Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1999 » ZOOM 2/1999
Markus Kemmerling (Übersetzung) • Spomenka Lazic

Bombardements und Medienkrieg

Die Tragödie der kleinen und armen Stadt Aleksinac, die hauptsächlich von Bergarbeitern bewohnt wird und auf deren Häuser vor einigen Tagen Bomben fielen, bestimmen immer noch die Gefühle der Menschen, denen zumindest gelegentlich bewußt wird, daß die Bomben der waffenschwingenden Weltmacht gelegentlich ihr Ziel verfehlen können. Diejenigen, die auf Alksinac fielen, haben 16 Häuser in Schutt und Asche gelegt und 400 weitere unbewohnbar gemacht. Die genaue Zahl der Opfer wurde nicht bekanntgegeben. Die Bombardierung der Zastava-Autofabrik in Kragujevac hat ebensolche Emotionen ausgelöst.

Bilder des vollständig zerstörten Pristina haben Belgrad mit einigen Tagen Verspätung erreicht. Und dies sind die einzigen aus dem Kosovo, die in den serbischen Medien zu sehen sind. Es gibt nicht einmal Fernsehbilder von den zerstörten Belgrader Vororten. In Belgrad und Serbien herrscht Kriegsrecht. Die Menschen sind damit beschäftigt, ihre Köpfe zu retten. Von Tag zu Tag werden sie blasser und nervöser, ohne unnötige Fragen akzeptieren sie die Informationen, die ihnen von den staalichen Medien und Zeitungen 24 Stunden am Tag vorgesetzt werden. Serbien ist heute zur Gänze gleichgeschaltet, beleidigt, gedemütigt und verstört. Jede Unterstützung, die aus der Welt kommt, wird auf allen Fernsehstationen über Tage gesendet und der Haß auf die NATO-Staaten, insbesondere die USA, hat seinen Höhepunkt erreicht. Alle Blicke richten sich auf Rußland, dem enorme Macht und Stärke zugeschrieben wird und welches die einzige Hoffnung auf Rettung ist.

Gestern, am 9. April, erweiterte der serbische Präsident per Verordnung die Macht des Innenministeriums. Das Ministerium kann nun die Bewegungsfreiheit einschränken und Personen für mehr als 24 Stunden einsperren, die Ordnung und öffentlichen Frieden stören und Wucher mit Lebensmitteln treiben. Jemand der nach Ansicht des Innenministeriums die Sicherheit der Republik gefährdet, kann an einen anderen Ort verbracht werden. Das Ministerium darf Wohnungen durchsuchen, Briefe öffnen, usw. In den ersten Tagen der Bombardierungen wurden Zeitungen und andere Medien durch eine spezielle Verordnung verpflichtet, bestimmte Propagandarichtlinien zu befolgen.

In der dritten Kriegswoche hat ein offener Medienkrieg zwischen der Welt und den serbischem Medien begonnen. Er begann mit der Drohung eines NATO-Offiziers, daß auf Grund der Propagandalügen das Gebäude des staatlichen Fernsehens bombardiert würde, falls es nicht der Ausstrahlung von Programmen ausländischer Stationen – oder gar der NATO selbst – zustimme. Man erwartet von einem Land, das angegriffen und beinahe zerstört wird, das auszustrahlen, was diejenigen verbreiten, die es bombardieren. Die Nachricht blieb hier nicht ohne Reaktionen, insbesondere das staaliche Fernsehen reagierte mit scharfen Kommentaren. Selbst die schärfsten Regimekritiker, die am vehementesten Informationen aus der Welt hören möchten, waren von der Arroganz der Bombardierer geschockt. Während all dieser Kriegstage sind diejenigen, die Satellitenprogramme sehen – und dies ist nur ein kleiner Teil der serbischen Bevölkerung [1] –, über die Propaganda und Halbwahrheiten entsetzt, die über die Bombardierungen und die Entwicklung in Jugoslawien verbreitet werden. Die wenigen ausländischen ReporterInnen beklagen sich hinter vorgehaltener Hand bei ihren KollegenInnen über die Zensur der Informationen, die sie aus Belgrad liefern. JournalistInnen in Serbien konstatieren, daß das staatliche Fernsehen ein völliger Amateur ist verglichen mit CNN.

Was wird der westlichen Propaganda genau vorgeworfen?

Aus Serbien wird der Welt nur Singen und Tanzen gezeigt – als Gegensatz zu den fliehenden und vertriebenen Kosovo-Albanern. Ethnische Säuberungen und Vertreibungen werden ausschließlich dem Milosevic-Regime angelastet. Die Bombardierung des Kosovo als Grund für den schrecklichen Exodus der AlbanerInnen wird in der westlichen Propaganda nicht einmal erwähnt, noch die Abreise der OSZE-BeobachterInnen aus dem Kosovo, die den einzigen Schutz vor dem gegenseitigen Morden von SerbInnen und AlbanerInnen darstellten.

NOTO KOSOWAR 1.21

Einige KommentatorInnen kamen sogar zu dem Schluß, daß die SerbInnen die Bombardierungen akzeptierten, da sie nicht fliehen. Wenn Sie sich nur einmal die Mühe gemacht hätten, einen Blick auf die Belgrader Bahnhöfe und Busbahnhöfe zu werfen, hätten sie Leute gesehen, die abreisen und fliehen, um in benachbarten Ländern oder Orten Zuflucht zu suchen. Niemand hat es für Wert befunden, darauf hinzuweisen, daß die SerbInnen nirgendwohin gehen können. Mit Ausnahme von Ungarn, wo sich bereits etwa zwanzigtausend registrierte Flüchtlinge aufhalten, benötigen sie für jedes Land ein Visum. Viele Familien gehen nach Subotica als einem „sicheren“ Ort. Männer dürfen das Land nicht verlassen und seit einer neuen Regierungsverordnung benötigen sogar Kinder über 14 einen Paß.

Es gibt keine Antwort auf die Frage, warum die multiethnische Vojvodina, insbesondere Novi Sad, in diesem Ausmaß zerstört werden. Warum werden die Brücken dieser Stadt zerstört und warum muß diese Provinz so teuer dafür bezahlen, was eine andere Provinz durchmachen muß?

Gefangen zwischen zwei Propagandamaschinen, wobei das staaliche Fensehen auf die Mehrheit eine Wirkung wie Opium hat, leben die total desorientierten, verwirrten und wütenden Menschen jeden Tag ein Doppelleben. Tagsüber müssen sie zur Arbeit gehen, obwohl es praktisch nichts zu tun gibt, und in der Nacht in die Luftschutzkeller. Es gibt keine Erklärung, warum Bomben in unmittelbarer Nachbarschaft von Entbindungsheimen oder der Belgrader Innenstadt einschlagen, warum sie ZivilistInnen in ganz Serbien treffen. Von einem angegriffenen Land zu erwarten, jene zu verteidigen, die es bombardieren, ist tatsächlich ein beispielloser Zynismus.

Eine Verurteilung des Exodus der albanischen Bevölkerung von jenen zu erwarten, die – mit Ausnahme der wenigen, welche Satellitenprogramme empfangen – nicht einmal die schrecklichen Bilder der Flüchtlinge gesehen haben, ist vollkommener Unsinn. Das organisierte Singen und die Slogans, die gezeigt werden, und die obszöne Präsentation von Führern des Westens und die Schreie der Empörung, in denen Land mehr zählt als Menschenleben, sind nichts als ein Propagandabild von Serbien, mit welchem neue Energie für eine weitere Bombennacht gesammelt wird.

Während der Nacht wird Belgrad zur Geisterstadt. Heldentum, Prahlerei und Patriotismus sind dann nur im Fensehen zu sehen. Bis zur nächsten Kundgebung am Platz der Republik. Der einzige offensichtliche Effekt der Propaganda ist die Gleichschaltung der Menschen, das Gefühl der Ungerechtigkeit, die die Welt den SerbInnen antut. Alles andere, einschließlich dessen, was in Serbien und dem früheren Jugoslawien passiert ist, ist für Jahre vergessen.

[1Am 13. April zerstörten NATO-Bomben eine Satellitenempfangsstation. Seitdem sind nach Angaben des staatlichen jugoslawischen Fernsehens kein Empfang von Satelittenprogrammen und keine Überseetelefonate mehr möglich (Anm. M.K.).

Der Artikel stammt vom 10. April 1999 — leicht gekürzt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1999
ZOOM 2/1999, Seite 13
Autor/inn/en:

Markus Kemmerling:

Gelernter Physiker, EDV-Kundiger und Web-Entwickler bevor die Meisten „Internet“ buchstabieren konnten. Redaktionsmitglied, organisatorisches und moralisches Rückgrat von Context XXI, Fels in allen Brandungen vom mythologischen Anbeginn bis Mai 2003.

Spomenka Lazic: Spomenka Lazic ist Mitarbeiterin von AIM Podgorica.

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