FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1982 - 1995 » Jahrgang 1992 » No. 465-467
Gerhard Oberschlick

Bombenvergessenheit schlägt Seinsversessenheit

(Untertitel:) Die ›FAZ‹-Philosophie der postatomaren Epoche (oder umgekehrt, ganz wie Sie wollen)

Betrifft: Werner Fuld, „Zur Freiheit verurteilt, 11.7.1992 & „Wen die Bombe küßt. Neue Literatur von und über Günther Anders“, 26.9.1992, in Ihrem Blatt.

S.g. Herren ›FAZ‹-Herausgeber,

mit angemessener Verspätung gerät mir der zweite von Fulds diesjährigen Anders-Beiträgen für die ›FAZ‹, über „Neue Literatur von und über Günther Anders“, unter die Augen. Gegenüber dem ersten, der am Vortag und aus Anlaß des 90. Geburtstags seines Gegenstandes erschien, läßt er einen beachtlichen Fortschritt erkennen:

Er macht sich endlich über den eigenen Topos — wonach G.A. jahrzehntelang vor allem dafür bekannt gewesen wäre, daß er als eher unbekannter Autor gegolten hätte — lustig, wenn auch ein wenig verborgen, indem er andere Autoren deswegen rügt: „Fast jedes Buch, das sich mit dem Philosophen Günther Anders beschäftigt, glaubt sich mit dem Hinweis legitimieren zu müssen, daß dieser Autor bisher nicht die verdiente Beachtung gefunden hätte“.

Vor Lesern wie Redaktion verbirgt er im Tone des unbefangenen Rezensenten, daß er in dem Buch »G.A. kontrovers« (C.H. Beck) einen der Beiträge geschrieben sowie die Schrift »Über philosophische Diktion und das Problem der Popularisierung« (Wallstein Verlag) eigenmächtig, ein Agent ohne Auftrag, vermittelt hatte:

Fuld hatte Anders’ Manuskript „aus dem Tagebuch von 1949“ vor etwa zwei Jahren dem Herausgeber von ›Text + Kritik‹, Heinz Ludwig Arnold, gegeben, dem es für dort zu lang war. Vor einem Jahr frug Arnold Herrn Fuld, ob er dieses Manuskript zum 90. Geburtstag des Autors in der Reihe der »Sudelbücher« herausbringen dürfe. Korrekt sagte Fuld, das Recht liege bei Günther Anders, dieser in einem Wiener Pflegeheim und wolle auf derlei nicht gerne angesprochen werden; dann gab er dennoch — ohne Anders zu fragen — grünes Licht. Arnold und der Verlag durften gewiß dem Wort des seriösen ›FAZ‹-Literaten vertrauen. Daß dieser Günther Anders davon nichts erzählt hat, als er (im November vorigen Jahres, um die Bibliothek des Philosophen zu holen, die Anders ihm anläßlich der Auflösung seiner Wohnung schenkte, und nochmals heuer am 12. Juli, zum Geburtstag) ihn besuchte; und daß er von den Autorenexemplaren, die er vom Verlag bekommen hatte, kein einziges an den Autor weitergab, läßt an der bona fides von Werner Fuld doch etwas zweifeln. Die Drucke sind ihm gegönnt, aber der Mann verbirgt zu viel:

Günther Anders hatte den begabten jungen Journalisten zum Verwalter seines literarischen Nachlasses ausersehen und Werner Fuld hatte sich durch Zusammenstellung bibliographischer Angaben (erschienen in »Mariechen« bei Beck und im »Günther Anders-Lesebuch«, Diogenes, 2.Auflage) unbestritten Verdienst erworben. Als Fuld jedoch zum zweiten Mal einen Text von Günther Anders „verbessern“ zu sollen glaubte, war die Vertrauensbasis hin: Eine versuchte Umdichtung des »Mariechen« hatte Anders nach anfänglicher Fassungslosigkeit noch verziehen; als Fuld den großen Dialog »Die Irrelevanz des Menschen. Eine Lausologie« auf ein gutes Drittel kürzte, dabei (für Bissingers ›Natur‹) ganz hübsch umschrieb und das Unrechtmäßige seines Tuns nicht einsehen wollte, war es genug. Das Werk erschien im FORVM, getreulich in der Fassung von Günther Anders, der umdisponierte: Fuld wird die wertvollen Zeichnungen, Fotos, Briefwechsel, Typo- und Manuskripte — wovon ein Viertel wohl schon gedruckt ist — einmal nicht erben, geschweige die Rechte, [1] sondern bleibt weiterhin unbefangener ›FAZ‹-Rezensent.

Fulds Umgang mit Anders-Iexten indizierte also schon bald die Ambition zum „selbstdenkenden Schüler“ und daß er nicht bloß „bewundernder Jünger“ bleiben wollte, welche letztere Eigenschaft er einem „Großteil der Sekundärliteratur“ zu Anders’ Werk ankreidet. Die Rowohlt-Monographie ist natürlich besonders geeignet, den Zorn dessen zu erregen, der selbst eine Anders-Monographie zu schreiben vorgehabt hatte; die gelaufenen Vorgespräche über deren Erscheinen im Rahmen der Gesammelten Werke bei C.H. Beck dürften nun doch noch scheitern: an Fulds kopflosem „Sprung in eine neue postatomare Epoche“ — in der ich ihm viel Glück wünsche. Er wird dort sehr einsam sein und wird es „selbstdenkend“ brauchen können.

Vielleicht gelingt es Fuld tatsächlich, seine Zeit umzuschreiben, ganz neu in postatomare Gedanken zu fassen und der nächste „einflußreichste Philosoph“ zu werden; das wäre schön für uns wie ihn, und diesfalls sei er gepriesen. Oder er kehrt, irgendwann, in die weniger schöne Realität der Epoche zurück, die — nach einer der laut Fuld „als historisch erwiesenen Hauptthesen“ von Günther Anders — davon bestimmt ist, daß eine technische Kenntnis unserer Gattung, nicht mehr nur dem einzelnen Menschen, den natürlichen Tod von der „eigenen“ Hand unwiderruflich ermöglicht bzw. uns mit ihm bedroht. Wie wir Nichtwissen verläßlich wiederherstellen können, müßte Fuld uns erklären; sein Beispiel, wie jedes, bleibt ungenügend, weil Wissende von Nichtwissern nicht Nichtwissen lernen.

Beste Empfehlungen und schöne Grüße, Ihr

Gerhard Oberschlick
Herausgeber des FORVM, Wien

[1PS: Günther Anders hat sie statt dessen mir zugeeignet, das soll hier unverborgen sein. -d.O.

Die ›FAZ‹ hat auch diesen Leserbrief selbstverständlich nicht gedruckt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
November
1992
No. 465-467, Seite 17
Autor/inn/en:

Gerhard Oberschlick:

Herausgeber der Print-Ausgabe des FORVM 1986-1995 und der Online-Ausgabe hier.

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