Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 12
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Ausgewählte Urteile über die S.I.

Die Dummheit

Die ‘Wütenden’ sind ungefähr dreißig Studenten, die sich als ‘Situationisten’ und ‘Superanarchisten’ ausgeben und eine ‘revolutionäre’ Ethik praktizieren, die der Varieté-Künstler Pierre Dac durch eine seit mehr als dreißig Jahren sehr bekannte Formel zusammengefasst hat: „Gegen alles, was dafür ist — für alles, was dagegen ist.“ Allerdings ohne Humor, aber dafür im beatnik-Stil… Das erste Kapitel hieß: „Die Schmach noch schmachvoller machen, indem man sie der Werbung preisgibt.“ Das war freilich schönes Wasser auf den Mühlen von Dekan Grappin! Wollen gewisse Studenten in ihrem Zerstörungswillen unbedingt, dass die Fakultät als ein riesiges Bordell betrachtet wird?"

Alain Spiraux, Noir et Blanc (7.3.68)

Schließlich und vor allem gibt es die ‘Wütenden’, die ‘Situationisten’, diejenigen, die dazu entschlossen sind, die Demonstration zu ihren eigenen Zwecken zu benutzen und ernstliche Unruhen zu stiften. Sie sind die gefährlichsten, aber nicht sehr zahlreich — ungefähr ein halbes Dutzend mit langem Haar und Bart. Dazu kommen noch ihre Freundinnen. Einige mussten ihre Zugehörigkeit zu den Situationisten sehr teuer bezahlen. So hat z.B. eine von ihnen, eine 18-jährige Studentin der Literatur im Januar eine Röhre Schlaftabletten geschluckt, nachdem sie Drogen zu sich genommen hatte. Ergebnis: 3 Wochen Krankenhaus und eine psychiatrische Behandlung, die noch nicht zuende ist.

Paris-Presse (30.3.68)

Max-Etienne Schmitt, der Rektor der Universität Nantes-Angers… hat seine eigene Erklärung: "Die straßburger Situationisten sind jetzt mein Erbe. Das ist zwar keine katastrophale Stimmung — wir haben nur 17 Friedensstörer — sie ist aber doch entmutigend.

Combat (24.4.68)

Die meisten Studenten mißbilligten die Exzesse der Wütenden und sie verlangten in Sprechchören, dass die von diesen gestörten Vorlesungen wiederaufgenommen würden. Sie widersetzten sich aber nie auf positive Weise und durch konkrete Maßnahmen gegen eine einzige Initiative dieser Extremisten. Sie wurden tatsächlich durch die improvisierte Theatervorstellung verblendet, die über das Thema des Machtverlustes von Professoren mit weit geöffneten Türen aufgeführt wurde. Es war eine Art permanentes happening. All dem war die anwesende situationistische Gruppe nicht fremd gewesen.

Epistemon, ‘Die Ideen, die Frankreich erschütterten’ (Verlag Fayard, 1968)

Situationistische Internationale — in Frankreich ging diese Bewegung in den Jahren 1966-1967 von der Strassburger Universität aus. Obwohl es ziemlich schwierig ist, ihren diffusen, nicht-organisatorischen Einfluss abzuschätzen, scheint er im großen und ganzen in der Sorbonne nur schwach gewesen zu sein, wo die Situationisten doch vom 14. bis zum 17. Mai das erste Besetzungskomitee kontrolliert haben, nachdem sie es vom 13. bis 14.Mai abends allein geführt hatten.

Jean Maitron, ‘Die Sorbonne über sich selbst’ (Editions Ouvrières, 1968)

War diese Strassburger Jugend brav, die anscheinend nur eine Welt ablehnt, in der Kultur sich wie Wurst verkauft? Überhaupt nicht! Sie war sogar toller als die jähzornigste Jugend von Nanterre. Denn sie hat vor allen in Frankreich eine seltsame Arznei gekostet, die überall schon ein wenig — in Skandinavien, Deutschland, Japan — probiert worden ist. Sie heißt ‘Situationismus’, ist Sozialismus mit etwas Marxismus und Anarchismus vermischt, der aus einer verschwommenen internationalen Theoretikergruppe hervorgeht, die eine radikale Kritik an der aktuellen Gesellschaft üben soll.

Christian Charrière, ‘Der Frühling der Wütenden’ (Verlag Fayard, 1968)

Als die französischen Studenten, die als letzte mobilisiert werden, sich an die Utopie ihrer italienischen, deutschen, holländischen, schwedischen, spanischen und belgischen Kollegen anschließen, verfassen sie Ende Mai 1968 zusammen eine ‘Adresse an alle Arbeiter’, die es verdient, durch ihre Hierarchie des Hasses in die Geschichte einzugehen: „Was wir getan haben, geht um in Europa und wird bald all die herrschenden Klassen der Welt, die Bürokraten in Moskau und in Peking und die Milliardäre in Washington und Tokio bedrohen.“ Dass die jungen Leute Peking gemischt mit Tokio verabscheuen und die Bürokraten vor die Milliardäre stellen — das wird Mitsubishi vermutlich nicht beunruhigen, aber Mao Tse-tung auch bedenklich stimmen.

Servan-Schreiber, L’ Express (30.12.68)

Nach einigen Monaten Verschwinden und Stillschweigen, die vermutlich mit der Ausarbeitung von Werken gefüllt waren, hat gerade die Gruppe der ‘Situationistischen Internationale’ in die Debatte eingegriffen, indem sie ein Buch — ‘Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen’ — bei Gallimard veröffentlichte. Von einer Gruppe, die tatsächlich aktiv an den Kämpfen teilgenommen hat, durfte man einen tiefgehenden Beitrag zur Analyse der Bedeutung des Mai erwarten, um so mehr, als mehrere Monate Distanz zu den Ereignissen bessere Möglichkeiten gaben. Man durfte hohe Anforderungen stellen und man muss feststellen, dass dieses Buch seine Versprechungen nicht hält. Außer dem ihnen eigenen Wortschatz — ‘Spektakel, Konsumgesellschaft, Kritik des alltäglichen Lebens’ usw. — sind die Situationisten bedauerlicherweise munter der Tagesmode gefolgt, indem sie ihr Buch mit Photos, Bildern und Comix gespickt haben… Die Arbeiterklasse braucht nicht unterhalten zu werden. Sie muss vor allem verstehen und denken. Comix, geistreiche Witze und Wortspiele können ihr nur wenig nützlich sein. Einerseits werden eine philosophische Sprache und eine besonders gekünstelte, unklare und esoterische, den ‘geistigen Denkern’ zugedachte Terminologie für sich selbst angewandt, während andererseits für die breite, infantile Arbeitermasse einige Bilder mit einfachen Sätzen vollkommen genügen sollen.

Révolution Internationale Nr.2 (Februar 1969).

Die Entwicklung dessen, was man hier ‘Anarchismus’ und ‘Situationismus’ nennt, lässt sich mit der mangelnden sexuellen Erziehung der neuen Campus-Bewohner erklären. Es handelt sich überhaupt nicht um eine Philosophie des Staates und des Individuums, sondern ganz einfach um die Rechtfertigung durch eine missbräuchliche Anwendung des ideologischen Wortschatzes von Sitten, deren Richtlinie die Ablehnung jeden Zwangs — inklusive seines eigenen — und jeder Anstrengung ist, sowie die Verehrung des müßigen Genusses …

P. Deguignet, La Nation (28.2.69)

Es muss hinzugefügt werden, dass Vaneigems Stil selbst der der Mai-Parolen gewesen ist. Es sieht außerdem so aus, als ob er die Entstehung einer großen Anzahl der gelungensten und poetischsten Mai-Formeln beeinflusst hätte. Vermutlich waren sie schon vorher durch die Zeitschrift der Situationistischen Internationale verbreitet worden, bei der er einer der besten Redakteure ist. Es muss vielleicht auch daran erinnert werden, dass die Strassburger Situationisten Anfang des Schuljahres 1967 nach Nanterre ausgewandert waren… Der Verfasser des ‘Handbuchs der Lebenskunst’ gibt uns einen Schlüssel für das Verständnis der Rolle und des Ortes der paranoischen Mechanismen in unserer Zivilisation.

Andre Stephande ‘Die Welt der Kontestation’ (Payot 1969)

Die vorzeitige Beruhigung

Die Schwächen der Situationistischen Internationale — Ablehnung der Organisation und der Ideologie, die Revolution für die Revolution, kurz die Utopie, der Konditionierung der Konsumgesellschaft entgehen zu können durch die bare Negation bzw. Anrufung einer anti-bürokratischen und spontanen Arbeitersolidarität — sind schnell ans Tageslicht gekommen. Die Bewegung ist von einer Krise gepackt worden: die ersten Abtrünnigen sind schon da… es ist der Anfang vom Ende, was bei jeder Bewegung unvermeidlich ist, die ihre eigene Theorie nicht institutionalisieren will… Es bleiben die Thesen und einige recht intelligente Absichten, die andere künftig mit einem größeren Bewusstsein der Grenzen jeder historischen Aktion wiederaufnehmen können, um in einer immer komplizierteren und vieldeutigeren Gesellschaft wirksam zu handeln.

Nuova Presenza Nr.25-26 (Frühling/Sommer 1967)

Was die Situationistische Internationale betrifft, kann man nur beschränkte und ungefähre Informationen über sie geben, da seit einem Jahr kein Mensch mehr irgendetwas von ihr gehört hat… Es war ziemlich leicht vorauszusehen, dass die Broschüre der Strassburger Gruppe Interpretationen finden würde, die von verbalem Revolutionarismus geprägt und übrigens auf der Konsumebene leicht rekuperierbar sein würden, wie die Art selbst beweist, wie die Broschüre in halb Europa und in Italien jetzt in der Ausgabe des Verlags Feltrinelli benutzt worden ist… Was die Beziehungen der Strassburger Gruppe zur S.I. betrifft, endeten sie nach vier Monaten mit einem heftigen Bruch.

Ideologie Nr. 2, Rom 1967

Die Denunzierung ist die gemeinsame Art der situationistischen Darstellung, eine globale Denunzierung, die unterschiedslos alle Gebiete vom ökonomischen bis zum kulturellen trifft, und die, ohne sich mit Begriffen oder Informationen zu belasten, die immer verstärkte Entfremdung der heutigen Menschheit feststellt und enthüllt … Selbstverständlich nehmen solche Aussagen von vornherein jede Lust an der Kritik. Sie beseitigen sie von Anfang an, da sie es für offensichtlich halten, dass jede Beanstandung dessen, was sie sagen, von einem Denken ausgeht, das auf dumme Weise von der ‘Macht’ und dem ‘Spektakel’ abhängt… Sicherlich ist der Situationismus kein Gespenst, das in der hochindustrialisierten Zivilisation umgeht, genauso wenig wie 1848 der Kommunismus das Gespenst war, das in Europa umging.

Francois Châtelet, Le Nouvel Observateur (3.1.68)

Am Gipfel der Berühmtheit und der praktischen Erfolglosigkeit schlägt die Geschichte der Situationisten den Weg des inneren Konflikts ein. Mustapha Kebati, einer ihrer Führer und Sohn algerischer Einwanderer, versuchte, den ganzen Verdienst für die Aktion an sich zu reißen und sich als den einzigen Verfasser der Broschüre ‘Über das Elend im Studentenmilieu’ auszugeben… Die Strassburger wollen nicht einmal mehr Situationisten genannt werden. Sie haben ein neues theoretisches Manifest — ‘Der Einzige und sein Eigentum’ — veröffentlicht (in dem ‘der Einzige’ die neo-kapitalistische Gesellschaft ist, das einzige wirklich kohärente System bei der Unterdrückung jeder Tendenz zur Kritik)… Die Pariser ihrerseits sind in der großen Glut der Mai-Revolte verzehrt worden und bei ihnen bleibt nur der Name Guy Debord übrig.

Memmo Giampaoli, ‘Giovani, nuova frontiera’ (Sei, Turin März 1969)

Sagen wir es so: die Haupttugend des Situationismus scheint die Ungeduld zu sein, eine Rolle zu spielen… Wer im Vordergrund der Bühne eine ungeheure Farce spielt, zeichnet sich aus. Sie ermöglicht es, Zutritt zu diesen geschlossenen Kreisen zu erzwingen, in denen unsere jungen Intellektuellen Anspruch auf den ersten Platz erheben… Dort kann man feststehende Formeln finden, wie z.B. ‘die Revolution wird eine Fete sein’, die entwaffnend lächerlich sind… Genauso vergänglich wie die Intellektuellengruppen, die ihm vorausgegangen sind, gehört der Situationismus jetzt zur Geschichte.

Maurice Joyeux, ‘La Rue’ Nr. 4, 2. Trimester 1969

Die Panik

„Gemäß den Angeklagten leiten Sie einen extremistischen Kreis. Was für Ziele hat diese Gruppe?“ — „Extremistisch ist nicht das passende Wort“ antwortete der Künstler mit gemessener Stimme. „Unser Klub ist ein intellektuelles Foyer, in der alle Probleme der situationistischen Perspektive erörtert werden“… Und doch sind sie zahlreich genug, ihre Mitglieder reisen überall herum auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs. Auch wenn alle Polizei- und Spionageabwehrkräfte gegen sie mobilisiert würden, genügte das immer noch nicht! Es ist eine Sturmflut, eine um sich greifende Flutwelle, die keinen Mittelpunkt hat, aber unendlich viele Mithelfer… Die Doktrin wird in englischen und holländischen Universitäten von jungen, weitblickenden Strategen ausgearbeitet.

Paul Kenny, ‘Verschwörung für morgen’, Verlag Fleuve Noir, 1967

Der Ton macht die Musik — so lässt die negative, herausfordernde Gewalt der Formeln, die bei Vaneigem zynischer und bei Debord eisiger klingt, nichts mehr von dem stehen, was die früheren Epochen hervorgebracht haben außer Sade, Lautréamont und Dada… Unsere zukünftigen Saint-Justs in schwarzen Lederjacken, die sich als Träger ‘einer neuen Unschuld, einer neuen Lebensanmut’ ankündigen, haben uns wenigstens gewarnt: die Zivilisation des Spiels der ‘Herren ohne Sklaven’ wird sich darein schicken müssen, ihre Kommissare hervorzubringen und die frohe Botschaft der Abschaffung der Gerichte wird leider nicht bedeuten, dass mit Hinrichtungen Schluss gemacht wird.

P. H. Simon, Le Monde (14.2.68)

Die kommunistischen, maoistischen, trotzkistischen, castristischen, anarchistischen, situationistischen u.a.m. Sorbonne-Kirmes erinnerte ziemlich gut an die allerersten Räte der russischen Revolution. Unter den Wandparolen der philosophischen Fakultät, die anscheinend in den Tageszeitungen nicht zitiert wurden, konnte man folgende lesen: ‘Nieder mit der Kröte von Nazareth’, ‘Wie kann man im Schatten einer Kapelle frei denken?’, ‘Diejenigen, die die Revolution nur halb machen, graben ihr eigenes Grab’, ‘Photographieren verboten, Filme werden beschlagnahmt’ … Durch ein vom situationistischen Besetzungskomitee beherrschtes Mikrophon wurde die Anweisung wiederholt: ‘Alle nach Boulogne zur Unterstützung der Arbeiter von Renault!’ Dieser Anweisung wurde regelmäßig von fortschrittlichen Spaltern mit Megaphonen widersprochen.

Rivarol vom 25.5.68

Die situationistische Bewegung definierte sich selbst als eine internationale Gruppe von Theoretikern, die eine radikale Kritik der heutigen Gesellschaft in allen ihren Aspekten in Anlehnung an die marxistische Theorie eingeleitet haben… Der von den Autoren befürwortete apokalyptische Zusammenbruch sollte zwangsläufig aus der ökonomischen Überentwicklung und dem bürokratischen Wachstum folgen… Die schrankenlose Kritik, die von den radikal extremistischen Situationisten befürwortet wurde, war eines der Vorboten der Krankheit. Es war ein Fehler, sie nicht ernst zu nehmen.

Etudes, Juni 1968

Durch den Zeitpunkt der Revolte wurde ich überrascht, denn ich erwartete sie am Anfang des Schuljahres im November 1968. Zu Unrecht schätzt man einige Präzedenzfälle gering, besonders die Besetzung der Räume der AGES (Strassburger Allgemeiner Studentenverein) im November 1966. Die Strategie ist um so bekannter, als die Revolutionäre kein Hehl aus ihr machen: es handelt sich zuerst darum, die reformistische Studentenorganisation zu diskreditieren… Dieses Resultat wurde vor zwei Jahren erreicht. Durch diese Glanztat wurde die Zahl der Sympathisanten vergrößert und die Besetzung der Fakultäten vorbereitet — was im Laufe des Mai gemacht wurde… Ich kenne die revolutionären Studenten Strassburgs ziemlich gut. Unter ihnen gibt es zwar verdrehte Köpfe, die die Revolution für einen bloßen unfruchtbaren Rausch bzw. eine ‘Fete’ halten. Man muss aber mit einer Minderheit echter, konsequenter und entschlossener Revolutionäre mit klaren und gut organisierten Ideen rechnen, die sich ihrer Kräfte bzw. Schwächen vollkommen bewusst sind… Dem Beobachter kann nur die Schnelligkeit auffallen, mit der die ganze Universität und im allgemeinen die jugendlichen Kreise außerhalb der Universität angesteckt werden. Es sieht so aus, als ob die von der kleinen Minderheit echter Revolutionäre eingeführten Parolen wer weiß was Undefinierbares in den Herzen der neuen Generation angerührt hätten… Trotz allem sollte unter den heutigen Umständen ein wesentlicher Unterschied zwischen den echten (und weniger zahlreichen) Revolutionären und der Masse derjenigen gemacht werden, die sich angeschlossen haben, weil sie glaubten, die Revolution stehe vor der Tür, und von denen viele nur Opportunisten waren. Durch die wiederhergestellte Ordnung mögen diese Angeschlossenen wohl beeindruckt werden, die übrigens die hauptsächlichen Unruhestifter waren (wie z.B. Geismar und Sauvageot), nicht aber diejenigen, die nur für die Revolution leben. Das muss betont werden: es kommen wie vor 50 Jahren wieder Gruppen von jungen Leuten zum Vorschein, die sich ganz der revolutionären Sache widmen, die nach einer erprobten Technik auf den günstigen Augenblick warten können, um Unruhen, die sie weiter unter Kontrolle haben, anzustiften oder zu verstärken, bevor sie zur geheimen Tätigkeit zurückgreifen, ihre Untergrabungsarbeit weiterführen und andere, je nach dem Fall sporadische bzw. andauernde Erschütterungen vorbereiten, um das Gesellschaftsgebäude allmählich zu desorganisieren. Die von ihnen angestifteten Unruhen und Verwirrungen entsprechen einer berechneten Taktik, bei der die ‘Angeschlossenen’ bloße Werkzeuge sind.

Julien Freund, Guerre et Paix Nr.4, 1968

Die Situationistische Internationale wurde im wesentlichen von Debord geschaffen… Diese neue Bewegung hat sich schrittweise vom ästhetischen zum politischen Gebiet fortentwickelt, wobei die Ästhetik von Anfang an einen politischen Aspekt hatte und der Politik heute immer noch ein bestimmter Ästhetizismus anhaftet, wie die Politiker es selbst zugeben… Von 1961 bis 1964 beschäftigte sie sich hauptsächlich mit der Ausarbeitung einer kritischen Plattform der herrschenden Gesellschaft, von 1964 an und bis heute werden gleichzeitig die konstruktive Theorie entworfen und wiederholt politische Aktionen durchgeführt — voriges Jahr in Strassburg und dann im Mai 68 in Paris und in anderen Provinzstädten.

R. Estivals, Communications Nr.12 (Dezember 68)

Gestern flatterten einige Stunden lang an den Sorbonner Fenstern rote und schwarze Fahnen… Noch einmal sind rücksichtslose Verwüstungen angerichtet worden, die anscheinend ‘Studenten’ zuzuschreiben sind, die in der Sorbonne nichts zu suchen hatten — und zwar den ‘Situationisten’ aus Nanterre.

Le Parisien Libéré (24.1.69)

Währenddessen kommen draußen ständig neue Studenten an (die tätigsten sind die situationistischen ‘Kommandos’ aus Nanterre). Die Polizisten haben aus ihren Wagen Helme, Schilder, Tränengasbomben geholt. Dann — um 18 Uhr — treten die Eindringlinge in das Büro des Dekans der philosophischen Fakultät, Las Vergnas, und erklären ihm, sie wollten ihn als Geisel nehmen…

Il Giorno (24.1.69)

Ihr Hauptquartier ist geheim, ich glaube aber, dass es irgendwo in London ist. Es sind keine Studenten, sondern das, was als ‘Situationisten’ bekannt ist. Sie reisen überall hin und nutzen die Unzufriedenheit der Studenten aus.

News of the world (16.2.69)

Vom 20.Mai an greift der Streik auch im Elsass um sich… Als die Präfektur ins Auge fasst, die jetzt völlig besetzte Universität zu stürmen, betont ein Verantwortlicher des Ordnungsdienstes, wie gefährlich das sei!.. Es soll ungefähr 40 lokale ‘Unruhestifter’ geben: aus Paris zurückgekehrte Situationisten, maoistische Marxisten, Trotzkisten usw… Die extremistischen Gruppen sollen — noch einmal nach offiziellen Kreisen — Waffen haben, auch wenn sie nicht über die 1.500 Gewehre verfügen, von denen ihre Propaganda spricht.

Clauce Paillat, ‘Geheimarchiv’, Verlag Denoel, 1. Trimester 1969

7 Festnahmen und 80 leicht Verwundete, von denen die meisten Polizisten sind — das ist die Bilanz der ernsthaften Unruhen, die mehr als drei Stunden lang mitten im Stadtzentrum nach den Demonstrationen stattgefunden haben, die am Freitag Nachmittag von den drei Gewerkschaften zur Ehre der Toten von Battipaglia veranstaltet worden war… Einer der aufgeregtesten Demonstranten — wobei gleich gesagt werden muss, dass die Studentenbewegung diesem Teil der Demonstration fremd war — hat als erster einen einfachen Molotow-Cocktail auf einen Wasserwerfer der Polizei geworfen. Die Polizisten erwiderten mit wiederholtem Ansturm und hageldichtem Wurf von Gasgranaten, von denen einige von den Demonstranten — Anarchisten, Situationisten, Maoisten, Internationalisten und Marxisten-Leninisten — zurückgeworfen worden sind.

Il Giorno, Mailand (13.4.69)

In erster Linie ein sehr deutlicher Wille, diese Konsumgesellschaft nicht einmal zu verändern, zu verbessern bzw. zu reformieren, sondern sie richtig zu zerstören: „Die Ware, wir werden sie verbrennen!“ (Situationistische Internationale, Richelieu-Halle, Sorbonne).

André Stephane, ‘Die Welt der Kontestation’ (Verlag Payot, 1969)

Die spontane Begriffsverwirrung

Es stimmt, dass einige vor der bekannten Explosion den Führer der Wütenden, Daniel Cohn-Bendit, aus Frankreich ausweisen wollten, den linke Intellektuelle zusammen mit seinen Freunden als Anhänger des Amerikaners Marcuse vorgestellt haben, während es doch genügt, die in französischer Sprache geschriebenen Bücher der ’situationistischen’ Schriftsteller Vaneigem und Debord zu lesen, um den Geist von Dany und Genossen wiederzufinden.

Le Canard Enchainé (22.5.68)

Eine Dokumentenreihe über den Kampf der italienischen Studenten macht es möglich, sich ein Bild vom ideologischen Standort dieser Gruppen am Ende des letzten Winters zu machen… Vielleicht wird durch die ausgewählten Texte die Bedeutung von Turin nicht klar genug hervorgehoben, wo am Anfang ‘Situationisten’ und Marcuse-Anhänger eine wichtige Rolle gespielt haben.

Claude Ambroise, ‘Le Monde’ (25.1.69)

Im ersten Kapitel haben wir die ‘Bewegung des 22.März’ erwähnt. Sie ist die bekannteste, aber nicht die älteste unter den Grüppchen. Unter ihren Mitgliedern in Nanterre sind einige der Situationisten, die zwei Jahre zuvor den Strassburger Skandal veranstaltet haben. Durch seine Methoden und sein Programm deutet ihr Projekt im voraus auf das hin, was Paris und Frankreich 1968 erleben werden.

Claude Paillat, ‘Geheimarchiv’ (Verlag Denoel, 1.Trimester 1969)

Die Position der Situationisten als Intellektuelle hat sie logischerweise dazu gebracht, zusammenzukommen, um die gemeinsam ausgearbeiteten Begriffe zu verbreiten. Wenn auch ihr Buch recht gut die Sprengkraft zeigt, die eine solche Gruppentätigkeit haben und wie sie eine Befreiung aus allen Zwangslagen widerspiegeln kann, so sieht es doch so aus, als ob sie vergessen hätten, dass das Wesentliche in den Fabriken passiert. Dabei scheinen sie die Gefahr nicht vermieden zu haben, in ihrer eigenen Sprache gefangengehalten zu werden.

‘Informations-Correspondances Ouvrières’ Nr.78, Februar 1969

Robert Estivals hat (in ‘Communications’ Nr.12) eine Analyse des Einflusses entworfen, den die S.I.-Doktrin am Anfang auf die in Nanterre entstandene Bewegung ausgeübt hat. Dank des Buches von E.Brau — selbst ein Mitglied der S.I. — können wir über diese ungenügende Analyse hinausgehen. Kommt es für die modernen Erzieher nicht in Frage, ‘Situationisten’ zu werden, so steht es doch jedem von uns zu, seine Verbündeten zu erkennen… Wenn dieser Radikalismus sich nur nicht in der nächsten revolutionären Phase auf einen feigen und bornierten Terrorismus beschränkt — ein Verhalten, das gewisse angebliche S.I.-Mitglieder vor kurzem an den Tag gelegt haben.

Michel Faligand, ‘Intereducation’ Nr. 8, März 1969

Als erster in Italien ließ Feltrinelli ‘Über das Elend im Studentenmilieu’ übersetzen, aber die sofort vergriffene Broschüre wurde nicht neu herausgegeben… Drei Jahre danach scheint diese beunruhigende soziologische Analyse fast ein Gemeinplatz zu sein, was aber nicht bedeutet, dass sie zur Zeit ihrer Verbreitung für einen solchen gehalten wurde… Im Gegenteil haben der sehr schnelle ‘Sturmlauf’ der in diesem Pamphlet enthaltenen Wahrheiten und die feurige Anwesenheit anarcho-situationistischer Gruppen (wie z.B. ‘Hydre de Lerne’, ‘Wütende’ und ‘Bewegung des 22.März’, zu der auch Cohn-Bendit gehörte), im Mittelpunkt der ‘Mai-Ereignisse’ ihre echt revolutionäre Sprengkraft in der Aktion bestätigt.

Nicola Garrone, ‘Paese Sera’, Rom (27.4.69)

Darüberhinaus war Mai 1968 etwas ganz anderes als das, was Trotzki und schließlich Lenin selbst sich hatten vorstellen können… Unter einigen Trotzkisten, Maoisten, Anarchisten und Situationisten gab es keine unfruchtbare Verdammung mehr, sondern eine gemeinsame Praxis. Es war vielleicht der Anfang des Kommunismus.

Jaques Bellefroid, ‘Le Monde’ 28.5.69)

Die interessierte Begriffsverwirrung

Treffpunkt: kulturelles Zentrum der Fakultät Nanterre (Saal C20). Folgende, der Bewegung des 22.März angeschlossene Organisationen: JCR, CUN, UJCML, CUB, ESU, UNEF, SNE-Sup., SDS, CAL, MAU, Anarchisten, Situationisten …

Flugblatt der ‘Bewegung des 22.März’, in dem zur Versammlung am 2. Mai 1968 aufgerufen wurde.

Die aufgelösten Organisationen gehören zu drei verschiedenen Kategorien. Es handelt sich einerseits um alle trotzkistischen Organisationen, um die ‘maoistischen’ Gruppierungen andererseits und schließlich um die ‘Bewegung des 22.März’, die ein besonderer Fall ist… Sie umfasst Anarchisten, Situationisten, Trotzkisten und ‘Maoisten’.

Frederic Gaussen, ‘Le Monde’14.6.68)

Wir wollen das neue Gras der Revolte nicht mit den schweren Sohlen der Vergangenheit zertreten — und wäre es nur einer vor relativ kurzer Zeit geschehenen. Es ist im Gegenteil wichtig, das hervorzuheben, was die heutige Bewegung den früheren Erfahrungen bzw. Theorien — und selbst den edelsten, beachtenswertesten und fruchtbarsten — nicht zu verdanken hat. Was genauso für die Oktoberrevolution wie für die Pariser Kommune gilt, für die Psychoanalyse wie für die verschiedenen sozialistischen Theorien, für Bakunin wie für Marx, für Marxuse wie für Mao Tse-tung, für den Situationismus wie für den Surrealismus.

L’Archibras Nr.4 (’Der Surrealismus am 18.Juni 1968’)

Die Länder ohne Arbeitertradition hatten den Spontaneismus, Anarchismus oder den Situationismus (’Flower Power’ von Dänemark, ‘Mother fucker’ aus den USA).

Rouge (16.4.69)

Die masslose Verleumdung

Andererseits sollte man eigentlich einige Sachen nicht vergessen. Lässt man z.B. die Tatsache beiseite, dass G. Debords Vater ein steinreicher Industrieller ist, so bleibt von den Situationisten — zumindest in Frankreich — nichts mehr übrig.

Nerslau, ‘L’Hydre de Lerne’ Nr.5, Januar 1968

Den ‘Wütenden’, die zuerst ungefähr 10 und dann ungefähr 100 waren, sollte es durch Gewaltanwendung gelingen, die Arbeit von etwa 12.000 Studenten lahmzulegen. Daher kommt die ‘Bewegung des 22.März’, von ungefähr 40 jungen Mitgliedern der S.I., deren Sitz in Kopenhagen ist und die vom ostdeutschen Sicherheits- und Spionagedienst manipuliert wird.

Louis Garcos, ‘Historama’ Nr.206 (Dezember 1968)

Man kann es als sicher betrachten, dass in all dem sowohl die Poesie als auch die Revolution nicht vorhanden sind — sie heben sich gegenseitig auf, anstatt sich gegenseitig zu erheben. Selbstverständlich fehlt es den Militanten an dieser strengen doppelten Forderung, die sich der Revolution hingegeben haben, wie man sich der Literatur hingibt. Eine solche Selbstgefälligkeit findet ihren Höhepunkt bei denen, die sich als ‘Situationisten’ definieren. Von ihnen stammten die Wandparolen, die im Mai eine Zeit lang gewisse feinfühlige Bourgois gerührt haben. Weit davon entfernt, spontan zu sein, war diese absolut überlegte Übertragungsarbeit der Entwicklung der herkömmlichen literarischen Tätigkeit mit verschiedenen Mitteln sehr ähnlich. Das vor kurzem herausgekommene Buch eines von ihnen, Vienet, ist ein Beweis dafür. Im Gegenteil war das, was kein Bourgeois an den Mai-Parolen schätzen konnte (’Wir sind alle deutsche Juden’, ‘Seid realistisch, verlangt das Unmögliche’); nicht situationistisch.

‘Schriftsteller- und Studentenkomitee’ (Duras, Mascolo, Schuster), in ‘Quindici’ Nr.17, Juni 1969

Der Irrsinn

Es war, als ob ein Irrenhaus einem anderen zu Hilfe kam, auch die Surrealisten besetzten mit. Mit den ‘Situationisten’ verbündet, bildeten sie in den ersten Tagen sogar die Mehrheit in dem ‘Besetzungskomitee’, das im Prinzip alle inneren Angelegenheiten der Sorbonne regelte … Es wehte ein Wind der peinlich genauen Rechtsgelehrsamkeit, den die Situationisten durch den ‘via negativa’ der Mystiker stillten, indem sie die Vollversammlung zwangen, stundenlang über die Diskussionsweise der Tagesordnung der laufenden Sitzung zu diskutieren, die zum Ende kommen sollte, bevor man sich über das absolute Hilfsmittel gegen jede Gefahr der ‘Bürokratie’ einig geworden war.

Edgar Andre, Magazine Littéraire Nr.20, Aug.68

In meinem Archiv habe ich eine Broschüre gefunden, die von Situationisten herausgegeben wurde, die sich 1966 des Strassburger UNEF-Büros bemächtigt hatten. Diese ungefähr 30 revolutionären Seiten stehen den Ideen, in denen der Mai seinen Ursprung hat, derart nahe, dass ich es für interessant gehalten habe, an sie zu erinnern. Um so mehr, als diese radikale Kritik des öfteren die unsere sein könnte, würde sie sich nicht zu einer katastrophalen Phraseologie aufschwingen… Bravo, meine Herren! Aber kommen Sie doch zu uns, um die Demokratie zu bekämpfen, anstatt sie in dem verwirklichen zu wollen, was Sie für eine andere Form halten! Nur Mut!

AF-Université, Monatszeitschrift der Studenten für eine nationale Restauration (Oktober 1968)

Im Gegensatz zu dem, was man erwarten könnte, ist die psychologische Umgestaltung nicht durchgeführt worden und aus ihr folgt unserer Meinung nach der Irrtum der S.I., sowie der spätere Misserfolg der studentischen Neo-Sozialdemokratie vom Mai 68… Das Prinzip des Individualismus ist nicht aufgegeben worden… In einer leninistischen Perspektive kann die S.I. nicht anders betrachtet werden als eine gefährliche Ausdrucksform des kleinbürgerlichen Denkens. Sie dient dem Kapitalismus — ein Beweis ist das Gehör, das ihr in der letzten Zeit in der bürgerlichen Presse geschenkt wurde.

R. Estivals, ‘Communications’ Nr. 12 (Dezember 1968)

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Januar
1977
Numéro 12, Seite 55
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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