FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1978 » No. 293/294

Adler reformiert Einstein

Anarchismus und Konstitutionalismus in der Physik

Ungefähr einen Monat vor Ausbruch der russischen Revolution hatte Fritz Adler im Gefängnis eine ideologische Vision. „‚Es kam mir ein gewisses Licht‘, wie Kant sagt“, schreibt er an seine Eltern am 12. Februar 1917. „Diese Momente, wo es einem förmlich wie Schuppen von den Augen fällt, sind die höchsten, die man erleben kann ... Entweder bin ich wirklich verrückt oder ich habe den denkbar glücklichsten Fund, der physikalisch möglich war, gemacht.“ Der Vater griff dankbar nach dem Stichwort „verrückt“ und leitete eine zweite Psychiatrierung seines Sohnes ein ...

Das auslösende Moment für Fritzens Eruption war eine Broschüre über Einsteinsche Gravitationstheorie (sie hatte „einen wahren Sturm von Empfindungen, Erinnerungen und Gedanken in mir hervorgerufen“ — Brief an seinen Vater vom 21. Jänner 1917). Dieses ekstatische Allmachtgefühl entsprang dem Zusammenwirken von Haftisolierung und Theoriegrübelei (man kann so etwas auch durch Meditation oder LSD-Trips erzeugen). Die Psychiater nannten’s Hypomanie eines zirkulären Charakters (also Produkt einer manischen Erregungsphase).

Fritz Adler hatte das Gefühl, er hätte eine neue Lösung für die Probleme der Relativitätstheorie gefunden — in Wirklichkeit waren seine Ansätze falsch, er hatte nur ein pseudologisches System aufgebaut, mit dessen Hilfe er sich philosophisch mit der staatlichen Autorität aussöhnen konnte, gegen die er sich so schwer vergangen hatte.

Das ideologische Bedürfnis, das hinter dieser Revision der Speziellen Relativitätstheorie Einsteins steckt, springt sofort ins Auge, wenn man in Adlers Brief an Einstein vom 9. März 1917 liest, daß es sich „nicht um eine Rückkehr zum ‚Absoluten‘ handelt, aber um ein Kriterium für ausgezeichnete Bezugssysteme, das relativistischer Natur ist“. Das von Einstein aus der Physik abgeschaffte Absolute soll also durch ein „ausgezeichnetes“ (d.h. irgendwie bevorzugtes) Bezugssystem wieder eingeschmuggelt werden, das noch dazu im Einklang mit Einsteins revolutionärer Theorie stehen soll („relativistischer Natur“).

Noch vor seinem Prozeß, am 23. April 1917, schickte Adler den ersten Entwurf des Manuskripts an Einstein ab. Wie dieser über Adlers Arbeit dachte, geht aus einem Brief hervor, den Einstein am 29. April 1917 an seinen Freund Michele Besso schrieb: „Ich erhielt gerade ein in den letzten Tagen fertiggestelltes Manuskript über Relativität von ihm, in dem er mit der Überzeugung des Propheten recht wertlose Spitzfindigkeiten überaus breit darlegt, so daß ich in peinlicher Verlegenheit darüber bin, was ich dazu sagen soll. Ich zerbreche mir unaufhörlich den Kopf darüber. Er reitet den Machschen Klepper bis zur Erschöpfung.“ Wiewohl Einstein dem Fritz Adler für seine faire Haltung anläßlich des Wettbewerbs um die Professur 1908 dankbar blieb und ihm sogar eine entsprechende Aussage vor Gericht anbot, war Fritz in seinen Augen doch „ein ziemlich steriler Rabbinerkopf, starrsinnig, ohne Sinn für das Wirkliche. Ultraselbstlos, mit starkem Stich ins Selbstquälerische, ja Selbstmörderische. Eine richtige Märtyrernatur“ (ebenda).

In der Strafhaft in Stein stellte Fritz Adler sein Manuskript fertig und sandte es am 6. Juli 1918 an Einstein ab. „Ich bilde mir ein“, schreibt er im Begleitbrief, „nun wirklich den Ariadnefaden erwischt zu haben, der zu einer zwingenden Ableitung der Notwendigkeit des ausgezeichneten Bezugssystems aus Ihren Transformationsgleichungen führt.“ Einstein saß zweieinhalb Tage über dem Manuskript und schickte am 4. August 1918 einen Antwortbrief, fünf engbeschriebene Seiten. Darin geht er penibel auf Adlers umfangreichen, wenngleich mathematisch anspruchslosen Symbolschwall ein. Beispielsweise widerspreche Adlers Annahme, es gebe keine Lorentzdeformation bewegter starrer Körper, dem Michelson-Experiment. Adlers „Symmetralsystem“ (das „ausgezeichnete Bezugssystem“) spiele de facto „die Rolle des Lorentzschen Äthers“, der durch die Spezielle Relativitätstheorie eben überholt sei.

Immer wieder dränge Adler zu physikalischen Absoluta zurück, „weil sie ja ein bevorzugtes System herauskonstruieren wollten“. Einstein kritisiert Adlers „Vorurteil der absoluten Zeit“ und wiederholt diesen Vorwurf in einem späteren Brief“ („... spukt in Ihnen das Vorurteil von der absoluten Zeit“, 29. September 1918). Einsteins Widerlegung schließt mit der Feststellung: „Jedenfalls wäre es mir recht, wenn ich nicht von Dritten aufgefordert würde, mich öffentlich dazu zu äußern.“ Im Falle der Drucklegung würde er nicht erwidern, wie er sich das angesichts der Flut von Publikationen über Relativitätstheorie angewöhnt habe.

Fritz Adler nützte diesen Freibrief und veröffentlichte das Buch im Parteiverlag im September 1920 („Ortszeit, Systemzeit, Zonenzeit und das ausgezeichnete Bezugssystem der Elektrodynamik“, Wien 1920, 237 Seiten). Einstein bekam ein Belegexemplar. Im Schlußkapitel des Buches findet sich der Satz: „Die Vorstellung des Äthers ist mit unserer Definition zwar vereinbar, wird in ihr aber nicht vorausgesetzt“ (S. 211). Was man sich unter diesem Äther vorzustellen hat, wird durch Adlers Bemerkung erhellt, daß „der Mittelpunkt des Gesamtmassensystems der Welt ... im ausgezeichneten Bezugssystem ruht“ (ebenda). Dieser neue Weltmittelpunkt scheint nicht nur physikalisch, sondern auch ideologisch bedenklich.

Hat die Welt einen Mittelpunkt?
Zwei Physiker, Studienkollegen, können sich nicht einigen: Albert Einstein (1879-1955, links [hier: oben]) und Friedrich Adler (1879-1960, oben [hier: unten])
Bild: Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek

Was war die politische Bedeutung des absoluten Raums („Äther“), den Einstein durch seine Spezielle Relativitätstheorie 1905 abgeschafft hatte? Der absolut ruhende Raum war Sinnbild und ideologischer Angelpunkt des staatlichen Neoabsolutismus der imperialistischen Militärmonarchien; der Weltmittelpunkt, der mit der Allgemeinen Relativitätstheorie von 1916 endgültig flötenging, war der Kaiser. Einstein hatte dieses gedachte Gerüst aus dem physikalischen Weltbild herausgezogen und die Mechanik gleichsam demokratisiert, republikanisch gemacht: Die gleichberechtigt sich gegeneinander bewegenden Bezugssysteme sind Klassen, politische Parteien, Interessengruppen.

Gleichwie Einstein von der Krise der kontinentalen Kaiserreiche beeinflußt war, als er in der Physik die Hierarchie des Oben und Unten, die Hierarchie der bewegten Systeme von Massenpunkten abschaffte, so war auch Fritz Adler von einem unbewußten politischen Impuls geleitet, als er sie („relativ“) wieder einzuführen versuchte. Trieb Einstein seinen Liberalismus bis zum „physikalischen Anarchismus“ fort, so erscheint Adler als der „konstitutionelle Monarchist“ der Physik, als Reformist, als physikalischer Sozialdemokrat. Wenn es schon keinen Kaiser mehr gibt — ein Präsident muß sein, irgendeine Art von Vereinsvorstand. Irgendwo muß doch ein Halt sein im All, a Urdnung, die Räteherrschaft der Massenpunkte wird nicht geduldet!

Quellen

Der Briefwechsel zwischen den Adlers und Einstein befindet sich im Adler-Archiv des Vereins für Geschichte der Arbeiterbewegung, Wien (Mappe 10). Der zitierte Briefwechsel zwischen Vater und Sohn findet sich im Verwaltungsarchiv (Sozialdemokratische Parteistellen, Karton 13). Zu Einsteins Brief an Besso siehe Robert Kann: Dokumente einer seltsamen Freundschaft, Die Presse, 2. Juli 1977

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Erstveröffentlichung im FORVM:
Mai
1978
, Seite 87
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