FORVM » Print-Ausgabe » Jahrgänge 1968 - 1981 » Jahrgang 1975 » No. 255
Teresa Caldas

5.000 Männer fielen über uns her

Brief aus Lissabon

Eine Demonstration portugiesischer Frauen am 13. Jänner 1975 auf einem öffentlichen Platz in Lissabon endete in einer richtiggehenden Hexenjagd, Diesen Bericht sandten portugiesische Frauen an die Aktion unabhängiger Frauen (AUF), Wien.

Mit den Losungen „Wir wollen unsere Söhne zurück!“ und „Soldaten nach Hause!“ standen die portugiesischen Frauen in der ersten Reihe der Kämpfe, die zum Sturz des Faschismus führten

Schwestern!

Nach der weltbekannten portugiesischen Revolution am 25. April 1974 haben wir — wie ihr wißt — versucht, etliche Aktionen durchzuführen. Einiges ist auch bis jetzt bereits geleistet worden.

Jetzt brauchen wir eure Hilfe!

Anläßlich des Internationalen Jahres der Frau versuchten wir am 13. Jänner um sechs Uhr nachmittag eine Demonstation zu veranstalten. Wir planten, auf einem Platz in Lissabon einige Gegenstände zu verbrennen, welche die Unterdrückung der Frau symbolisieren:

  • Spielzeug für Mädchen (Puppen, kleine Töpfe und Pfannen, Bügeleisen usw.) und Spielzeug für Buben (Gewehre, Soldaten usw.)
  • portugiesische Gesetzbücher, die Frauen diskriminieren
  • Pornohefte
  • romantische Mädchenbücher
  • alle möglichen Bücher, in denen Frauen als minderwertige Wesen behandelt werden
  • Lehrbücher
  • verschiedene Kleidungsstücke, welche die Stellung der Frauen in der Gesellschaft symbolisieren

15 Frauen hatten sich verschieden verkleidet: eine Braut, eine Schwangere (sie trug ein Plakat mit der Aufschrift: Kinder ja! Aber nur Wunschkinder), ein typisches Sex-Objekt (lange Wimpern, violette Perücke, hochhackige rote Schuhe, Halskette), eine Hausfrau und eine Frau mit einem Leintuch, auf das ein nackter Frauenkörper gemalt war, auf den überall Preise eingetragen waren — wie bei einer Kuh. Die anderen trugen Plakate mit witzigen Bemerkungen und Sprüchen, die auf die Diskriminierung am Arbeitsplatz aufmerksam machten.

Wir hatten auch zehn Kinder mit uns; das jüngste war drei Jahre alt. Sie sollten das Spielzeug verbrennen.

Sie hatten seit fünf Uhr auf uns gewartet. Als wir auf den Platz kamen, begannen sie zu laufen und zu schreien: DA SIND SIE! HOLEN WIR SIE UNS! Sie stürzten sich auf uns — wir waren von TAUSENDEN MANNERN umgeben. Es war unmöglich, etwas zu tun. Sie machten nicht einmal vor den Kindern halt, die wir erst viel später wegschaffen konnten. Sie trennten uns, und nach langen Kämpfen hatten sie alle unsere Plakate zerstört. Sie zogen die verkleideten Frauen aus. Wir hörten Beschimpfungen wie: „Frauen ins Bett!“ „Geh nach Hause an den Herd!“ Und: „VERBRENNT SIE!“

Manche schafften es zu entkommen, andere mußten wirklich hart kämpfen. Das Ganze dauerte länger als zwei Stunden. Die Frau, die den meisten Tätlichkeiten ausgesetzt war, war eine Schwarze.

Am Rückweg sahen wir, wie sie versuchten, das Auto zu zertrümmern, in dem die Kinder weggeführt worden waren, und in dem alle Sachen sich befanden, die wir verbrennen wollten. Alles wurde gestohlen, Bücher und Zeitschriften wurden in die Luft geschleudert. Nachher versuchten sie, das Auto umzustürzen, und wir mußten wieder gegen sie ankämpfen, bis der Wagen endlich wegfahren konnte.

Später erfuhren wir, daß eine alte Frau verprügelt worden war, die einen Besen zum Verbrennen mitgebracht hatte. Sie hatten auch ein 17jähriges Mädchen ausgezogen, das wahrscheinlich von einer nahe gelegenen Schule gekommen war.

Es waren etwa 5.000 oder 6.000 Männer, wir Frauen waren maximal 200. Da wir nichts mehr tun konnten, gingen wir nach Hause, aber wir konnten sie unten noch mehr als zwei Stunden lang schreien und wüten sehen.

Der einzige Vergleich, der uns dazu einfällt, sind die Spektakel im Kolosseum von Rom oder die Hexenjagden im Mittelalter.

Wir hatten einige Mäle die Polizei gerufen, ja selbst den Polizeipräsidenten; beim dritten Mal teilten sie uns mit, daß sie nicht kommen könnten, wenn es so viele Menschen wären!

Wir bitten euch, alles nur mögliche zu unternehmen, alle Frauenbewegungen, die ihr kennt, über diesen Vorfall zu informieren; demonstriert und protestiert bei der portugiesischen Botschaft eurer Länder.

Außerdem möchten wir euch mitteilen, daß die Lage der arbeitenden Frauen aufgrund der Wirtschaftskrise noch schlechter ist als vorher. Mehrere Briefe wurden in den Zeitungen veröffentlicht, in denen die Regierung aufgefordert wird, alle Frauen zu entlassen, so daß die Arbeitsplätze für die „Familienoberhäupter“ frei werden! Keiner der Arbeitsverträge, die nach dem 25. April 1974 unterschrieben wurden, sieht gleichen Lohn für Frauen vor. Dieser liegt durchschnittlich 40 Prozent unter dem Lohnniveau der Männer.

Wir Frauen in Portugal bauen sehr stark auf eure internationale Unterstützung.

FRAUEN GEMEINSAM SIND STARK!

Lissabon, 15. Jänner 1975
Teresa Caldas

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Erstveröffentlichung im FORVM:
März
1975
, Seite 24
Autor/inn/en:

Teresa Caldas:

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