Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 6-7/2004
Marc Zannoni

An unnecessary necessity

Letztes Jahr erschienen zwei Sammelbände mit unterschiedlichen Intentionen zum Thema Amerika und Amerikakritik. Während das eine Buch seinen Schwerpunkt auf die antiamerikanischen Ressentiments innerhalb der Linken setzt, versucht das andere die internationale Situation, mit der die USA konfrontiert ist, zu umreißen. Beide Bücher skizzieren nur ansatzweise auf einer theoretischen Ebene die ideologischen Versatzstücke des Antiamerikanismus.

Dort wo das konkret-Buch eine theoretische Auseinandersetzung vornimmt – insbesondere in den Beiträgen von Hahn und Illing –, stellt sich diese jedoch als mangelhaft heraus, wenn nicht gar als punktuell apologetisch und relativierend bezüglich linker Animositäten. Gleichzeitig meint Hahn eine Abgrenzung gegenüber zu scharfen GegnerInnen des Antiamerikanismus vornehmen zu müssen, die darin zum Ausdruck kommt, dass versucht wird an Hand verkürzt wiedergegebener bzw. unterstellter Positionen vermeintlicher „Amerika-Fans“, wie etwa Dan Diner, die Übertriebenheit respektive Fehlerhaftigkeit ihrer Kritik aufzuzeigen.

Darüber hinaus postuliert Hahn die Notwendigkeit einer „richtigen“ Amerikakritik, ohne einleuchtend die Dringlichkeit einer hiesigen Kritik an der derzeitigen Innenpolitik der USA zu argumentieren und obwohl die Problematik der Konstruktion eines „US-Sonderfalles“ sowie das prinzipielle Eingebettetsein der USA im globalen ökonomischen System Erwähnung findet.

Zur Bewertung der aktuellen US-Außenpolitik bedarf ebenfalls die Verfasstheit seiner KontrahentInnen, sowohl der militärischen als auch der politischen, einer solchen, um nicht einer ressentimentanfälligen Fokussierung auf den mächtigen „Hegemon“ anheim zu fallen. Denn der Kontext bietet den Rahmen, der überhaupt erst die Wahrnehmung des Gegenübers als aktives, und damit hinterfragbares, Subjekt ermöglicht und diesen in Relation zum Agieren Amerikas setzt. Zwar liefert das ça ira-Buch kaum Abhandlungen zu den Hintergründen des zeitgenössischen Islamismus und des Ba’th-Regimes, aber diesen Punkt behandeln bereits andere Bücher zur genüge.

Vielmehr legen mehrere Artikel die Stellung Amerikas im arabischen Raum dar, wie auch welche Faktoren den Bruch zwischen den USA und Europa befördern, mit besonderem Augenmerk auf Deutschland, wodurch u.a. der oft beklagte Alleingang der USA nachvollziehbar wird. Aus ideologiekritischer Sicht tritt dies vor dem Hintergrund einer fundamentalen Differenz zwischen einem deutschen, immer mehr europäischen, Standpunkt eines religiös unterfütterten Ethnopluralismus gepaart mit dem Idealismus der Romantik und einem amerikanischen Pragmatismus polit-ökonomischer Provenienz zu Tage. Dieser Kontrast ist es, der die USA, nicht zu letzt Dank seiner Entstehungsgeschichte und des Verhältnisses der Citoyens zum Staat, sympathischer erscheinen lässt als Europa. Eine Feststellung, die Hahn als blinde Vergötterung Amerikas missinterpretiert, deren Äußerung jedoch höchstens eine Präferenz zum Ausdruck bringt.

Äußerst positiv unterscheidet das „Amerika“-Buch vom anderen, die Einbeziehung der deutsch(-österreichische) Geschichte in die Analyse, wodurch, neben dem deutschen Staat, auch die Friedensbewegung in einem anderen Licht erscheint. Schon alleine auf Grund der wiederholt vorgebrachten Vergleiche mit dem 2. Weltkrieg und den daraus gezogenen Lehren, die mit moralistischem Verve exklusiv die USA und Israel treffen, kann durchaus, wie in einem Beitrag auf den Punkt gebracht, von einer Gegenwartsbewältigung als Vergangenheitsbewältigung gesprochen werden.

Summa summarum bleibt festzuhalten, dass beide Bücher interessante Beiträge zu bieten haben, wenn auch eine tiefgreifendere Analyse vom ça ira-Sammelband zu erwarten ist.

Thomas von der Osten-Sacken / Thomas Uwer / Andrea Woeldike (HgInnen.): Amerika. Der „War on Terror“ und der Aufstand der alten Welt. ça ira-Verlag, Freiburg 2003, 320 Seiten, Euro 17,50.

Michael Hahn (Hg.): Nichts gegen Amerika. Linker Antiamerikanismus und seine lange Geschichte. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2003, 176 Seiten, EUR 15,-.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Oktober
2004
Heft 6-7/2004, Seite 48
Autor/inn/en:

Marc Zannoni: Marc Zannoni studiert Informatik in Wien.

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