Zeitschriften » Internationale Situationniste » Numéro 10
Pierre Gallissaires (Übersetzung) • Hanna Mittelstädt (Übersetzung) • Situationistische Internationale

Adresse an die Revolutionäre Algeriens und aller Länder

Proletarische Revolutionen … verhöhnen grausam gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärmlichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhaft ihnen gegenüber wieder aufrichte, schrecken stets von neuem wieder zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eigenen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht.

Marx (Der achtzehnte Brumaire
des Louis Bonaparte).

Genossen,

Der Zusammenbruch und das Zerbröckeln des von der internationalen kommunistischen Bewegung dargebotenen Bildes der Revolution folgt mit einer Verspätung von 40 Jahren dem Zusammenbruch der revolutionären Bewegung selbst. Die Zeit, die so die bürokratische Lüge zusammen mit der immerwährenden bürgerlichen Lüge gewinnen konnte, war für die Revolution verlorene Zeit. Die Geschichte der modernen Welt geht ihren Weg des revolutionären Prozesses weiter, jedoch unbewusst oder in einem falschen Bewusstsein. Überall soziale Auseinandersetzungen, aber nirgends ist die alte Ordnung in der Mitte eben jener Kräfte, die sie bekämpfen, ausgemerzt worden. Überall werden die Ideologien der alten Welt der Kritik unterworfen und verworfen, aber nirgends ist die „wirkliche Bewegung, die den bestehenden Zustand aufhebt“, von einer „Ideologie“ im Sinne von Marx befreit: die Ideen, die einem Herrn dienen. Überall Revolutionäre, nirgends die Revolution.

Jetzt hat der kürzliche Zusammenbruch des benbellistischen Bildes einer algerischen Halbrevolution diesen allgemeinen Bankrott noch mehr herausgehoben. Ben Bellas oberflächliche Macht stellte das Moment des erstarrten Gleichgewichts zweier Kräfte dar: einerseits die Bewegung der algerischen Arbeiter in Richtung auf die Verwaltung der ganzen Gesellschaft, andererseits die im Rahmen des Staates sich bildende bürgerliche Bürokratie. Aber in diesem offiziellen Gleichgewicht fehlte der Revolution alles, was zur Verwirklichung ihrer Ziele hätte führen können, sie war schon zu einem Museumsstück geworden, während den von Ben Bella gedeckten Eigentümern des Staates die ganze Macht gehörte, angefangen mit dem Grundunterdrückungsmittel, das die Armee darstellt, bis zur Möglichkeit, ihre Maske, das heißt Ben Bella, abzuwerfen. Ben Bellas Erklärung in Sidi Bel Abbes zwei Tage vor dem Putsch, Algerien sei jetzt „einiger denn je“ grenzte an Widerwärtigkeit und Lächerlichkeit. Jetzt lügt er dem Volk nichts mehr vor, und die Umstände sprechen für sich. Er wurde so gestürzt, wie er geherrscht hat, in der Einsamkeit und der Verschwörung: durch die Palastrevolution. Dieselben, mit denen er gekommen war, gaben ihm bei seinem Abtritt auch das Geleit — und zwar Boumediennes Armee, die ihm im September 1962 den Weg nach Algier gebahnt hatte. Die benbellistische Macht jedoch bestätigte die revolutionären Errungenschaften, die die Bürokratie noch nicht unterdrücken konnte: die Selbstverwaltung. Die Kräfte, die sich hinter dem „Moslembruder“ Boumedienne so gut verbergen, verfolgen das eine klare Ziel der Er1edigung der Selbstverwaltung. Das Mischprodukt von abendländisch-technokratischem Jargon und Pathos der verstärkten moralischen Ordnung des Islam, wie man es in der Erklärung vom 19. Juni findet, legt die ganze Politik des neuen Regimes fest. „Herauskommen aus dem allgemeinen Stillstand, der sich in einem Absinken der Produktivität und der wirtschaftlichen Rentabilität, dem beunruhigenden Abbau der Investierungen äußert“ … „unserem Glauben, unseren Überzeugungen und den hundertjährigen Überlieferungen unseres Volkes und seiner moralischen Werte Rechnung tragen“.

Le spectaculaire concentré
Dans la zone sous-développée du marché mondial, on rassemble dans l’idéologie et, à l’extrême, sur un seul homme, tout l’admirable étatiquement garanti, indiscutable, qu‘il s’agit d’applaudir et de consommer passivement. La faible quantité des marchandises réellement disponibles tend à ramener cette consommation au pur regard. L’image du pouvoir, dans laquelle ce regard doit trouver tout son bonheur, est donc un fourre-tout des qualités socialement reconnues. Soekarno devait être à la fois un génial conducteur de peuple et un irrésistible séducteur de cinéma. Philosophe, il concentrait dans le concept de « Nasakom » le nationalisme, la religion et le « communisme » stalinien ; de même qu’il régnait à la Ben Bella, en fondant son autorité sur l’antagonisme évident de l’armée et du plus puissant parti stalinien d’Asie. Il veut continuer de tenir son « rôle unique » de représentant perpétuel de cette perfection hybride alors même que son armée a massacré, d’après lui, au moins 97.000 de ses communistes, et qu’elle continue. « Notre capacité d’arrondir les angles est telle, écrivait l’officieux Indonesian Herald après le putsch manqué du 1er octobre, que, si Moscou et Pékin avaient adopté le système indonésien pour « résoudre » les problèmes, le conflit idéologique actuel entre les deux pays ne serait jamais devenu public.

Die erstaunliche Beschleunigung der Geschichte der praktischen Entmystifizierung soll jetzt der Beschleunigung der Geschichte der revolutionären Theorie dienen. Trotz der Verschiedenheiten in ihren ideologischen oder rechtlichen Verkleidungen herrscht überall dieselbe Gesellschaft der Entfremdung und der totalitären Kontrolle (wobei hier der Soziologe, dort die Polizei zuerst kommt), des spektakulären Konsums (hier Auto und Gadgets, dort die Worte des verehrten Führers). Die Kohärenz dieser Gesellschaft kann ohne eine totale Kritik, die im Lichte des entgegengesetzten Projektes der befreiten Kreativität, der Beherrschung ihrer eigenen Geschichte durch alle Menschen und auf sämtlichen Ebenen erfolgen soll, nicht verstanden werden. Dies ist die Forderung in Taten aller proletarischen Revolutionen, die bisher stets unterdrückt wurde von den Spezialisten der Macht, die die Revolution übernehmen und sie zu ihrem Privatbesitz machen.

Le spectaculaire diffus
Le capitalisme parvenu au stade de l’abondance des marchandises disperse ses représentations du bonheur, et donc de la réussite hiérarchique, en une infinité d’objets et gadgets exprimant, réellement et illusoirement, autant d’appartenances à des stratifications de la société consommatrice ; et tous ces objets sont démodés et renouvelés selon les nécessités de l’écoulement d’une production en expansion. Le spectacle des objets multiples qui sont à vendre invite à tenir des rôles multiples parce qu’il vise à obliger chacun à se reconnaître, à se réaliser, dans la consommation effective de cette production répandue partout. N’étant que réponse à une définition spectaculaire des besoins, une telle consommation demeure elle-même essentiellement spectaculaire en tant qu’elle est pseudo-usage : elle n’a de rôle effectif qu‘en tant qu’échange économique nécessaire au système. Ainsi la nécessité réelle n’est pas vue ; et ce qui est vu n’a presque pas de réalité. L’objet est d‘abord montré, pour qu’on veuille le posséder ; puis il est possédé pour être montré, en réponse. Des ensembles d’objets admirables sont donc constitués, qui ont pour fonction de signifier un standing précis, et même une pseudo-personnalité, exactement identique aux objets qui la représentent. Ici, exposé par le magazine Lui de janvier 1964, l’assemblage d’achats équivalent au tempérament « homme d’affaires » comporte une édition des « œuvres économiques » de Marx.

Wenn man in unserer Zeit jenes Projekt und jene Kritik, die untrennbar sind, da jenes Glied das andere aufdeckt, wiederaufnimmt, so bedeutet das das unmittelbare Wiederaufgreifen des ganzen Radikalismus, dessen Träger die folgenden waren: die Arbeiterbewegung, die moderne abendländische Poesie und Kunst (als Prolog zu einer experimentellen Forschung auf dem Weg einer freien Konstruktion unseres alltäglichen Lebens), das Denken in der Zeit der Aufhebung der Philosophie und ihrer Verwirklichung (Hegel, Feuerbach, Marx), schließlich die Emanzipationsbewegungen, die 1910 in Mexiko begannen und bis heute im Kongo andauern. Dazu ist es zuerst notwendig, die Niederlage des gesamten revolutionären Projektes im ersten Drittel unseres Jahrhunderts in ihrem ganzen Ausmaß zu erkennen, ohne sich weiter mit der geringsten tröstenden Illusion zu tragen, sowie seine offizielle Ersetzung sowohl auf der ganzen Welt als auch in allen Bereichen durch einen lügnerischen Schund, der die alte Ordnung nur verdeckt und einrichtet. Die Herrschaft des bürokratischen Staatskapitalismus über die Arbeiter ist das Gegenteil vom Sozialismus: dieser Wahrheit hat der Trotzkismus nie ins Gesicht blicken wollen. Sozialismus gibt es demnach nur dort, wo die Arbeiter selbst unmittelbar die gesamte Gesellschaft verwalten; also findet man den Sozialismus weder in Russland noch in China noch anderswo. Die russische und die chinesische Revolution wurden von innen besiegt. Heute geben sie für das westliche Proletariat und die Völker der dritten Welt ein falsches Vorbild ab, da sie in Wirklichkeit das Gegenstück bilden im Gleichgewicht mit der Macht des bürgerlichen Kapitalismus, des Imperialismus.

Auf jene Weise den Radikalismus wiederaufgreifen schließt natürlich auch eine beträchtliche Vertiefung aller früheren Befreiungsversuche ein. Die Erfahrung ihrer Unvollendung in der Isolierung oder ihrer Umkehrung in eine Gesamtmystifikation führt dazu, die Kohärenz der Welt, die zu verändern ist, besser zu begreifen; so kann man aus der wiedergefundenen Kohärenz manche Teilforschungen retten, die sich in neuerer Zeit entwickelten und auf jene Weise zu ihrer Wahrheit gelangen (der befreiende Inhalt der Psychoanalyse z.B. kann weder verstanden noch verwirklicht werden außerhalb des Kampfes um die Abschaffung jeglicher Unterdrückung). Das Begreifen dieser umkehrbaren Kohärenz der Welt, wie sie ist, und wie sie sein kann, deckt das Trügerische der Halbmaßnahmen auf und die Tatsache, dass es sich im eigensten Sinne um Halbmaßnahmen handelt jedesmal, wenn das Modell der herrschenden Gesellschaft — mit ihren Kategorien der Hierarchisierung und der Spezialisierung und folglich mit ihren Gewohnheiten oder Geschmacksrichtungen — innerhalb der Kräfte der Negation wiederhergestellt wird.

Dazu kommt die Beschleunigung der materiellen Entwicklung der Welt. Sie häuft immer mehr virtuelle Gewalten an; und die Spezialisten der Führung der Gesellschaft wissen, eben weil sie als Erhalter der Passivität fungieren, zwangsläufig nichts von ihrem Gebrauch. Zugleich häuft diese Entwicklung eine allgemeine Unzufriedenheit und tägliche objektive Gefahren an, zu deren Kontrolle diese spezialisierten Führer auf die Dauer unfähig sind. Das Grundproblem der Unterentwicklung muss auf Weltebene gelöst werden, angefangen mit der revolutionären Beherrschung der irrationalen Überentwicklung der Produktivkräfte im Rahmen der verschiedenen kapitalistischen Rationalisierungsversuche. Die revolutionären Bewegungen der dritten Welt können nur dann erfolgreich sein, wenn sie hellsichtig zur Weltrevolution beitragen. Die Entwicklung darf kein Wettlauf sein mit dem Ziel, die kapitalistische Verdinglichung einzuholen, sondern die Erfüllung aller wirklichen Bedürfnisse als Grundlage einer wirklichen Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten.

Die neue revolutionäre Theorie muss mit der Wirklichkeit Schritt halten, das heißt der revolutionären Praxis gewachsen sein, die sich hier und dort anbahnt, wenn auch teilweise, verstümmelt und ohne kohärentes Gesamtprojekt. Unsere Sprache, die phantastisch klingen mag, ist die eigene Sprache des wirklichen Lebens. Unaufhörlich und mit steigendem Gewicht beweist es die Geschichte. Ist in dieser Geschichte das Bekannte wohl nicht immer das Erkannte, so deshalb, weil das wirkliche Leben selbst nur in phantastischer Gestalt erscheint, in dem umgekehrten Bild, das das moderne Spektakel der Welt aufzwingt: im Spektakel wird das gesamte soziale Leben bis zur Repräsentation künstlicher Revolutionen in der lügnerischen Sprache der Machthaber niedergeschrieben und durch ihre Maschinen gefiltert. Das Spektakel ist der irdische Erbe der Religion, das Opium des in das Stadium der Gesellschaft des Warenüberflusses eingetretenen Kapitalismus, die in der „Konsumgesellschaft“ effektiv konsumierte Illusion.

Den sporadischen Ausbrüchen der revolutionären Kritik entspricht eine internationale Organisation der Unterdrückung, deren Aufgabenverteilung in weltweitem Ausmaß erfolgt. Jeder Blick oder jeder zentrifugale Splitter eines Blocks sichert in seiner Einflusszone den lethargischen Schlaf aller, die Aufrechterhaltung einer Ordnung, die im Grunde gleich bleibt. Diese permanente Unterdrückung erstreckt sich von den Truppenentsendungen bis zur mehr oder weniger vollendeten Verfälschung, wie sie heute jede etablierte Macht ausübt: „die Wahrheit ist revolutionär“ (Gramsci), und jede bestehende Regierung, sei sie aus noch so befreienden Bewegungen entstanden, gründet sich auf die Lüge, innerhalb und außerhalb des Landes. Gerade diese Unterdrückung aber ist es, die die klarste Bestätigung unserer Hypothesen darstellt.

Da sie alle von der „friedlichen Koexistenz“ der herrschenden Lügen aufgezwungenen Regeln der falschen Einsicht zu durchbrechen haben, beginnen die revolutionären Versuche der Gegenwart in der Isolierung, sei es in irgendeinem besonderen Sektor der Welt oder der revolutionären Kritik. Sie greifen nur den unmittelbarsten Aspekt der Unterdrückung an, bewaffnet mit der kürzesten Definition der Freiheit. So stoßen sie auf das Maximum an Unterdrückung und Verleumdungen (sie lehnen, so wird ihnen nachgesagt, die bestehende Ordnung ab, indem sie notgedrungen eine ihrer bestehenden Varianten bejahen) sowie das Minimum an Hilfe. Je schwerer ihr Sieg ist, desto leichter wird er ihnen von neuen Unterdrückern gestohlen. Die kommenden Revolutionen finden nur dann in der Welt Hilfe, wenn sie die Welt in ihrer Totalität in Angriff nehmen. Die Emanzipationsbewegung der amerikanischen Schwarzen stellt, wenn sie sich konsequent behaupten kann, die gesamten Widersprüche des modernen Kapitalimus in Frage: sie darf nicht von dem farbigen Nationalismus und Kapitalimus der „Black Muslims“ abgelenkt und beiseite geschafft werden. Die Arbeiter aus den USA und aus England widersetzen sich durch „wilde Streiks“ dem bürokratischen Syndikalismus, der vor allem ihre Integrierung in das kapitalistische System der Konzentration und Halbplanung bezweckt. Mit diesen Arbeitern, mit den Studenten, denen kürzlich der Streik an der Berkeley Universität gelungen ist, kann die nordamerikanische Revolution durchgeführt werden, aber nicht durch die chinesische Atombombe.

Die Bewegung, die die arabischen Völker zur Vereinigung und zum Sozialismus führt, hat gegen den herkömmlichen Kolonialismus Siege errungen. Aber es wird immer augenscheinlicher, dass sie mit dem Islam Schluss machen muss, der die herrschende Politik in den arabischen Staaten rechtfertigt, da sich diese Politik vor allem die Zerstörung Israels zum Ziele setzt, und sie auf unabsehbare Zeit rechtfertigt, da diese Zerstörung unmöglich ist: Nur das von den Arabern verwirklichte Modell einer revolutionären Gesellschaft kann die Kräfte der Unterdrückung im israelischen Staate auflösen. Wie das gelungene Projekt einer revolutionären Gesellschaft in der Welt das Ende des zum größten Teil künstlichen Zusammenstoßes zwischen Ost und West bedeuten würde, so würde der israelisch-arabische Zusammenstoß ein Ende nehmen, der nur seine winzige Reproduktion darstellt.

Die gegenwärtigen revolutionären Versuche sind der Unterdrückung preisgegeben, weil keine bestehende Macht ihr Interesse darin findet, sie zu unterstützen. Es gibt noch keine in der Praxis verankerte Organisation des revolutionären Internationalismus, um sie zu unterstützen. Passiv steht man als Zuschauer ihrem Kampf gegenüber und ihre Agonie begleitet bloß die illusionistischen Schwätzereien der UNO oder der Spezialisten der staatlichen „fortschrittlichen“ Kräfte. In Santo-Domingo haben die Streitkräfte der USA es gewagt, in ein fremdes Land einzugreifen und das faschistische Militär gegen den Kennedy-Anhänger Caamano zu unterstützen nur aus Angst davor, dieser könnte von dem Volk, das er bewaffnen musste, überrannt werden. Haben irgendwelche Kräfte in der Welt Maßnahmen gegen die amerikanische Anwesenheit ergriffen? Im Kongo haben 1960 die belgischen Fallschirmjäger, das Expeditionskorps der UNO und der speziell auf die „Union minière“ zugeschnittene Staat den revolutionären Schwung des Volkes gebrochen, das glaubte, seine Unabhängigkeit errungen zu haben; sie haben Lumumba und M’Polo getötet. 1964 haben die belgischen Fallschirmjäger, die amerikanischen Transportflugzeuge und die südafrikanischen, europäischen und kubanisch-anticastristischen Söldner die zweite Welle des Mulelistischen Aufruhrs zurückgedrängt. Welche praktische Hilfe hat denn das sogenannte „revolutionäre Afrika“ geleistet? Hätten tausend algerische Freiwillige, die einen weit schwereren Krieg gewonnen haben, nicht genügt, um den Sturz von Stanleyville zu verhindern? Doch das bewaffnete Volk Algeriens war schon lange durch eine herkömmliche, Boumedienne untergebene Armee ersetzt und dieser hatte andere Dinge vor.

Die kommenden Revolutionen werden vor die Anstrengung gestellt, sich selbst zu verstehen. Sie müssen ihre eigene Sprache von Grund auf neu erfinden und sich auf alle gefälschten Integrierungsversuche gefasst machen, die man dafür vorbereitet. Der Streik der asturischen Bergleute, der fast ununterbrochen seit 1962 andauert, und alle übrigen Zeichen der Opposition, die das Ende des Franco-Regimes ankündigen, stellen Spanien vor keine unentrinnbare Zukunft, sondern vor eine Wahl: entweder die heilige Allianz, die gegenwärtig die spanische Kirche, die Monarchisten, die „Linksfalangisten“ und die Stalinisten vorbereiten mit dem Ziel, Spanien schmerzlos dem modernisierten Kapitalismus, dem gemeinsamen Markt anzupassen, oder das Wiederaufgreifen und die Erfüllung der radikalsten Wesenszüge der von Franco und seinen Komplizen jeder Art besiegten Revolution: 1936 wurden in Barcelona einige Wochen lang die menschlichen Beziehungen des Sozialismus verwirklicht.

Für die neue revolutionäre Strömung handelt es sich darum, überall, wo sie erscheint, damit zu beginnen, die gegenwärtigen Experimente der Kritik und die Menschen, die sie tragen, zueinander in Beziehung zu setzen. Es wird darauf ankommen, zusammen mit solchen Gruppen die kohärente Grundlage ihres Projektes zu vereinigen. Die ersten Gesten der eintretenden revolutionären Epoche konzentrieren in sich einen neuen — offenbaren oder verborgenen — Inhalt der Kritik der gegenwärtigen Gesellschaften, sowie neue Formen des Kampfes; auch erscheinen in ihnen die unreduzierbaren Augenblicke der gesamten alten, in der Schwebe gebliebenen revolutionären Geschichte wie wiederkehrende Geister. So wird die herrschende Gesellschaft, die sich so gern mit ihrer permanenten Modernisierung brüstet, auf harte Gegenspieler stoßen, denn sie beginnt endlich selbst damit, ihre eigene modernisierte Negation hervorzubringen.

Es leben die Genossen, die 1959 in den Straßen Bagdads den Koran verbrannt haben!

Es leben die ungarischen Arbeiterräte, die 1956 von der sogenannten Roten Armee besiegt worden sind!

Es leben die Hafenarbeiter von Aarhus, die letztes Jahr effektiv das rassistische Südafrika boykottierten, der gerichtlichen Unterdrückung durch die dänische sozialdemokratische Regierung und ihrer Gewerkschaftsleitung zum Trotz!

Manifestation Zengakuren

Es lebe die japanische Studentenbewegung „Zengakuren“, die aktiv die kapitalistische Macht des Imperialismus und diejenige der sich als kommunistisch ausgebenden Bürokratie bekämpft!

Es lebe die Arbeitermiliz, die die nordöstlichen Viertel von Santo-Domingo verteidigte!

Es lebe die Selbstverwaltung der algerischen Bauern und Arbeiter! Jetzt besteht die Wahl zwischen der militarisierten bürokratischen Diktatur und der Diktatur des „selbstverwalteten Sektors“ erweitert auf die gesamte Produktion und auf alle Erscheinungsformen des sozialen Lebens.

Algier, Juli 1965
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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1966
Numéro 10, Seite 43
Autor/inn/en:

Pierre Gallissaires:

Geboren 1932 in Talence (Gironde). Übersetzer und Mitgründer der Edition Nautilus in Hamburg.

Hanna Mittelstädt:

Geboren 1951 in Hamburg. Autorin und Übersetzerin, Mitgründerin der Edition Nautilus in Hamburg.

Situationistische Internationale: Situationistisch / Situationist: All das, was sich auf die Theorie oder auf die praktische Tätigkeit von Situationen bezieht. Derjenige, der sich damit beschäftigt, Situationen zu konstruieren. Mitglied der situationistischen Internationale.
Situationismus: Sinnloses Wort, missbräuchlich durch Ableitung des vorigen gebildet. Einen Situationismus gibt es nicht — was eine Doktrin zur Interpretation der vorhandenen Tatsachen bedeuten würde. Selbstverständlich haben sich die Anti-Situationisten den Begriff „Situationismus“ ausgedacht.

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