Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 4-5/2004
Katrin Auer

ArbeiterInnenbewegung im Sudan

Kaum ein Tag vergeht, an dem in den Medien nicht von neuen militanten Auseinandersetzungen, Toten und Flüchtlingen im Sudan berichtet wird. Context XXI-Autor Thomas Schmidinger hat nun ein Buch zur Geschichte der ArbeiterInnenbewegung im Sudan veröffentlicht, das ein breites – und nicht nur auf den Bürgerkriegskonflikt begrenztes – Hintergrundwissen vermittelt. Die Geschichte und Politik der organisierten ArbeiterInnenbewegung im Sudan wird im Kontext der ägyptischen ArbeiterInnenbewegung dargestellt, wobei ein großes historisches Detailwissen als Basis der materialistischen und ideologiekritischen Analyse vermittelt wird. Die Politik der ArbeiterInnenbewegung, ihre Entstehungsbedingungen und ihre Niederlage werden mit den jeweiligen Schwesterbewegungen in Ägypten, in Algerien, im Irak, in Syrien und im Südjemen verglichen. Der Autor hat sich bei dieser politologischen Untersuchung nicht nur auf Sekundärquellen bezogen, sondern einen Großteil seiner Informationen aus Interviews mit VertreterInnen der sudanesischen ArbeiterInnenbewegung geholt, die er während eines Forschungsaufenthaltes im Sudan durchgeführt hatte. Um das Scheitern der meisten kommunistischen Parteien in arabischen Staaten zu analysieren, setzt sich Schmidinger kritisch mit der Imperialismustheorie Lenins auseinander, wobei er von der These ausgeht, dass „die einseitige Fokussierung auf ‚nationale Befreiung’ und die in diesem Zusammenhang eingegangenen Bündnisse mit Strömungen der ‚nationalen Bourgeoisie’ einer der Gründe für das Scheitern vieler ArbeiterInnenbewegungen des Trikont“ (S. 16) war.

Die Geschichte der sudanesischen ArbeiterInnenbewegung beginnt in den 1940er Jahren und basiert v.a. auf den Gewerkschaften und der Sudanesischen Kommunistischen Partei. Da der britische und ägyptische Imperialismus, die spezifische Durchsetzung des Kapitalismus in Form von kapitalistischen „Inseln“ und die enge Anbindung an die ägyptische ArbeiterInnenbewegung immensen Einfluss auf die sudanesische Linke hatte, machen diese Aspekte neben der Darstellung der sudanesischen Entkolonialisierung einen großen Teil des Buches aus. Beim Vergleich der Entwicklung und Niederschlagungen der ArbeiterInnenbewegungen in Ägypten, Algerien, im Irak, in Syrien und im Südjemen zeigt Schmidinger bei der Ursachenforschung sowohl die Unterschiede als auch Parallelen auf und kommt zu dem Ergebnis, dass trotz der strukturellen Unterschiede „der politische Effekt in all diesen Staaten derselbe (war): Eine eigenständige Arbeiterpartei wurde als selbständige politische Kraft ausgeschaltet und mit ihr auch die jeweils ihr nahestehenden Gewerkschaften und Massenorganisationen der Linken. Die unterschiedliche Art und Weise der Ausschaltung liegt nicht primär an den betroffenen Parteien, sondern an den politischen Strömungen, mit denen sie sich eingelassen hatten.“ (S. 143) Die Gründe für die Bündnispolitik der kommunistischen Parteien mit arabisch-nationalistischen Gruppierungen sieht Schmidinger aber nicht nur in der leninistischen Ausrichtung der Linken und dem gemeinsamen antiimperialistischen Kampf, sondern auch in den Ähnlichkeiten von arabischem Nationalismus und Stalinismus.

Thomas Schmidinger: ArbeiterInnenbewegung im Sudan. Geschichte und Analyse der ArbeiterInnenbewegung des Sudan im Vergleich mit den ArbeiterInnenbewegungen Ägyptens, Syriens, des Südjemen und des Iraq. Frankfurt am Main/u.a.: Peter Lang Verlag 2004, 269 Seiten, Euro 45,50.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Juni
2004
Heft 4-5/2004, Seite 58
Autor/inn/en:

Katrin Auer:

Studierte Politikwissenschaft/Geschichte und arbeitete an der Ausstellung Wege nach Ravensbrück. Erinnerungen von österreichischen Überlebenden des Frauen-Konzentrationslagers mit. Von Oktober 2003 bis 2006 Redaktionsmitglied, von Juni 2004 bis Mai 2005 koordinierende Redakteurin von Context XXI.

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