Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 9
Pierre Gallissaires • Gilles Ivain • Hanna Mittelstädt

Briefe aus der Ferne

Ivan Chtcheglov hat an der Zeit des Suchens teilgenommen, aus der die situationistische Bewegung entstanden ist, und eine unersetzliche Rolle sowohl beim ersten theoretischen Entwurf als auch in der praktischen Durchführung der Umherschweifexperimente gespielt. Schon 1953 hatte er — er war damals erst 19 — unter dem Namen Gilles Ivain der Text Formular für einen neuen Urbanismus verfasst, der in der Nummer 1 der Situationistischen Internationale veröffentlicht wurde. Da er die fünf letzten Jahre in einer psychatrischen Klinik verbracht hat, wo er sich immer noch befindet, hat er erst sehr lange nach der Gründung der S.I. mit uns wieder Fühlung aufgenommen. Er ist zur Zeit damit beschäftigt, seine Schrift aus dem Jahr 1953 über Architektur und Urbanismus für eine neue Ausgabe zu verbessern. Hier folgen Auszüge aus den Briefen, die er im Laufe des letzten Jahres an Michèle Bernstein und Guy Debord geschickt hat. Die Lage, in die Ivan Chtcheglov jetzt gebracht wurde, kann als eine der immer differenzierteren Formen empfunden werden, die diese Kontrolle des Lebens innerhalb der Modernisierung der Gesellschaft einnimmt, die einen zu anderen Zeiten z.B. wegen Atheismus in die Bastille oder ins politische Exil geführt hat.

Ich befinde mich in einer Umwelt, die sich besonders dafür eignet, die Gruppe und die Funktion jedes Einzelnen innerhalb der Gruppe zu untersuchen.

Das Umherschweifen — im Strom der Handlungen, mit seinen Gesten, seinem Spazierengehen, seinen Begegnungen — war für die Totalität genau das, was die Psychoanalyse — die gute — für die Sprache ist. Lassen sie sich im Strom der Worte treiben, sagt der Psychoanalytiker. Er hört zu, bis er ein Wort, einen Ausdruck oder eine Definition entlarvt oder modifiziert (man kann sagen: zweckentfremdet). Jawohl, das Umherschweifen ist eine Technik und beinahe eine Therapeutik. Genauso wie aber eine Analyse allein fast immer unverträglich ist, so stellt das ständige Umherschweifen eine Gefahr dar, insoweit das zu weit (zwar nicht ohne die Basis, aber) ohne Schutz fortgeschrittene Individuum dem Bersten, der Auflösung, Zersetzung und Spaltung ausgesetzt wird. Dann kommt das Zurückfallen in das sogenannte „normale Leben“ — d.h. klar ausgedrückt: das „versteinerte Leben“. In diesem Sinne denunziere ich heute die Propaganda des „Formulars“ für ein ununterbrochenes Umherschweifen. Sicher: ununterbrochen, wie das Pokerspiel in Las Vegas, aber ununterbrochen innerhalb einer bestimmten Zeit — nur am Sonntag für die einen, eine ganze Woche im Durchschnitt; einen Monat, das ist viel. 1953 — 1954 haben wir es 3 oder 4 Monate praktiziert: das ist die äußerste Grenze, der kritische Punkt. Ein Wunder, dass wir nicht daran gestorben sind. Wir hatten eine eisern schlechte Gesundheit.

Ein Faktor — der unsere Grundtheorien nur allzu gut bestätigt — hat eine enorme Rolle gespielt: mehrere Jahre lang war die Klinik hier in einer Burg samt Wasserspeiern, Pechnasen, dicken, mit Nägeln beschlagenen Türen, Holzfußböden (keine gewürfelten, die hygienischer sein sollen), einem hohen Turm, teilweise alten Möbeln, mit Wappen versehenenKaminen usw. Danach ist eine moderne Klinik gebaut worden. Sicherlich leichter zu pflegen, aber um welchen Preis! Es ist praktisch unmöglich, gegen die Architektur zu kämpfen. Jetzt sagt man immer öfter „Klinik“ anstatt „Burg“ und „Kranke“ anstatt „Gäste“. Und alles in derselben Art … Die Worte arbeiten.

Eben habe ich leichtsinnigerweise die Rolle des Fleischers in dem Stück „L’Ampelour“ von Audiberti akzeptiert. Eine kleine Rolle — aber die Müdigkeit! Nichts macht müder, als eine Bühne zu betreten, wenn man krank ist.

In meinen guten Augenblicken raufe ich mir die Haare, wenn ich die ganze Unzulänglichkeit dieses „Formulars“ sehe, das doch vollkommen war. Das gleiche gilt für die Ausgaben der S.I.. Man könnte es doch viel besser machen mit ein wenig:
Zeit — Glück — Gesundheit — Geld — Überlegung
(und auch): guter Laune — Mut für die Sache — Liebe und Bedacht.

Aber die Umwelt! Die Strömungen! Die anderen! Die Abzweigungen! Es ist kompliziert.

Immer wieder das irrsinnige Verlangen der Welt: „Genie dürfen Sie haben, sicher, aber indem Sie so wie wir leben.“ Sie sind verrückt. Und sie werden mir noch eine neue Kategorie in meinen Akten anhängen.

Da wir jetzt beim Luxuspotlatsch sind, hier ein Titel: „Menschen begegnen sich“ von J.A. Schade, bei weitem der größte Roman dieses Jahrhunderts — leider nirgends aufzufinden. Nur — vielleicht — per Anzeige. An seinem Ende das kleine Lied, „das wir als Kinder sangen“:

Die Reichen, die fahren
Die Armen, die gehen
Und wir, wir amüsieren uns.

Es ist schwierig, im Loch zu sitzen und zu wissen, was auf dem Spiel steht. Ich bin auch zum Symbol geworden und sogar hier haben sie das verstanden. Kommt er durch oder nicht? Findet er wieder seine Sprache oder verliert er wieder das Gedächtnis?

Obwohl ich in der Angst lebe, möchte ich meinen Text vielmehr auf das Glück ausrichten; und Chirico mag sicher bahnbrechend auf dem Gebiet der Perspektive in der Architektur sein — der beängstigenden aber. Wir werden andere, fröhlichere Dinge finden. Oder aber die Angst bei Chirico zeigen und denunzieren. Mein Text ist nicht deutlich genug.

Man kann nur als Kranker herauskommen, da es unmöglich ist, sich in einer Klinik zu heilen. Wir haben es doch vor 10 Jahren geahnt, dumm waren wir wirklich nicht — keineswegs dumm. Ist die Unmöglichkeit, sich in einer Klinik zu heilen, für den Direktor eine nicht zu verteidigende Meinung, so behaupte ich doch — und dies in abstraktem Einverständnis mit K., dass man sich selbst hier nicht heilen kann. Die Anstalt würde irgendeinen von uns kaputt machen. Nicht absichtlich, selbstverständlich. Aber was soll’s?

Ich betreibe situationistische Propaganda bei einem oder zwei vom Personal. Warum nicht?

Und wie herauskommen? Wie sich genügend erholen, um herauszukommen? Vermutlich ist es unmöglich.

Herauskommen! Sie machen mir Angst. Ich stelle mir x-beliebige Phantasiebilder vor: sie finden ein Mittel, damit ich den Kopf verliere und sie kassieren mich ein. 1959 hatte man zwei mit Bullen vollgepfropfte Busse herbeigerufen (soweit ich mich erinnere). Also, 24 Bullen für euren Genossen … Ihr kennt mich doch auch, wenn es mir sehr schlecht geht. Da braucht man nicht 24 Bullen hinzuschicken. Das braucht man eigentlich überhaupt nie!

Was soll ich Ihnen sonst sagen, lieber Guy? Ich bin krank. Ich stecke im Jammer, in den 400 Willensäußerungen, im Hass, im Wahnsinn, in Verwünschungen, in „der unheilvollen und eifersüchtigen Liebe“, in Drohungen, in Schlägen der Kindheit, in Unglücksprophezeiungen von L. und dem „Hör auf Deine Mutter!“ von W.

Es lohnt sich, hier den Feiern zuzusehen. Ich glaube, ihr würdet eure Zeit nicht vertun. Sie sind nicht so traurig wie die üblichen. Die Feten — das ist das Beste, was es hier gibt.

Was kann man noch zu A.K.’s Ausschluss sagen? … Diese Ausschlüsse sollten aufhören. Ich weiß, dass es nicht leicht ist; man müsste die Entwicklungen voraussehen, die Verdächtigen von vornherein nicht annehmen — na ja, das Ideal sozusagen! Diese Ausschlüsse gehören zur situationistischen Mythologie.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 9, Seite 38
Autor/inn/en:

Gilles Ivain:

Geboren 1933 in Paris als Ivan Chtcheglov, gestorben 1998 ebenda. Er war beteiligt an den frühen Unternehmungen der Situationistischen Internationale, namentlich an der Entwicklung der Theorie der Psychogeographie und des praktischen Konzepts der dérive (des Umherschweifens).

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Lizenz dieses Beitrags:
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