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Gerhard Scheit

Bilde dir bloß nichts ein ...

Bruchstücke zum Bildungsanarchismus

Theologie und Atheismus

Am Beginn meines Studiums gab es für mich gute und schlechte Fächer. Theologie war ein schlechtes, ja sogar der Inbegriff eines sinnlosen Studiums. Soziologie hingegen galt als ein gutes, unentbehrliches, Voraussetzung aller Erkenntnis. Die Art und Weise, wie man jedoch in der Soziologie verfuhr, belehrte rasch eines Besseren: schließlich verhielt man sich hier zu den abstrakten Gesetzen und den empirischen Fakten nicht viel anders als in der Theologie zu Gott und den Sündern. Am Ende stand die Erkenntnis: jedes Fach wäre so zu studieren, wie ein Atheist Theologie studiert. Er muß dabei allerdings selbst erkennen, daß er die Theologie braucht, um seinen Atheismus zu durchschauen.

Sich bilden und gebildet sein

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Wenn der Aufgeklärte, wie Kant hier schreibt, aus der Unmündigkeit hinausgeht — wo geht er dann hin? Anders gefragt: Ob und unter welchen Bedingungen kann es die Mündigkeit überhaupt geben, die hier als Zielpunkt von Bildung visiert wird? Wenn Mündigkeit darin besteht, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen ohne Leitung eines anderen, so war es Kant selbst, der festgehalten hat, daß der Verstand und seine mündige Bedienung gewissermaßen ‚einen anderen’ zur Voraussetzung haben — etwas, das automatisch leitet, sobald einer denkt: das sogenannte Transzendentalsubjekt. Die Selbsttätigkeit besteht also streng genommen darin, sich als nur zum Schein selbsttätig zu erkennen; die Mündigkeit darin, der Unmündigkeit sich bewußt zu werden. Es bedurfte allerdings des Hegelschen Geistes und der Marxschen Wertformanalyse, um in jenem Subjekt das Kapitalverhältnis zu erkennen: es vermittelt den Menschen den Schein von Selbsttätigkeit nur dann, wenn sie sich mit ihm identifizieren; sie werden Subjekte, wenn sie selbst sich an die Stelle des wirklichen, des „automatischen Subjekts“ (Marx) phantasieren. Mit recht sagen sie von sich, sie seien gebildet. Ausgang aus solcher Unmündigkeit führt zu der Erkenntnis, daß selbsttätig sich zu bilden unter diesen Bedingungen gar nicht möglich ist.

Kapital- und Staatsbildung

Das Kapital, so scheint es, braucht bloß Techniker und Technokraten. Es kann auf die Bildungsbürger gut und gerne verzichten; oder besser: es steht den Inhalten der Bildung so gleichgültig gegenüber wie den Gebrauchswerten. Es benötigt sie nur, um von ihnen zu abstrahieren. Anders der Staat. Er muß nicht nur für die Einheit des Ganzen sorgen und vereinigt darum Bildungsbürger und Technokraten unter einem Dach, der Universität. Er hat auch immer ein besonderes Interesse an Bildung: deren Inhalte dienen ihm zur Selbstdarstellung. Er kann sich mit ihrer Hilfe als Hort der Freiheit und der Gleichheit oder als Bastion der Tradition und der Werte oder als Vorkämpfer der Rasse und der Ungleichheit inszenieren. Der Staat braucht Bilder des Lebendigen, um die Abstraktion von allem Lebendigen, die abzusichern ihm aufgetragen ist, zu verdecken. So müssen die Geisteswissenschaften, die solche Bilder hervorbringen, nicht um ihre Existenz bangen — und erleben ja auch in Gestalt der Cultural Studies nicht zufällig eine regelrechte Renaissance. Ihre finanziellen Mittel verkleinern sich allerdings in Relation zu den Naturwissenschaften, da doch der Staat schlanker werden muß und mit kleineren Bildern auch auskommen kann, soweit seine Bürger den Staat darzustellen sich selber motiviert fühlen — jeder für sich allein ein kleiner Selbstdarsteller des Zwangszusammenhangs. Da ist kein einheimischer Rassist, der sich nicht auf die Kultur beruft, die er insgeheim verachtet, wenn er seinen Rassismus legitimiert. Solches rassistisches Bildungsbürgertum ist eben nach wie vor die Art und Weise, wie sich höhere Produktivität artikuliert. Es dient dazu, der kapitalistischen Produktivität, die per se keinen Inhalt hat, einen Inhalt zu geben.

Bildungsbürgertum und Bildungsanarchismus

Woran liegt es, daß jede Rede über Bildung sofort einen bildungsbürgerlichen Charakter bekommt? Vielleicht daran, daß man in der bürgerlichen Gesellschaft immer nur entweder Bildungsbürger oder Technokrat sein kann. Ein Bildungsbürger ist jemand, der alle möglichen Inhalte parat hat, sich aber über die Form keine Gedanken macht, in der diese Inhalte vermittelt sind. Für ihn wird darum alles, was irgendwie als Bildungsstoff anerkannt ist, zum Gegenstand seiner Wißbegierde und zum Ausdruck seines Imponiergehabens — im Unterschied zum Technokraten, dem die Inhalte egal sind, der überhaupt nur die Form bedient, ja dem die Form der einzige Inhalt ist. Bildungsanarchismus aber wäre, sich der Form bewußt werden als verselbständigter Abstraktion, die alles vermittelt, und zugleich sich weigern, das Inhaltliche und Konkrete — dieses mit der Form nicht Identische, das nicht negiert werden darf, soll die Identität, die alles beherrscht, zum Gegenstand der Kritik werden — seinerseits als Positives und Wahres zu verklären. Bildungsanarchismus wäre, nicht einfach vom Tisch wischen, was etwa im Wissenschaftsbetrieb an Inhalten geboten wird, um achselzuckend auf dessen Gleichgültigkeit gegenüber dem Wertgesetz hinzuweisen, sondern die erzwungene Einheit von Identität und Nichtidentität, die Einheit des Wertgesetzes mit dem, was es voraussetzt, an jedem einzelnen Gegenstand sichtbar machen. Eine Sisyphos-Arbeit. Daß der Staat an ihr keine Freude hat, diese Erfahrung läßt sich an der Universität auf Schritt und Tritt machen — als eine Art Gegenprobe der Wahrheit.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
September
2001
Heft 5/2001, Seite 9
Autor/inn/en:

Gerhard Scheit:

Geboren 1959, Musikstudium, Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, dissertierte über „Theater zwischen Moderne und Faschismus (Bronnen, Brecht)“, arbeitet als freier Autor und Lehrbeauftragter in Wien.

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