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Simone Wassmer

Blind für den Antisemitismus

Klaus Briegleb schreibt in seiner kürzlich erschienenen Streitschrift «Missachtung und Tabu» über den deutschen Antisemitismus nach der Shoa und über das Phänomen, dass die Gruppe 47 sich nicht um ihn gekümmert hat, ja selber antisemitische Tendenzen aufwies.

Während ich Klaus Brieglebs Buch zum Antisemitismus der Gruppe 47 las, fragten mich viele – auch sehr belesene – Bekannte neugierig, wer denn diese Gruppe 47 überhaupt sei. Das irritierte mich. Einerseits sind die meisten Mitglieder dieses losen Zusammenschlusses bekannte SchriftstellerInnen geworden und andererseits lösen einige von ihnen mit ihren Werken bis heute Debatten aus, die – wie wir noch sehen werden – im Zusammenhang stehen mit der von der Gruppe betriebenen Literaturpolitik.

Die Gruppe 47 war ein vom Publizisten Hans Werner Richter organisierter lockerer Zusammenschluss linksgerichteter SchriftstellerInnen und KritikerInnen, dessen erstes Treffen 1947 in München stattfand. Die Gruppe entstand aus einem Kreis, der sich ursprünglich um die Zeitschrift «Der Ruf» (Untertitel: «Unabhängige Blätter der jungen Generation») gebildet hatte: Unter anderem gehörten ihm Alfred Andersch und Walter Kolbenhoff an. Als «Der Ruf» von der US-Militärregierung verboten wurde, trafen sich die MitarbeiterInnen, um ihre ungedruckten Manuskripte vorzustellen. Dies war der Beginn der Gruppe 47. Der Gruppe ging es um einen Neuanfang der Gesellschaft, der Politik und damit auch der Sprache. Sie wollte laut Eigendarstellung «der Sprachzerstörung entgegentreten, welche die Nationalsozialisten durch Lüge, Propaganda und Pathos bewirkt hatten. Die Mittel dafür sollten Einfachheit und strenger Realismus sein.» Die Literatur der Weimarer Republik, die Exilliteratur, wollte man nicht wiederholen, ebenso lehnte die Gruppe die Literaten der Inneren Emigration ab.

Die Gruppe 47 traf sich in immer wieder neuen Konstellationen in halbjährlichem, später in jährlichem Turnus, um über Texte eingeladener Nichtmitglieder zu diskutieren. Diese Treffen folgten einem bestimmten Ritual, bei dem der Gast zunächst aus einem unveröffentlichten Manuskript vorlas, bevor er sich der anschliessenden mündlichen Kritik der Gruppenmitglieder zu stellen hatte. In unregelmässigem Abstand wurde ein von Verlagen und Rundfunkanstalten gestifteter Literaturpreis – der mit 5 000 DM dotierte Preis der Gruppe 47 – vergeben. Die Gruppe avancierte schnell zum Forum deutscher LiteratInnen der Nachkriegszeit. Ihre Texte lasen dort u.a. Ilse Aichinger, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Wolfdietrich Schnurre, Helmut Heißenbüttel, Peter Weiss, Paul Celan und Martin Walser. Günter Grass erhielt 1958 den Preis der Gruppe 47 für seinen Roman «Die Blechtrommel».

Leerstelle Shoa

Die Gruppe 47 erscheint bei oberflächlicher Betrachtung als die antifaschistische Vereinigung ihrer Zeit. Betrachtet man jedoch die Liste der AutorInnen, die der Gruppe 47 zumindest zeitweise angehörten, fällt einem das Nebeneinander von Namen wie Martin Walser und Peter Weiss oder Günter Grass und Paul Celan auf: Der Autor des in national-völkischem Deutungsmuster verfassten Aufsatzes «Unser Auschwitz» neben dem Autor des Dokumentarstücks zum Auschwitzprozess unter dem Titel «Die Ermittlung», der Autor der Novelle «Im Krebsgang», der mit der Thematisierung der Vertreibung von Volksdeutschen aus Ostpreussen und Schlesien ein vermeintliches Tabu bricht, neben dem Autor der «Todesfuge», die dem Grauen der Vernichtungslager Ausdruck verleiht.

Dass dieses Nebeneinander in Wirklichkeit verbunden war mit einer Ignoranz der Erfahrung von JüdInnen während des Nationalsozialismus und mit einer Nichtthematisierung der deutsch-jüdischen Differenz nach der Shoa, thematisiert Klaus Briegleb in seiner kürzlich erschienenen Streitschrift «Wie antisemitisch war die Gruppe 47?». Es geht darin unter anderem um den kaltschnäuzigen Umgang der Gruppe 47 mit jüdischen EmigrantInnen und die reflexartige Zurückweisung eines Anteils am deutschen Antisemitismus nach 1945 korrespondierend mit einer Ausgrenzung jeglicher anderer Erinnerung als der Kriegs-Erinnerung. Brieglebs These ist, dass die Gruppe 47 «am Gedeihen des besonderen deutschen Antisemitismus nach der Shoa aus der Position einer angepassten moralischen Unbescholtenheit und Sprecherkompetenz heraus mitgewirkt hat, mitgewirkt auf dem Untergrund von Missachtung, Desinteresse und Verdrängung.» Er sieht die aktuelle «literar-historische Rechtfertigung» für seine Streitschrift im Zusammenhang mit der Debatte um das Holocaust-Mahnmal und um Äusserungen von Martin Walser und Günter Grass, der seinen ehemaligen Gruppenkollegen mit dem Kommentar: «Keine Zeile ist antisemitisch» reflexartig gegen den Vorwurf des Antisemitismus verteidigt, der gegen dessen Buch «Tod eines Kritikers» erhoben wurde. Bis heute sei die Gruppe 47 ein Musterbeispiel für ein deutsches Selbstbe-wusstsein, das sich aus Schuldverneinung nährt, stellt Briegleb fest.

Kollektive Erinnerung der einstigen Wehrmachtsmitglieder

Das Charakteristische der Jahre nach dem Krieg war, dass für Begriffe wie «Realismus», «Revolution» und «Läuterung» viel Platz eingeräumt, jedoch kein Gedächtnis für die ganze Geschichte des NS-Faschismus entfaltet wurde. In der Literatur und auf der Bühne wirkte vor allem der Krieg nach: Die Deutschen sahen sich nicht so sehr als Täter, sondern als Opfer. Der Kriegsheimkehrer Beckmann aus Wolfgang Borcherts Drama „Draußen vor der Tür“ (1947) war die erste große literarische Figur der Nachkriegszeit. Der Wehrmachtssoldat, der Krieg und Gefangenschaft an Leib und Seele beschädigt überlebt hat und sein Zuhause nicht wiederfindet, wurde zum Archetyp. Das hatte laut Briegleb eine «notorische Haltung der Missachtung gegen Juden und Judentum» zur Folge: Marcel Reich-Ranicki berichtet in seiner Autobiografie «Mein Leben» über den Anpassungsdruck derjenigen, die an der kollektiven Erinnerung der einstigen Wehrmachtsmitglieder nicht teilhatten, was insbesondere auf Jüdinnen und Juden zutraf: «Richter erwähnt in seinem Buch «Im Etablissement der Schmetterlinge», dass ich dem Holocaust entkommen sei, doch kein einziges Mal, dass ich Jude bin. In diesem Buch finden sich noch drei weitere Aufsätze über Juden, die bei der «Gruppe 47» mitgemacht haben – über Peter Weiss, Wolfgang Hildesheimer und Hans Mayer. Doch sucht man auch hier das Wort «Jude» oder irgendeinen auf das Judentum anspielenden Ausdruck vergebens – dabei handelt es sich um Autoren, deren Persönlichkeit und deren literarisches Werk von der Zugehörigkeit zur jüdischen Minderheit und von der Vertreibung aus Deutschland in hohem, in höchstem Masse bestimmt wurden.» Diese Sätze schreibt Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiografie über das – wie er es nennt – «verkrampfte» und «befangene» Verhältnis des Gründers der Gruppe 47 zu Jüdinnen und Juden. Briegleb dokumentiert in seiner Streitschrift mehrere Beispiele für die Ausgrenzung jüdischer SchriftstellerInnen aus der Gruppe 47, bzw. deren Missachtung und fortwährende Verletzung durch Mitglieder der Gruppe. Er spricht in diesem Zusammenhang vom «antijüdisch Unbewussten» in der Gruppe 47, vom «wahnhaften Begehren, eine heile nationale Gefühls-Identität in der deutschen Literatur gegen Juden und Judentum zu verteidigen.» Wohl das «eindrücklichste» Beispiel dafür ist die Lesung Paul Celans auf einer Tagung der Gruppe 47.

Celan und die Gruppe 47

Zu den Themen der Gruppe 47 gehörten Krieg und Nationalsozialismus, doch der eliminatorische Antisemitismus und damit die Shoa waren aus ihrem Erinnerungszusammenhang ausgeblendet. Als Paul Celan, ein damals noch wenig bekannter, aus der Bukowina stammender und in Paris lebender Lyriker, 1952 der Gruppe sein Gedicht «Todesfuge» vortrug, fiel er durch. Er rede «wie Goebbels» höhnte es ihm entgegen. Es war das letzte Mal, dass Celan an einer Tagung der Gruppe las. Von aggressivem Antisemitismus zeugt das grob abfällige Urteil des Gruppengründers Richter, Celan habe mit «einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge». Unter den Kriegsheimkehrern in der frühen «Gruppe 47» stieß der jüdische Exhäftling und Exilant auf Unverständnis und Ablehnung. «Die Gruppe 47 vollendet meine Verdrängung», schrieb Celan im Oktober 1962 an seine Frau, und: «Im Spiegel zeigen sich die «national-kommunistischen» Tendenzen». Celan hatte erwartet, in der Linken eine politische Heimat zu finden. Genau diese Erwartung erfüllte sich nicht. Für das, was ihm politisch wichtig war, die Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten, das Unfassliche des Judenmords, hatte die Linke nur insoweit Interesse, als der Terror der Nazis gegen die Arbeiterbewegung, die Sozialisten, die Kommunisten gemeint war. Bei denen aber sah Celan jetzt mehr und mehr nationalistische Bestrebungen. Die Kaltschnäuzigkeit und Ignoranz, mit der Celan von der Gruppe 47 abgekanzelt wurde, zieht sich als Beispiel für die Haltung gegenüber jüdischen SchriftstellerInnen wie ein roter Faden durch die Geschichte der Gruppe und ihrer Mitglieder. Lohnenswert ist es in diesem Zusammenhang, im Buch von Briegleb die Dokumentation des öffentlichen «Gesprächs» des israelischen Autors Yoram Kaniuk mit Günter Grass über den Golf-Krieg 1991 nachzulesen. Das damalige Gespräch mit Grass war nach dessen eigener Darstellung eines der «finstersten Erlebnisse» Kaniuks in Deutschland. Israel sah sich damals von irakischen Raketen bedroht, deren Bewaffnung mit aus Deutschland geliefertem Gas vermutet werden musste. Grass reagierte hochgereizt auf die Frage, wo er war, als jüdische Demonstranten vor den Toren deutscher Chemiekonzerne standen und sprach nur noch an Kaniuk vorbei zum Publikum. In antiimperialistischer Manier stellte er die Parole «Blut für Öl» in den Raum und erwähnte immer wieder die Palästinenser, was Kaniuk an einen Besuch im Museum von Buchenwald erinnerte: «Unter den dort aufgezählten Volksgruppen, von denen es im Lager Gefangene gegeben hatte, wurden Ägyp-ter und Chinesen, aber keine Juden erwähnt.»

Die Streitschrift von Klaus Briegleb ist nicht leicht konsumierbar. Sie ist eine Art Collage von ungegliederten dokumentarischen und erörternden Texten, die durch «Fenster», unterbrochen werden, die einzelne Ereignisse genauer beleuchten. Eine systematischere Gliederung des Buches wäre durchaus wünschenswert. Nicht nachvollziehbar ist der Verzicht auf ein Personenregister, der mit dem wenig überzeugenden Hinweis auf die Vermeidung nur partieller Lektüre begründet wird. Stellenweise hätte ich mir eine weniger grosse Gewichtung der Handlungen des Initiators der Gruppe 47, Hans Werner Richter, gewünscht. Die Fokussierung auf seine Person nimmt meines Erachtens spannenden Debatten den Raum, wie zum Beispiel derjenigen über die Problematik der Nachkriegswerke von Schriftstellern wie Alfred Andersch und Heinrich Böll, die noch heute zur unhinterfragten kritischen Schullektüre über die Zeit des Nationalsozialismus gehören. Das Spannende an Brieglebs Streitschrift ist, dass sie aufzeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen dem deutschen Nachkriegs-Antisemitismus und einer Literatur, die antrat mit einem antifaschistischen Selbstverständnis und trotzdem um Auschwitz herum geschrieben hat.

Buch:

Klaus Briegleb. Missachtung und Tabu. Eine Streitschrift zur Frage: «Wie antisemitisch war die Gruppe 47?» Berlin/Wien 2003.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2003
Risse 4, Seite 10
Autor/inn/en:

Simone Wassmer:

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