Zeitschriften » FŒHN » Heft 22
Markus Wilhelm

An den Menschen liebt Haider nur die Wunden

Das Haiderwählen spielt sich auf der psychologischen, nicht auf der politischen Ebene ab. Kein Haider-Anhänger wird ihn je nach einem Strukturprogramm fragen. Die Seelenverfassung der Menschen, die Haider vorfindet, ist aber sehr wohl, und zwar total, vom wirklich Politischen bestimmt, d.h. eben nicht vom Herumgehopse im Parlament und von Parteiaussendungen, sondern von der grundsätzlichen Stellung der Menschen zueinander in dieser Gesellschaft, die ganz auf Betrug aufgebaut ist.

Wer könnte denen, die ständig im Kreis zu gehen haben und dressiert sind, mehr gelegen kommen als einer, der sagt: „Wir sind nicht zu dressieren. Wir werden niemals im rotschwarzen Staatszirkus im Kreis gehen.“ (Kl. Zeitung, 14.1.91

Da geht’s den meisten Haider-Gegnern nicht anders als den Haider-Wählern. Erstere sind, wie könnte es anders sein, genauso verbogen und verbeult wie die letzteren. Auch den Haider-Gegnern machen die Zustände Angst, auch sie vermögen ihr nicht dort gegenüberzutreten, wo sie entsteht, auch sie müssen sie wohin verlagern, wo sie gesellschaftsfähig ist. jetzt, wo man nicht mehr soviel Angst in Angst vor dem Wettrüsten und vor dem Waldsterben ummünzen kann, wo auch in die Angst vor Mochovce und Kosloduj nicht genug Angst von der vielen Angst, die da ist, hineingeht, kommt die Angst vor Haider wie gerufen. Wir Haiderwähler und Nichthaiderwähler unterscheiden uns nur darin, wohin wir unsere echte Angst künstlich hineinstecken, nicht darin, wo sie herkommt. Welch ungeheuren Kräfte der Veränderung hier wie dort gebunden sind, an hintertupfingsten Nebenfronten, an denen wir allesamt nicht für uns kämpfen!

Die Angst vor Haider wäre nicht so groß, wäre sie nicht auch vom Markt entdeckt worden. Während z.B. Zeitungen wie Profil oder Standard Umsatz machen, indem sie diese Angst schüren, macht z.B. die Kronenzeitung Umsatz damit, daß sie die Ängste schürt, die Haider schürt. Das Projekt News wurde von vornherein so angelegt, daß der schnelle Aufstieg zur Geldmühle unausweichlich war: Das Blatt setzt gleichermaßen auf die Angst vor Haider wie auf die von Haider angefachte z.B. vor Menschen ohne grünen Reisepaß. (Mehr dazu im letzten Heft.) Wenn News titelt: „Angst vor Haider“, so werden in raffiniertester Weise beide Seiten bedient, die Haiderwähler und die Haidernichtwähler, die, die den Bonzen Angst vor Haider wünschen, und die, die selber Angst vor Haider haben. Die käuflichen Medien bedürfen der Schockartikel, um ihre Anzeigen-Seiten verkaufen zu können. Angstmache zieht Trostsuche im Konsum nach sich. News und Co. geben’s heiß-kalt: „Der Haider-Clan“ / Rover-Auto,werbung / „Wie der F-Chef seine Regierung plant“ / Philippe Charriol-Luxusuhrenwerbung / „Haider läuft Amok“ / Jack Daniel’s Tennessee Whiskey / „Jörg Haider: Die Kampfansage“ / Get The Real Taste - Memphis lights / „So will Haider Kanzler werden“ / Cerruti 1881 pour homme usw. Auch außerhalb der Magazine dient die allgemeine Vorspiegelung einer angstmachenden Situation der gewünschten Abdrängung in vermehrten Konsum. Der Markt braucht die Gefahr Haider als Stimulans. Das heißt, es muß ständig an seiner griffigen Gefährlichkeit gebaut werden.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1996
Heft 22, Seite 14
Autor/inn/en:

Markus Wilhelm:

Geboren 1956, von Beruf Zuspitzer in Sölden im Ötztal, Mitbegründer des FŒHN (1978-1981), Wiedergründer und Herausgeber des FŒHN (1984-1998). Seit 2004 Betreiber der Website dietiwag.org (bis 2005 unter dietiwag.at), Landwirt.

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