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Heribert Schiedel

Antisemitische Blüten aus Wien

Fritz Edlinger, Generalsekretär der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen und vormaliger SPÖ-Vertreter beim Nahostkomitee der Sozialistischen Internationalen, hat Anfang 2005 beim Wiener Pro Media Verlag ein Buch herausgeben: Es stammt von Israel Shamir und heißt „Blumen aus Galiläa“. Karl Pfeifer hat für die Aktion gegen den Antisemitismus das Buch als das kritisiert, was es ist, nämlich wüst antisemitisch, und die Hintergründe des Autors, der in Wahrheit schwedischer Staatsbürger ist, Jöran Jermas heißt, zum orthodoxen Christentum konvertiert ist und sich selbst als „anti-jüdisch“ bezeichnet, recherchiert. Jedoch ist der Skandal ausgeblieben, was Bände spricht über den Zustand der politischen Kultur in Österreich.

Ganz wohl dürfte dem Herausgeber aber nicht dabei gewesen sein: In seinem Vorwort entschuldigt Edlinger Jermas’ als „Provokationen“ verharmloste antisemitische Ausfälle mit dem verbrecherischen Charakter des Zionismus, gegen welchen das Buch ein verzweifelter „Aufschrei“ sei. Worin besteht nun das Schockierende an Shamirs Texten, von dem der Herausgeber selbst im Vorwort spricht?

Enterbungstheologie

Zunächst ist es der Hass des Konvertiten auf die alte Religion, der sich in Jermas’ Rundumschlag äußert. Der Rückschritt in der Geistigkeit wird dabei verkauft als Fortschritt und Befreiung, wobei die Ablehnung des Gesetzes für Menschen wie Jermas tatsächlich etwas subjektiv Befreiendes haben mag. Es ist vor allem die antijüdische Figur der alttestamentarischen Rachsucht, die hier fröhliche Urständ feiert: „Die Ablehnung von Rache ist der Grundgedanke des Evangeliums. Das war der große Unterschied zwischen der Kirche und der Synagoge, den zwei Schwestern, die vor 2.000 Jahren geboren wurden. Dieser grundlegende Unterschied ist charakteristisch für die Spaltung der zwei Glaubensrichtungen: Während Christen dazu aufgerufen sind, für ihre Feinde zu beten, sind Juden dazu aufgefordert, von Rache zu träumen.“

Das schlechte Gewissen des Konvertiten setzt sich um in hasserfüllte Abwertung der verratenen Religion. Was das frühe Christentum als Enterbungstheologie rationalisierte, wird von Jermas wiederholt. Dabei lässt er fast keine antijüdische Verbalinjurie aus: Von der „gottlosen Welt der jüdischen Metaphysik“ über den „anti-christlichen“ Charakter des Judentums bis zu dessen „Auserwähltheit“. Die Aufhebung der Trennung des Menschen vom Göttlichen im christlichen Glauben geht auch bei Jermas einher mit der Verteufelung der Jüdinnen und Juden, die in ihrer Verstocktheit diese Gnade nicht annehmen würden. Als Strafe seien sie dann „dazu verdammt“ worden, „auf ewig umherzuwandern, bis sie ihren Fehler einsähen.“

Da die katholische Kirche sich von einer derartigen Pseudo-Theologie abwandte, war Jermas nur konsequent, als der sich der Orthodoxie anschloss. Auf seiner Homepage heißt es dazu: „Die orthodoxe Kirche ist die einzige Kirche, die das Feuer der Apostel bewahrt (...) sogar die katholische Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die unannehmbaren Bedingungen der Juden akzeptiert und war mit Bedingungen einverstanden, die einst vom Heiligen Paulus abgelehnt wurden.“

Dass Jermas auf seiner Homepage gar die Legenden vom Ritualmord und von den Hostienschändungen wiederkäut, überrascht vor diesem Hintergrund nicht mehr.

Antikapitalistisches Ressentiment

Daneben wird Jermas von Edlinger als Linker vorgestellt. Als solcher verortet es sich selbst in der antijüdischen Tradition jener Linken, die es nicht vermochten, den Kapitalismus zu durchschauen und stattdessen seinen Schein, die Zirkulation, für das Ganze nahmen und diese mit dem „Judentum“ gleichsetzten. Und so bezieht sich auch Jermas auf den frühen Marx, der in seinem Text „Zur Judenfrage“ diesen Kurzschluss auf den Punkt brachte. Ganz in dieser Tradition bezeichnet Jermas die „Wall Street“ als das Zentrum des Judentums, den „Mammonismus“ als dessen Religion. Sogar Werner Sombart, den seine theoretischen Anstrengungen, den Kapitalismus als jüdische Erfindung zu entlarven, direkt ins Lager des Nationalsozialismus geführt hatten, wird von ihm zustimmend paraphrasiert. Mit Sombart, anderen Nazis und Teilen der globalisierungskritischen Bewegung teilt Jermas die Wahnvorstellung, „die Juden“ würden die USA und damit die ganze Welt beherrschen. „Die amerikanischen Amtspersonen müssen dem Fingerzeig folgen. Die amerikanischen Nichtjuden haben schon vor langer Zeit verstanden: Wenn man in der Politik oder in den Medien Karriere machen will, muss man die Juden von ganzem Herzen unterstützen. Anderenfalls wird man den Krokodilen zum Fraß vorgeworfen.“ Das Gerede von der jüdischen Weltverschwörung ist wie stets auch hier durchsetzt von apokalyptischen Visionen, von Warnungen vor Dekadenz und Untergang. „Die jüdisch-mammonitische Übernahme hat die Lebenskräfte Amerikas eliminiert und sie auf Konsum umgestellt.“ Das US-Kino sei unter „jüdischer Vormacht (…) noch gewalttätiger, moralisierender, abstoßender und kulturloser“ geworden. Selbstredend wird in dem Machwerk auch die alte Leier der jüdischen Medienmacht angestimmt. Derartig die Macht über die Köpfe erlangt, droht der zionistischen Herrschaft, die Jermas bezeichnenderweise mit dem neonazistischen Kürzel ZOG umschreibt, keine Gefahr mehr. Und so habe „das amerikanische Volk keinen Ausweg aus der zionistischen Übernahme“. Von dem entsprechenden Kapitel im Buch behauptet übrigens Jermas selbst, er habe es für das Deutsche Kolleg des vom radikalen Linken zum Neonazi gewandelten Horst Mahler ins Deutsche übersetzt. Das überrascht wenig angesichts der offenkundigen Parallelen im Denken und Schreiben dieser beiden Antisemiten. Sein Verfolgungswahn brachte Jermas auch in die Nähe zu US-amerikanischen Neonazis: Mehrmals bezieht er sich auf seiner Homepage positiv auf den verstorbenen Anführer der National Alliance, William Pierce. Dessen Kameraden würden in ihrem gewalttätigen Rassismus zwar oft übers Ziel schießen, aber sie seien „zur richtigen Schlussfolgerung gekommen: Amerika sollte nicht den Willen der Zionisten erfüllen und für sie im Dritten Weltkrieg kämpfen“. Umgekehrt haben sich in- und ausländische Neonazis immer wieder zustimmend auf Jermas Schriften bezogen, auch seine „Blumen aus Galiläa“ wurden von ihnen in den höchsten Tönen gelobt.

Der erste dokumentierte Kontakt zwischen Jermas und der Neonazi-Szene datiert mit 1998: Damals machte er sich als „russischer Journalist“ an den Holocaust-Leugner David Irving ran und offerierte diesem angebliche Dokumente Heinrich Himmlers. Irving war jedoch zu Recht skeptisch und brach diesbezüglich den Kontakt umgehend ab. Später haben die „Revisionisten“ jedoch erkannt, was sie am vermeintlichen Juden haben: So finden sich seine Schriften heute u. a. auf der Homepage des neonazistischen Institutes for Historical Review (IHR). Auf seiner eigenen Site nennt Jermas eine holocaustleugnende Hetzschrift eine „kritische Studie der tragischen Ereignisse des Zweiten Weltkriegs“. An anderer Stelle schreibt er: „Menschen, die das Dogma des Holocaust in Frage stellen werden so behandelt wie einst die Ketzer. Sie werden exkommuniziert und von der Gesellschaft ausgeschlossen.“ Und in den „Blumen aus Galiläa“ empört er sich über das „Gejammer über den jüdischen Holocaust“, welches die jüdisch beherrschten Medien immer dann anstimmen würden, um von vermeintlichen US-Verbrechen abzulenken.

Antisemitismuskeule

Ende Juli reagierte Hannes Hofbauer, der Besitzer des Pro Media Verlages, per Email auf die Öffentlichmachung des Skandals durch Karl Pfeifer. Wie immer fühlt man sich verfolgt: „Der Angriff auf das Buch von Israel Shamir zielt unserer Meinung nach eindeutig darauf ab, Kritik an Israel mit der Keule des Antisemitismusvorwurfs unmöglich zu machen. Denn im ganzen Buch von Israel Shamir geht es um Galiläa, um Israel, um Palästina. Es geht nicht um Juden oder um die jüdische Religion.“ Jermas sei nicht aufgrund seiner antisemitischen Tiraden kritisiert worden. Vielmehr wurde er „deshalb zur Zielscheibe von ungerechtfertigten Angriffen, weil er sich (…) offen für eine Einstaatenlösung einsetzt“. Was Hofbauer verschweigt, ist die Tatsache, dass es auch ParteigängerInnen der „Einstaatenlösung“ sind, die das von ihm verlegte Machwerk kritisieren. Der nicht gerade im Ruf eines zionistischen Agenten stehende Werner Pirker etwa stellte Ende Juni in der jungen welt fest, dass „Shamir das Bild von der ‚jüdischen Weltverschwörung’“ bediene. Er erkannte in diesem Machwerk „die Muster des christlichen Antijudaismus“. Auch die Wiener Intifada, ein antizionistisches Blatt aus dem Umfeld der AIK, kam in ihrer Rezension zum Schluss: „Shamirs Analysen spiegeln die gängige Palette antisemitischer Vorurteile wider und tun in diesem Sinne dem politischen Anliegen des palästinensischen Volkes nichts Gutes. (…) Statt einer politischen Analyse wird die ‚jüdische Seele’ heraufbeschworen – ein zutiefst antisemitisches Ressentiment. (…) Sosehr es für die Palästinenser Partei ergreift, sosehr schadet es ihrer Sache. Mit antisemitischen Argumenten von der rachsüchtigen, mammonitischen Seele der Juden, die auch noch das Weltherrschaftsstreben der USA erklärt, mit religiösen Kategorien ‚böses Judentum’ versus ‚gutes Christentum’ kann die Parteinahme und Solidarität mit dem Kampf um ein demokratisches Palästina nicht gefördert werden.“

Die Frage, ob Verleger und Herausgeber wussten, was sie taten, beantwortet letzter im Interview mit dem deutschen Internetportal Muslim-Markt: Edlinger bestätigte dort Mitte September, dass er Jermas „seit langem aus seinen Schriften und Veröffentlichungen“ kenne. Von daher kann ihm auch Jermas’ programmatischer Text „Pardes. Eine Studie der Kabbala“ wohl nicht entgangen sein. Dort nennt der von Edlinger so geschätzte Hetzer Otto Weiniger und den NS-Vordenker Dietrich Eckart als Vorbilder. Kritisch äußert sich Jermas über Hitler, weil es dieser trotz „seiner Bewunderung für Weininger und seiner Liebe zu Eckhart“ vorgezogen habe, „anstatt gegen die jüdische Haltung zu kämpfen, dieselbe zu imitieren und ‚sein eigenes Volk’, die ‚Deutschen’ zum auserwählten Volk zu erklären.“ Hitler als verkappter Jude…Und derjenige, der so etwas behauptet, wird von Edlinger als Opfer einer „hysterische(n) Kampagne“ in Schutz genommen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
2005
Autor/inn/en:

Heribert Schiedel:

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