Zeitschriften » FŒHN » Heft 21
Markus Wilhelm

Anti-Haider-Wissenschaft als Herrschaftswissenschaft

Keine Sparte der Wissenschaft boomt derzeit in Österreich so stark wie die Wissenschaft vom Haider. Während Georg Trakl grad noch drei Leuten den Unterhalt ermöglicht, werden durch die Befassung mit Haider heute bereits halbe Institute voller Assistenten, Dozenten, Professoren usw. wohl genährt. Weil Haider zulegt, kann diese Forschung zulegen. Und weil sie zulegt, kann er zulegen. Das kommt so: In der Wissenschaft werden die Ursachen der vor sich gehenden politischen Entwicklung aus der Gegenwart weggeforscht und in die Vergangenheit hineingeforscht, womit sie in der Wirklichkeit weiter wirksam bleiben können. Die pragmatisierten Haider-Gegner haben vor allem die Aufgabe, uns mit dem großen antifaschistischen Löffel jene Menge Einverständnis mit der Welt, wie sie ist, einzuflößen, wie sie uns nur irgendwie einzuflößen. Das Schlimme am staatlich geförderten Antifaschismus ist, daß er in jedem Satz, wo er recht hat, auch gleich noch eine Lüge unterbringen muß. Und die Lüge ist ihm auch noch wichtiger!

Universitätsprofessor Anton Pelinka: „SPÖ und ÖVP sind demokratische Großparteien, die freilich ein in der politischen Praxis verschlamptes Verhältnis zum Rechtsextremismus haben.“ (Handbuch des österreichischen Rechtsextremismus, Wien, 1994). Von diesem scheinbar harmlosen, richtigen Satz wird soviel Falsches mittransportiert („demokratische“, „freilich“, „in der politischen Praxis“, „verschlamptes“, „Verhältnis“), daß er, wie er da vor uns steht, eine einzige zuckersüße Beschönigung ist. Das ist sein Zweck. Der Nutzwert der „Rechtsextremismusforschung“ wird nicht bestimmt von seiner aufdeckenden, sondern von seiner zudeckenden Leistung. Und der Nutzwert ist es, der honoriert wird. Wer, wie das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW, Haider als „zutiefst im Deutschnationalen verwurzelt“ zu brandmarken versucht, statt als im brutalsten Kapitalismus verwurzelt, ist nicht der wissenschaftlichen Wahrheit verpflichtet, sondern deren Verhüllung. Haider, behaupte ich hier, ist kein besonderer Ausländerfeind (im übrigen beschäftigt er gerne selber welche). Haider, behaupte ich, ist kein ärgerer Rassist als die meisten von uns. Nirgendwo, auch in allen DÖWSchriften nicht, finde ich ein Wort Haiders darüber, Ausländer seien besonders dreckig oder würden stinken oder seien Untermenschen. Haider argumentiert durchwegs kapitalistisch: Er tritt für Saisoniers ein, nicht weil er ein Ausländerhasser ist, sondern weil diese wieder in ihre Heimat zurückgeschickt werden können und keine sozialen Kosten verursachen. Er tritt gegen Familiennachzug ein, weil dieser den Profit, der hier aus den Gastarbeitern geschlagen wird, schmälert. Er ist für Ausweisung krimineller Ausländer, weil diese vom Reichtum der Reichen herunterknabbern. Er ist gegen Sozialhilfe für arbeitslose Ausländer, weil diese Budgetmittel kostet, die anderweitig gebraucht werden.

Der Kapitalismus selber ist rassistisch! Der Kapitalismus selber ist ausländerfeindlich! („Nix Geld, nix Visa!“). Der kapitalistische „freie Markt“ ist auch frauenfeindlich, kinderfeindlich, altenfeindlich, menschenfeindlich. Gegen Haider ist da nicht zu argumentieren. Denn seine Politik ist von der herrschenden Ideologie hundertprozentig gedeckt. Wenn man hier einen Gegensatz konstruiert, dann konstruiert man einen.

Das DÖW geht ganz auf in der Aufgabe, auf Haider einzudreschen, um damit von all dem ihm Ebenbürtigen um ihn herum abzulenken. Von einer Organisation, die den Faschismus aufzuarbeiten hat, sollte man wenigstens keine Vertuschung seiner Grundlagen befürchten müssen. Diese Sorte antifaschistischer Gelehrter ist gewiß von der Regierung, die sie bezahlt, völlig unabhängig. Sie ist keineswegs bereit, auf Bestellung zu schreiben. Sie studiert ihren Gegenstand eingehend und mit den wissenschaftlichen Methoden, die nach ihrer Überzeugung mit den Interessen der Regierung und der von dieser vertretenen Kräfte übereinstimmen. Von Franz Vranitzky bringt das DÖW unter die Leute, er habe „die Koalition mit den Freiheitlichen ... aufgekündigt, auch um den Preis gewichtiger politischer Nachteile“ (S. 399). Das ist doch Heldengeschichtsschreibung zum Zwecke der Verheimlichung, welch „gewichtiger politischer Nachteil“ Franz Vranitzky ist!

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Dezember
1995
Heft 21, Seite 60
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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