Zeitschriften » FŒHN » Heft 23+24
Markus Wilhelm

Auf Brüssel fliegen

Ende 1991, als von der Regierung ausgewählte Werbe-Agenturen und PR-Agenturen ihr die Konzepte für gnadenlose Beitritts-Kampagnen vorzulegen begannen, drängte ein Journalist namens Georg Hoffmann-Ostenhof, der sich früher als „Gruppe Revolutionärer Marxisten“ bezeichnet hatte, den Anschluß-Strategen seinen Rat auf: „Europa muß eine bestechende Idee werden. Ohne Investitionen wird es freilich nicht abgehen. Vor allem muß man die Österreicher auf Reisen schicken. Die großen und die kleinen Opinion-leader aller gesellschaftlichen Bereiche müssen zu Tausenden Straßburg, Brüssel und andere EG-Metropolen wirklich kennenlernen. Dort möge man ihnen anregende Gesprächspartner präsentieren. Und sie zu gutem Essen ausführen. Doch, doch - gerade das ist erfahrungsgemäß wirksam.“ (Profil, 25.11.91) Wahrscheinlich hätten die anderen Zyniker das, was dieser Zyniker ausgeheckt hatte, auch ohne ihn ausgeheckt. Jedenfalls begann sich das bloß zum Zwecke der Abwicklung des EU-Anschlusses geschaffene und nachdem folgerichtig wieder aufgelöste Europastaatssekretariat bald in ein regelrechtes Reisebüro zu verwandeln. Wie jeder andere große Reiseveranstalter ging man als erstes daran, mit der AUA für die zahlreichen Brüssel-Flüge Sonderkonditionen auszuhandeln. Nun konnte z.B. der Landwirtschaftsminister Bauern fangen gehen für einen Trip in die EU-Hauptstadt, der Unterrichtsminister konnte mit seiner „Aktion 1000 Lehrer nach Brüssel“ loslegen usw. Mit der „Einladung zu einer preisgünstigen Brüssel-Reise“ (Aussendung der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter vom November 1993) verknüpften sich in den Köpfen der Menschen, und zwar aller, an die das Angebot von irgendwem irgendwann herangetragen worden war, untrennbar die beiden Begriffe: „Brüssel“ und „billig“. Das war ein raffinierter Zug in der psychologischen Kriegsführung! Dazu trafen die Touristen in Brüssel bei den eingefädelten Empfängen ganz bestimmt nicht auf wütende EG-Gegner, sondern durchwegs auf hochbezahlte, hochzufriedene EG-Apparatschiks, die wirklich nur das Beste über die EG berichten konnten. „Die Österreicher haben mit großem Abstand“, was?, mit Ja gestimmt?, nein, „die meisten Besuchergruppen unter allen Beitrittsländern nach Brüssel gebracht. Insgesamt waren mehr als 8000 Österreicher durch den ‘Besuchsdienst und Informationsdienst’ in Brüssel betreut worden.“ (Presse, 18.1.95) Statt zu den vom EU-Transitverkehr Terrorisierten ins Wipptal wurden sie zum „Sightseeing in Brüssel“ (wörtlich im Pauschal-Angebot der FSG) umdirigiert. Keine schlechte Ablenkung. Ums gleiche Geld, hätte man sagen können, veranstalten wir ein Vielfaches an Studienreisen zu den Bergbauern im Mölltal oder zu den Textilarbeiterinnen im Waldviertel - solang es sie noch gibt.

Damit der Beitritts-Komplott gelingen würde, war es notwendig, den Ruf, den die sogenannte Europäische Gemeinschaft bei der Mehrheit der Leute hatte, umzudrehen. Dazu mußte die EG, wo so viele so vieles verlieren würden, so hatten die Seelenschnüffler herausgefunden, unbedingt immerzu und damit untrennbar mit Gewinnen in Zusammenhang gebracht werden. Da hagelte es dann Schülerwettbewerbe und Fotowettbewerbe zu Themen wie „Menschen in Europa“ oder „Will ich in die EG?“ etwa der Industrie mit hohen Geldpreisen, Aufsatzwettbewerbe, wie den mit Sachpreisen ausgelobten der Bundeswirtschaftskammer („Unser A in Europa“), zu dem mehr als 800 Einsendungen einlangten, oder die vom Unterrichtsministerium groß ausgeschriebenen Projektwettbewerbe „Wir gestalten Europa“ (mit 250.000 S dotiert) und „Mach mit bei Europa“ (Gewinnsumme: 420.000 S), an dem sich mehrere tausend Schüler österreichweit zu beteiligen hatten. Wie die Dornbirner Messe ihren Europaquiz mit 10.000 Sachpreisen hatte jede Wirtschafts-Schau über Jahre hinweg ihr Europa-Gewinnspiel. Die Wirtschaftskammer veranstaltete ein EG-Preisausschreiben, bei dem sie hunderttausende Menschen einem Häuschen um 1,5 Millionen Schilling (Hauptpreis) nachlaufen ließ, und die Kronenzeitung schickte in einer Aktion mit der Bank Austria ihre Leser auf „Schatzsuche“: „Entdecken Sie die Schätze Europas!“ Drei Wochen lang gab es unter anderem täglich eine „VIP-Urlaubsreise für zwei Personen in eines von zwölf europäischen Ländern“ zu gewinnen. Das war der Kniff! Die Leute sollten fliegen auf Europa! Selbst im Aufsatzwettbewerb für Schüler, den die Presse und Siemens zum Thema „Die Zukunft unserer Identität in der EG“ aufzogen, ging’s um einen Flug nach Brüssel. Der Aufsatzwettbewerb „Jugend baut Europa 2000“, den die Salzburger Nachrichten zusammen mit dem Landesschulrat ausgeschrieben hatten, lockte mit drei Flügen für zwei Personen in eine europäische Hauptstadt (zur Verfügung gestellt vom Raiffeisenverband Salzburg). Die Sehnsucht abzufliegen ist bei jung und alt jederzeit abrufbar. Hier treffen die Strategen auf eine weiche Stelle. Der ÖVP-Verein „Junges Europa“ belohnte die Teilnahme an einem Euro-Quiz „mit einer Reise nach Brüssel als Hauptpreis“, und die SPÖ köderte in ihrer Wahl-Gazette „Österreich-Magazin“ knapp vor der Volksabstimmung mit einem „Euro-Golf mit Europasternen und Servolenkung“, fünf Brüsselreisen und weiteren „Euro-Traumreisen in die Europahauptstädte Berlin, Paris, Brüssel, Rom und Amsterdam“. Beim Kurier gab’s als Dank für das Lesen einer EG-Propaganda-Serie („tausende Zuschriften“) schon 1992 zwei viertägige Reisen nach Brüssel für jeweils zwei Personen zu gewinnen, wenn auch „mit Staatssekretär Jankowitsch als Reiseleiter“. Ein Jahr später verloste dieselbe Zeitung für die Einsendung eines Kupons unter dem Kennwort „Lust auf Europa“ gar „50 Tagesflüge in europäische Städte“. Welch kapitale Interessen müssen da beim EU-Anschluß im Spiele sein! Noch beim klitzekleinen „Europatag in Lienz“ 1992 ist der verloste Hauptpreis ein „dreitägiger Aufenthalt in der EG-Hauptstadt inkl. Flug, Hotel und Taschengeld“. Beim „Europafest“ in Wien eine Woche vor der EU-Volkszustimmung werden beim „Euro-Spiel“ neben einem „europäischen Auto“ je eine Wochenendreise für 2 Personen nach Paris, London, Madrid und Stockholm und deren drei nach Brüssel ausgelobt. Damit wurden für zumindest die 200.000 Besucher des Festes in der Innenstadt EG-Beitritt und Glückstreffer so fest miteinander verbunden wie eine Dose mit einem Deckel. So auch beim Europa-Quiz der Bank Austria mit den 3 Reisen für 2 Personen „in die EG-Metropole“, bei der Wochenendflugreise für zwei Personen in eine europäische Hauptstadt, welche die Industriellenvereinigung unter dem Slogan „Fliegen Sie auf Europa!“ für die originellste Pro-EU-Initiative ausgesetzt hat, oder beim EU-Gewinnspiel des Magazins Cash Flow, wo ein Nissan Primera Eurotop und zehn Austrian Airlines-Flüge nach Brüssel praktisch auf jede/n einzelne/n von uns gewartet haben. Noch eine ganze Menge ähnlicher EG-Glücksverheißungen gab es, vom Europaquiz der Kärntner Industriellenvereinigung (10 Reisen) bis zum Gewinnspiel beim EG-Umwelt-Info-Tag in allen Landeshauptstädten (je Bundesland zwei Reisen nach Brüssel), solche, von denen wir irgendwo gehört, und noch viel mehr, von denen wir nirgendwo gehört haben. Es darf daran erinnert werden, daß auch die Nazis ganz schnell nach dem Einmarsch in Österreich und noch vor der „Volksabstimmung“ über die vollzogene Einverleibung ein Reiseprogramm sondergleichen in Szene setzten, bei dem den glücklich Auserwählten die Segnungen des Dritten Reiches vor Augen geführt werden sollten. Reisen hat den Geschmack von Freiheit, und das positive Gefühl, das allein der Gedanke an Urlaub hervorruft, färbt unweigerlich ab auf das Ziel der Reise.

Im Sommer 1993 wurde an über 200.000 Fluggäste, die aus einem Land der EG nach Österreich zurückkehrten, ein Fragebogen mit dem mehr als suggestiven Titel „Erleben Sie die EG und gewinnen Sie!“ verteilt, der im Auftrag der Bundesregierung von der PR-Agentur „Publico“ ausgearbeitet worden war. Bei vollständiger Beantwortung der vierzehn Fragen, die für die weitere Psycho-Kampagne der Abwickler äußerst wichtig war, winkten „10 Flugreisen für zwei Personen in die schönsten Länder der EG“. Kein Wunder, daß ca. 4.500 Urlauber hoffnungsvoll zurückwinkten.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
1997
Heft 23+24, Seite 44
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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