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Dorothea Müller-Ott

Bemerkungen zur modernen polnischen Literatur

Die polnische Literatur nimmt seit jeher innerhalb der slawischen Literatur, beziehungsweise innerhalb der Literatur der osteuropäischen Länder eine Sonderstellung ein. Man könnte sagen, sie war, trotz aller slawischen Besonderheiten, stets westlich orientiert, denn sie ist die einzige Literatur eines slawischen Volkes, die alle literarischen Strömungen, wie wir sie von der französischen, englischen, deutschen Literatur usw. kennen, mitgemacht hat. Diese kontinuierliche Entwicklung von der Renaissance bis zur Moderne gibt es in keiner anderen slawischen Literatur. Die Blütezeit der Literatur Ragusas, die eng mit der italienischen Renaissance verbunden war und das erste europäische Drama der Neuzeit hervorbrachte, wurde durch die Eroberung des Balkans durch die Türken jäh abgebrochen, und die neue kroatische Literatur nach der Türkenbefreiung knüpft nicht unmittelbar daran an. In der slowenischen Literatur setzte mit der Reformation eine ähnliche Entwicklung wie in der deutschen ein, ausgehend von einer genialen Bibelübersetzung, aber die Gegenreformation wurde dort so gründlich durchgeführt, daß die weitere Entwicklung ein Jahrhundert später mit einer wesentlich schlechteren Bibelübersetzung einen neuen Anfang nahm. Ähnlich war es mit der tschechischen Literatur, wo nach der Niederschlagung der Hussiten in der Schlacht am Weißen Berge hundert Jahre lang kein Buch in tschechischer Sprache erschien. In Rußland gab es bis zur „Öffnung nach Europa“ unter Peter dem Großen ausschließlich religiöse Literatur und eine auf mündliche Überlieferung beschränkte Volksdichtung, das 18. Jh. war mit dem Nachholen dessen, was in Europa schon passé war, ausgefüllt, bis schließlich die russische Literatur im 19. Jahrhundert mit dem Realismus ihre überragende Weltgeltung erlangte.

In der Entwicklung der polnischen Literatur gibt es keine derartigen Brüche; wenn wir die polnische und die deutsche Literatur im Laufe der Jahrhunderte vergleichen, so sehen wir jedoch, daß die Schwerpunkte anders gelagert sind: die deutsche Literatur erlebte ihren Höhepunkt in der Klassik, die polnische in der Romantik. Besonders bezeichnend und für das Verständnis der polnischen Literatur sehr wichtig ist die Tatsache, daß zur Zeit der Hochblüte der polnischen Literatur Polen als Staat gar nicht existierte, — die bedeutendsten Werke der Romantik entstanden entweder im Westen in der Emigration oder in Rußland in der Verbannung.

Aber es gab immer eine polnische Kultur, eine polnische Literatur. Das gilt auch für die Zeit des Zweiten Weltkrieges, und auch für jene Schriftsteller, die aus der Emigration nicht zurückgekehrt oder erst später emigriert sind. Der Nobelpreisträger Czeslaw Milowz wurde zwar erst in letzter Zeit in Polen in groBen Auflagen herausgegeben, die nicht nur gekauft, sondern auch gelesen werden; aber entgegen so manchen Behauptungen, wie sie vor allem von Journalisten nach der Verleihung des Nobelpreises aufgestellt wurden, war er in Polen sehr wohl bekannt, und wenn ich auch vorher wußte, wer dieser eigenwillige Lyriker ist und auch, daß er im Ausland lebt, so wußte ich das nur von meinen Studienaufenthalten in Polen und nicht von jenen, die behaupten, daß er damals in Polen unbekannt war. Die politische Einstellung des Dichters ist kein Grund, daß er nicht seinen Platz und seinen Stellenwert in der polnischen Literatur hat, wenn er sich auch entschieden hat, im Ausland zu leben, wozu ihn niemand gezwungen hat, genauso wenig, wie ihn bei seinem letzten Polenaufenthalt jemand gehindert hätte, seine Meinung zu sagen. Die besonders nach seiner Emigration heftigen Polemiken mit einigen berühmten Kollegen, die im Lande geblieben sind, reichen kaum an die persönlichen Kontroversen, die es auch zwischen den beiden Dichtern der Romantik Mickiewicz und Slowacki gegeben hat, heran.

Auch die Werke eines anderen Schriftstellers, der die polnische Nachkriegsliteratur entscheidend beeinflußt hat, wurden lange in Polen nicht gedruckt. Es handelt sich um Witold Gombrowicz (sein absurdes Drama „Operette“ wurde auch schon in Wien aufgeführt), der während des Krieges nach Südamerika emigrierte und nicht mehr zurückkehrte. Seine Werke konnten deshalb nicht in Polen erscheinen, weil sich nach seinem Tod seine Erben bis vor wenigen Jahren hartnäckig weigerten, einem polnischen Verlag die Rechte zu übertragen, und die polnischen staatlichen Verlage haben immer die Gesetze bezüglich der Autorenrechte respektiert und auch die Berner Konvention eingehalten.

Die polnische Literatur ist zu einem großen Teil ohne Kenntnis der polnischen Geschichte schwer zu verstehen, das gilt nicht nur für die großen Dichter der Romantik, sondern auch für die moderne Literatur nach 1945.

Der polnische Widerstandskampf während des Zweiten Weltkrieges beschränkte sich nicht auf militärische Aktionen, es wurde auch auf kulturellen Gebiet ein aufreibender Kampf um die nationale Existenz geführt. Es gab zu jener Zeit, da offiziell eine polnische Kultur überhaupt nicht existierte, eine geheime polnische Presse, ein geheimes Schulwesen von der Volksschule bis zur Universität, und die Werke der polnischen Dichter wurden zum Teil geheim gedruckt und gingen als Manuskripte von Hand zu Hand und wurden auf geheimen Zusammenkünften vorgetragen. Bedeutende Dichter in der Emigration reagierten in ihren Werken auf die Ereignisse in der Heimat. So manche in dieser Zeit entstandenen Gedichte waren so populär, daß die Partisanen mit ihnen in den Kampf zogen und daß sie heute noch jedes Schulkind kennt.

Das literarische Leben der ersten Nachkriegsjahre war überaus mannigfaltig. Besonders interessant ist die Prosa aus dieser Zeit, da nun viele bedeutende, in den Kriegsjahren entstandene Werke herausgegeben wurden. Es stehen die verschiedensten literarischen Strömungen nebeneinander und es werden die unterschiedlichsten Weltanschauungen vertreten.

Der Großteil der führenden Schriftsteller dieser Periode war auch schon vor dem Krieg bekannt. Zu den wichtigsten Vertretern dieser „alten Garde“ zählen die bedeutenden Prosaschriftsteller: Jerzy Andrzejewski, Maria Dabrowka, Zofja Nalkowska, Jerzy Putrament, und der in allen literarischen Gattungen äußerst produktive, erst vor kurzem verstorbene Jaroslaw Iwaszkiewicz, der besonders durch seine geistreichen Epigramme bekannte Stanislaw Jerzy Lec, Polens großer revolutionärer Dichter Wladyslaw Broniewski, der seiner Zeit weit vorauseilende Dichter des Absurden Konstanti Ildefons Galczynski, der vielseitige Lyriker Antoni Slonimski, der bis kurz vor seinem Tod vor einigen Jahren in jeder Periode etwas zu sagen hatte, der profilierte katholische Dramatiker Jerzy Zaweyki, um nur einige wenige zu nennen.

Von der Thematik her nehmen in den ersten Nachkriegsjahren Widerstandkampf und Konzentrationslager einen großen Raum ein, wobei sich unter den über 1000 Titeln zu diesem Themenkreis neben Publikation, die ihren Wert nur als Dokument haben, bedeutende literarische Kunstwerke befinden. Hierher gehören die einzigartigen Novellen des bereits 1951 verstorbenen Tadeusz Borowski und die Gedichte eines der bedeutendsten Lyriker unserer Zeit, Tadeusz Rózewicz; in seinen Gedichten und lyrischen Dramen lebt das Erlebnis des Krieges ständig fort, auch dann, wenn er nicht direkt darüber schreibt. Beide Schriftsteller gehören jener „Kriegsgeneration“ an, für die der Krieg das entscheidendste Jugenderlebnis war und die nach dem Krieg mit ihrer literarischen Laufbahn begannen. Von den Schriftstellern der alten Garde wären hier Erzählungen von Jerzy Andrzejewski, insbesondere „Der Apell“, zu erwähnen, sowie die Dramen von Leon Kruczkowski, der mit seinem Stück „Die Sonnbrucks“ neue Aspekte in diesem Themenkreis hineinbringt, der versucht die Deutschen auch von der menschlichen Seite her zu zeigen. Ein bedeutender Schriftsteller der Kriegsgeneration, der allerdings später als seine Altersgenossen zu schreiben beginnt, ist Janusz Krasiriski. Sein 1966 erschienener Roman „Der Karren“, der die letzten Kriegsjahre und die Evakuierung eines Konzentrationslagers schildert, unterscheidet sich durch seine vollendete künstlerische Form sehr stark von vielen früher erschienenen Werken zu ähnlichen Themen. Im letzten Jahrzehnt sind auch Memoiren über die Kriegszeit zu einer Art Mode geworden.

Die reiche Vielfalt der Literatur der ersten Nachkriegsjahre wurde 1949 durch den Stettiner Schriftstellerkongreß, auf dem der sozialistische Realismus als einzig gültige Kunstrichtung proklamiert wurde, eingeschränkt, allerdings hat man in Polen immer versucht, diesen Begriff möglichst weit zu fassen. Auf jeden Fall war 1956 der Anschluß sehr schnell wieder da, und es setzte eine sehr interessante Periode der Literatur ein. Führende Schriftsteller der alten Garde wie Kruczkowski in seinem Drama „Der Tod des Gubernators“, und der Kriegsgeneration wie der Prosaschriftsteller Kazimierz Brandys in seiner „Verteidigung von Granada“ und der Dramatiker Jerzy Broszkiewicz in seinen drei Einaktern „Die Namen der Macht“ und andere setzten sich ganz offen mit den Problemen der unmittelbaren Vergangenheit auseinander. Gleichzeitig debütiert eine große Anzahl interessanter junger Schriftsteller, die sich über alle Konventionen hinwegsetzten.

Die bedeutendsten davon sind die beiden originellen und so verschiedenen Lyriker Miron Bialoszewski und Stanislaw Grochowiak und der im Westen sehr bekannte Slawomir Mrozek, der nun längere Zeit in Paris lebt. Leider werden seine Stücke im deutschen Sprachraum selten gut aufgeführt, da meistens der Charme und die Leichtigkeit der polnischen Aufführungen fehlen.

Weit über Polen hinaus bekannt geworden ist auch Stanislaw Lem, der zu den hervorragendsten Vertretern der Science-Fiction-Literatur unserer Zeit gehört. Eine wichtige Strömung setzt sich mit der Stadt-Land-Problematik auseinander, die in einem Land mit einem forcierten und letztlich nicht erfolgreichen Industrialisierungsprozeß wesentlich präsenter ist als in einem westlichen Industriestaat; der bedeutendste Vertreter dieser Richtung ist Julian Kawalec. Auch Janusz Glowacki setzt sich mit dieser Problematik auseinander, aber sein vorwiegendes Interesse gilt den Problemen der heutigen Jugend, die keineswegs immer spezifisch polnisch sind.

Auch die ganz junge Generation, die erst nach dem Krieg geboren wurde, hat schon zahlreiche interessante vielversprechende Schriftsteller hervorgebracht. Es wollen hier zumindest die zwei in dem Band „Neue Erzählungen aus Polen“ vertretenen erwähnt werden: Andrzey Pastuszek, der sich in sehr scharfer und origineller Form mit sozialen Problemen auseinandersetzt, und Krystyna Kofta, die in ihrem 1980 erschienenen zweiten Roman, die Ereignisse in Posen von Juni 1956 auf eine neue Art behandelt. Zur Abrundung des Bildes muß man auch noch erwähnen, daß einige bedeutende Schriftsteller vom Journalismus her kommen. Auch hier seien zumindest zwei erwähnt: der mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Edwar Redlinski, der sich auf originelle Weise mit dem Leben im polnischen Dorf auseinandersetzt und Ryszard Kapuscinski, dessen Reportagen aus Ländern der Dritten Welt für jeden interessierten Europäer eine wertvolle Lektüre sein könnten, sowohl was ihren Informationsgehalt als auch ihre hohe literarische Qualität betrifft.

Die Ereignisse der letzten Zeit werden kaum einen besonderen Einschnitt oder eine spektakuläre Wendung in der polnischen Literatur, die eigentlich immer pluralistisch war, verursachen. Aber es werden natürlich die Ereignisse von heute auch ihren Niederschlag in der Literatur finden. Das ist allerdings keineswegs nur eine Frage der Zukunft, denn in der Literatur der letzten Jahre wurden bereits die Probleme und Konflikte schon bevor sie sich zu jener Krise zuspitzten, mit der sich nun schon so lange die Massenmedien intensiv beschäftigen, in aller Schärfe zum Ausdruck gebracht.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1982
Wurzelwerk 7, Seite 21
Autor/inn/en:

Dorothea Müller-Ott:

Lektorin für polnische Sprache an der Universität Wien.

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