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Markus Wilhelm

Antifaschistische Karikaturen? Karikaturen auf den Antifaschismus!

Haider ist gar nix. Er ist grad soviel wie der Johann Kogler aus Kapfenberg. Nein, weniger natürlich. Aber er hat vierzehn Tageszeitungen und weißgott wieviele Wochenmagazine usw., die wie riesige Lautsprecher jeden Schnaufer von ihm monströs ins Land hinausheulen. So still könnte er gar nicht atmen, daß es nicht acht Millionen von acht Millionen Österreicherinnen und Österreichern orkanartig ums Ohr pfiffe! Als höchstmöglicher Multiplikator hat sich hervorragend tiefstmögliche Entrüstung bewährt. Nicht nur Haider pur verkauft sich gut, sondern auch Entrüstung über Haider. Im Zimmer des Profil-Chefredakteurs, war einmal zu lesen, „hängen die Titelseiten der zehn am besten verkauften Hefte der Profil-Geschichte an der Wand. Cover mit Haider nehmen derzeit die Plätze 1 und 7 ein.“ (Forum, August 1989) Und das bereits 1989! Was sind die wahrscheinlich vierhundertachtunddreißig Zehentmayr-Karikaturen über Haider im Kurier und die vielleicht dreihundertsieben Deix-Cartoons zu Haider und die schätzungsweise auch schon zweihundertsechsundachtzig Haderer-Bildln von Haider im Profil anderes als ständig frische, marktgerechte Ware? Daß die Selbstheroisierung der antifaschistischen Zeichner Haderer, Deix, Zehentmayr die Haiderheroisierung vorantreibt, das können sie schon in Kauf nehmen — bei diesen Honoraren.

Haider wurde Stück für Stück aufgebaut, keine Frage. Auf einem massiven Fundament aus unzählbaren Aufmachergeschichten bilden die (nur die jeweiligen Journalisten entlarvenden) haiderentlarvenden Zeitungs-Interviews die tragenden Teile. Beletage: Inlandsreport, Sommergespräche, Runder Tisch und Pressestunde. Mit mehr als siebentausend Leitartikeln wird der Bau rasch hochgezogen. Haider-Sager kommt auf Haider-Sager, immer mit reichlich klebriger Empörung dazwischen, versteht sich. Und so fort, bis er dasteht, wie er dasteht, in voller Größe. Im übrigen würden soviele Eckpfeiler gar nicht gebraucht wie das Land Medien hat, auf die Haider bauen kann.

Hier ist die Rede von jenen Spitzenjournalisten, soll heißen: Spitzengehälterjournalisten, die Haider in einem fort „aufblattln“, in einem fort „auseinandernehmen“, mit dem immer gleichen halben Dutzend falscher Argumente, über das sie verfügen, und ihn in Wahrheit in einem fort präsentieren, in immer neuem Aufputz in der Auslage haben. Weil sie Vranitzky und Co. ja nicht schaden wollen, schaffen sie es auch nicht, Haider zu schaden. Die patente Idee, den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen, ist über das Versuchsstadium noch nirgendwo hinausgekommen.

Rauscher, Czernin, Sperl, Magenschab, Rabl, Lackner, Traxler, Hampel, Kappacher, Vorhofer, Scheidl, Polz, Steininger, Votzi, Danninger, Geyer, Wolf, Riedler, Hoffmann-Ostenhof, Koller, Kotanko verteidigen vor allem diesen Staat und seine Geschäftsführung und natürlich ihre eigene Top-Position im Gefüge. Weil ihnen also in der Bekämpfung Haiders die richtigen Argumente verwehrt sind, steht er nach jeder dieser Bekämpfungen besser da. „So dürfen sie schießen!“, kommentierte Edi Finger weiland die Erschossenen Freistöße der Länderspielgegner. Mit jedem solchen Satz gegen ihn macht er einen nach vorne! jede solche als Abwertung gedachte Zeichnung ist eine Aufwertung. jede solche mediale Breitseite gegen ihn ist eine Werbeseite für ihn.

Werbeträger

Die neueste Waffe dieses Unfreiwilligen-Korps Haiders ist Heide Schmidt. Weil es ihnen machtpolitisch zweckmäßig erscheint, machen sie auf einmal riesige Unterschiede zwischen Haider und der obersten Haiderianerin, die jahrelang die wüste FP-Politik kaltlächelnd serviert hat. Jene Heide Schmidt, die 1967 dem deutschnationalen RFS und 1972 bereits der FPÖ beigetreten ist, der zu Hitlers „Beschäftigungspolitik“ nur einfällt, es könne in dieser Frage eben „konträre Meinungen geben“ (Profil, 27.7.91), und „historisch Gebildete“ würden zum Ergebnis, daß sie „ordentlich“ war, kommen können (Profil, 5.8.91), jene Heide Schmidt, die sich statt zur österreichischen Nation nur zur „österreichischen Identität“ bekennt (Forum, März 1992) und die an der „Mißgeburt der österreichischen Nation“ nur die „Wortwahl unpassend“ findet (Profil, 28.11.88), zur Anpreisung der „FP als Schädlingsbekämpfungsmittel“ meint, es gebe eben „Worte, die sich aufdrängen“ (Kurier, 10.9.90), und Nazipropaganda in einer FPÖ-Publikation nur als „unnötig“ bezeichnet (Profil, 19.6.89), jene Heide Schmidt wohlgemerkt, die den 12-Punkten des „Anti-Ausländervolksbegehrens“ im Parteivorstand selbst zustimmt (Profil, 27.10.92) und mit zwei schweren FP-Jungs, die Haiders „Anti-Ausländer-Volksbegehren“ unterschrieben haben, jetzt auf liberal macht. (Umgekehrt haben genau diese bürgerlichen Medien den zwei reaktionären Hetzern Hans Pretterebner und Liane Höbinger-Lehrer jene unbezahlbare Popularität verschafft, an der Haider einfach nicht vorübergehen konnte. (Erst dadurch wurden sie plötzlich zu Unpersonen, nicht durch ihre Ansichten.)

Faschismus ist für diese Journaille einfach das, „was uns schadet“, und Antifaschismus das, „was uns nützt“. Die einzige Sorge, die diese Zeitungsschreiber umtreibt, ist die, daß ihre frisch herausgeputzte Antifaschistin nicht so gut ankommen könnte. Schmidt-Coach Peter Pelinka redet ihr ins Gewissen: „Vielleicht könnte ein zusätzliches Lächeln dort, ein Augenaufschlag da irgendwas von diesem ‚coolen‘ Image, vor dem offenbar vor allem Männer erschrecken, aufweichen. Sagt Ihnen das manchmal jemand, der Sie berät?“ (P. Pelinka, Heide Schmidt, 1993) In Anbetracht einer solchen Opportunistin geht der bösgemeinte Vorwurf an Haider, er sei ein Opportunist, schon fast ins Leere. Wo wirkliche Haider-Kritiker zulangen müßten, können diese Haider-Kritiker nicht. Es ist bezeichnend, daß mit Rauscher und Pelinka gerade jene zwei Chefredakteure die Speerspitze des Söldnerheers (weniger übertrieben gesagt: die Kugelschreiberspitze) gegen Haider bilden, die Jubelbücher auf das System Franz Vranitzky (Vranitzky — eine Chance) und Heide Schmidt (Heide Schmidt. Eine Provokation) verfaßt haben.

Mit wieviel Aufwand sie loslegen, wenn sie loslegen: Sie nennen ihn ein Chamäleon (Kurier), einen Oberwendehals (AZ), einen Opportunisten (K7Z), Pharisäer (SN), Demagogen (AZ) gar. Trifft ihn das? Trifft es ihn, wenn sie ihn Großspruch (AZ), Großmaul (NZ) oder Breitmaul (AZ) heißen? Trifft es das Problem, wenn er als Karawankenpolitiker (Presse), Karawanken-Wurli (Kurier) oder Karawanken-Gadaffi (KTZ) bezeichnet wird? Wie geistreich! Wie graziös! Wie der Artist im Zirkus, der die Jungfrau in der Kiste zersägt, ohne ihr dabei wehzutun. Ist er wirklich vor allem lächerlich (TT) und geschmacklos (Presse), großspurig (Standard) und unverschämt (AZ), negativ (Kurier) und neureich (NZ), sprunghaft (Kurier) und ausgeflippt (Standard), menschenverachtend (NZ) und größenwahnsinnig (AZ), millionenschwer (K7-Z) und gefährlich (TT), untragbar (Kl. Ztg.) und desorientiert (SN), arrogant (K7Z) und rotzig-frech (AZ)? Die scheinbar über so viele Worte verfügen, verfügen offensichtlich über so viele Worte nicht. Welche Arbeit, bis man solche Charakterisierungen aufs Papier gebracht hat und — noch schwieriger — andere nicht! Er sei ein Rechtsabweichler (SN), ein Separatist (Kurier), ein Scharfmacher (AZ), ein Stammtisch-Führer (OÖN), ein Volksaufwiegler (Profil), ein österreichischer Le Pen (Kurier). Wenn man sie so danebenhauen sieht, fällt es schwer zu glauben, sie wollten nicht danebenhauen: Kümmerling (OÖN), Poltergeist (NZ), ein Niemand (AZ), Streithansl (N. Volksblatt), Früchterl (Kurier), Rabauke (Presse), Nasenbohrer (AZ), Obermillionär (KTZ), Schimpfer (Kurier), Holzhacker (Kl. Ztg.), Holzhackerbua (AZ), Trottel (Forum), Yuppie (Kl. Ztg.), Irrlicht (Kurier), Witzereißer (KTZ). Was sieht man daraus? Haider sichert viele höchstdotierte Arbeitsplätze in vielen Redaktionsstuben. Ihr Kampf gegen Haider besteht darin, im Vorderteil der Zeitung einen fulminanten Mix aus Vergötterung und Verteufelung feilzubieten, während der Hintern der Zeitung der Haider-Werbung hingehalten wird: Die FP hat im Herbst 1994 allein in die Tiroler Tageszeitung zehn ganzseitige Anzeigen geschaltet.

Wie kann man Haider aufhalten, wenn er schon mit z.B. drei Titelgeschichten mit Haider-Cover in drei Monaten Profil (Frühjahr 1989) nicht aufzuhalten ist? Der Kurier hat es mit unzähligen ganzseitigen Haider-Sonderseiten versucht. Es geht nicht. Nicht mit zwei Haider-Fotos auf einer solchen Seite (z.B. 4.9.92 und 6.12.92), nicht mit drei Haider-Fotos auf einer Seite (z.B. 22.6.91 und 14.9.91) und nicht mit vier Haider-Fotos auf einer (z.B. 15.2.93 und 10.12.93). Sie meinen, mit sechs Haider-Fotos könnt’s gehen? ja? Nein, hat er auch schon probiert, der Kurier (21.8.94).

Weil Haider so natürlich nicht aufzuhalten ist, entsteht der fatale Eindruck, er sei überhaupt nicht aufzuhalten. Die FPÖ verliert keinen einzigen Wähler durch diese Berichterstattung. Im Gegenteil. Wie Haider die „gegnerischen“ Medien durch seine Sprüche erfolgreich anlockt, so ist gerade deren aufgeplusterte Entrüstung der beste Köder für stets neue Anhänger. Seitenweise Haider-Prügel: scharenweise Haider-Wähler. Journalisten haben zu recht einen genauso schlechten Ruf wie Politiker. Der gesunde, notwendige Klassenhaß der kleingemachten Leute mag entsetzlich verstümmelt sein, ganz ausgemerzt ist er noch nicht. Wenn ausgerechnet die 100.000-Schilling-Journaille-Kanaille mit verschwenderischem Aufwand Haider attackiert, dann schrecken sie instinktiv zurück (vor ihr). Die Arroganz der hochbestallten Schreiber und ihre Verfilzung mit den Mächtigen ist mit Händen zu greifen, vor allem mit Arbeiterhänden. je mehr halbseitene Angriffe dieser Klüngel gegen Haider reitet, desto stärker wird bei vielen Leuten unwillkürlich die Abscheu vor seinen politischen Gegnern und die Sympathie für ihn. So unglaubwürdig sind Medien und Regierung schon, daß jede scheinbare Gegenposition für wahrer gehalten wird. Was auch zeigt, wie 100.000 Mal von oben angeschmiert sich die Leute zu recht vorkommen.

Die Anti-Haider-Seite ist gewiß die verlockendste an ihm.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1995
Heft 21, Seite 67
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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