Zeitschriften » Wurzelwerk » Jahrgang 1982 » Wurzelwerk 11
Hubert Maierwieser

Arbeits-Los-Lösungen / II

Edward Goldsmith ist Chefredakteur des Londoner Ecologist. Seine Schriften zählen zu den Meilensteinen in der ausufernden Diskussion über Umweltschutz, Arbeitsplätze, Lebensgestaltung, ja, über Leben eben im weitestem Begriff, fantasievoll und doch grundsätzlich, mit Tiefgang. Hubert Maierwieser hat versucht, Essenzen zu ziehen, publizistisch, versteht sich. Reichhaltig, daher in Serie.

Die stets steigende Arbeitslosigkeit stellt derzeit das wichtigste Problem dar, ein Wahlerfolg der Parteien steht und fällt mit dem Vertrauen bezüglich der Sicherung der Arbeitsplätze, das die Bevölkerung in die Politiker setzt. Der Sinn der folgenden Zeilen ist es, die allgemeine Arbeitsplatzdiskussion, die immer auf den gleichen eingefahrenen Bahnen abläuft, um einige grundlegende, ökologische Aspekte zu erweitern. Die vorgebrachten Ideen erheben keinen Anspruch, der Weisheit letzter Schluß zu sein, doch sie erheben den Anspruch, beachtet zu werden. Sie werden selbst feststellen, daß die Perspektiven, die ich darzulegen versuche, durchaus vernünftige und zugkräftige Alternativen eröffnen.

In Amerika wurde eine Maschine erfunden, die Kartoffeln sät, bewässert, erntet, wäscht, schält, kocht und aufißt.

Pflanzenschutzmittel sind nur nützlich, weil sie die Arbeit, die man zum Unkrautjäten braucht, überflüssig machen. Andere Schädlingsbekämpfungsmittel sind deshalb in großem Umfang nötig, weil unsere ausgedehnten Monokulturen ein solch ausgezeichneter Schlupfwinkel für Schädlingskolonien sind und diese sich — bedingt durch die Aufgabe des Rotationsprinzips — in den Monokulturen auf die Dauer einnisten können. Kehrten wir zur Mehrfachkultur und zum Rotationsprinzip der Feldbestellung zurück, brauchten wir weitaus weniger Schädlingsbekämpfungsmittel. Würden wir darüber hinaus wieder Gemüse anbauen und genügend Energie aufbringen, den Kuhdünger auf den Feldern zu verteilen, statt ihn im nächsten Abflußkanal verschwinden zu lassen, brauchten wir kaum noch Düngemittel. — Nach einer groben Schätzung würde es ausreichen, das landwirtschaftliche Arbeitsaufkommen Großbritanniens um das 4- bis 5-fache zu steigern, um das Ergebnis zu übertreffen, das Maschinen und Chemikalien, die in den letzten dreißig Jahren eingeführt wurden, erzielten.

Der Schluß des ganzen scheint der zu sein, daßes im Grunde genommen an der Arbeit an sich nicht mangelt. Denn ähnlich wie in der Landwirtschaft verhält es sich beispielsweise in der Bauwirtschaft. Anstelle maschinenintensiven, großtechnischen Bauens könnten arbeitsintensive, handwerkliche Methoden treten.

Bevor ich zum großen Haken, nämlich der buchhalterischen Machbarkeit innerhalb unseres Geldsystemes komme, möchte ich die unzweifelhaften Vorteile einer arbeits- statt kapitalintensiven Wirtschaftsweise anführen, und zwar am Beispiel einer „ökologischen“ Landwirtschaft.

Maßnahme: Einsatz von großtechnischen landwirtschaftlichen Maschinen und Einsatz von Chemikalien weitgehend einschränken. Statt riesigen Monokulturen, intensivst, ohne Chemikalien genutzte Mischkulturen (Trend zu kleinem Landbesitz).

Folge:

  1. mehr Arbeit, die abwechslungsreich und befriedigend ist.
  2. Wiederherstellung intakter Gemeindestrukturen.
  3. Einsparnisse im Transportwesen, da Strukturen kollektiver Selbstversorgung ein Quer-durchs-Land-Schleppen von Gütern nicht mehr in dem Maße notwendig machen.
  4. keine Umweltverschmutzung durch die Landwirtschaft.
  5. bessere Qualität der Produkte.

Nun wird aber eine Realisierung ökologischer Forderungen — die Ökologiebewegung erliegt dem Arbeitsplatzpostulat praktisch wehrlos — aus finanziellen Gründen als nicht vertretbar angesehen. Diese Meinung gründet aber lediglich in einer falschen Einschätzung von wirtschaftlicher Produktivität: Aufgabe der Wirtschaft ist die Deckung des Bedarfs an Sachgütern und Dienstleistungen zum Zwecke der Lebenserhaltung. Die Effektivität einer Wirtschaft am Ausmaß der Geldzirkulation, an Produktionssteigerungen und am Angebot von meßbaren Dienstleistungen zu beurteilen ist grundfalsch. Zum besseren Verständnis zwei Beispiele: Wenn Herr Müller, Tischler, seinem Nachbarn Maier eine Kücheneinrichtung zimmert, und Herr Maier seinerseits Herrn Müller alljährlich einen Teil seiner Gemüseernte überläßt, so dient dies ebenso dem Wohl beider Familien. Natürlich kann nicht die gesamte, äußerst komplexe Wirtschaftstätigkeit auf dieser Ebene abgewickelt werden, doch allein die Einsicht, daß von ökonomischen Mechanismen befreite Selbstversorgung und Nachbarschaftshilfe ebenso im Sinne des Allgemeinwohls sind, würde schon viele moderne Verirrungen verhindern.

Der Staat übernimmt zu viele Funktionen des Selbstregulierungssystems der Familie und Dorfgemeinschaft, zum Beispiel die Altersversorgung. Wenn sich jedoch die Familie um die kränkelnde Oma, die aber immer noch die Kinder hüten und Geschichten erzählen kann, kümmert, ist das nicht nur humaner, sondern wirtschaftlicher als die Installierung komfortabler und kostenintensiver, aufwendiger Altersheime. — So ist die immens aufgeblähte Sozialbürokratie eigentlich unnütz, sie verbessert oder vermehrt in keinster Weise die Qualität und Quantität der Leistungen, sie verbürokratisiert vielmehr alle möglichen Lebensbereiche und bewirkt eine systematische Verantwortungslosigkeit und Zersetzung von gegenseitiger Hilfe. (Man betrachte nur unser verfilztes Krankenversorgungssystem).

Die psychologische Problematik der Arbeitslosigkeit liegt nicht nur darin, daß für den Menschen die Reichtumshäufung und der Umgang mit Luxusgütern äußerst faszinierend ist, sodern vor allem in der Tatsache, daß Arbeitslosigkeit soziale Verunsicherung und Demoralisierung, deren Folge oft zerbrochene Ehen und soziale Entgleisung sind, mit sich bringt. Die heutige Arbeitsmoral wurde geradezu zu einer Ersatzreligion, die Umpolung des Gewissens auf ein gesichertes Einkommen, auf Erfolg und Bestätigung im Erwerbsleben hin verhindert die Umwälzung einer Arbeitsgesellschaft, die durch das System Arbeit — Lohn — Ware geprägt ist. Erst wenn dieses Denken angebaut ist, wird der einzelne bereit sein, aus Verantwortung und dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung heraus seine Aufgabe zu erfüllen. Dann werden die gesellschaftlichen Funktionen nicht mehr geleistet, sondern gelebt.

Arbeitsloslösungen sind die Konsequenezen der ökologischen Forderungen und Poltik, es gibt keinen aufrichtigen Weg, sich an dieser Konsequenz vorbeizumogeln. Sozio-ökonomische Dezentralisation und „angemessene Technologie“ sind Grundpfeiler einer ökologischen Politik.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1982
Wurzelwerk 11, Seite 8
Autor/inn/en:

Hubert Maierwieser:

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