Firma Boehringer im Hamburg, die einzige Anlage in Europa, in der noch Trichlorphenol hergestellt wird. Alle anderen haben spätestens nach dem Unfall von Seveso damit aufgehört. Nach wie vor verlassen jährlich etwa 1400 Tonnen des Folgeprodukts 2,4,5-T die Linzer Produktionsstätte, der größte Teil davon wird gewinnbringend exportiert.

„Dioxin könne bei ihnen nicht entstehen“, versichert der Umweltschutzbeauftragte Dr. Hermann. Gleichzeitig gesteht er jedoch ein, daß die Chemie Linz AG ihre Dioxinabfälle nach Rotterdam verfrachtet, um sie dann auf hoher See verbrennen zu lassen. Der Kommentar eines „ausgestiegenen“ Matrosen vom Verbrennungsschiff Vulcanus läßt tief blicken: „Wenn ein Kontrolleur das Schiff von innen sehen würde, müßte er es aus dem Verkehr ziehen. Aber dort, wo ich gearbeitet haben, kommt kein Aufsichtsbeamter hin“.

Die Diskussion um die Gefährlichkeit von 2,4,5-T ist mittlerweile bald 20 Jahre alt. In vielen Ländern, so z.B. in Schweden, den USA, Frankreich oder Italien ist es schon seit einigen Jahren verboten oder unterliegt zumindest strengsten Anwendungsbestimmungen. Auch die BRD ringt sich zurzeit zu einem Verbot durch, nicht zuletzt dank dem Einsatz der Greenpeace Aktivisten, die drei Tage auf dem Schlot der Boehringer in Hamburg verbrachten. In Österreich scheint man an einem Verbot nicht interessiert — „die Beweise für die Gefährlichkeit des Unkrautvertilgers seien unzureichend“, heißt es. Von wissenschaftlicher Seite jedoch besteht kein Zweifel mehr daran, daß 2,4,5-T krebserregend und erbgutschädigend ist, zu Mißbildungen führt und zudem eine Gefahr für das Ungeborene darstellt. Das Arbeitsplatzargument, das in diesem Zusammenhang immer wieder auf den Plan gerufen wird, kann nur als blanker Zynismus gewertet werden.

Echte und vermeintliche Alternativen

Auch gibt man von industrieller Seite mahnend zu bedehken, es gäbe keine Alternative zum Giftspritzen — ohne Gift kein Ertrag — ist die Parole. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das jedoch als falsch. „Integrierter Pflanzenschutz“ ist der Sammelbegriff für eine sanfte, den biologischen Prozessen angepaßte Schädlingsbekämpfung. Die Natur sorgt, wenn man sie in Ruhe läßt, in ausgeklügelter Vielfältigkeit dafür, daß sich kein Insekt und kein Unkraut ungehemmt vermehren kann. Jedes Insekt hat natürliche Feinde, die die Schädlinge im Zaum halten. Pflanzen entwickelten in Jahrmillionen Duft- und Aromastoffe, die ja schließlich nicht nur der Erhöhung menschlicher Gaumenfreuden dienen, sondern vor allem Pilze und Insekten wirksam abwehren. Der integrierte Pflanzenschutz erstrebt eine tolerable Dichte der Schädlinge, die aber unter der „wirtschaflichen Schadensschwelle“ liegt, d.h. die Ertragsminderung ist geringer als eine chemische Spritzaktion kosten würde. Der Bauer unterstützt das natürliche, vielfältige ökologische Gefüge. Bekämpfungsaktionen werden nur durchgeführt, wenn sie sich nicht mehr vermeiden lassen. Aber auch hier kommen ausschließlich biologische Methoden zum Einsatz.

Die Produkte aus biologischem Anbau sind dann auch dementsprechend frei von chemischen Rückständen, oder liegen zumindest weit unter den Toleranzen der Weltgesundheitsorganisation. Gänzlich chemiefreie Lebensmittel sind aufgrund der toxischen Gesamtsituation leider nur mehr selten zu finden.

Für diesen sanften Weg hat die chemische Industrie wenig übrig — werden doch dann ihre „chemischen Sensen“ nicht mehr benötigt. Anstatt das Übel bei der Wurzel zu packen und das Ausbringen der Gifte zu verhindern, haben die Pestizidbefürworter andere Vorschläge: die Entwicklung von sogenannten Schutzstoffen. Dies sind chemische Mittel, die das Gift im menschlichen Körper unschädlich machen sollen. Sie sollen in Tablettenform eingenommen, oder mit dem Pestizid der Pflanze direkt zugegeben werden. Daß die Schutzmechanismen noch nicht geklärt sind, sollte keinen daran hindern, so die Vertreter dieser neuen Chemieethik, sie trotzdem bereits heute einzusetzen. Denn gegen die auftretenden Neben- und Kombinationswirkungen könnten dann ja Schutzstoffe der 2. Generation synthetisiert werden — eine abenteuerliche und abstruse Vorstellung, die selbst biologischen Laien einen Schauer über den Rücken jagt.

Diese Mittel würden natürlich von denselben Konzernen hergestellt wie auch die Pestizide selbst. Ähnlich wie sich die umweltzerstörende Industrie durch einen technologiepolitischen Umweltschutz in Form einer gut florierenden Ökoindustrie selbst kontrolliert, würde sich auch auf dem Sektor der Pestizide eine Branche herausbilden, die um „unser aller Wohl“ bemüht ist, und dabei kein schlechtes Geschäft mit unserer Gesundheit macht. Auf jeden Fall wäre das eine neue Variante des Verursacherprinzips, denn sowohl die Ursache als auch deren Beseitigung lägen in derselben Hand.

Schwarze Listen

Die Zahl besorgter Wissenschaftler und verzweifelter Konsumenten, die nicht wissen, wie sie sich dieser Chemieflut entziehen sollen, wächst rapide an. Gutgemeinte Appelle an die chemische Industrie, die sogenannte Ökonomische Wettbewerbsfähigkeit nicht auf dem Rücken der Gesundheit der Verbraucher auszutragen, haben bisher nicht gefruchtet. Deshalb wird auch der Ruf nach schwarzen Listen, auf denen Produkte angeführt sind, die verboten werden müssen, immer lauter. Der Verbraucher, der beschließt, ab nun keine umweltschädlichen Konsumgüter mehr zu kaufen, stößt heute auf beinahe unüberwindliche Hindernisse. Artikel des täglichen Gebrauchs, seien es nun Waschmittel, Kosmetika, Lebensmittel, Plastikwaren, Farben usw., sind so gut wie nie mit Inhaltsangaben versehen. Wendet er sich vertrauensvoll an den Hersteller, heißt es zumeist, das sei „Betriebsgeheimnis“.

Werden die Hersteller per Gesetz gezwungen, Inhalts- bzw. Zusatzstoffe anzugeben, können sie sich immer noch an einer wirklichen Information vorbeischwindeln, indem sie nur Sachkundigen verständliche Kodexnummern verwenden. In der EG heißt dann z.B. Tartrazin, ein höchst verdächtiger Lebensmittelfarbstoff, einfach E 102.

Um etwas Klarheit in dieses geheimnisvoll Zahlenlabyrinth zu bringen, nahmen in Frankreich engagierte Wissenschaftler zunächst einmal sämtliche Soft Drinks unter die Lupe. Sie ersetzten die unverständlichen Kodenummern durch die zugehörigen chemischen Bezeichnungen und nahmen schließlich, nach bestem Wissen und Gewissen, eine Gesamtbewertung der Getränke vor. Viele sehr beliebte Fruchtlimonaden, und vor allem auch die chininhaltigen Drinks schnitten dabei ausgesprochen schlecht ab. Verschiedene Lokalzeitungen halfen bei der Verteilung der so erstellten schwarzen Listen an die Haushalte und, gemessen an der Reaktion der Konsumenten, hat sich diese minutiöse und oft schwierige Kleinarbeit gelohnt: der Umsatz der schlimmsten Giftcocktails ging rapide zurück.

In Österreich gibt es solche Listen derzeit noch nicht. Es haben sich jedoch an der Technischen Universität Wien einige junge Wissenschaftler zu einer „Arbeitsgruppe Kritische Chemie“ zusammengeschlossen, die sich in nächster Zukunft an die Erstellung solcher „Warnlisten“ heranmachen wird, als Orientierungshilfe im tropisch wuchernden Konsumwald.

Viele Verbraucher suchen nach neuen Verhaltensmustern und Wertmaßstäben, weil sie sich Gedanken um ihre Gesundheit und ihre Umwelt machen, und weil sie nicht mehr kritiklos hinnehmen, was ihnen eine rein absatzorientierte Werbung einzureden versucht. Auch der Verein für Konsumenteninformation, der ja Warentests durchführt, bietet hier nur spärliche Hilfe. Im Vordergrund der Untersuchungen stehen allemal der Preis und die technologische Qualität der Produkte. Erst in letzter Zeit setzt man dort ab und zu auch den ökologischen Maßstab an. Beim Gerätekauf etwa darf nicht nur der Preis entscheiden, auch der Energieverbrauch, die Materialart, Sicherheit, Reparaturfreundlichkeit, Langlebigkeit und ähnliches mehr sind wichtig. Und bei Lebensmitteln muß die Frage nach eventuellen Schadstoffen ebenso erlaubt sein wie nach dem Wassergehalt, nach Vitaminen, Mineralien oder nach der Haltbarkeit.

Daneben wären jedoch noch eine Reihe anderer Fragen zu beantworten, die vorläufig noch kaum beachtet werden, wie beispielsweise:

  • Welche Umweltbelastungen sind mit dem Produkt verbunden, von der Produktion über die Verwendung bis zur Beseitigung?
  • Wie sieht es mit dem Rohstoff- und Energieverbrauch aus?
  • Sind gesundheitliche Risiken zu bedenken, am Arbeitsplatz, beim Verbrauch oder bei der „Entsorgung“?
  • Trägt das Produkt direkt oder indirekt zur Ausbeutung anderer Menschen bei, insbesondere in den Entwicklungsländern?
  • Steht das Produkt in Zusammenhang mit der Zerstörung von Natur bzw. der Ausbeutung von Tieren und Pflanzen?

In der Bundesrepublik vergibt das Umweltbundesamt in Berlin alljährlich das Umweltzeichen an ökologisch vernünftige Produkte. In Österreich steht man — wie könnte es anders sein — dieser Art von positiver Motivation eines umweltgerechten Verhaltens vorerst noch sehr skeptisch gegenüber, nur im Bereich Energie gibt es das „Goldene A“ für besonders energiesparende Geräte, wohl als Folge des Schocks der 70er Jahre. Es wird — so vermuten Kenner der österreichischen Bürokratie — noch etlicher Vorstöße von Bürgerinitiativen, Naturschutzorganisationen, kritischen Wissenschaftlern und Konsumenten bedürfen, um diese ökologischen Gefilde auch den zuständigen Ämtern schmackhaft zu machen.

Doch die Zahl derer, die für die komplizierten Zusammenhänge in der Biosphäre sensibel geworden sind, wächst. Sie definieren einen neuen Qualitätsbegriff, der nicht nur den äußeren Schein, sondern die vielschichtigen, ineinander verflochtenen Merkmale eines Produkts bewertet. Sie weisen den Weg in eine Zukunft, in der Lebensqualität nicht mehr nur mit materiellem Wohlstand gleichgesetzt wird; in eine Zukunft, die dem Fortschrittsbegriff der letzten Jahre — dem grenzenlosen Wachstum — skeptisch gegenübersteht; in eine Zukunft, die die Technik in ihre Schranken verweist; in eine Zukunft also, in der die Menschen gelernt haben, daß Selbstbeschränkung nicht Verzicht, sondern Gewinn bedeutet.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Februar
1982
Wurzelwerk 8, Seite 8
Autor/inn/en:

Hanswerner Mackwitz:

Geboren 1945 in Minden, gestorben 2010 in Wien. Chemiker und Umweltaktivist, veröffentlichte Bücher, Reportagen und Fachartikel und produzierte Fernsehdokumentationen sowie Theaterstücke. Er war in den 1980er Jahren Berater der Grünen im deutschen Bundestag und politischer Berater der Grünen im Parlament in Österreich.

Barbara Köszegi:

Dipl.-Chem., Jahrgang 1956, studierte Chemie an der Universität Basel und arbeitet heute als Wissenschaftsjournalistin u.a. für den ORF (help — das Konsumentenmagazin, Forschung in Österreich, Das Magazin der Wissenschaft). B. Köszegi betätigt sich außerdem als Regieassistentin beim Bayerischen Fernsehen und ist Mitglied der Arbeitsgruppe Kritische Chemie in Wien, die u.a. bei der Vorbereitung des österreichischen Chemikaliengesetzes schriftliche und mündliche Stellungnahmen abgibt.

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