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Thomas Schmidinger

Bioregionalismus

Zwei Jahre nach ihrem Plädoyer für den Bioregionalismus, eine moderne Spielart des Blut & Boden Denkens, haben Eduard Gugenberger und Roman Schweidlenka zusammen mit dem Journalisten Franko Petri ein neues Buch veröffentlicht. Die LeserInnen erfah­ren nichts Neues über „Weltverschwörungstheorien“. Das Buch verschleiert die ideologische Übereinstimmung von Nazis und EsoterikerInnen sowie Schweidlenkas persön­liche Verstrickung in den esoterischen Antisemitismus.

Gugenberger und Schweidlenka sind ein erfolgreiches Team, ein stattliche Anzahl von Büchern haben sie inzwi­schen produziert. Trotz heftiger Kritik an ihrem Bioregionalismus-Buch, mit dem sie sich selbst als Esospinner und Vertreter der braunen Tiefenökologie geoutet haben, ist ihr guter Ruf ungebrochen. In der Steiermark konnten Schweidlenka und Gugenberger für ihr Projekt eines „Eso-Informationsdienst“ sogar Staatsknete locker machen. Die ARGE Jugend gegen Gewalt, Rassismus und Rechtsextremismus sowie das Landesjugendreferat der Landesregierung sponsern ein Projekt, das dazu dient Schweidlenkas und Gugenbergers esoterische Position zu verbreiten: über die Zielsetzung des Infodienstes heißt es denn auch, man wolle einerseits über sogenannte „totalitäre religiöse Gruppierungen“ auf­klären, also die Konkurrenz madig machen, und andererseits für eine „alternative Spiritualität“ und gegen „intole­rante“ SektenkritikerInnen eintreten. [1]

Ihr neues Buch „Weltverschwörungstheorien“, das sie zusammen mit dem Journalisten Franko Petri verfaßt haben, dient hauptsächlich dazu, Spuren zu verwischen. Die ersten sechs Kapitel des Buches sind weitgehend aus der Sekundärliteratur abgeschrieben, unter anderem aus Norman Cohns Standardwerk „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung. Die drei Autoren haben dabei sogar die alte Ausgabe von 1969 benutzt und nicht die Neuausgabe von 1998. Schweidlenka, Gugenberger und Petri präsentieren keine neuen Erkenntnisse oder Dokumente, insofern handelt es sich um ein überflüssiges Buch.

Das Trio verficht die irreführende Ansicht vom „Mißbrauch“ der Esoterik durch die Nazis bzw. von einer Unterwanderung der Szene und grenzen davon eine nicht näher beschriebene „solidarische Spiritualität“ ab, die sie vertreten. [2]

Schweidlenka praktizierte eine solche Solidarität unter EsoterikerInnen, als er den esoterischen Antisemiten Tom Hockemeyer (Pseudonym Trutz Hardo) verteidigte. Hockemeyer, der sich selbst als „fortgeschrittener Geist aus einer höheren Dimension“ sieht, interpretiert Auschwitz als vorbestimmtes karmisches Schicksal der Juden um Untaten in einem früheren Leben zu sühnen. Über Hitler fabuliert Hockemeyer: „Bedenke, nicht er hat den Juden das Schicksal der Gaskammern zuerteilt, son­dern jene haben es sich ausgesucht, denn nichts gesch­ah gegen ihren Wunsch und ‚freien Willen‘“. Im November 1996 demonstrierten AntifaschistInnen, darunter die Öko­logische Linke, gegen einen Auftritt Hockemeyers in Darmstadt. Der hessische Landesverband der jüdischen Gemeinden erstattete Anzeige gegen ihn, während Schweidlenka in der „esotera“, dem Zentralorgan der Szene, die Demonstration in Darmstadt als „Hexenjagd auf Esoteriker“ diffamierte. [3] Hockemeyer wurde inzwi­schen wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener zu einer Geldstrafe verurteilt. [4] Für unbedenklich erklären Schweidlenka, Gugenberger und Petri auch die esoterische Ufologie, also religiösen Aberglaube plus die Halluzination von fliegenden Untertassen. Gefährlich wird es ihrer Ansicht nach erst, wenn sich diese Wahnvorstellungen mit nationalsozialisti­scher Ideologie verbinden. Beispiele für eine solche unbe­denkliche esoterische Ufologie suchen die LeserInnen vergeblich, dafür gelangen die Autoren drei Seiten weiter zu dem Schluß, der Mythos von den Nazi-Ufos habe „einen festen Platz in einem Teil der esoterischen Szene eingenommen.“ [5]

Grundsätzlich bestreiten sie, wie in ihren früheren Werken auch, die Wesensverwandtschaft zwischen braunem und esoterischem Denken. Für diese Affinität sind Schweidlenka und Gugenberger selbst ein Beispiel, mit ihrer Hymne auf den Bioregionalismus und ihren „Dialog“ mit der ökofaschistischen Organisation „Unabhängige Ökologen Deutschlands“ (UÖD), einer Gruppe, die fol­gende Ziele vertritt: Schutz vor „multikultureller Vermassung“, Schutz der „Vielfalt der Völker“ sowie die „Liebe zur angestammten Heimat“. Als Ursachen ökologi­scher Zerstörung sieht die UÖD die „derzeitige Explosion der Weltbevölkerung“ sowie die „Öffnung relativ stabiler Regionen für massenhafte Einwanderung.“ [6] Abgesehen von personellen und organisatorischen Verflechtungen und gemeinsamen Traditionen, die in Deutschland bis hin zu den Begründern des Nationalismus wie Fichte reicht, ist es letztlich die gleiche psychische Verfaßtheit qua Klassenlage: Die autoritär strukturierten KleinbürgerInnen fürchten um ihre relativ privilegierte Lage; ihre künftige Verwendung ist nicht absehbar in Zeiten, in denen die herrschende Klasse ihren Produktions- und Staatsapparat umbaut. Die KleinbürgerInnen reagieren wie gehabt: Buckeln nach oben, treten nach unten. Er und sie dürfen sich als „Eingeweihte“ als Teil der Elite fühlen, sich vor dem Führer in den Staub werfen und nach unten treten, wo diejenigen ihr Dasein fristen, denen es karmisch vorherbestimmt ist. Das Gefühl der Auserwähltheit saugt diese Klientel aus allerlei Hokuspokus, dessen Kenntnis als wertvolles esoterisches Wissen gilt. Die esoterische Ideologie verschafft ihren AnhängerInnen damit wie die faschistische einen psychischen Gewinn. In einem Artikel der „Neuen Züricher Zeitung“ wird die neuerliche Konjunktur antise­mitischer Weltverschwörungsideen auch der „Sucht nach ‚geheimem Wissen‘“ in esoterischen Kreisen zugeschrie­ben, die dabei „im braunen Sumpf des nationalsozialisti­schen Okkultismus wühlen.“ [7]

Originell an diesem Buch sind die Persilscheine, die sich vor allem Schweidlenka für eigene Aktivitäten und Kontakte ausstellt. So werden die Verschwörungsphantasien Rudolf Steiners, des Begründers der Anthroposophie, zwar erwähnt, aber heruntergespielt. Gugenberger und Schweidlenka, letzterer Mitarbeiter der anthroposophischen Schweizerischen Zeitschrift „Novalis“, nennen das Machwerk von Karl Heise, „Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg“ von 1918. Heise bezog sich auf die Theosophin Blavatsky und den Ariosophen Guido v. List und konstruierte eine Verschwörung von russischen Großfürsten, englischen Freimaurern und Juden, die angeblich Deutschland ver­nichten wollten. Schweidlenka und Gugenberger schrei­ben, Steiner habe Heises Broschüre „positiv“ gesehen, was ziemlich untertrieben ist. Nach Angaben des Steiner-Biographen und Anthroposophen Christoph Lindenberg hat Steiner das Pamphlet finanziert und das Vorwort selbst verfaßt. Konsequenterweise übergehen Schweidlenka und Gugenberger, daß nicht nur Steiner sondern führende Anthroposophen in den 20er Jahren diese Weltverschwörungsideen teilten und daß diese in den 90er Jahren in einer Reihe von Beiträgen, zum Beispiel im anthroposophischen Zentralorgan „Das Goetheanum“ recycelt werden. Und natürlich fehlt der Hinweis auf die Nähe zwischen Verschwörungstheorien und der manichäischen Weitsicht der Anthroposophie, die überall böse Geister und Teufel sieht, die mit Erzengeln und anderen Lichtgestalten im Kampf liegen.

Drei Kapitel widmen Schweidlenka, Gugenberger und Petri dem antisemitischen zweibändigen Werk „Geheimgesellschaften“ von Jan Udo Holey, Pseudonym Jan van Helsing. Immerhin weisen sie dessen Argument zurück, er vertrete keinen Rassismus, weil die Seele ja in verschiedenen angeblichen Rassen inkarniere. Das sollte Schweidlenka mal seinen Anthro-FreundInnen begreiflich machen, die genauso argumentieren. Vor allem behaup­ten die drei, unter anderem die Zeitschrift „Esotera“ habe „aufklärerische Schritte“ gegen das Machwerk ein­geleitet. [8]

Tatsächlich warb „Esotera“ für das Pamphlet, indem das Buch monatelang auf der Bestsellerliste placiert wurde. Im April 1996 erließ das Amtsgericht Mannheim einen bundesweiten Beschlagnahmebeschluß wegen Volksverhetzung, gegen Holey wurde Haftbefehl bean­tragt. Erst nach Ausstrahlung eines Berichts im ARD-Magazin ZAK über Holey distanzierte sich auch „Esotera“. [9] Vergebens sucht mensch auf den sechzig Seiten, die Gugenberger und Schweidlenka dem Fall widmen, nach einer Erklärung dafür, daß ein Auszug aus Holeys Buch auf der Titelseite des Esoblattes „Die andere Realität“ direkt neben einem Beitrag Schweidlenkas über Bioregionalismus prangte. Vermutlich handelt es sich um ein weiteres Beispiel für „solidarische Spiritualität". [10]

[1vgl. Contraste, Nr. 173

[2vgl. Eduard Gugenberger, Franko Petri, Roman Schweidlenka, Weltverschwörungstheorien, Die neue Gefahr von rechts, Wien-München, 1998, S.9, S.11, S.13

[3vgl. Roman Schweidlenka, Hexenjagd auf Esoteriker, in: esotera, 2/97, S.7f.

[4vgl. Tamara Schaaf, Holocaust karmisch gerechtfertigt, in: Der Rechte Rand, Nr. 54, September/Oktober 1998, S.20

[5vgl. Gugenberger, Petri, Schweidlenka, Weltverschwörungstheorien S.152, S.155

[6zit., UÖD, Hrsg., Ökologie, Nr. 1/1997, in diesem Heft ist auch ein Beitrag Schweidlenkas abgedruckt

[7vgl. Neue Züricher Zeitung, 2. Dezember 1998

[8vgl. Gugenberger, Petri, Schweidlenka, Weltverschwörungstheorien, S.199

[9vgl. Colin Goldner, Psycho, Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie, Augsburg, 1997, S.26

[10vgl. Die andere Realität, Heft 4/1995

Literaturtip:

Peter Bierl: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister — Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Konkret Literatur Verlag

Peter Bierl, Mitbegründer der ökologischen Linken und Autor der Zeitschrift ökolinX, beschreibt in seinem neuen Buch detailiert die ideologischen Grundlagen der „Anthroposophie“ Rudolf Steiners, die historischen Hintergründe und Vorläufer wie die Theosophie und die verschiedenen Strömungen der Esoterik um die Jahrhundertwende und den Einfluß, den Steiners Gedankengut heute noch auf die von ihm gegründeten Schulen die sogenannten „Waldorfschulen“, ausübt.

Detailiert setzt sich der Münchner Journalist vor allem mit den Schriften Steiners und den sich daraus ergebenden Konsequenzen auf die zeitgenössische Anthroposophie auseinander und entlarvt die Anthroposophie als esoteri­sche Sekte mit rassistischen und antisemitischen Über­zeugungen, die es mit geschickter Tarnung geschafft hat, ein Netz öffentlich anerkannter Schulen, Bildungseinrichtungen, sowie verschiedenster Produktmarken (Weleda, Demeter, ...) auf dem Bio- und Alternativsektor aufzubauen.
Gerade in der Alternativ- und Ökoszene gelingt es der Anthroposophie bis heute, einen großen Einfluß auszuü­ben. Der ganze Sektor der biologisch-dynamischen Landwirtschaft (nicht der organisch-biologischen!) kommt genauso aus dieser esoterischen Sekte wie die anthropo­sophische Freie Christengemeinschaft oder eben die oben erwähnten Waldorfschulen.

Wichtige Industrielle, Politiker und Künstler kommen ebenso aus der Anthroposophie oder stehen in einem Naheverhältnis zu ihr. Dazu gehören der deutsche Bundesminister Otto Schily, der Europaabgeordnete Ullmann (Bündnis 90/Die Grünen), Joseph Beuys, der Konzernchef Peter von Siemens, Medienmogul Kirch, etc. Was zwar bei Peter Bierl nicht zu lesen ist, aber für Öster­reich relativ interessant ist, ist die Tatsache, daß sowohl der ehemalige Bundessprecher der Grünen, Christoph Chorherr als auch dessen Frau an Waldorfschulen in Wien unterrichten. So ist es auch kein Wunder, daß die Wiener Grünen neben der öffentlichen Förderung von Alternativschulen auch jene von Waldorfschulen einfor­derten, überhaupt ist der Einfluß, den die Anthroposophie auf die Grünen ausübt, nicht zu unterschätzen. Auch heute noch sind Waldorfschulen, Weleda- und Demeterprodukte anerkannte Aspekte jenes liberalen Bildungsbürgertums, aus dem die Grünen ihre WählerInnen und PolitikerInnen rekrutieren. Auch bei der Gründung der Grünen spielten AnthroposophInnen eine wichtige Rolle.

Grund genug sich mit den Wurzeln und Ideen dieser sich geschickt tarnenden Sekte auseinanderzusetzen, was Peter Bierl in seinem neuen Buch gut fundiert und mit ausführlichen Quellenverweisen bewerkstelligt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1999
Nummer 2, Seite 35
Autor/inn/en:

Thomas Schmidinger:

Redaktionsmitglied von Context XXI von Juni 2000 bis 2006, koordinierender Redakteur von September 2000 bis April 2001.

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