Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1996 » ZOOM 4+5/1996
Markus Kemmerling
Stay behind the NATO

BRD

Der Geheimdienst der BRD wurde von Reinhard Gehlen, einem hochrangigen ehemaligen Nazispion, aufgebaut. Gehlen war auch der Vater der deutschen Stay-behind-Organisation.

Der deutsche Bundesnachrichtendienst (BND) beherbergt(e) auch den deutschen Gladio-Ableger, schlicht „Stay-behind-Organisation“ genannt (eine Vorläuferorganisation, der „Technische Dienst“ im „Bund Deutscher Jugend“, wurde bereits 1952 aufgelöst. Nach dem Anfang 1991 von der Bundesregierung veröffentlichten Bericht seien 1956 bei der Umwandlung der „Organisation Gehlen“ in den BND die „Elemente der von alliierten Diensten auf deutschem Territorium bis 1955 aufgebauten Nachrichtenbeschaffungs- und Schleusungsorganisation“ von diesem übernommen worden. Laut Angaben eines ehemaligen Mitarbeiters des NATO-Geheimdienstes sei Reinhard Gehlen auch der „geistige Vater des ‚stay behind‘ in Deutschland“ gewesen. Kanzler Konrad Adenauer und andere SpitzenpolitikerInnen wie der damalige Staatssekretär Hans Globke, ein hochrangiger Ex-Nazi, seien eingeweiht gewesen: „Adenauer unterzeichnete im Mai 1955 mit den USA ein Geheimprotokoll zum NATO-Beitritt Deutschlands, in dem vereinbart wurde, daß die deutschen Behörden von einer aktiven juristischen Verfolgung bekannter Rechtsextremisten absehen werden.“ Die Bundesregierung bestritt demgegenüber vehement, daß die „Stay-behind-Organisation“ der NATO angehört habe.

Der amerikanische Historiker Christopher Simpson rekonstruierte aus freigegebenen Unterlagen der US-Army die Rekrutierung Gehlens und seiner Leute. Demnach starteten die USA „ein kleines, überaus geheimes Programm, durch das in einem amerikanischen Lager für hochrangige Kriegsverbrecher der Achsenmächte in der Nähe von Wiesbaden deutsche Spezialisten für Spionage- und Geheimoperationen angeworben wurden. Hier erteilte der Chef des Geheimdienstes der Army in Europa, General Edwin Sibert, dem hageren ehemaligen Wehrmachtsgeneral Gehlen den Auftrag, eine neue, aus deutschen Fachleuten für die UdSSR bestehende Spionageorganisation aufzubauen.“ Die wertvollsten Mitarbeiter Gehlens und des US-Geheimdienstes CIC waren ehemalige Angehörige des Amtes VI des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) gewesen, einer Spionageabteilung, die maßgeblich an der Massenvernichtung der Juden und Jüdinnen beteiligt gewesen war.

Laut dem Bericht der Bundesregierung seien Ende der fünfziger Jahre etwa 75 hauptamtliche Mitarbeiter in der BND-Zentrale in Pulllach, einem ehemaligen Ausbildungszentrum der Waffen-SS, mit der sogenannten „Steuerungsorganisation“ beschäftigt gewesen. Dazu kamen 50 militärische, 125 allgemeine und 25 „Schleusungsquellen“. Die Gesamtzahl der „nachrichtendienstlichen Verbindungen“ wird mit bis zu 500 angegeben. Dies alles sei im Laufe der Zeit beständig reduziert worden, die Zahl der nachrichtendienstlichen Verbindungen beispielsweise bis Anfang der neunziger Jahre auf 104.

Die Organisation sollte schließlich bis April 1991 aufgelöst werden. Die für Sabotagehandlungen zuständige „Komponente“ sei bereits acht Jahre zuvor eingestellt worden. Von den in der Frühphase der Organisation angelegten Depots, die sowieso nur Ersatzteile für Funkgeräte, Medikamente, Gold, Schmuck und „vereinzelt Pistolen“ enthalten hätten, seien die letzten 1972 aufgelöst worden (siehe dazu „Gladio oder die Rache Moros“). Seit Ende der siebziger Jahre hätte sich auch die Unterstützung der Stay behinds durch die Bundeswehr auf das Zurverfügungstellen von Ausbildungseinrichtungen beschränkt. Anderen Quellen zufolge sind allerdings die „Fernspäh-Kompanien“ des Heeres direkt in die Struktur integriert gewesen.

Bis zuletzt waren auch die Sabotageeinheiten der britischen und amerikanischen Besatzer in der BRD stationiert. Die „special forces“ der US-Army, die aus dem Vietnamkrieg berüchtigten Green Berets, waren im bayrischen Bad Tölz stationiert. Diese Sondereinheiten gingen aus einem Programm der US-Army von 1950 – dem sogenannten „Lodge-Act“ – hervor, welcher 12.500 Ausländern den Eintritt in die Amee ermöglichte. Unter diesen befanden sich ehemalige Nazikollaborateure, vorwiegend aus Osteuropa, Veteranen der Waffen-SS und Gesatpoagenten, die ansonsten aufgrund der amerikanischen Einwanderungsgesetze von der US-Staatsbürgerschaft ausgeschlossen geblieben wären. 1966 hielten die Grünmützen auch für österreichische Soldaten einen Ausbildungskurs am Allentsteiger Truppenübungsplatz ab.

Quellen:
Christopher Simpson: Der amerikanische Bumerang – NS-Kriegsverbrecher im Sold der USA. Ueberreuter, Wien 1988;
Hans Wolker: Schatten über Österreich – Das Bundesheer und seinen geheimen Dienst. Promedia, Wien 1993, S. 67ff;
Bericht der Bundesregierung über die Stay-behind-Organisation des Bundesnachrichtendienstes, Frühjahr 1991;
Spiegel 47/1190;
Searchlight 1/91.

Bund deutscher Jugend

Im Zusammenhang mit Gladio bekannt geworden ist der 1950 in der BRD gegründete „Bund deutscher Jugend“ (BDJ). Der BDJ setzte sich allerdings weniger aus Jugendlichen als aus ehemaligen Wehrmachtsoffizieren und alten Nazis zusammen und stand wie die entsprechenden österreichischen Organisationen in der Tradition der nationalsozialistischen Werwölfe. Finanziert wurden der Bund und seine Zeitschriften von der CIA, vom Innenministerium, dem Gesamtdeutschen Ministerium sowie vermutlich von namhaften Industrieunternehmen wie Coca-Cola, dem Autoelektronikhersteller Bosch, der Schuhfabrik Salamander und dem Zigarettenmogul Reemtsma. In einem Bericht des hessischen Innenministers hieß es damals: „Aus den Beweisurkunden (...) kann wohl mit Sicherheit behauptet werden, daß kein anderer Jugendverband in der Bundesrepublik über so ausgezeichnete Beziehungen zu höchsten Staatsdienststellen, Wirtschaftsverbänden und früheren Militärs verfügte wie der BDJ.“

Zum BDJ gehörte ein konspirativ arbeitender „Technischer Dienst“ (TD), der im Oktober 1952 durch eigenmächtige Ermittlungen des regionalen hessischen Verfassungsschutzes als „stay behind“-Organisation enttarnt und aufgelöst wurde. Die eingeleiteten Strafverfahren wurden allesamt vom Bundesgerichtshof eingestellt, da der BDJ für die „freiheitlich demokratische Grundordnung“ gekämpft hätte.

Laut dem damaligen hessischen Ministerpräsidenten gehörten dem TD zwischen ein- und zweitausend Personen an. Zu den bekanntesten Führern gehörte Dieter von Glahn, ein ehemaliger Abwehroffizier der deutschen Wehrmacht, der heute noch als Vorsitzender der „Konservativen Sammlung“ und Mitglied der „Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte“ einschlägig aktiv ist. In einem Interview beschrieb von Glahn den Technischen Dienst 1990 so: „Unser Auftrag und unsere Organisation waren deckungsgleich mit dem, was man heute über Gladio weiß.“

Der TD führte unter anderem sogenannte „Proskriptionslisten“, auf denen sich KommunistInnen und prominente SozaldemokratInnen wie Herbert Wehner fanden. Diese sollten „am Tag X dem bolschewistischen Zugriff entzogen“ und notfalls ermordet werden. Die Listen seien, so von Glahn, vom niedersächsischen Verfassungsschutz vollständig übernommen worden.

Im Odenwald bildete der BDJ etwa 130 seiner Mitglieder militärisch aus. Gleichzeitig wurden auch geheime Waffenlager angelegt. Die „Welt am Sonntag“ berichtete damals, daß im Juli 1952 amerikanische Armeelastwagen in verschwiegene Wälder der Bundesrepublik gefahren seien, um wasserdichte Kisten mit Waffen, Munition und Sprengstoff zu vergraben. Fingerzeige, die damals den zuständigen deutschen Instanzen gegeben wurden, seien nicht beachtet worden.

Für die militärische Leitung einer geheimen ’„Aktion Außenbezirke“’ hatte der BDJ einen ehemalige General der Waffen-SS, Felix-Martin Steiner, vorgesehen. Steiner war auch Mitgründer der „Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Soldaten der Waffen-SS“ (HIAG), die in ihrer Zielrichtung und Bedeutung mit der österreichischen „Kameradschaft IV“ vergleichbar ist.

Quellen:
Leo A. Müller: Gladio – das Erbe des Kalten Krieges;
rororo 1991;
antifa-info Nr. 14, Frühjahr ’91;
Der Rechte;
Rand, Januar/Februar 1991 und März 1994;
Welt am Sonntag, 18.10.1995, zitiert nach: Neues Deutschland, 12.2.1996.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1996
ZOOM 4+5/1996, Seite 60
Autor/inn/en:

Markus Kemmerling:

Gelernter Physiker, EDV-Kundiger und Web-Entwickler bevor die Meisten „Internet“ buchstabieren konnten. Redaktionsmitglied, organisatorisches und moralisches Rückgrat von Context XXI, Fels in allen Brandungen vom mythologischen Anbeginn bis Mai 2003.

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