Zeitschriften » Context XXI » Print » Jahrgang 2004 » Heft 2-3/2004
Fabian Kettner

Adornos Kommunismus

Ein bekannter altgedienter CDU-Politiker nannte Adorno einen „Staatsfeind auf dem Lehrstuhl“. Woan­ders verhinderte eine süd­deutsche lokale Politgröße derselben Partei, dass eine Grundschule dessen Namen bekam. Sie hatte in einem Le­xikon nachgeschaut und her­ausgefunden, dass Adorno ein „Neomarxist“ sei und das reichte. So bescheiden die Denkleistung, so einfach der Befund, so richtig das Urteil. Von solchen Menschen nicht als „Staatsfeind“ wahrge­nommen zu werden, sollte Zweifel an einem selber wecken.

Alte und neue Nazis wandten die Nürnberger Ras­sengesetze an, nach denen Adorno Jude war. Sie verab­scheuten seinen „Kosmopo­litismus“ und wähnten ihn als Teil „amerikanischer Umer­ziehung“. Für die letzte Kon­junktur des Positivismus, den Kritischen Rationalismus Karl R. Poppers, war Adornos Philosophie „Metaphysik“, das heißt „Ideologie“, das heißt ein durch keine Fakten gesichertes Geschwätz, ein rein subjektives Meinen als nicht nur überflüssige, son­dern gar gefährliche Zutat zur Wirklichkeit an sich. Auch die Postmoderne ent­deckte neben nicht vorhan­denen Parallelen zu sich selbst die Gefahr eines tota­litären Diskurses, weil Ador­no auf Totalität als eines ge­sellschaftlichen Zwangszu­sammenhangs reflektierte; die jene meinen, als Erfindung hegemonialer Philosophie-Diskurse dekonstruieren zu können; von der jene nichts wissen wollen, damit sie sich in ihr einrichten können.

Sie alle hätten sich keine Sorgen zu machen brauchen: Adorno wurde viel gelesen und zitiert, aber es kam we­nig an und noch weniger blieb hängen. Was in den Sozialwissenschaften als „Kriti­sche Theorie“ gilt: Jürgen Habermas, von einigen immer noch als linker, gar kri­tischer Kopf verkannt, war bereits Entschärfung und Demontage, Umschreibung und Kaputtrekonstruktion einer Tradition kritischen Denkens von Hegel über Marx bis Adorno & Horkheimer. Da­neben disqualifizierte er sei­nen ehemaligen Chef als me­lancholischen Pessimisten aus traumatischer Erfahrung (herablassend verzeihlich) und Prinzip (unverzeihlich): zu negativ, zu perspektivlos, zu widersprüchlich. Haber­mas war „konstruktiv“ und „anschlussfähig“; an was, — das nicht sehen zu wollen, gab er sich größte Mühe. Pädagogen, Experten für Vergangenheit und deren Be­wältigung, Pfleger der Erin­nerung zitieren Adorno ger­ne. Sie verhalfen einem schmalen Bändchen, Erzie­hung zur Mündigkeit, zu hohen wie hohlen Auflagen, weil hier auch die Adorno zu verstehen meinen, die sonst bemängeln, seine Sprache sei zu gewunden und zu ge­schraubt.

Die Adorno-Manie des Jahres 2003 schließlich war eine Überraschung, aber kei­ne schöne. Verabscheuung und Eingemeindung gingen zusammen. Die Kritische Theorie war einmal Stich­wortgeber für die 1968er-Generation gewesen. Nicht dass sie wirklich etwas miteinan­der zu tun hätten; jene verhält sich zu dieser wie Marx zum Gulag. Aber nun ist diese Ge­neration in privaten und öf­fentlichen Institutionen längst angekommen, hat Bildungs­einrichtungen gleichermaßen besetzt wie Redaktionen und politische Ämter und muss nun vor sich selber und der Öffentlichkeit darüber Rechenschaft ablegen, was aus ihren alten Ansprüchen und Idealen geworden ist. Die Vergangenheit, in der man auch mal „gegen das System“ war (was immer das auch heißen mag), kann entweder abgewehrt oder umgeschrie­ben werden. Von Adorno blieb das Bild einer strengen bis überheblichen Gewissen­sinstanz. Diese wird nun ag­gressiv erledigt: der angeblich unnachgiebige Über-Vater, zu dem sie Adorno gemacht ha­ben, der er aber nicht zu sein braucht. Dass sie mit ihm die Quadratur des Kreises ver­suchten: einen Anti-Auto­ritären zu einer unreflektier­ten Autorität zu machen, dass er sich ihnen umso mehr ent­zog, je bedingungsloser sie sich ihm gleichmachen woll­ten, das können sie ihm nicht verzeihen. Die Tatsache, dass sie seine Texte nur nachspre­chen, weil sie deren Inhalt nicht aufschließen konnten und deswegen nur eine Pose pflegten, wird ihm angelastet.

Adorno zu zitieren ist das eine, ihn verstanden und das Zitieren deshalb nicht mehr nötig zu haben, das andere. Passende Adorno-Zitate (und davon findet man immer ei­nes) wie eine Monstranz vor sich her zu tragen verstößt gegen das Denken, das in sei­nen Schriften aufbewahrt ist. Man kann für die Annalen der Philosophiegeschichte Grundzüge und Resultate der Kritischen Theorie referieren. Adornos Philosophie aber ist kein abrufbarer Theoriebe­stand, kein fest verbuchba­res, verfügbares Wissen, das anzuwenden sei. Er wandte sich stets gegen ein „Stand­punkt-Denken“; seine Philosophie ist Kritik, eine Ver­haltensweise des Denkens, die immer neu sich bewähren muss, nur in actu existiert.

Nicht nur darin besteht seine Aktualität. Was ihn zur Philosophie veranlasste, er­wähnt keine Adorno-For­schungsstelle, wird in keinem philosophischen oder sozio­logischen Seminar gesagt, da­bei steht es auf der ersten Sei­te der Einleitung eines seiner Hauptwerke, der Negativen Dialektik: dass es nicht ge­lang, eine vernünftige Gesellschaft, den Kommunis­mus, herbeizuführen.

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
2004
Heft 2-3/2004, Seite 34
Autor/inn/en:

Fabian Kettner: Fabian Kettner ist Mitglied des Arbeitskreises Rote Ruhr Uni in Bochum (www.rote-ruhr-uni.org)

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