Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 2-3/2004
Alex Gruber

Antirassistischer Antisemitismus

Judenhass im moralisch einwandfreien Gewand

Auch nach jahrelanger Auseinandersetzung und seminaristischer Bearbeitung des Themas herrscht in der Linken ein falscher Begriff des Antisemitismus vor. Dies legt durchaus den Schluss nahe, dass es sich hier weniger um ein Verkennen dessen Charakters handelt, als vielmehr um ein interessiertes Missverständnis, das es ermöglicht, trotz der Beschäftigung mit dem Antisemitismus so weitermachen zu können wie bisher und keine Konsequenzen aus den gewonnen Erkenntnissen ziehen zu müssen. So hat etwa auch die innerlinke Thematisierung des Antizionismus als geopolitisch reproduziertem Antisemitismus nichts an der Feindschaft weiter Teile der Linken gegen Israel ändern können. Geradezu formelhaft wird mittlerweile zwar das Existenzrecht Israels bejaht, jedoch nur um im gleichen Atemzug die damit verbundene militärische Absicherung dieser Existenz abzulehnen und Israel als imperialistischen Apartheidsstaat zu brandmarken, der das „palästinensische Volk“ unterdrücke und ausbeute.

Zum Verhältnis von Rassismus und Antisemitismus

Den Vorwurf, selbst antisemitisch zu sein, weisen Linke jedoch weit von sich; eine zum linken Ticket gehörige Sensibilität, die sich auf Völkerverständigung und Minderheitenschutz beruft, gilt als Beweis, dass man genauso wenig Antisemit sein könne, wie man Rassist sei. Schon in dieser Argumentation wird deutlich, dass in der Linken weiterhin ein diffuses Verständnis des Antisemitismus vorherrscht: Er wird lediglich als eine Spielart des Rassismus betrachtet, die sich in diesem konkreten Fall eben gegen Jüdinnen und Juden richte. Der Rassismus im Allgemeinen entspränge dem Hass auf das Fremde und der Furcht vor dem Unbekannten – sei also ein Vorurteil im strengen Sinne des Wortes – und der Antisemitismus im Besonderen sei demgemäss eine solche Fremdenfeindlichkeit gegen Juden und Jüdinnen. Der nationalrevolutionäre Hass auf den Zionismus und den „Dollar-Imperialismus“ kann in diesem Verständnis niemals als Antisemitismus begriffen werden – nicht zuletzt, weil eben diese ressentimenthaften Denkformen zur Grundausstattung auch der Linken gehören.

Die Erkenntnis, dass es einen grundlegenden Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus gibt, ist auch nach der jahrelangen Befassung mit dem Antisemitismus noch keineswegs Allgemeingut. Das äußert sich unter anderem darin, dass in den gängigen Diskussionen dem Antisemitismus das Phänomen eines Antiislamismus zur Seite gestellt wird, unter dem mittlerweile so gut wie jede Kritik am Islam und dessen politischer Praxis subsumiert wird, und der als dem Antisemitismus gleichwertiges Phänomen verstanden wird.

Materialistische Kritik hätte kenntlich zu machen, dass der Rassismus historisch die Biologisierung von Produktivitätsgefällen darstellt, und dass er als gesellschaftlich notwendiger Schein kolonialer Praxis daraus entsprang, dass die Wertbestimmung kolonialer Arbeitskraft in Natur aufgelöst wurde, dass die kolonialen Arbeitskräfte auf Natur, auf quasi tierisches Dasein reduziert wurden. Sie wurden als „Minderwertige“ projiziert und ihre gesellschaftliche Stellung naturalisiert, die Erscheinung also für das Wesen genommen, sodass es an der Oberfläche erschien, als ob die minderwertige Behandlung einer „natürlichen Minderwertigkeit“ entspreche, wie auf der anderen Seite die Kolonialisierung der „natürlichen Überlegenheit“ der Europäer entspringe. [1] Der Rassismus ist eine objektive Verkehrung, an deren Aufrechterhaltung die kapitalisierten Subjekte interessiert sind, die sich ihre Tauglichkeit zur Verwertung als Naturmerkmal halluzinieren, und so die allumfassende Angst, der eigenen gesellschaftlich produzierten Überflüssigkeit überführt zu werden, abspalten und auf die „Fremden“ projizieren. Der Rassismus ist eine Ideologie der Konkurrenz, eine Feinderklärung an den „Anderen“, in dem wie verkehrt und wahnhaft auch immer, doch noch der Konkurrent, die Arbeitskraft und damit der Gleiche erkannt wird.

Gegen den vorherrschenden Rassismusbegriff wäre also kritisch einzuwenden, dass der Rassist am „Ausländer“ gerade nicht das „Fremde“ und „Andersartige“, die Differenz hasst, sondern vielmehr die Gleichartigkeit, die Ununterscheidbarkeit der als Subjekte konstituierten Individuen im Prozess der kapitalen Verwertung. Dass es in Zeiten des durchgesetzten Weltmarktes und seiner Krisen gerade kein natürlich scheinendes Kriterium gibt, dass den Einzelnen im globalen Konkurrenzkampf der für die Verwertung mehr und mehr Überflüssigen ihre produktive Verwertung sichert, nötigt diese umso mehr zum Beharren auf der eigenen Unverwechselbarkeit und der Attributierung der Konkurrenten als „Fremde“. Die Ununterscheidbarkeit der auf Kapitalproduktivität und Staatsloyalität festgelegten Monaden treibt diese zur Behauptung der Differenz und zur Forschung nach als natürlich imaginierten Merkmalen, die die Zugehörigkeit zum „eigenen“ Kollektiv unhintergehbar begründen und die als „fremd“ Attributierten draußen halten sollen.

Statt nun aber die Willkürlichkeit der rassistischen Zuschreibung als Ausdruck der negativen Vergleichung durch Staat und Kapital zu kritisieren, beteiligt sich der Antirassismus – besonders in seiner ethnopluralistischen Form – an der Verschleierung ebendieses Mechanismus. Die Lüge der kollektiven Verschiedenheit, die ja dem Wunsch des Rassisten entspringt, der tatsächlichen, von der kapitalen Vergesellschaftung gesetzten und exekutierten Gleichheit der Konkurrenten zu entgehen, wird in der Anerkennung der „Verschiedenartigkeit der Kulturen“ affirmiert und bloß positiv gewendet. Der Multikulturalismus als Resultat eines solchen Antirassismus nimmt den rassistischen Impuls auf, der die Verschiedenheit der Menschen nicht als je individuelle Qualität, sondern als Ausdruck eines je unentrinnbaren Kollektives behauptet. Die Annerkennung der Menschen findet also nicht als besondere Individuen statt, sondern als Exemplare kulturell klar abgegrenzter Kollektivsubjekte. Die Einzelnen werden entindividualisiert und zu Repräsentanten „fremder Kulturen“ gemacht, deren Kritik als „eurozentrisitsche Anmaßung“ aufgefasst wird. Der Antirassismus begreift sich als „Sprecher für die Anderen“ und baut dabei auf einer positiv verstandenen, aber ebenso wie der Rassismus ontologisierenden und naturalisierenden „kulturellen Identität der Menschen und Völker“ auf.

Der Rassismus ist eine objektive Denkform der warenproduzierenden Vergesellschaftung mittels derer die kapitalisierten Subjekte sich einer als natürlich imaginierten, unaufkündbaren Zugehörigkeit zum Kollektiv, zur Gemeinschaft der produktiv Tätigen versichern möchten. Die allumfassende Nötigung, die eigene Nützlichkeit im Gange der Verwertung, die den Einzelnen jederzeit seiner gesellschaftlich produzierten Überflüssigkeit überführen könnte, zu beweisen, ist solcherart aber nicht aus der Welt zu schaffen. Die Gemeinschaft entpuppt sich stets wieder als Zwangszusammenhang von Konkurrenten, die ihrem Ausgeliefertsein an Staat und Kapital nicht entgehen können. Die objektive Situation derer, die der negativen Vergleichung ausgesetzt sind, welche einerseits ihre Subjektivität permanent setzt, diese aber ebenso permanent bedroht und hintertreibt, bringt den Hass auf das gleichmachende Prinzip und was damit identifiziert wird hervor. Die reale Abstraktion der warenproduzierenden Gesellschaft wird wiederum nach dem fetischistischen Muster konkretisiert und ontologisiert [2] als: die multinationalen Konzerne, das Finanzkapital, die Arroganz und Maßlosigkeit des Westens u.ä. „Die Feindschaft der Völker gegen die Globalisierung von außen entspricht der Feindschaft der Kollektivsubjekte gegen den Zersetzer im Inneren. In multipler Form entsteht so das ‚ewig jüdische Prinzip’ neu, jenes das stets verneint (...).“ [3] Die kapitalisierten Subjekte halluzinieren sich ein personifiziertes negatives Prinzip, auf das alle „negativen“ Seiten der Moderne projiziert werden, dem Allmacht und Allgegenwärtigkeit unterschoben wird, und das so für alle empfundenen Übel und Ungerechtigkeiten verantwortlich gemacht wird.

Es existiert ein fundamentaler Unterschied zwischen Rassismus und Antisemitismus: „So ereignet sich der Rassismus im Rahmen von Vergleichung und Konkurrenz, während der Antisemitismus sich gegen die durch den Tausch gestiftete Vergleichung der Individuen als kapitale Subjekte wendet, welche er als Verschwörung abstraktifiziert und auf empirische Personen projiziert, die er ohne Rücksicht auf ihre Besonderheiten vernichten möchte. Antisemitismus ist der barbarische Aufstand aller Ressentimentgeladenen und Opferwütigen, egal, wie sehr sie mit welch ‚rassistischen’ Vorwänden auch immer sich untereinander selbst ans Leder wollen.“ [4] Es ist allein der Antisemitismus, der als allumfassende Welterklärung auftritt und eine existentielle Feinderklärung vornimmt, die ohne Rücksicht auf alle individuellen und sozialen Eigenschaften vorgeht und alle von ihm Betroffenen auf bloße Opfer, auf zu vernichtendes Material reduziert. [5] Er speist sich aus dumpfen Ressentiments und ist die konformistische Rebellion gegen die widersprüchliche und krisenhafte Konstitution der als kapitale Subjekte gesetzten Individuen und als solche gleichzeitig die bewusste Exekutierung der barbarischen Züge, die die wertverwertende Vergesellschaftung in ihrem Verlauf aus sich selbst heraus produziert.

Der Antisemitismus ist so zu charakterisieren als fetischistische Revolte gegen das Kapital auf der Grundlage des Kapitals. [6] Und genau darin, eine konformistische Rebellion gegen das Kapital auf dessen eigener Grundlage exekutieren zu wollen, gleicht der gesinnungsethische Antikapitalismus der Antiglobalisierer, Antiimperialisten und Antirassisten – bei allen oberflächlichen Unterschieden – der antikapitalistischen Revolte der Nationalsozialisten, was auch erklärt, warum der Antisemitismus ein notwendiges Moment all dieser Weltanschauungen ist. [7]

Der spontane Antikapitalismus, wie er derzeit Konjunktur hat, bezweckt letzten Endes nichts als die Lösung der Kapitalistenfrage, indem er Ausbeutung und Verelendung als Ausfluss egoistischer und raffgieriger Absichten und als rassistische Diskriminierung der Völker der Dritten Welt erklärt und darüber die Zusammenrottung der Verelendeten zum Verfolgerkollektiv betreibt. Als ein Beispiel unter unzähligen sei hier jene Rede erwähnt, welche die indische Schriftstellerin Arundhati Roy bei der Eröffnung des Weltsozialforums in Bombay gehalten hat. [8]

Es ist der Antirassismus selbst, der den Rassismus nicht als eine objektive Gedankenform der globalen kapitalistischen Vergesellschaftung begreifen kann, sondern ihn zu einer Chiffre für Unrecht und Ungerechtigkeit schlechthin macht, der, je mehr er sich zum Deutungsmuster für gesellschaftliche Prozesse aller Art aufschwingt, die Ersetzung von Gesellschaft durch Gemeinschaft und damit die Rassifizierung der Gesellschaft höchstselbst betreibt.

Antiimperialismus als Antirassismus

Der Antirassismus in seiner heutigen Ausprägung hebt die Grundzüge des Antiimperialismus in sich auf und bringt sie damit zur Kenntlichkeit: Wie dieser ist er von einem manichäischen Weltbild geprägt, in dem wahlweise „die Herrschenden“ oder „der Westen“ als Rassisten aus reiner Bösartigkeit handeln und „die Völker“ oder „den Süden“ unterjochen und ausbeuten. Ein innerer Antrieb bewege den Rassismus, der wahlweise auch ’Zivilisation’ oder ’westliche Arroganz’ genannt wird, aus sich selbst heraus dazu, bodenständige Kulturen und deren harmonische und organische Existenzweise zu unterminieren und ihnen westliche Werte zu oktroyieren, um ihre Ausbeutung besser in Regie nehmen zu können. Dem Antirassismus wird Rassismus synonym mit Imperialismus und damit mit der Vorstellung von Herrschaft als durch Diskriminierung und Ausschluss legitimiertes Privileg, von Herrschaft als Usurpation und als Fremdkörper im homogenen Kollektiv des Volkes. In solcher Weltanschauung, die alles Übel von außen eindringenden Mächten anlastet, legt die antirassistische Ideologie sich schon vorab einen Feind zurecht, der für alle Übel der kapitalistischen Vergesellschaftung verantwortlich gemacht wird.

Der Antirassismus konserviert so die antiimperialistische Liebe zum Volk und den Hass auf das diesem als konkret wahrgenommenen Organismus entgegengesetzte abstrakte Prinzip, das sich ersteres unterjochen, es auflösen und beherrschen wolle, und das der konkretistischen Anschauung gemäß in „den Herrschenden“ personifiziert wird. Dieses verdinglichende und personifizierende Denken, diese Wahnidee einer Verschwörung des Westens gegen die „indigenen Völker und Kulturen“ lässt den Antirassismus jenem Denken bis zur Ununterscheidbarkeit ähneln, das sich eine solche Weltverschwörung immer schon als jüdische imaginierte. Nur scheinbar paradoxerweise ist es so gerade der heutige Antirassismus, der den Antiimperialismus auf seinen völkischen Begriff bringt.

Der antiimperialistische Antirassismus ist ein Kampf gegen den Kapitalismus, aber keinesfalls ein – wie es sich im Sprachgebrauch der Linken eingebürgert hat – verkürzter, was bedeuten würde, dass er dem Wunsch nach Emanzipation entspränge und lediglich um ein paar Kritikpunkte „verlängert“ werden müsse. [9] Vielmehr ist dieser Antikapitalismus das Gegenteil von emanzipatorischer Umwälzung auf dem höchsten Niveau bestehender Vergesellschaftung. Er will stattdessen in einem einseitigen Angriff auf die als abstrakt abgespaltenen Seiten der Warenproduktion das Konkret-Natürliche retten und entspricht darin genau der antisemitischen Denkform. Die Form der wertförmigen, über das Geld vermittelten Vergesellschaftung wird nicht deswegen kritisiert, weil sie irrational wäre und weil die von ihr gesetzte Individualität als Anhängsel der Wertverwertung eine ideologische und krisenhafte ist, sondern weil längst schon keine Gesellschaft von Individuen mehr gedacht, geschweige denn verwirklicht werden soll, sondern lediglich ein barbarisches Kollektiv, das nur über Projektion, also gesinnungsethische Zurichtung der Welt hergestellt werden kann: Die Zivilisation soll zugunsten der völkischen Gemeinschaft aufgelöst werden.

Je mehr der Antiimperialismus sich von emanzipatorischen Gedanken verabschiedete und zur reinen Legitimationsideologie nationalistischer und islamistischer Regression wurde, umso mehr rückte der Begriff der „Kultur“, welcher der „totalitären Universalisierung“ durch den Westen entgegengehalten wurde, in den Mittelpunkt linken Denkens. Volk und Kultur aber sind als der genaue Gegensatz zur freien Entfaltung der Individualität, als Gegenbegriffe zu jeder emanzipatorischen Bestrebung zu charakterisieren. Sie sind die Kategorien der Transformation der bürgerlichen Gesellschaft in völkische Gemeinschaft, der Kassation aller Emanzipation, welche die Aufklärung über sich hinaustreiben könnte. Gegen die vom Kapital gesetzte Individuation, die zu kritisieren wäre, weil es genau die Bewegung des Kapitals ist, die sie als widersprüchliche setzt und an deren Imperativen sie permanent zu Schanden gehen muss, will die antirassistische Ideologie die repressive Wärme des autochthonen Kollektivs setzen, jener Gemeinschaft die von jeglicher Individuation befreit ist und in der der Einzelne mit Haut und Haar aufzugehen hat.

Dieser Antirassismus ist ein Ausdruck der Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, jener Regression, die augenblicklich angesichts der Krise weltweit auf dem Vormarsch ist. Die unter dem permanenten Zwang zur produktiven Selbstverwertung stehenden Subjekte rühren darin nicht an den gesellschaftlichen Voraussetzungen, unter denen Menschen überflüssig werden können, sondern versuchen die Ablösung der Naturverfallenheit durch die Totalität des Werts rückgängig zu machen und streben so einen Zustand an, in dem die Menschen wieder unmittelbar mit Natur identisch werden. [10] Die Gesellschaft soll in identitäre, gemeinschaftliche Elendsselbstverwaltung überführt werden, die durch rigide Moral und das aggressive Einklagen eines Opferstatus zusammengehalten wird. Dieses Einklagen eines Opferstatus ermöglicht es nicht nur, sich als „verfolgende Unschuld“ (Karl Kraus) zu präsentieren, die in der Verfolgung des imaginierten Verursachers der als Übel und Ungerechtigkeit empfundenen gesellschaftlichen Verhältnisse immer nur in Notwehr auf einen äußeren Aggressor zu reagieren beansprucht – gleichzeitig wird diese Enthemmung auch gegen jede Kritik immunisiert. Durch die Selbstentmündigung mittels der Reklamierung des Status als bloßes Opfer verbitten sich die Kollektive nicht nur jede Einmischung sondern auch jede Kritik von vornherein als ethno- oder eurozentristische Arroganz und als Rassismus.

Zeitgenössische Antirassisten: Aufmarsch der Hisbollah

Solcherart regressive Gemeinschaft ist den Antirassisten wie den No-Globals insgeheim Vorbild und dementsprechend taucht sie auch immer wieder in den einschlägigen Veröffentlichungen der Szene auf: als Landkommunen, „indigene Kulturen“ oder Befreiungsbewegungen. Was an den „alternativen Lebensformen“ so bewundert wird, ist das natürlich-konkrete Dasein, die Verbundenheit zwischen Volk und Boden. Dieser Lebensweise wird unterstellt, eine ausbeutungsfreie Wirtschaftsweise und Gesellschaftsform zu sein, [11] und eben diese Betrachtungsweise birgt den Antiamerikanismus und Antisemitismus fast zwangsläufig in sich: Dass die Welt als Zoo identitärer Menschenhorden – sprich Völker oder Kulturen – nicht funktioniert, erfordert es geradezu, dass Israel und die USA als Verhinderer einer gerechten Weltordnung herhalten müssen.

Der antirassistische Kampf gegen Israel

Die objektive Einrichtung der Welt sowie das Elend, das die kapitalistische Vergesellschaftung vermittelt über den Weltmarkt in den Ländern der Dritten Welt hervorruft, gilt dem antirassistischen Blick als „Anmaßung des Westens“ und die im Begriff des Kapitals liegende Universalisierung der Warenproduktion und -zirkulation gilt als fremdbestimmte und zwangsweise „Modernisierung von oben“. Gegen die so verstandene Grenzüberschreitung des Abstrakten wird die Verteidigung von Kultur, Identität und Gemeinschaft beschworen. Der Antirassismus, der die Welt nicht als globale kapitale Wertvergesellschaftung begreifen kann, erweist sich als eine Denkform, die Herrschaft nicht anders sich vorzustellen vermag denn als äußere Verfügung über ein an sich autarkes Gefüge, als Usurpation und Fremdherrschaft, die auf anonymer, geheimer Verschwörung gründet und greifbar wiederum nur ist an ihren Exponenten. Er betreibt so eine Idealisierung und Naturalisierung des Volkes, das sich von dieser Fremdherrschaft losreißen müsse, um seine „produktiven Kräfte“ für sich selbst zu entwickeln und damit eine Gemeinschaft, die sich nicht am Eigen- sondern am Gemeinnutz orientiert. Gleichzeitig ist und bedient der antiimperialistische Antirassismus das Ressentiment gegen Weltmarkt und Kosmopolitismus und propagiert die Mobilisierung einer moralisch konkreten, völkischen Politik gegen die universalistisch-abstrakte: Das Völkerrecht kann in seinen Augen nur dann konkret werden und seine menschenrechtlichen Funktionen ausüben, wenn die abstrakte Macht der USA gebrochen und deren nicht-völkischer Menschenrechts-Universalismus beseitigt ist. [12]

Die Linke hegt ihre Vorstellung von Völkern und Kulturen als natürlich begriffenen Organismen, deren ureigenste und harmonische Existenz durch westlichen Kolonialismus und Imperialismus zerstört wurde, und deren antiimperialistische Selbstbehauptung bedingungslos unterstützt werden müsse. Dem antirassistischen Denken gilt der gegenwärtige Zustand der Welt als ein einziger Angriff des „arroganten Westens“ auf die geliebten Kollektive, Völker und Kulturen und allein deswegen schon als rassistisch. Die Aggressionen letzterer dagegen erscheinen so mindestens nachvollziehbar und immer nur als Reaktionen auf die erfahrenen Beleidigungen, warum auch noch das abscheulichste islamistische Verbrechen „irgendwie verständlich“ und letzten Endes nur eine Reaktion auf die westliche, vorzugsweise US-amerikanische Politik sei. Der Terror wird aufgefasst als „irgendwie ja doch gerechtfertigte Selbstverteidigung gegen das Überstülpen der westlichen Kultur und Ökonomie, das gegen das Selbstbestimmungsrecht der Völker verstößt.“ [13] Noch die schlimmsten antisemitischen Massaker werden so als Reaktion der gekränkten Kulturen durch die universalistische Weltmacht verstanden, als kulturelle Notwehr gegen die „rassistische Globalisierung“.

Der antirassistischen Ideologie ist die kapitalistische Vergesellschaftung also kein objektiver gesellschaftlicher Zustand, sondern eine gegen die Dritte Welt gerichtete, bewusst intendierte Gewalttat. Aus dieser Subjektivierung des gesellschaftlichen Zusammenhangs leitet sie unmittelbar ein Notwehrrecht gegen die halluzinierten Personifikationen, die für alles Elend auf der Welt verantwortlich gemacht werden, ab. Diese Notwehr wird folglich auch nicht als Krieg, sondern als völkisch-kulturelle Notwendigkeit verstanden. Aus dieser Sicht sind es schließlich nur noch die USA und Israel, die Krieg führen. Und mitunter wird Israel auch noch abgesprochen, sich im Krieg zu befinden, da sein Kampf gegen den antisemitischen Terror sich nicht gegen einen Staat richte, und es doch nur Staaten seien, die Krieg gegeneinander führen könnten, was die militärischen Aktionen Israels als reinen Staatsterrorismus ausweise.

So entpuppt sich der linke Antirassismus als politisch korrekte Form, den Israel-Hass in ein moralisch vermeintlich einwandfreies Gewand zu kleiden. Ein halbes Jahrhundert nach der Shoa scheint es gelungen, das „Nie wieder“, das die Linke zur Maxime ihres Handelns machen wollte, gegen die Opfer von einst zu wenden. Ein neuer Antisemitismus nach Auschwitz nimmt immer bedrohlichere Gestalt an. Er knüpft an seinen Vorgänger besten Gewissens an, während er gleichzeitig beständig vor ihm warnt. Das ist es, was Alain Finkielkraut gemeint hat, als er davon sprach, dass der neue Antisemitismus einer sei, der im Gewand des Antirassismus und der Menschenrechte auftritt. [14] Bereits 1969 warnte Jean Améry vergeblich vor dem in der Linken sich ausbreitenden „ehrbaren Antisemitismus“: „Der israelische Unterdrücker, der (...) friedliches palästinensisches Land zerstampft. Anti-Israelismus, Anti-Zionismus in reinstem Vernehmen mit dem Antisemitismus von dazumal, (...) wie sich endlich die Bilder gleichen! Doch neu ist in der Tat die Ansiedlung des als Anti-Israelismus sich gerierenden Antisemitismus auf der Linken. (...) Der Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung der Linken ist gekommen; denn sie ist es, die dem Antisemitismus eine ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt.“ [15] Unter dem Schlagwort des Antirassismus wird Israel dämonisiert und delegitimiert und der Begriff des Rassismus in sein Gegenteil verkehrt, sodass nicht mehr der Wahn, Scharia und Tyrannei seien die natürlichen Lebensformen „indigener Völker“ als rassistisch gilt, sondern die Selbstverteidigung Israels gegen den antisemitischen Terror und damit die Existenz des jüdischen Staates selbst.

Schon diese Existenz gilt als rassistisches Verbrechen – das ist die Grundlage der UNO-Resolution von 1975, nach der Zionismus Rassismus sei, und dies ist auch die Grundlage der Verteufelung Israels auf der „Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung Fremdenfeindlichkeit und verwandte Intoleranz“ im September 2001 in Durban, auf der die zivilgesellschaftlichen NGOs in trauter Eintracht mit den nationalstaatlichen Regierungen Israel als Apartheidstaat brandmarkten. Dass Israel überhaupt existiert, dass es sich verteidigt und von den USA darin bis jetzt unterstützt wird, das wird als eine „rassistische Anmaßung“ gegenüber dem „palästinensischen Volk“ wie der „arabischen Nation“ aufgefasst. Weil der Judenstaat kein „echter“ Staat mit der üblichen völkischen Tradition sein kann, kann und sich dem antiimperialistischen Antirassismus dementsprechend als „künstliches imperialistisches Konstrukt“ darstellt, sei er eine permanente Verletzung der Menschenrechte der Palästinenser.

Der Antizionismus, mit seiner Entgegensetzung des „künstlichen zionistischen Gebildes“ gegen den organischen Volksstaat ist die geopolitische Reproduktion des Antisemitismus. Der Prototyp des organischen Kollektivs sind dem auf Natürlichkeit versessenen Antirassisten die Palästinenser; der Prototyp der abstrakten Staatsbildung schlechthin, der „westlichen Dekadenz und Arroganz“, ist Israel. Allein seine Existenz und die Verteidigung derselben sei eine Verletzung des Blutrechts auf den Boden des palästinensischen Volkes. Diese Verletzung wie überhaupt jede weitere Kritik an arabischem Nationalismus sowie am Islam und dessen politischer Praxis sei rassistisch. So geht der Kampf gegen Israel eine immer engere Verbindung mit dem Ressentiment gegen den Westen und den Kapitalismus ein. Es ist die Herausbildung einer antisemitischen Internationale zu beobachten, für die der jüdische Staat sowie in weiterer Folge die Jüdinnen und Juden weltweit alles repräsentieren, was schon dem Imperialismus zugeordnet wurde: Ausbeutung, Apartheid, Rassismus, ausländische Aggression und Okkupation. Israel ist dem antirassistischen Weltbild vom „Vorposten des Westens“ mehr und mehr zu dessen eigentlichem Zentrum geworden [16] – Ausdruck dessen, dass der Antisemitismus notwendiger Bestandteil der Sorge um die diversen unterdrückten Völkerschaften und Kulturen und der ethischen Verantwortung für das Ganze ist.

[1Vgl. Peter Schmitt-Egner: Rassismus und Wertgesetz. Zur begrifflichen Genese kolonialer und faschistischer Bewußtseinsformen. In: Hans-Georg Backhaus (Hg.): Gesellschaft. Beiträge zur Marxschen Theorie. Nr. 8/9, Frankfurt/M. 1976

[2Vgl. Moishe Postone: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Ein theoretischer Versuch. In: Michael Werz (Hg.): Antisemitismus und Gesellschaft. Zur Diskussion um Auschwitz, Kulturindustrie und Gewalt. Frankfurt a. M. 1995

[3Uli Krug: Pazifistische Bruderschaft. Antirassisten und Nationalrevolutionäre gemeinsam gegen Zionismus und Globalisierung. In: Bahamas, Nr. 37, 2002, S. 16

[4Clemens Nachtmann: Drittes Reich, Dritte Welt, Dritter Weg. Über Rassismus und Antirassismus. In: Bahamas, Nr. 43, 2003/04, S.58 (Herv. i. Orig.). Zum grundlegenden Unterschied von Rassismus und Antisemitismus vgl. auch: Joachim Bruhn: Unmensch und Übermensch. Über Rassismus und Antisemitismus. In: Ders.: Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation. Freiburg 1994

[5Nicht umsonst haben die Nationalsozialisten das Judentum nicht als eine Rasse unter vielen aufgefasst, sondern konsequent als „Gegenrasse“, als „Anti-Volk“, als die Verkörperung des negativen Prinzips schlechthin.

[6Vgl. Gerhard Scheit: Bruchstücke einer politischen Ökonomie des Antisemitismus. In: Streifzüge, Nr. 1, 1997

[7Vgl. Stephan Grigat: Der Haß der Antiglobalisierungsbewegung auf Israel. Eine Kritik der No-Globals und ihrer Kritiker. In: AStA der Geschwister Scholl Universität München (Hg.): Spiel ohne Grenzen. Zu- und Gegenstand der Antiglobalisierungsbewegung. Berlin 2004

[9Vgl. Grigat, a.a.O.

[10Vgl. Georg-Weerth-Gesellschaft: Politische Ökonomie des Elends. Referat der Georg-Weerth-Gesellschaft Köln zur Veranstaltung „No Logo – no Music“ am 11.12.2003; http://www.gwg-koeln.com/

[11Vgl. ebd.

[12Vgl. Gerhard Scheit: Monster und Köter, großer und kleiner Teufel. Thesen zum Verhältnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus. In: Thomas Uwer/Thomas von der Osten-Sacken/Andrea Woeldike (Hg.): Amerika Der ‚War on Terror’ und der Aufstand der Alten Welt. Freiburg 2003, S. 86

[13Info-Radio Berlin vom 9.10.2002

[14Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.11.2003, S. 39

[15Jean Améry: Der ehrbare Antisemitismus. In: Ders.: Widersprüche. Stuttgart 1971, S. 242

[16Dies äußert sich unter anderem auch darin, dass neben das Bild von Israel als „Brückenkopf“ oder „Flugzeugträger“ der USA immer häufiger die Beschwörung einer „jüdischen Lobby“ tritt, welche die USA regiere, zu ihrem gnadenlosen Vorgehen erst treibe und etwa auch hinter dem Krieg gegen den Irak stecke, um damit die Interessen Israels zu wahren. Der absolute Feind, der hinter allen als Übel und Ungerechtigkeit begriffenen Erscheinungen steht, ist dieser Weltanschauung immer derselbe: das phantasierte Judentum.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2004
Heft 2-3/2004, Seite 18
Autor/inn/en:

Alex Gruber: Studierte Politikwissenschaft in Wien, von Dezember 2003 bis 2006 Redaktionsmitglied von Context XXI.

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