Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 1996 » ZOOM 4+5/1996
John Foster LeMay
Stay behind the NATO

Belgien

Nach Angaben des Historikers Etienne Verhoyen existierte in Belgien nach 1945 eine starke kommunistische Partei mit 21 Parlamentssitzen. Ein ausreichender Grund für die Errichtung einer Stay-behind-Organisation.

Ein amerikanischer Offizier namens Parker soll 1948 im Zusammenhang mit den politischen Streitigkeiten um die Wiedereinsetzung König Leopolds von der Rechten kontaktiert worden sein und den Aufbau von Stay-behind-Gruppen organisiert haben. Zu diesen soll auch eine sogenannte „Geheime Armee“ gezählt haben. Deren Mitglied „Adolphe“ ermordete 1950 den Ehrenpräsidenten der kommunistischen Partei, Julien Lahaut, den Mann, der bei der Vereidigung König Baudoins im Parlament geschrien hatte: „Es lebe die Republik“.

Glaive

Von anderer Seite wird ein Baron Fernand Leplage, seines Zeichens ein hochgeschätzter Spion für die Alliierten im II. Weltkrieg, als der Gründer der belgischen „Glaive“-Abteilung genannt. Leplage wurde Vorsitzender des belgischen Höchstgerichts, genannt „Raad Van State“, und starb am 16.2.1996.

Nach offiziellen Aussagen, wie etwa der des Verteidigungsministers Guy Coeme, wurde die Untergrundstruktur 1949 durch den britischen Auslandsgeheimdienst SIS (Secret Intelligence Service, auch MI 6, Military Intelligence) unter Sir Stewart Menzies in Verbindung mit dem damaligen belgischen Außenminister Paul-Henri Spaak aufgebaut. Sie wurde als Unterabteilung SDRA-B des belgischen Militärgeheimdienstes SGR geführt und durch eine geheime Vereinbarung zwischen Belgien, den USA und Großbritannien begründet. Die Angloamerikaner sollen auch die Finanzierung der Stay-behind-Organisationen durch die Übergabe eines Kriegsschatzes in Form von Goldmünzen gesichert haben. Sich selbst gaben die belgischen Gladiatoren den Namen Glaive. 1952 genehmigte der damalige Ministerpräsident Joseph Pholien das Netz offiziell von Seiten der belgischen Regierung.

Etwa 40 zivile Agenten unterstanden zehn aktiven und zehn pensionierten Offizieren. 1985 wurden ihre Anlagen noch einmal auf den neuesten Stand gebracht. Allein für das Kommunikationsnetz soll die belgische Regierung laut Ex-Verteidigungsminister Francois-Xavier de Donnea 162 Millionen belgische Francs ausgegeben haben. Der belgische SGR-Generalmajor Raymond van Calster soll zumindest im November 1990 noch Chef des gesamten europäischen Stay-behind-Netzes gewesen sein.

Der damalige christdemokratische Ministerpräsident Wilfried Martens und der Verteidigungsminister Guy Coeme gaben sich angesichts dieser ihnen völlig unbekannten Vorgänge „geschockt“. Erst durch einen Anruf des italienischen Präsidenten Francesco Cossiga wollen sie informiert worden sein. Cossiga hatte infolge der Enthüllungen Andreottis zugegeben, als Staatssekretär im italienischen Verteidigungsministerium Gladio seine jetzige Struktur gegeben zu haben. Die Aufgabe der Organisation „Glaive“ soll Martens zufolge ein Guerillakrieg im Falle einer Besetzung des NATO-Territoriums durch sowjetische Truppen gewesen sein. Weiters sollen ähnliche Organisationen in Italien, Frankreich, Dänemark, Deutschland, Österreich und Norwegen existiert haben.

Die Belgier revanchierten sich dann auf ihre Weise für die italienischen Indiskretionen: Der belgische Geheimdienstoffizier (Mitarbeit von 1938 bis 1952) und „Gladiator“ André Moyen erklärte, daß er von seinem Geheimdienstchef zum belgischen Innenminister Albert de Fleschhauer und von diesem zu dessem italienischen Kollegen Mario Scelba nach Rom geschickt worden war. Dort erfuhr Moyen durch Scelba von der Existenz der Stay-behind-Organisation, von deren Pläne und deren ständiger Alarmbereitschaft in ganz Italien (wahrscheinlich Funklinien). Das geschah 1945! Außerdem gab Moyen die Existenz einer weiteren, aus der Organisation Glaive hervorgegangenen Geheimgruppe namens „Catena“ zu. Sie soll für antikommunistische Aktionen zuständig gewesen sein und die Bewegung „Pace e libertà“ in Italien, die vom damaligen Innenminister Scelba unterstützt wurde, unterwandert haben, um Ausschreitungen bei Versammlungen der Gewerkschaften zu provozieren. Der in Putschversuche verwickelte Monarchist Edgardo Sogno gründete diese Bewegung 1954.

Rechtsextreme ...

Die Mitglieder der belgischen Guerilla sollen sowohl aus faschistischen Organisationen wie der nun aufgelösten „Westland New Post“ als auch aus rechtsextremen Kreisen in der Gendarmerie und der Armee rekrutiert worden sein. Anderen Quellen zufolge soll die „Westland New Post“ den Polizei- und Sicherheitsapparat erfolgreich unterwandert haben.

Hieraus soll die „Nijvel Gang“ entstanden sein, die ihre Morde, die sogenannten „Massaker von Brabant“ (28 Tote), und Raubüberfälle in der Mitte der achtziger Jahre mit belgischen Polizeiwaffen verübt hat. Viele Beobachter verbanden diese Attentate mit der „Strategie der Spannung“ in Italien. So bezeichnete man die Attentate von Rechtsextremen in den siebziger Jahren. Diese sollten durch die Verunsicherung der republikanischen Institutionen und dem dadurch entstandenen mangelnden Schutzgefühl der BürgerInnen zumindest eine Diktatur der starken Hand, falls nicht gleich einen Diktator herbeibomben. Die italienischen Attentate, z.B. der Anschlag in Bologna, wurden mit Hilfe von Gladio-Agenten in den Nachrichtendiensten, die Öffentlichkeit bewußt irreführend, linken Terrorgruppen zugeordnet.

So geschah es auch am Anfang der „Brabanter Massaker“, die in großen Kaufhäusern stattfanden und die zuerst einer Organisation, die sich selbst öffentlich „Kämpfende Kommunistische Zellen“ (CCC) nannte, zugerechnet wurden. Es soll damals einen Zusammenhang mit der für die NATO notwendig gewordenen Aufstellung der Pershing-Raketen bestanden haben. Mit Hilfe der angeblich von CIA-Agenten unterwanderten belgischen Glaive-Organisation sollte der legale und legitime Widerstand der Bevölkerung diskreditiert und gebrochen werden, besagt eine linke Verschwörungsthese und vermutet einen etwas weit hergeholten Zusammenhang der Initialen CCC mit dem angeblich früher gebräuchlichen Namen für das Stay-behind-Führungsgremium Clandestine Coordination Comitee, CCC.

Aber es gibt auch Konkreteres: Zwei Spuren verbinden die „Mörder von Brabant“, linke und rechte Extremisten mit Glaive.

Erstens: Die bei einer Glaive-Übung geraubten Waffen aus der Kaserne von Vielsalm wurden in einer Brüsseler Wohnung der sogenannten CCC sichergestellt oder plaziert, je nachdem.

Zweitens: Michel Libert, Mitglied der rechtsextremen „Westland New Post“ (WNP) berichtete, daß er der Zentralgruppe angehört habe. Einer der Chefs war Paul Latenouse. Europa selbst war für die Organisation in acht Bezirke geteilt. Zur Zentralregion gehörten Belgien, der westliche Teil Deutschlands, der Norden Frankreichs und Holland. Einer der Ausbildner war Kommissar des belgischen Geheimdienstes, Deckname „Colonel“. Paul Latenouse wurde beschuldigt, eine Geheimarmee nach dem Vorbild der SS gebildet zu haben. Er jedoch behauptete, eine Widerstandsgruppe gegen die sowjetische Unterwanderung gegründet zu haben, im bezahlten Auftrag des Staatssicherheitsdienstes zu handeln und er stehe nicht nur in dessen Auftrag, sondern auch in dem des US-Geheimdienstes. Libert bestätigt, ihn mit amerikanischen Botschaftsangehörigen gesehen zu haben. Aber nicht nur dies, sondern auch die intensive Beschäftigung dieser Gruppe mit großen Kaufhäusern und deren elektronischem Innenleben zwischen 1982 und 1985, zur Zeit der Massaker von Brabant, wurde von Libert bestätigt. Martial Lekeu, ehemaliger belgischer Gendarm, Mitglied der Gruppe G von WNP, in der nur Gendarmeriebeamte waren, sagte wortwörtlich: „Die Waffen kamen von weit her. Es lief alles so, wie wir es geplant hatten. Wir haben Gruppen organisiert, die selbständig agieren konnten. Und wir haben dafür gesorgt, daß sie überleben und Schutz bekommen. Genau so kann man im Land ein Klima des Terrors erzeugen. Es gab zwei verschiedene Pläne. Zum einen ging es um die Ausbildung von Gruppen, die für Geiselnahme und Mord zuständig waren, und zum anderen wurden pseudolinke Gruppen aufgebaut, die der Bevölkerung vorspiegeln sollten, daß die terroristischen Anschläge von den Linken kamen.“

Erst kürzlich sind die Professoren Fijnaut und Verstraeten von der Louvain Universität nach nur zwei Monaten als Mitglieder der Untersuchungskommission über die „Nijvel Gang“ zurückgetreten. Grund: Mangel an Kooperation der Regierungsinstitutionen.

... und sonstige Patrioten

Für „junge Patrioten“ gab es auch noch die „Front de la Jeunesse“, die nach Angaben eines ihrer Führer namens Francis Dossogne 1974 entstand, rechtsextrem und eine Jugendbewegung mit militärischen Aufgaben sein soll. Tatsache ist, daß sie in den frühen achtziger Jahren in eine Serie von Angriffen auf MigrantInnen verwickelt war. Daneben existierte ein Verein namens „Jeuneurope“, mit fast denselben Namen auf den Mitgliederlisten. Dazu war Dossogne auch noch Verbindungsmann zur Gendarmerie, zur Gruppe G, einer Sektion der „Front“, die nur aus Gendarmeriebeamten bestand. Andere spekulierten damit, daß die Gruppe G „Glaive“ gewesen sein soll. Der Polizeichef von Schaarbeck, Johan Demol, soll laut Berichten von Zeitungen und Aussage von Dossogne Mitglied der „Front“ gewesen sein. Demol wurde auch vorgeworfen, Mitglied einer Neonazizelle in der Antiterrorgruppe „Diane“ zu sein.

Nach der Entdeckung von Ausbildungslagern in den Ardennen sagte Dossogne, die „Front“ hätte sie nur verwaltet, aber nicht zum Trainieren verwendet. Trainiert wurde aber doch: In einem dieser Lager hat der rechtsextreme „Vlaams Militanten Orde“ (VMO) seine Leute an Maschinenpistolen und Granaten ausbilden lassen. Der VMO ist mit dem Flämischen Block eng verbunden und hat auch eine Sektion in den Niederlanden, eng verknüpft mit CP86. Hinzu kommen Kontakte zu der jetzt aufgelösten British Column 88, einer neonationalsozialistischen, paramilitärischen Untergrundzelle, geführt von Ex-Militärs und unter Verdacht, Teil der britischen Gladio gewesen zu sein, und zu der mittlerweile verbotenen neonationalsozialistischen Wehrsportgruppe Hoffmann. Der Abgeordnete des Vlaams Blok Roger Spinnewijn ist derzeit im Mittelpunkt einer Untersuchung, bei der es um Waffenschmuggel und Mord geht. Im November 1994 sollten Waffen von der kroatischen HOS-Miliz durch deutsche und holländische Söldner an die südafrikanische „Afrikaans Weerstands Beweging“ (AWB) geliefert werden. Beteiligt waren Johan Lubbe, Mitglied von „Voorpost“, und Douwe van de Bos, Mitglied von Voorpost, CP86 und der Anti-antifa-internet-Gruppe ODIN. „Voorpost“ wiederum ist eine Ablegerorganisation der VMO. Der VB-Abgeordnete Spinnewijn wurde wegen Teilnahme an paramilitärischen Aktivitäten der VMO 1980 verurteilt.

Quellen:
Der Standard, 13.11.1990;
Der Standard, 14.11.1990;
Süddeutsche Zeitung, 14.11.1990;
Die Welt, 12.11.1990;
Die Welt, 19.11.1990;
Operation Gladio, BBC-Dokumentation im Fernsehsender VOX, August 1993;
Statewatch, vol 6, no1, no2, no3;
Leo A. Müller: Gladio – das Erbe des Kalten Krieges. Der NATO-Geheimbund und sein deutscher Vorläufer. Mit einem Beitrag vonWerner Raith. Reinbeck bei Hamburg 1991.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
1996
ZOOM 4+5/1996, Seite 62
Autor/inn/en:

John Foster LeMay:

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