Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 2-3/2003
Florian Markl

„Blut für Öl“?

Ein Stichwortgeber für die Friedensbewegung

Anlässlich des Irak-Krieges ist ein altbekanntes Phänomen zu beobachten: In der öffentlichen Agitation ist immer von „der“ Friedens­bewegung die Rede, die einig und entschlossen gegen die amerikanisch dominierte Kriegspartei in Stellung ge­bracht wird. Sobald jedoch Kritik an bestimmten Inhal­ten „der“ Friedensbewegung formuliert wird, ist es mit der Einheit und Geschlossenheit vorbei, wird die Heterogenität der verschiedenen Grüppchen und Personen in den Vordergrund gestellt, um sich mit dieser Finte gegen­über jeglicher Kritik zu im­munisieren.

So zutreffend es ist, dass innerhalb der Friedensbewe­gung durchaus unterschiedli­che Positionen vertreten wer­den, so richtig ist es, dass zu­mindest in einem Punkt tatsächlich Geschlossenheit herrscht. Von den völkischen Beobachtern der „Antiimperialistischen Koordination“ über friedensbewegte Chris­ten und amerikafeindliche Grüne bis hin zu freiheitli­chen Europaparlamentariern ist man sich darüber einig, dass im Irak ein „Krieg um Öl“ geführt wurde. Wie schon im Golfkrieg 1991 war „Kein Blut für Öl“ auch diesmal der einheitsstiftende Slogan, un­ter dem sich das chronisch gute Gewissen in all seinen Ausprägungen protestierend durch die Straßen wälzte. Vor 12 Jahren war „No blood for oil“ vom „anderen Amerika“ ausgegeben worden: Die Ver­einigten Staaten, so die Argu­mentation jenseits des großen Teiches, sollten das Leben ih­rer Soldaten nicht für die Durchsetzung vermeintlicher Öl-Interessen aufs Spiel set­zen. Schnell wurde die griffige Parole andernorts aufgenom­men. Der Historiker Dan Di­ner bemerkt dazu in seinem Essay über das „Feindbild Amerika“: „Notwendig trat ein, was transkultureller Über­tragung von politischer Meta­phorik gemeinhin auf dem Fuß folgt: Im veränderten Kontext erfahren die Bilder einen Bedeutungswandel.“ In Deutschland und Österreich, so fügt er hinzu, steht die Lo­sung in einem „dubiosen und wenig durchschaubaren Kontext“ [1]. Im folgenden soll es dar­um gehen, diesen Kontext zumindest andeutungsweise zu erhellen.

Der 1904 in Wien gebo­rene Anton Zischka war ei­ner der erfolgreichsten Pu­blizisten des Dritten Reiches. Seine unzähligen populär­wissenschaftlichen Schriften wurden zu wahren Verkaufs­schlagern. [2] Im Jahre 1939, kurz nach Beginn des Zwei­ten Weltkrieges, erschien sein Buch „Ölkrieg“. [3] Zischka wollte darin die Geschichte der Förderung und Verar­beitung jenes Rohstoffes auf­arbeiten, der wie kein ande­rer in den vergangenen Jahr­zehnten die Weltpolitik be­herrscht habe. Als Leitmotiv diente ihm hierbei das dem französischen Politiker Clemenceau entliehene Motto: „Ein Tropfen Öl ist uns ei­nen Tropfen Blut wert.“(22) Die seinen Volksgenossen da­mals wie heute überaus ein­leuchtende These Zischkas lautete, dass die westlichen „Pluto-Demokratien“ (236), allen voran England, in ihrer Gier nach Öl die Welt in den Abgrund stürzten.

Die Ähnlichkeit dieser These mit den heutzutage von der Friedensbewegung vorgetragenen Argumenten ist frappierend. Nun könnte man das ja für eine bloß zufällige Nähe halten und je­den Zusammenhang mit dem Hinweis leugnen, dass kaum jemand Zischka oder dessen Buch kenne. Ein Blick auf dessen Argumentationen sollte allerdings stutzig ma­chen. So plädierte er für Ge­sellschaften, in denen „Staatsinteresse vor Einzel­interesse“ (73) gestellt werde, sah er den Grund für die Niederlagen einiger Konzer­ne „im Erwachen dieser Völ­ker, im Sieg des nationalen Selbstbewusstseins“ (95), sah er im Iran „ein sehr gutes Beispiel dafür, wie Öl aus ei­ner der Ursachen der Unter­drückung, einem Mittel der Ausbeutung, zum wichtigsten Werkzeug der nationa­len Erneuerung werden kann“ (209), agitierte er ge­gen Rockefeiler als einen, der „groß geworden (ist) im Zeit­alter der Händler“, mit „fremden Ideen ... und mit der Arbeit anderer, ... nie schaffend, immer nur verteilend“ (38), sah er im Öl des arabischen Raumes ein Mit­tel „der nationalen Auferste­hung“ (209) der von ihm ge­schätzten islamischen Staa­ten und warf er dem Westen vor, er hetze „Unzählige in den Tod“ und tarne dies bloß als „Krieg für Freiheit und Recht“ (6).

Vermutlich ist die Person Zischka tatsächlich beinahe in Vergessenheit geraten, sei­ne Ausführungen sind es mit Sicherheit nicht: Der Nazi­publizist hätte — wie sein legitimer Nachfolger Peter Scholl-Latour —, ohne größe­re inhaltliche Konzessionen machen zu müssen, zum ge­schätzten Experten der Anti­kriegsbewegung werden können und dabei nicht einmal seine Begeisterung für das ach so friedliebende Deutschland verschweigen müssen.

[1Diner, Dan: Feindbild Amerika. Über die Bestän­digkeit eines Ressenti­ments, München 2002, S.155

[2Vgl: Graeb-Könneker, Se­bastian: Autochthone Modernität. Eine Untersu­chung der vom National­sozialismus geförderten Li­teratur, Opladen 1996, S.169ff.

[3Vgl.: Zischka, Anton: Öl­krieg. Wandlung der Weltmacht Öl, Leipzig 1939. Alle im Folgenden in Klammern angeführten Seitenzahlen beziehen sich auf dieses Buch.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Heft 2-3/2003, Seite 32
Autor/inn/en:

Florian Markl:

Politikwissenschafter, arbeitet für den Allgemeinen Entschädigungsfonds.

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