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Anton Kuh

Bettauer

Manchmal ist ein Mord nötig, damit ein Vorurteil verdampft.

Ich sehe einen Zettel vor mir, den nach dem Attentat auf den Ex-Kanzler Seipel die Wiener Hakenkreuzler in Umlauf gesetzt hatten und worauf unter dem Titel „Wer sind die Mörder?“ die Namen einiger Schriftsteller und Journalisten knallschwarz aufgeschrieben standen. Der Zufall hatte meinen Namen mit dem Bettauers in einer Separat-Zeile vereinigt. Und ich erinnere mich noch, kurze Zeit danach dem Chefredakteur der „Arbeiter-Zeitung“ (der sehr widerwillig unser Proskriptionsgenosse war) darüber gesagt zu haben: „Welche Bosheit! Man setzt einen auf die Liste und nimmt ihm zugleich die Ehre davon, indem man ihm die unerwünschteste Gesellschaft beigibt!“

Denn ich hatte für meine Zettel-Nachbarn kein zu großes Faible.

Keiner unter den Wiener Literaten hatte es. (Auch nicht unter den ausländischen.) Sie waren gegen Bettauers Karnickel-Produktivität, gegen die fast als unverschämt empfundene Leichflüssigkeit, mit der seine Schreibmaschine den Problemen obsiegte, gegen die Verflachung oppositioneller und rebellischer Erkenntnisse und gegen die ungeheure Volkstümlichkeit, die sich aus alldem für seine Person ergab. Selbst am Tag, da die Nachricht von seiner Ermordung in die Caféhäuser und Geschäftsbüros drang, konnte sich einer aus ihrer Sippe nicht des Ausspruchs enthalten: „Das ist die tragische Schuld, wenn man die Leute in seine Sprache hereinläßt. Wer die Leute in seinen Stil hereinläßt, läßt sie auch in sein Zimmer herein — und dann schießen sie ihn tot!“

Es war das mildeste Urteil. Aber indem es der Sprecher abgab und sich sofort giftzüngig übertrumpft sah, kam ihm mit dem Ekel vor diesem Burschen die Erkenntnis, welche Lobpreisung des Ermordeten er da im Grund ausgesprochen; und welches Unrecht er ihm vordem getan.

Hatte denn die nasenrümpfende Geringschätzigkeit der Literaten, dieser Hermaphroditen aus Kunst und Bürgerlichkeit, die aus einer stockreaktionären Leiblichkeit ein fortgeschrittenes Hirn bedienen, eine andere Ursache, als ebendieses In-die-Sprachtür-Hineinlassen? War hierdurch ihr Grals-Gefühl nicht mehr verletzt als ihre Erkenntniskraft? Mißachteten sie ihn , aus ihrem ganz unrevolutionären Wesen heraus, nicht weit eher wegen des Verrats am Inhalt als an der Form, das heißt: von der Allgemeinzugänglichmachung und Preisgebung gewisser reservatester Wahrheiten aus, die sonst unverständlich und verdunkelt vom Schreibenden zum Schreibenden weitergehend Geheimgut des kleinen Intellektuellen-Zirkels bleiben und keineswegs vom Standpunkt ihrer sprachlichen und geistigen Diskreditiertheit?

Ja, das war ihres Hasses Grund, deshalb bespieen sie ihn noch nach seinem Tod in Essays und Artikel! Nichts können die Intellektuellen weniger verzeihen, als zu sehen, daß jemand die Wahrheiten, die sie selbst neben dem Leben und außerhalb der Menge kultivieren, demagogisch unter die Leute bringt! Nichts vergibt der Literat weniger, als seine freieren Gedanken auf der Straße zu sehen. Er spiegelt sich dann vor, nicht die Hinaustragung dieser Gedanken sei es, was ihn erzürnt, sondern der Straßenschmutz, in dem sie kollern — aber er lügt, er meint ja doch immer nur sich.

Und das ist dann der Punkt, wo der Halbgeschlechtler dem Nullgeschlechtler, der Literat dem Hakenkreuzler, der Snob dem Mob gefällig die Hand reicht.

Bettauer, der Wiener, war nach langem Aufenthalt drüben aus Amerika gekommen. Vielleicht war auch dies so etwas wie „tragische Schuld“. Seine Popularität war ebenso enorm wie beklemmend; sie war wienerisch, schuf und befruchtete Wienerisches, aber ihr Triebrad arbeitete zu leicht, zu hemmungslos, zu sachlich.

Er kam mit der Gabe der Eitellosogkeit heim, entgiftet vom Ehrgeiz nach Niveau; und hatte den Willen, die demokratischen, sozialen, sexualaufklärerischen Erkenntnisse des alten Erdteils in der Diktaphonographie des neuen niederzuschreiben. Also: Anti-Courths-Mahler-Gesinnung in der Courths-Mahler-Sprache. Er selbst berühmte sich, so zu schreiben, wie seine Leser, könnten sie ihre Meinung in Worte fassen, es schrieben. Die Thematik war diesem Vorsatz angemessen: Dienstbotenschindung; die vernachlässigte Gattin; das verführte Bürofräulein; darf man Kinder abtreiben? Geld und Liebe, usw. Er leuchtete mit einer revolutionären Zwei-Groschen-Psychologie — die gleichwohl viel mehr wert war! — in die dumpfen Heim-Kümmerlichkeiten, sprach das Ungesprochenste aus, ermunterte den zermürbten Anspruch auf Duft und Sinnenglück, der in den armen Frauen und Mädchen nagt, und setzte ihnen den Keim zur revolutionären Forderung nach Glück in die Brust, die viel tausendmal wichtiger ist als alle sozialistischen Forderungen nach Brot. (Sintemalen aber die beiden Wünsche unzertrennlich sind, so hätte sich Bettauer bei den dogmatischen Nichtsriskierern immerhin ein Denkmal verdient.)

Die solchem Zweck zuliebe gegründete und nach ihm benannten Zeitschrift fand reißenden Absatz; noch gellt der wehklagend-langgezogene Wiener Wochenruf nach, der — phonetische Vorahnung? — wie eine Panik der Trivialität ins Gehör drang. Die Leute wallfahrteten in die Sprechstunde; der Fragekasten wurde zum Federball-Orakel; selten hatte Wien eine demagogischere Wirkung des Druckbuchstabens gesehen. Spötter sagten: „Das ist Psychoanalyse für Dienstmädchen“ (Oh, um wieviel praktischer und gesünder als das gleichnamige, sich seelischer Klistiere bedienende Gesellschaftsspiel!). Objektivere meinten: „Er revolutionierte die Stenotypistinnen.“ Und diese Meinung hatte recht. Die kleinen hübschen, lebensarmen Bubikopf-Wesen, die Manikeurinnen, Friseurinnen, Stenotypistinnen, sie hatten den Mann gefunden, der sie geradewegs vom unbefangenen Liebeswunsch, von ihrer Sehnsucht nach Wohlgeruch, Zärtlichkeit, Wärme aus revolutionierte. Möglich, daß sie der Anblick ihres Befreiers — trotz dem mächtigen Goethe-Kopf ein etwas schwammig-ausgeruhter Herr — etwas enttäuscht. Aber er war ihr Gott. Nein, mehr: Ihr Lueger.

Es gibt aber außer unzufriedenen Kleinbürgersfrauen, problematischen Bubiköpfen, glückshungrigen Schreiberinnen und tragischen Kindermädeln noch andere Wesen auf der Welt; Geschöpfe, die zu verstockt und verschämt sind, ihr Leid einem Geschlechtsführer anzuvertrauen und es lieber in Politikerhände legen; Jünglinge, denen wohlweislich gepredigt wurde, daß die Wahrheit der Liebe ein Höllenspuk und die wirkliche ideale Welt ein stahlschimmernder geharnischter wortgefügter Überbau über dem Verzicht ist. Sie gehen mit dem eingetrockneten Schweiß ihres Unglücks umher, gleich bösartigen Kindern, die aus dem Spielpark gewiesen wurden; dann und wann schwingen sie Stöcke oder Fahnen. Ihnen ist so oft der unaufgeklärte stumpfe Bubikopf unnahbar. Was sollten sie erst mit dem zum Glück gestachelten anspruchsvolleren tun, der alle Politik verlacht und nur Heiterkeit will? Und da kam noch einer, der sie mit seinem Schriftzeichen eine um andere zum Fordern erzog und noch weiter wegführte! Undenkbar! — Der Schuß mußte fallen.

Der Literat aber schrieb, als die Meldung von diesem Mord kam, gerade am sechsten Band seiner chinesischen Liebesgleichnisse.

Begreift er heute, daß der Mut allein, der den erschossenen Bettauer von solchem Zeitvertreib abhielt, ihm die Ehre sichert, als Märtyrer dazustehen?

aus: Die Stunde, 6.10.1925

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1995
Autor/inn/en:

Anton Kuh:

Berühmter Feuilletonist und Caféhausliterat der Zwischenkriegszeit.

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