Zeitschriften » MOZ » Jahrgang 1990 » Nummer 58
Franz Schandl
Philosophie

Aufklärung und Abklärung

Vom 18.-21. Oktober 1990 fand das Internationale Günther-Anders-Symposium der Stadt Wien statt. Wir haben uns dort umgesehen.

Günther Anders lebt seit Jahrzehnten in Wien, arbeitet unablässig am dritten Band seines Hauptwerkes „Die Antiquiertheit des Menschen“, dessen Vorabdruck im FORVM nachzulesen ist. Er ist zweifellos einer der bedeutendsten noch lebenden Philosophen, wenn nicht der bedeutendste. Und doch war und ist er ein Geheimtip.

Der 88jährige Anders selbst ist für öffentliche Auftritte nicht mehr zu haben. Er war so nur mittelbar anwesend. Per Tonband bekräftigte der Angesprochene seine Thesen und hielt auch seinen Aufruf zur Gewalt aufrecht. Die Reaktionen darauf benannte er als das, was sie waren — armselig.

Gab es in der Bundesrepublik über diese Frage zumindest noch eine etwas ausführlichere Debatte in der auslaufenden Friedensbewegung, so ging diese Provokation Anders’ in Österreich ihren üblichen Untergang. Außer einigen wenigen Artikeln im nachnenningschen FORVM, die sich mit seinem Aufruf kritisch auseinandersetzten, fand da gar nichts statt. Anders’ Anschläge ließen das heimische Publikum kalt. Es ist daher nicht richtig, wenn Rudolf Burger, der das Symposium mit seinem Referat „Die Philosophie des Aufschubs“ einleitete, meinte, daß Anders nicht verdrängt, sondern, im Gegenteil, popularisiert, von vielen kleineren Geistern abgeschliffen worden ist. Sicher, kaum ein Autor eignet sich so als Stichwortgeber oder zur scheibchenweisen Ausbeutung der Zitate, doch darf dies nicht mit seiner öffentlichen Wirkung verwechselt werden. Anders hat kaum öffentliche Wirkung. Leider, aber dem ist so. Nicht nur den Dümmsten sagt sein Name nichts. Unbekannter als Günther Anders heute ist, kann er — der substantielle Wert seiner Schriften wird hier als sicher vorausgesetzt — gar nicht mehr werden.

Aufgabe des Symposiums hätte so unserer Ansicht nach eine Ein- und Ausführung sein sollen. Das Symposium diente aber doch weniger der Aufbereitung oder Aufarbeitung des Andersschen Gedankenguts denn der Abgrenzung. Es wurde weniger darauf Wert gelegt, die Entwicklung der Andersschen Gedanken begreifbar zu machen, in ihrem historischen und persönlichen Kontext nachzuzeichnen, als zentrale Axiome seiner Theorie zu widerlegen.

Rudolf Burger etwa, den wir hier stellvertretend herausgreifen wollen, machte sich über die wichtigste These in Anders „Philosophie der Bombe“ her, indem er verneinte, daß die Menschheit in einer Endzeit lebe. Zu vermuten sei eher — so Burger — ein Grauen ohne Ende, mit und ohne Atomkatastrophe. Grauenhaft seien bloß partielle, nicht totale Katastrophen.

In Zusammenhang mit den Andersschen Gewaltthesen warf Burger Anders „spontaneistischen Voluntarismus“ vor, da dieser Aufruf Handlungsträger unterstelle, die es laut der Andersschen Theorie — dieser spricht von ‚genudelten‘ Menschen — gar nicht mehr geben dürfte. Burgers Einwände sind so unplausibel nicht. Auch wenn der Mensch sich in die Barbarei bomben sollte, so ist er doch als Gattungswesen unausrottbar, ganz einfach nicht zu beseitigen. Die Menschen mögen heute gefährdet sein, die Menschheit ist es nicht. Das kollektive Ende bedroht wirklich niemanden, wo doch das individuelle so sicher ist.

Kritisch wird es allerdings dort, wo Burger seine Einwände in dem zeitgeistigen Fundamentalismus-Vorwurf gipfeln läßt, wenn er etwa von einer „Philosophie des letzten Wortes“ spricht, die keine Steigerung mehr zuließe und deutlich für eine „Befreiung der Moral aus erpresserischer Umklammerung“ plädiert.

Anders’ Theorie verlangt nach einer gesellschaftlichen Praxis. Praxis, die jedenfalls mehr ist als ein Happening oder ein Symposium, wo Gelehrtheit oft in die Leere des Geschwätzes mündet (besonders wenn man das Publikum ranläßt). Das mag heute oft belächelt, doch sollte es nicht so abgetan werden wie auf dieser Veranstaltung.
Günther Anders war, solange er konnte, immer aktiv, stellte sein Wissen verschiedensten Bewegungen zur Verfügung. Auch mit 88 ist er noch auf der Suche. Was schlimmer ist, er ist so ziemlich alleine und einsam auf dieser Suche. Da gibt es keine Weggefährten, d.h. auch solche nicht, die vor Abwegen warnen könnten.

Da mag Rudolf Burger noch so ein heller Kopf sein, nach der Aufklärung verfällt er unweigerlich in die Abklärung. Das Konkrete seiner Anders-Kritik relativiert sich am allgemeinen Sermon seiner Schlußfolgerungen, die somit eigentlich keine sind. Nicht, daß Burger ohne Alternativen ist — auch Anders gibt ja zu, daß seine Überlegungen und Aufforderungen möglicherweise nicht stimmen, ja er hofft sogar, daß vieles, was er behauptet, nicht eintritt —, ist schlimm, sondern der vermittelte Eindruck, es bräuchte solche gar nicht mehr zu geben. Der Fundamentalismusvorwurf, die „Angst vor dem Leuchten der Augen der Propheten“, runden dann das Bild nur noch ab. Das ist nicht mehr aufklärerisch, sondern bloß noch abendländisch.

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern“, schrieb Karl Marx 1845 in seinen berühmten „Thesen über Feuerbach“.

Daran anschließend meinte Günther Anders im Motto seines zweiten Bandes der „Antiquiertheit“: „Es genügt nicht, die Welt zu verändern. Das tun wir ohnehin. Und weitgehend geschieht das sogar ohne unser Zutun. Wir haben diese Veränderung auch zu interpretieren. Und zwar, um sie zu verändern. Damit sich die Welt nicht weiter ohne uns verändere. Und schließlich in eine Welt ohne uns.“

Die referierenden Philosophen wurden — so unser Eindruck — kaum dem von Anders konstatierten Anspruch gerecht, ja die meisten fielen selbst noch hinter Marxens These zurück.

Die Interpretation der Welt macht ja schlußendlich nur dann einen Sinn, wenn man in ihr Funktionieren bewußt eingreifen kann.

Was gibt es noch zu sagen? Über Günther Anders zu schreiben, ist schwierig. Über ihn zu reden auch. Ihn zu lesen wird empfohlen. Es lohnt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1990
Nummer 58, Seite 70
Autor/inn/en:

Franz Schandl:

Geboren 1960 in Eberweis/Niederösterreich. Studium der Geschichte und Politikwissenschaft in Wien. Lebt dortselbst als Historiker und Publizist und verdient seine Brötchen als Journalist wider Willen. Redakteur der Zeitschrift Streifzüge. Diverse Veröffentlichungen, gem. mit Gerhard Schattauer Verfasser der Studie „Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft“, Wien 1996. Aktuell: Nikolaus Dimmel/Karl A. Immervoll/Franz Schandl (Hg.), „Sinnvoll tätig sein, Wirkungen eines Grundeinkommens“, Wien 2019.

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