FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 291/292
Günther Nenning

Auf dem Stockerl der Zukunft

Meine ersten 56 Jahre

Hermann Glaser, SPD-Stadtrat für Kultur zu Nürnberg, Autor zeitgeschichtlicher Werke, zuletzt über Sigmund Freud, wagte im Oktober 1977, inmitten des Medienterrors gegen alles Linke, eine dreitägige Großveranstaltung in der Meistersingerhalle unter dem Motto „Angst und Hoffnung — Flüchten oder Standhalten“. Ein Abend hieß „Wendepunkte — Rückblick auf Biographien“. Teilnehmer: Jean Améry, Brüssel; Pierre Bertaux, Paris; Hartmut von Hentig, Eugen Kogon, Rolf Schroers, BRD; G. N. Hier sein Beitrag, der nicht gesprochen, weil statt dessen gestritten wurde.

I.

Wenn ich’s recht verstanden habe, soll ich hier persönlich werden; Lebenslauf abfassen mit Publikum über der Schulter; Gruppendynamik, man darf sich auch mal anfassen, aber nicht zu weit unten; ex-studentenbewegte Linksnostalgie, multipliziert mit tendenzgewendetem Bildungsbürgertum, frei nach Goethe: „Grau, lieber Genosse, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum.“ Grau, grün, gold, auch espedeorange, Hermann Glaser ist wieder etwas eingefallen, sei’s und dankeschön.

  1. Ich, Sohn eines bürgerlichen Ariers und einer bürgerlichen Jüdin, erhielt eine bürgerliche Erziehung.
  2. Eingetreten in eine sozialdemokratische Tageszeitung, Partei, Gewerkschaft, vor über einem Vierteljahrhundert.
  3. Ausgetreten aus der evangelischen, übergetreten zur katholischen Kirche, in den schönsten Jahren des Konzils und des christlich-marxistischen Dialogs.
  4. Von der Studentenbewegung hochgehoben, weggespült, umfunktioniert, vom bürgerlichen Kopf auf zwei linke Füße gestellt.
  5. Da mit zwei linken Füßen Vorwärtsbewegung unmöglich, einen wieder nach rechts gebogen. Jetzt geht’s. Rechts und links; Bürgerkind und Sozi; Christ und Altneulinker; Marxist und Theologe; etabliert und ausgeflippt; immer schlimm und immer brav.

Dies meine ersten 56 Jahre. Nun die nächsten. Ich werde sie vierteilen, 4 mal 14 Jahre, und sicherheitshalber ineinanderschieben, jedes Jahr etwas von jedem Viertel.

14 Jahre schreiben, denken, lesen, vielleicht sogar umgekehrt: denken, lesen, schreiben.

14 Jahre politische Tätigkeit, Zeitungmachen, Partei, Gewerkschaft, Opposition und Integration. Ein paar Millimeter vorwärtskommen. Auch große Sprünge sind drin. Bis zum Jahr 2033 gibt’s vielleicht wieder eine ordentliche SPD-Regierung, oder die endgültige Vereinigung von Sozialdemokratie und Eurokommunismus, oder ähnliche Scherze der Weltgeschichte.

14 Jahre Zusammenleben mit relativ vielen Menschen, insbesondere Frauen; antizipatorische Abenteuer ganz anderer Beziehungen.

14 Jahre Nichtstun, kollektiv faulenzen, allein faulenzen.

II.

Eigentlich habe ich mein Leben lang nichts gearbeitet. Ich will es weiterhin so halten.

Arbeit ist ein Fluch. Indem ich mich ihm erfolgreich entziehe, werde ich zum Parasiten. Als Verfertiger von Gedanken, Sätzen, Büchern werde ich ausgehalten von den übrigen, wirklich arbeitenden Gliedern dieser Gesellschaft. Insofern bin ich Luxusgeschöpf, auch wenn ich weniger verdiene, einfacher lebe.

Meinem parasitären, luxuriösen Leben kann ich nicht entgehen, indem ich — romantisch oder strategisch — hinabsteige ins einfache Volk und mit diesem arbeite und lebe.

Die Arbeitsteilung zwischen produktiven Klassen und von ihnen ausgehaltenen Intellektuellen kann ich nicht aufheben. Wenn ich das einfache Arbeitsleben der meisten Menschen teile, werde ich kaputtgemacht, ausgepowert, verblödet. Das hilft ihnen nichts. Die sogenannten einfachen Leute unterliegen einem alltäglichen lebenslangen Schrecken; Arbeitsterror, Verkehrsterror, Eheterror, Familienterror, Fernsehterror, Konsumterror, Modeterror, Freizeitterror. Das halte ich zarter Intellektueller viel weniger aus als sie.

Wenn ich sie links anagitiere, mache ich mich ihnen nicht verständlich; sondern verdächtig.

Während ich mich „unten“ sinnlos abstrample, machen meine konservativen und reaktionären Kollegen „oben“ goldrichtig weiter. Ihre falschen Gedanken, Sätze, Bücher bringen sie mittels geschickter Medienterroristen wirksam unters Volk.

Ich kann nicht heraus aus dem Glaspalast des Überbaus, wo wir intellektuellen Hanswurste einander beschmeißen, ohne daß wir je die Scheiben einschlagen, die uns von der gewöhnlichen Wirklichkeit getrennt halten. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft vollzieht sich auch der Fortschritt arbeitsteilig. Die Verfertiger der falschen Gedanken, Sätze, Bücher niederzumachen ist meine Aufgabe, meine Arbeit, mein Vergnügen.

Genauso richtig wie der Satz: ich habe in meinem Leben nie gearbeitet — ist das Gegenteil: ich habe immer gearbeitet, nie Freizeit gemacht. Während arme Menschen Krawatten, Freizeithemden, Goldschmuck, Automobile, Eigenheime, Motorboote, Ferienappartements, Fitnessgeräte und Kriminalromane kaufen — sitze ich ohne den Plunder irgendwo und arbeite.

Während sie um drei nachmittags auf die Uhr schauen, ob nicht endlich die Arbeitszeit um ist — finde ich mich um drei in der Nacht am Schreibtisch, weil Arbeit so schön ist.

Während meine beamteten Gewerkschafts- und Parteifreunde ihre Arbeitskrawatten mit dem modischen Muster schon ausgezogen und ihre Freizeithemden mit der modischen Passe schon angezogen haben — bin ich noch oder schon wieder unterwegs und erziele progressive Geländegewinne im Ausmaß von mehreren Quadratmillimetern.

Meine Arbeit hat den Charakter eines Freizeithobbys, meine Freizeit besteht aus nichts als Arbeit.

In einer Gesellschaft, in der Arbeit und Freizeit gleichermaßen krank sind, antizipiere ich Zustände der Verschmelzung von Arbeit und Freizeit, der Identität von Arbeit und Vergnügen. Es geht mir irrsinnig gut. Es ist klar, daß solches Wohlergehen sittlich unerlaubt wäre, bestünde nicht jene Identität von Lustgewinn und sinnvoller Arbeit.

III.

Mein Jubilieren über Verschmelzung von sinnvoller Arbeit und sinnvoller Freizeit ist gemein. Zum Schaden, den die einfachen Menschen haben, durch Zwangsarbeit und Zwangsfreizeit, füge ich den Spott luxuriösen Darüberschwebens des Intellektuellen. Noch das Ausprobieren von Mehrfachbeziehungen sowie das schlichte Nichtstun segne ich ab mit dem Gütesiegel: sinnvolle Arbeit.

Nämlich Vorwegnahme wesentlicher Elemente des künftigen Arbeitsprozesses.

Die gegenwärtige Kümmerform von Familie, die 2-Personen-1-Hund-Ehe, ist verwachsen und verfilzt mit den gegenwärtigen Kümmerformen von Arbeit und Freizeit. Die Arbeitsorganisation der Zukunft wird bestimmt sein durch neue Technologie und neue Intelligenz. Dies fordert Teamarbeit, Gemeinschaftsproduktion, Kreativität, Phantasie, Freizügigkeit. Dies wiederum fordert Lebens- und Wohnformen, Sexual-, Ehe- und Familienformen, die Kreativität, Phantasie, Freizügigkeit hervorbringen. Dies bedeutet Renaissance von Großfamilie, Sippe, Clan, die alle mit gewissen Formen von Polygamie und Promiskuität verbunden waren und sind.

Desgleichen fordert die intensive, schöpferische, phantasievolle Arbeit der Zukunft lange Perioden des intensiven, schöpferischen, phantasievollen Faulenzens mehrmals im Jahr.

Ich bin seit über 30 Jahren verheiratet, 1 Frau, 1 Sohn, und bin’s immer noch, auch kirchlich.

Ich glaube an den guten Sinn des Scheidungsverbotes, wie es Jesus aufstellte. In einer Männergesellschaft, welche die Frauen schwerst benachteiligt, nahm Jesus Partei für die Frauen. Er sagte den Männern: Ihr könnt sie nicht einfach wegschicken, wenn sie euch nicht mehr passen, eine neue nehmen, die alte soll schauen, wo sie bleibt.

Ich glaube an das Sacramentum, den Fahneneid, den Menschen einander leisten: keine Desertion, solange eines das andere braucht.

Ich glaube nur nicht, daß dieses Sakrament, die Verpflichtung, daß Menschen einander helfen, ein armseliges einziges Mal gilt und gegenüber einem einzigen Menschen. Zölibatäre Kirchenbeamte lesen phantasielos darüber hinweg, wie Jesus hinter seinem Scheidungsverbot den Ehebruch definiert. Ehebrecher ist, wer eine 2. Frau nimmt, nachdem er die 1. in Stich gelassen hat.

In diesem Sinn bin ich allen meinen Frauen treu, oder will’s doch sein. Dementsprechend dauern die meisten meiner Bindungen lange Jahre, einschließlich von langen Zeiträumen, die im landläufigen Sinn frei sind von Sexualität (nicht von Zärtlichkeit).

Wer seine Frau schlecht behandelt, aber keine andere hat, ist treu. Wer’s mit anderen Frauen treibt, mag noch so gut mit seiner Frau sein oder mit allen seinen Frauen — der bricht die Treue. Das ist eine übersexualisierte, geile Moralität, zum Schaden der nötigen und möglichen Treue zwischen Menschen.

Jesus sagte: schon wer eine andere Frau anschaut, bricht die Ehe. Der amtskirchliche Sexualfanatismus drückt sich um die naheliegende Interpretation: Jesus meint damit: Eure Sexmoral ist Heuchelei.

Mir hat immer gefallen, wie die Bibel diverse Sexualnormen diverser Gesellschaften unbekümmert nebeneinander stellt — von der Vielweiberei der Patriarchen bis zum neutestamentarischen Gebot: Bischof kann nur werden, wer nicht mehr als eine Frau hat.

Sexualnormen sind relativ. Obrigkeitskirche und Obrigkeitsstaat setzen sie absolut, um die Menschen unter Druck zu halten, regierbarer zu machen.

Für mich ist das Experiment, zu möglichst vielen Menschen möglichst gute Beziehungen zu haben — auch möglichst gute sexuelle Beziehungen —, ein Abenteuer der Freiheit, der Kommunikation, der Nächstenliebe. Mir ist aber klar, daß dies nur im Gesamtzusammenhang meiner Anschauungen und meines Lebens funktionieren kann. Als isoliertes, billiges Rezept taugt es nichts — sinkt ab zum Thema für Herrenwitze oder zur modischen Masche, mit der das progressive Männchen sich progressive Weibchen aufreißt.

Und sagen frauenbewegte Freundinnen zu mir: „Du bist ein linker Scheich“ — weiß ich nicht viel zu meiner Rechtfertigung.

IV.

Ich kann eben nicht heraus — nicht aus dem Kapitalismus, innerhalb dessen ich meine Gedanken, Sätze, Bücher zum Markt trage, nicht aus der Männergesellschaft, innerhalb derer meine Mehrfachbeziehungen laufen.

Ich will auch gar nicht heraus. Ich will dort sein, wo die Menschen sind — also in der Gesellschaft. In ihr, und nicht außerhalb, ist der archimedische Punkt für den Hebel der Veränderung, meiner und ihrer.

Rein bleibt nur, wer draußen bleibt. Drin bleiben heißt kompromisseln. Mein „öffentliches“ Leben als Publizist, Genosse, Gewerkschafter kommt mir dauernd in die Quere zu meinem „privaten“ Leben außerhalb der etablierten Produktions-, Lebens- und Sexualnormen.

Sollte ich nicht endlich diese „privaten“ Spinnereien aufgeben zugunsten verbesserter „öffentlicher“ Wirksamkeit als Sozialist oder gar Sozialdemokrat? Sollte ich nicht diese „öffentliche“ Wirksamkeit, wo’s um ein paar Millimeter Fortschritt pro Jahrzehnt geht, endlich preisgeben zugunsten eines „privaten“ Lebens, das wirklich „radikal“ ist: die Dinge an der Wurzel faßt? Schluß mit der Schizophrenie; das Produkt aus Sozialdemokratie und Neuer Linker kann nur ein Wechselbalg sein — ?

Das sind keine rhetorischen Fragen. Ich stelle sie mir wirklich. Ich beantworte sie heute so, morgen umgekehrt, mit dem Ergebnis, daß ich im Schnitt bleibe, wie ich bin: Unveränderte Lebenselemente wende ich an auf veränderte Zeiten. Ich bleibe unverändert einer, der sich immer ändert.

Die deutsche Sozialdemokratie, acht Jahre nach ihrem historischen Durchbruch zur Regierung im zweitwichtigsten kapitalistischen Land der Welt, durchlebt heute eine Zeit ihrer tiefsten Erniedrigung. Ausgezogen, mehr Demokratie zu wagen, gelandet bei Berufsverbot, Numerus clausus, einer Million Dauerarbeitslose. Sie hat vor dem politischen und ökonomischen Gegner bedingungslos kapituliert und wird von ihm dafür mit Wonne in den Arsch getreten. Sie hat einen militärischen und polizeilichen Apparat der inneren Unterdrückung gebaut, vor dem die alten Nazis neiderfüllt erblassen und in dem sie an allen Ecken und Enden sitzen.

Wer naiv ist, mag glauben, es geht gegen ein paar Terroristen. In Wahrheit geht’s um ein Super-KZ, in dem alle Linken, alle Liberalen und natürlich auch die Sozialdemokraten und Gewerkschaftler bequem Platz nehmen können. Mit diesem modernsten, kostspieligsten Unterdrückungsapparat der Welt kann man morgen die Demokratie beiseite schieben und neuen Faschismus machen.

Hinter Willy Brandt waren alle geistigen Kräfte der Nation. Heute ist die Geistesfreiheit bedroht wie noch nie seit 1933. Gott schütze Deutschland vor seinen Verfassungsschützern!

Aber es gibt keine politische Alternative zur SPD. Die DKP ist eine DDR-Filiale. Die Ultralinken sind erfolgreich mit Selbstauslöschung beschäftigt. Deutsche Liberale gibt es sowieso nicht. Die paar christlichen Demokraten haben in der CDU/CSU nichts zu reden.

Also geht’s um die Revitalisierung dieser furchtbaren Sozialdemokratie, um den großen Bauchaufschwung, der ebenso unmöglich erscheint, wie er notwendig ist.

Das ist kein Prozeß im luftleeren Raum der Ideologie. In Wahrheit geht der politische Kampf — bei jeder Wahl wird dies deutlicher — um die „neue Arbeiterklasse“, um die wissenschaftliche, technische, managerielle und massenmediale Intelligenz, die neben den traditionellen Wählerblöcken der „alten Arbeiterklasse“ und des alten Bürgertums auftaucht und wahlentscheidend wird. Sie kann nach rechts gehen, als „neuer Mittelstand“ konservativ, reaktionär, faschistoid werden (und ist es teils schon) — sie kann aber immer noch im ausreichenden Maß gewonnen werden für die Sozialdemokratie.

Nicht von dieser, die sich im Politischen und Ökonomischen erschöpft hat, eine Partei der hilflosen Macher, Spießer, Sozialistenfresser. Gebraucht werden demokratische Sozialisten, die eine Alternative wissen, zeigen und sie auch selber leben. Sozialisten, die sich zu sagen getrauen: es geht nicht um sogenannte „Sachfragen“; „Sachfragen“ sind Fragen, die man lösen muß, ohne der konservativen Sache zu schaden und die ebendrum unlösbar sind. Man muß sich getrauen, unbekümmert um die hämischen Fratzen der alten und neuen Reaktionäre, den Menschen zuzurufen: Ändern wir unser Leben!

Wie man das macht, haben die sozialdemokratischen Macher keine Ahnung. Es gibt nur einen großen Komplex sozialistischer Ideen, der darauf Antwort gibt: das ist die Neue Linke. Eben drum wird sie verteufelt. Aber die Sozialdemokratie wird danach greifen müssen, bei Strafe ihres Untergangs. Es gibt keine Revitalisierung für sie als diese. Natürlich in sozialdemokratischer homöopathischer Dosierung.

Die Konservativen spüren die Gefahr von neu-links, die geistige Gefahr, gegen die Terroristen wie Terrorbekämpfer gleich ohnmächtig sind. Sie wollen Sozialdemokratie und Neue Linke, alten und neuen Sozialismus getrennt halten. Sie behandeln die Neue Linke daher nicht im demokratischen Meinungskampf, sondern als Polizeifrage: Drogen, Pornographie, Subversion, Kommunismus, Terrorismus.

Für sich ist der Terrorismus kein Problem — Arbeits- und Verkehrsunfälle töten tausendmal mehr, nur statt Generaldirektoren einfache Leute. Das Problem ist die „Sympathisantenszene“. Sie heißt so, weil sie aus Leuten besteht, die nicht mit den Terroristen sympathisieren, aber die Gesellschaft ändern wollen. Das ist das wahre Verbrechen. Von ihm sich zu distanzieren, wird die Sozialdemokratie ununterbrochen aufgefordert: Sie wird aufgefordert, sich selbst auszulöschen.

Terrorismus ist das Gegenteil von Sozialismus, nämlich eine bürgerliche Familienaffäre: anarchistisch ausgeflippte Jungbourgeois schlachten kapitalistisch gebliebene Altbourgeois. Die nötige Änderung unseres Lebens hat mit den Terroristen nichts zu schaffen, außer daß sie dieser nötigen Sache enorm schaden.

Ist Revolution der notwendige Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, so gibt es nur ein großes Verbrechen in unserer Zeit: Behinderung des glatten, friedlichen, menschlichen Übergangs zu einer solchen Zukunft. Wer sich solcher Behinderung schuldig macht, gehört vors Revolutionsgericht, vor ein öffentliches Tribunal der Diskussion, die damit endet, daß der Wahnwitz in die Knie geht vor der Vernunft.

Die sozialdemokratischen Macher haben Angst vor einer solchen Diskussion. Lahm in der Praxis, blind in der Theorie, sind sie dafür total ungerüstet.

Weil die jungbourgeoisen Terroristen gar so gut der Reaktion in den Kram passen, bleibt freilich abzuwarten, wie viele oder wie wenige dieser Verbrechen wirklich von Terroristen verübt werden. Immer noch in der Geschichte des Anarchismus hat die passendsten Attentate die Polizei selber produziert.

Revitalisierung einer total erschöpften Sozialdemokratie ist kein moralisches, sondern ein historisches Problem. Jochen Steffen hat recht, die SPD ist total „demoliert“. Aber er hat unrecht, das als Personenfrage abzuhandeln. Der deutsche Kapitalismus ist sehr stark und sehr bösartig. Die deutsche Arbeiterbewegung relativ schwach, gespalten in den zwanziger Jahren durch die KPD, gespalten in der vierziger Jahren durch die SED. Da reichte es eben zu nicht mehr als ein paar guten Jahren. Der Anfang war gar nicht schlecht.

Wann kommen die nächsten guten Jahre? Die Mitarbeit am Sozialismus ist nicht identisch mit dem Aufziehen guter Plakate für die nächste Wahl. Es ist eine Lebensaufgabe, eine Aufgabe für viele Leben — darunter meines.

Drum sitze ich zwischen allen etablierten Stühlen auf dem Stockerl der Zukunft; wartend, aber tätig; tätig, aber geduldig.

Und bequem wie eben einer, der auf der richtigen Sitzgelegenheit sitzt.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1978
, Seite 53
Autor/inn/en:

Günther Nenning:

Geboren 1921 in Wien, gestorben 2006 in Waidring. Studierte Sprachwissenschaften und Religionswissenschaften in Graz. Ab 1958 Mitherausgeber des FORVM, von 1965 bis 1986 dessen Herausgeber bzw. Chefredakteur. Betätigte sich als Kolumnist zahlreicher Tages- und Wochenzeitungen sowie als Moderator der ORF-Diskussionsreihe Club 2.

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