Zeitschriften » Grundrisse » Jahrgang 2012 » Nummer 42
Paul Pop

Antwort auf den Leserbrief von Eo

Liebe(r) Eo!

Danke für deinen langen Leserbrief zu meinen Thesen. Es handelt sich dabei nicht um die Meinung der „Grundrisse“, sondern um meine eigene. Wir sind kein Linienblatt, sondern ein pluralistisches Projekt. Thesen sind immer zugespitzt und man könnte zu jeder These ein Buch schreiben. Ich selbst habe in meiner Jugend diverse Parteiaufbauprojekte mitgemacht, habe alle 15 Bände Stalins und Mao auf Chinesisch gelesen und kenne natürlich auch den „Anti-Dühring“. Also unterstelle mir bitte kein Unwissen. Ich weiß, für die meisten ML-Gruppen gibt es ja nur Kategorien von Menschen: a) Naive und Unwissende, die man noch von der „Wahrheit“ überzeugen kann und b) Feinde, die man bekämpfen muss. Ich habe nicht vor, den Leninismus zu bekämpfen. Man soll schließlich die Toten ehren. Mal ernsthaft: Zu vielen strategischen Entscheidungen Lenins, Stalins und auch Maos gab es vielleicht unter den damaligen tagespolitischen Umständen keine Alternativen. Aus heutiger Sicht muss man aber feststellen, dass die leninistischen Parteien zwar die Macht erobern und einige Erfolge bei der Modernisierung/Industrialisierung erzielen konnten, aber beim Aufbau einer kommunistischen Gesellschaft kläglich gescheitert sind. Interessant ist auch die Frage, warum die Partei so reibungsvoll für eine „revisionistische“/kapitalistische Politik genutzt werden konnte. Heute wird das gegenwärtige erfolgreichste Modell des Kapitalismus (China) von einer der Struktur nach leninistischen Kaderpartei geführt (Kaderprinzip, Kommissare in der Armee, demokratischer Zentralismus, Massenorganisationen unter Führung der Partei, Parteizellen in jeder Staatseinrichtung usw.).

Ich habe nicht gesagt, dass wir keine Organisation brauchen, vielleicht eines Tages sogar eine Partei. Jetzt aber im kleinen Grüppchen die großen Konflikte der KPdSU nachzuspielen, halte ich für überflüssig: die „Linie“ nach außen festlegen, Leute ausschließen und kritisieren, „Säuberungen“ durchführen und sich ständig zu spalten. Zum Glück ist dieses Theater in der Regel unblutig. Für die Bildung von revolutionären Theorien ist es viel wichtiger, keine Tabus und Denkverbote zu kennen, sowie eine Lesart, die auf neue Erkenntnisse zielt und nicht auf die Entlarvung der ideologischen Abweichung. Die Artikel zur arabischen Revolution in der „Proletarischen Revolution“ (Nr. 49) habe ich mit großem Interesse gelesen und teile die Einschätzungen teilweise. Besonders Sätze wie „Zu Y können mir nichts sagen“ halte ich für eine ML-Gruppe für einen Riesenfortschritt. Vor 20 Jahren hätte es das nicht gegeben! Von den allgemeinen ideologischen Erklärungen auf der Website habe ich einige Thesen gelesen und mein Eindruck ist, dass man das Ganze auch 1977 hätte schreiben können und noch ein paar Sätze einfügt hat. Wie Schröder und Karuscheit schon zum Programm der KPD/ML 1977 anmerkten, ist die „Methode“ dieser Sorte von Erklärungen das Plagiat.

Revolution

Unter sozialistischer Revolution verstehe ich die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln und Grund und Boden sowie die Einführung der Selbstverwaltung in allen Bereichen der Gesellschaft. Mag sein, dass es in einer Übergangsphase noch eine zentrale Regierung geben muss.

Linke Beschäftigung zum „Realsozialismus“

Eo: „Wenn die Grundrisse tatsächlich glauben, es habe ‚keine ernsthafte Forschung innerhalb der Linken‘ über ‚die Niederlage des Sozialismus im 20. Jahrhundert‘ gegeben (S. 9), kann ich ihnen mit einer Studienliste behilflich sein.“

Natürlich hat es in den 70er Jahren und nach 1989 einige Debatten gegeben. Was ich meine, ist, dass die unglaubliche Vielfalt an neuen Dokumenten aus den Archiven der KPdSU und SED sowie wie wichtige Forschung auf Grundlage neuen Wissens in der deutschsprachigen Linken weitgehend ignoriert wurden. Wenn ich auch mit einer „Studienliste“ behilflich sein darf: „Yale University Press“ hat Tausende Seiten aus den geheimen Archiven der KPdSU auf Englisch herausgebracht. Darunter auch die Briefe von Stalin an Molotow und Kaganowitsch sowie die Tagebücher von Dimitrow (http://www.yale.edu/annals/books_available/books_available.htm/). Wir wissen heute eben mehr. Bücher wie Martins „Affirmative Action Empire“, Daviesʼ und Wheatcrofts „Years of Hunger“ oder Kotkins „Magnetic Maintain“ (http://www.ucpress.edu/book.php?isbn=9780520208230/) haben wichtige neue sozialgeschichtliche Erkenntnisse zur Stalin-Zeit gebracht. Für China sieht es ähnlich aus. In die neuen Mao-Biografie von Rowohlt ist einiges eingeflossen: siehe die Rezension unter http://www.perspektiven-online.at/2011/07/19/die-vielen-gesichter-mao-zedongs/.

Hier sei nur das Buch von Joel Andreas erwähnt, der sich mit den Auseinandersetzungen während der Kulturrevolution an den Universitäten beschäftigt hat. Das ist meiner Meinung nach das beste marxistische Buch zu China seit 20 Jahren: siehe den Review-Essay unter http://www.grundrisse.net/grundrisse35/Elitenbildung_und_Hochschulen.htm/.

Aber vielleicht wäre es besser, sich nicht mit neuen Dokumenten zu beschäftigen, da sonst Zweifel an den Ansichten von Willi Dickhut von 1972 entstehen könnten.

Kritik am „Revisionismus“

Eo: „Wer da einmal ein bissl hineingeschnuppert hat, wird vielleicht bemerken, dass in der Kulturrevolution in China und im antibürokratischen Kampf in Albanien in den 1970er Jahren durchaus auch ‚institutionelle Lösungen‘ dafür gefunden wurden, die ‚alten Formen der Arbeitsteilung in Frage zu stellen und die Massen an der Ausübung der Macht‘ zu beteiligen, was in der Gruri-These 11 bestritten wird (S. 13).“

Einiges von der Kritik am „Revisionismus“ ist heute noch lesenswert (wie z. B. auch im Maoismus-Reader von Promedia dokumentiert, siehe http://www.mediashop.at/typolight/index.php/buecher/items/wemheuer-felix-40hg41---maoismus/). Alle Versuche, in China basisdemokratische Wahlen in Fabriken durchzuführen, waren lokal und zeitlich sehr begrenzt. Die Ankündigung von 1966, das Wahlmodell der Pariser Kommune einzuführen, wurde nicht umgesetzt. Definiert man die Kulturrevolution als Rebellion den Massen gegen die Bürokratie, so ist sie spätestens 1967/67 zu Ende. Mao wandte sich gegen die Kommune von Shanghai, und die Roten Garden wurden durch die Landverschickung faktisch zerschlagen. Mit den „Dreier-Verbindungen“ übernimmt die Armee faktisch die Macht in Betrieben und Universitäten. Die Rebellenorganisationen werden aufgelöst. Ab 1969 ist das Ganze vorbei und die Kulturrevolution wird nur noch von oben weitergeführt. Die Bevölkerung ist an den meisten Auseinandersetzungen in der Partei nicht mehr beteiligt.

Zu Missverständnissen:

„Im Zweiten Weltkrieg konnte in keinem Land der Krieg in einen Bürgerkrieg umgewandelt werden (S. 10)“. Diese These bezieht sich auf Europa und die Strategie der Oktoberrevolution (Armee bricht zusammen und Soldaten beteiligen sich an der sozialistischen Revolution). Die Fälle Jugoslawien und auch Griechenland passen eher zur zweiten Welle der Weltrevolution, wo ein nationaler Befreiungskampf gegen Besatzer unter Führung der KP dann in einen Bürgerkrieg verhandelt wird. Insofern gibt es einige Gemeinsamkeiten beim Weg zur Macht bei Tito und Mao. Beide haben die Anweisungen Stalins, sich den Monarchisten bzw. der GMD unterzuordnen, ignoriert.

  • Natürlich kann man aus der Geschichte Lehren ziehen und der Entwurf großer Strategien ist nicht überflüssig. Ich sage nur, dass diese Konzepte bei den Revolutionen eine viel geringere Rolle gespielt haben, als später von der Parteigeschichtsschreibung behauptet wurde.
  • Ich meinte, dass in der deutschsprachigen Linken über das Thema „bewaffneter Kampf“ kaum noch diskutiert wird. Mit den neo-maoistischen Bewegungen in Nepal, Indien oder den Philippinen habe ich mich kaum beschäftigt. Ich forsche aber jeden Tag zu China. Eurozentrismus muss man mir nicht vorwerfen.
  • Natürlich gibt es in Österreich eine Arbeiterklasse. Eo: „Bestreiten sie, dass die Arbeiter/innen aufgrund ihrer Stellung in der Gesellschaft ein Interesse entwickeln können, die Kapitalistenherrschaft zu stürzen?“ Können, ja. Darauf warten wir nun schon seit 50 Jahren, manche vor den Betriebstoren, andere im Lesesaal. Die meisten Streiks und Arbeitskämpfe gibt es im Moment in China. Mal schauen, ob mehr daraus werden kann.

Tut mir leid, wenn ich selbst in den polemischen ML-Stil zurückgefallen bin. Wie dem auch sei, falls Interesse besteht, bin ich gerne zur Diskussion bereit und du kannst die Mail in deiner Gruppe zirkulieren lassen.

Alles Gute,
Pop Pop

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
2012
Nummer 42, Seite 40
Autor/inn/en:

Paul Pop:

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