Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2003 » Heft 8/2003 — 1/2004
Judith Goetz • Bernhard Wernitznig

Aufklärung als AnTITOtalitarismus

Zwei Ausstellungen in Kärnten/Koroška

Die Thematisierung von „antifaschisti­schen Gräueltaten" fungiert in Kärnten/Koroska als Instru­ment revisionistischer Deutschnationaler. Aber auch die SPÖ beteiligt sich an der Relativierung der NS-Verbrechen.

Die traditionelle Vor­gangsweise der Institu­tionen und pressure groups in Kärnten/Koroska, die das Er­be des Nationalsozialismus angetreten haben, stieß bisher an Grenzen, da zum ei­nen insbesondere jüngere Menschen offene Leugnungen und Verharmlosungen der NS-Verbrechen nicht be­dingungslos mittragen woll­ten, und zum anderen auch im südlichsten Bundesland die österreichischen Gesetze gelten. Die Gratwanderung an den Grenzen des Ver­botsgesetzes hat Strategien hervorgebracht, die es der ex­tremen Rechten erlaubt, Ele­mente ihres bisher geführten Geschichtsdiskurses auch in vermeintlich aufgeklärten Bevölkerungsgruppen zu ver­ankern.

Dass sich der Kärntner Heimatdienst (KHD) und andere revisionistische Organisationen seit dem Zusam­menbruch des Dritten Reichs dazu berufen fühlen, den Kampf der PartisanInnen zu dämonisieren, ihr gesamtes Tun als Verbrechen abzu­werten und gegen die slowe­nische Minderheit zu hetzen, ist keine Neuigkeit. Die Op­fer des Nationalsozialismus finden in diesem Diskurs mittlerweile allerdings größere Beachtung. Das hat aber nichts an der ursprünglichen Absicht der rechtsextremisti­schen Organisationen geän­dert, die nach wie vor auf einen Freispruch für die deutsch-österreichische Volks­gemeinschaft hinarbeiten.

In diesem Sinne ist die von der extremen Rechten unter Federführung des Landeshauptmanns Jörg Haider sowie des Landesschulrat­spräsidenten Zechmann auf die Beine gestellte Wander­ausstellung Die Partisanen in Kärnten. Kämpfer gegen den Faschismus. Kämpfer für ...? zu verstehen. Die vom Kärnt­ner Landesarchiv zusam­mengestellte Schau, mit der auch die SchülerInnen der Mittelschulen zwangsbe­glückt wurden, spiegelt das Muster wieder, dem sich der modernisierte Rechtsextre­mismus heute bedient. So werden die Deportationen und Enteignungen von knapp tausend SlowenInnen im ersten Teil der Ausstellung zwar dargestellt, allerdings nicht ohne auf die „quellen­kritischen Vorbehalte“ zu verweisen, wie sie von den GegnerInnen der ersten Wehrmachtsausstellung hin­länglich bekannt sind (Zuordnung von Bilddokumen­ten etc.). Fortgesetzt werden diese „Vorbehalte“ mit einer Denunziation der bekannten Literatur über und von Par­tisanInnen als „heroisieren­de Rechtfertigungsliteratur“ und „politische Instrumenta­lisierung des Partisanen­kampfes“. Die Mittäterschaft der Kärntner Zivilbevölke­rung an den NS-Verbrechen wird dadurch entsorgt, dass behauptet wird, die Zivilist­Innen hätten sich stets „zwi­schen den Fronten“ befun­den und wären am Tag von den Nazis, in der Nacht von den PartisanInnen terrorisiert worden. Sie seien von Sondergerichtsverfahren, Hin­richtungen und Verhaftungen durch die „NS-Machthaber“ genauso bedroht gewesen wie von der „Beraubung und Brandstiftung“, „gewalttäti­gen Übergriffen und Mord“ durch die PartisanInnen. Zum wiederholten Male wer­den den TitokommunistInnen „Gräueltaten“ vorge­worfen. Sie hätten „auf dem Gebiet der heutigen Repu­blik Slowenien in den ersten Wochen nach dem Kriegsen­de mehr Menschen getötet als in den vier Kriegsjahren von 1941-1945. (...) Die Zahl der in Massengräbern ver­scharrten Toten dieser Nach­kriegsmassaker wird auf weit über 100.000 geschätzt.“ Auf diese Weise ist es möglich, sich selbst als Opfer darzu­stellen.

Solche Geschichtsdarstel­lung in ihrer Unverfroren­heit noch zu überbieten ist schwierig, in Kärnten/Koroska aber durchaus mög­lich. Carl-Gustav Ströhm von der Jungen Freiheit und And­reas Mölzer von Zur Zeit leg­ten sich ins Zeug und gestalteten die Filmdokumentati­on In der glühenden Lava des Hasses — Die Nachkriegsverbrechen der Tito-Partisanen zwischen Karawanken und Hornwald, welche zwar nicht österreichweit ausgestrahlt (eine entsprechende Inter­vention seitens der Kärntner Landesregierung wurde vom ORF abgewiesen), aber mittlerweile auf ein fünfteiliges Projekt ausgedehnt wurde.

Der Anlass für die Entste­hung der Ausstellung und des Filmes war eine von Ger­hard Roth produzierte ORF-Dokumentation über Die Kärntner Partisanen. Diese wurde im April 2002 in der Reihe Brennpunkt gesendet. Obwohl es sich bei dem Film um eine sehr zurückhaltende Darstellung der Fakten han­delt, wurde sie von heimattreuen Verbänden wie dem KHD, zahlreichen Kommen­tatorinnen, unzähligen Le­serbriefschreiberInnen und der FPÖ als eine „völlig ein­seitige und Kärnten pauschal diffamierende Dokumentati­on“ (FPÖ) dargestellt. Die Kampagne gipfelte einerseits in einer Beschwerde bei dem Bundeskommunikationsse­nat, welcher teilweise Recht gegeben wurde, andererseits in neuen geschichtsrevisioni­stischen Initiativen.

Modernisierte Totalitaris­mustheorie

Eine andere, aber kaum we­niger problematische Form der Auseinandersetzung mit dem antifaschistischen Wi­derstand in Kärnten bietet die in Slowenien und Kärnten/Koroska entstandene und kürzlich in Villach gezeigte Ausstellung Unter Haken­kreuz und Titostern. Die Tat­sache, dass die Ausstellung zuerst in zwei Orten in Slo­wenien gezeigt wurde, bietet für die reaktionären Eliten ei­nen idealen Anknüpfungs­punkt an die aufbrechenden Diskussionen um den jugos­lawischen Realsozialismus, welche maßgeblich von Op­fern der kommunistischen Machtübernahme und deren Nachkommen in Gang ge­setzt wurde. Obwohl die Geschichtsauslegung der NS-Kollaborateure des rechten slowenischen Lagers, den Domobranci, welche ihren Eid auf Adolf Hitler ge­schworen hatten, nach dem Krieg keinen großen Anklang mehr fand, und auch der an­tifaschistische Konsens nach dem Zusammenbruch Jugos­lawiens weitgehend aufrecht erhalten werden konnte, wird heute durch die beiderseiti­ge Aufrechnung der Taten und durch eine Versöhnungsrhetorik ein neues Ge­schichtsbild entworfen.

Kärntner Geschichtsaufarbeitung
Illustration zu der Ausstel­lung „Unter Hakenkreuz und Titostern“

Die SPÖ Villach unter ihrem Bürgermeister Man­zenreiter hat diese Ausstel­lung ermöglicht und stellt sie als Kontrapunkt zu jener des Landes Kärnten dar. Auf die­se Weise wird ein Raum ge­schaffen, in dem breitere Be­völkerungsschichten einen Zugang zur Thematik finden. Werden geschichtsrevisioni­stische Inhalte nicht mehr von den Heimatverbänden verbreitet, deren Darstellun­gen bei vielen als „polarisierend“ in der Kritik stehen, können sie als wissenschaft­liche Erkenntnisse wahrge­nommen werden. Dies nicht zuletzt deshalb, weil der Aus­stellungsteil über den Natio­nalsozialismus in Kärnten/Koroska mit Alfred Elste von jenem Historiker zusammen­gestellt wurde, der durch sei­ne Bücher einen entschei­denden Beitrag zur Aufar­beitung des Nationalsozialis­mus in Kärnten/Koroska ge­leistet hat.

Der totalitarismustheore­tische Zugang und die Rela­tivierung von NS-Verbrechen zeigt sich schon am Untertitel der Ausstellung: Eine bilate­rale Konfrontation mit natio­nalen Feindbildern, totalitären Ideologien und Parteidiktatu­ren am Beispiel Kärnten und Slowenien. Dass die Verant­wortlichen in der Einleitung des Ausstellungskatalogs mehrmals betonen, mit der „parallelen“ Darstellung von Nationalsozialismus und „Partisanenterror“ keine Auf­rechnung betreiben zu wol­len, nützt da nicht viel. Zu­mal das Gedenken an die mehrheitlich kommunisti­schen PartisanInnen, die HeldInnen des antifaschisti­schen Kampfes, als eine „Verklärung“ denunziert wird. Kritik erfährt die Aus­stellung aber auch aus dem ohnehin marginalisierten li­beralen Lager im Land nicht, das sich als Ziel jeglicher Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus stets nur eine „gemeinsame friedliche Zukunft im vereinten Euro­pa“ vorstellen kann.
Die wahnhafte Vorstel­lung von einer „Bedrohung“ für die Einheit (Deutsch-)Kärntens, die auf den jugos­lawischen Gebietsansprüchen nach dem Sieg der Alliierten beruht, konnte bis heute kon­serviert werden und spukt weiterhin in den Köpfen vie­ler Einsprachiger herum. Ver­ständlich, dass vor allem pro­gressive SlowenInnen defen­siv reagiert haben und fort­gesetzter Benachteiligung da­durch entgegen traten, dass sie den von ihnen geleisteten Widerstand als Teil des Kampfes für das „demokra­tische Österreich“ deklarier­ten, welcher nicht zuletzt eine Bedingung der souveränen Wiederherstellung Öster­reichs war. Sie griffen damit die Argumentation der österreichischen PolitikerInnen in den Verhandlungen über den Staatsvertrag auf.
Heute wird die Ausein­andersetzung mit den Revi­sionistInnen in immer de­fensiverer Form geführt. So wird zum Beispiel der Kampf der Jugoslawischen Volksbefreiungsarmee fäl­schlicherweise auf einen Bei­trag zum weltumspannenden Ringen der DemokratInnen gegen den Faschismus redu­ziert. Zu betonen wäre, dass sich die Mehrzahl der Kärnt­ner SlowenInnen unmittel­bar nach der Kapitulation ei­ne Zukunft innerhalb des Schutzes jugoslawischer Grenzen wünschte und auch eine sozialistische Gesell­schaftsordnung wollte, für die schließlich viele Kärntner SlowenInnen unter Einsatz ihres Lebens gekämpft hat­ten. Zudem sollte die Absiedlung und Enteignung der in Jugoslawien verbliebenen Deutschen gemäß der AVNOJ-Bestimmungen in Österreich nachvollziehbar gemacht werden, anstatt in den „Alle-waren-Opfer“-Taumel zu verfallen. Die Ein­ebnung zwischen TäterInnen und Opfern kann nur jenen loyalen Söhnen, Töchtern und Enkeln der alten Nazis helfen, die bis heute ihre „Unsere Ehre heißt Treue“-Fahnen bei den Prozessionen zum Landesfeiertag auslüf­ten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2003
Heft 8/2003 — 1/2004, Seite 16
Autor/inn/en:

Judith Goetz:

Literaturwissenschafterin und Politikwissenschafterin, Mitglied der LICRA (Liga gegen Rassismus und Antisemitismus), von März 2004 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

Bernhard Wernitznig:

Studierte Internationale Entwicklung in Wien.

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